Als Rucksacktourist in Burma

Eine strapaziöse Reise
Erholung in Nyaungshwe
Begegnung mit buddhistischen Mönchen
Gedanken zum Buddhismus
Zurück nach Yangon

 

Eine strapaziöse Reise

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Die Reise von Bagan zum Inlesee vollzog sich in einem mittelgroßen Bus, mit einer Sitzbreite von 1 1/2 Buchseiten: insgesamt für 25 - 30 Fahrgäste. Geladen hatte er etwa 60 Personen: im Gang auf Hockern, den Eingangsstufen bis dicht zum Fahrer hin und schließlich auf dem Dach: zusammen mit allem Reisegepäck. Den Straßenzustand zu beschreiben heißt, sich einen Schlagloch-Feldweg vorzustellen, ebenso schmal auch, mit Sandstreifen zu beiden Seiten als Ausweichmöglichkeit bei Gegenverkehr. So schlängelt sich das "Holpersträßchen" bis auf 1200 Höhenmeter: mit vielen Stopps, bei denen der Begleitboy (der Schaffner) aus den am Straßenrand bereit stehenden Behältern Wasser schöpfte, um den kochenden Motor zu besänftigen. So ging es 14 Stunden über Stock und Stein, bis ich - ohne die Chance einer Bewegung nach rechts und links oder nach vorne (da ein Reissack meinen Füßen den Zugang verwehrte) mein Hinterteil, ja alle Gliedmaßen kaum noch spürte.

Übrigens: eine Pause gab es auch: eine halbe Stunde Mittagspause. Burmesen haben offenbar Riesenblasen, um das durchzustehen, und sie tun das mit ergebenem Gleichmut, dem ich mit lächelnder Verzweiflung und gleichsam meditativer Versenkung in mein Schicksal nacheifere.

Mit Bauarbeiten versucht man die schlechten Straßen zu verbessern: per Hand vor allem. Die Männer brechen mit riesigen Stangen Brocken aus dem Basaltgestein rechts und links, Frauen zerkleinern das Material mit Hämmern, transportieren es in Körben auf dem Kopf zu nach Größen sortierten Haufen und sieben den feineren Staub heraus, der nach den Teerarbeiten (mit Handsieben) verstreut wird. Dann tritt die einzige verfügbare Maschine in Erscheinung: die Dampfwalze. In Nyaunshwe am Inle-See sah ich auch Kleintransporter, die große Gesteinsbrocken zur "Heimarbeit" vor verschiedenen Häusern abluden. Ein mühseliges Unterfangen, und alles ist unbezahlte Zwangsarbeit, von Militärs angeordnet und beaufsichtigt.

In einem Café treffe ich einen Franzosen, der vor vier Jahren schon einmal hier war. „Es hat sich kaum etwas verändert“, bemerkt er. „Vielleicht gibt es jetzt ein paar Mopeds mehr, aber sonst? "
Auch in der Landwirtschaft überwiegt Handarbeit. Selten sieht man einen von einem kleinen 2Takter betriebenen Handpflug, meist ziehen Wasserbüffel die Furchen für ein neues Reisfeld und auf Getreide- und Maisacker jochen Ochsen. Ochsengespanne sind außerdem allgemeiner "Transportmotor": z.B. für Zuckerrohr zu den Zuckerkochern, die mit Zuckerrohrstroh beheizt werden.


 

Erholung in Nyaungshwe
 

Ich bleibe ein paar Tage am Inlesee, um mich von der strapaziösen Busfahrt  zu erholen und die Umgebung zu erkunden. Ich genieße den See und seine „Schwimmenden Gärten“ mit ihren Blumen- und Gemüsefeldern, an denen mich mein „Guide“, den ich einen Tag ganz für mich alleine habe, vorbeirudert, hin zu einer prächtigen Pagode auf einer der Inseln, mit kunstgewerblichen Betrieben der Seiden- und Baumwollverarbeitung und einer Zigarrenfabrik.
Was ich hier sah, wird mir noch lange in besonderer Erinnerung bleiben: Akkordarbeit in der Herstellung der traditionellen burmesischen „Langzigarre. Eine Arbeiterin verdient bei einer Tagesleistung von 500 Zigarren in wohl mindestens 10 Stunden etwa 500 Kyat: Das sind gerade einmal 35 Eurocent. Man kann für diesen Betrag an Straßenküchen Nudelsuppe bekommen, eben so viel zahlt man für ein Sammeltaxi zum nächsten Dorf oder für eine Melone auf dem Markt. Selbst wenn die „Zigarrenmädchen“ Unterkunft und Essen frei haben sollten, bleibt dies, selbst für burmesische Verhältnisse, ein Hungerlohn. Ich habe jeder der Arbeiterinnen einen halben Tageslohn geschenkt, ein schlechtes Gewissen und Nachdenklichkeit sind geblieben.

Kannst du dir ein 10- oder 11jähriges buddhistisches „Mönchlein“ vorstellen, das mit einer Spielzeugpistole auf dich zielt, mit einem Plastikmaschinengewehr auch?
Ich rumpele jetzt schon 4 Stunden in dem Zug, der mich von Shwe Nyaung nach Thazi bringen wird, Mit kaum 20 km/h im Schnitt schwanken die Waggons, ähnlich einem Hamburger Seemann nach durchzechter Nacht. Die kleinen Mönche gehen mir nicht aus dem Kopf.

Ich hatte mir in Nyaungshwe ein Fahrrad gemietet: für einen Ausflug entlang der Seitenkanäle des Inlesees. Durch kleine Siedlungen führte mich der Weg an diesem strahlenden Sommermorgen, und in meinen Ohren klingen die hellen, leichten Silberglöckchen, die die Spitzen der Stupas bekränzen, nach wie Engelstimmen. Ich erreichte einen   „Hot Spa“, in einer Vulkanfurche am Gebirgsrand gelegen und badete bei 30° C im Schatten in wohlig warmem Wasser dieser Anlage, wechselnd mit erfrischender kalter Dusche. Zielpunkt meiner kleinen Reise war aber der Besuch eines buddhistischen Festes in einem nahen Kloster dieser Gegend. Etwa 120 Schweiß treibende Stufen, dann stand ich mittendrin in der feiernden Menge.

Stell dir die Bilder vor: Familien, sicher über 100 Menschen, lagern um die Pagode, essen, trinken Tee. Ich fotografiere sie. Sie lachen fröhlich, lachen mich an, und ich setze mich zu ihnen, esse, trinke, feiere mit. Besonders meine Pfeife wird bestaunt, herum gereicht, berochen, befühlt, probegeraucht. Ich gebe etwas Geld in die Gemeinschaftskasse. Es wird, zusammen mit Papierkügelchen, in großen Krügen gemischt und später, als Füllhorn allen Glücks dieser Erde, in die Menge geworfen. Eltern putzen ihre Kleinsten heraus: rosafarbene Kleidchen, weiße Blusen, die Jungen mit kunstvoll gewickeltem Turban stehen daneben, wie Prinzen im Festsaal eines Schlosses. Die Mönche sind überall zugegen, die Jüngsten von ihnen spielen mit den anderen Kindern: eine heiter ungezwungene Atmosphäre, die den blauen Himmel dieses Sommermorgens spiegelt.

Am Abend komme ich noch einmal zurück, um vom Berg aus den Blick in die ruhig unter mir liegende Seenlandschaft zu fotografieren, in die Farben des Sonnenunterganges zu tauchen. Das Fest ist inzwischen zu Ende, die Besucher sind gegangen, die jungen Mönche unter sich, und sie spielen mit ihren Spielgewehren Krieg, wie Jungen das wohl überall in der Welt tun. Hinter den Fassaden halb versteckt zielen sie auf mich: lachend, nicht um mich zu vertreiben, sondern Kontakt zu stiften. Gleichwohl packt mich diese Szene mit einem blitzartigen Gedanken, der mich auch heute noch und immer wieder umtreibt: Werden es, irgendwann einmal, die Mönche sein, die gesellschaftlichen Wandel im Land beginnen: ganz gegen das buddhistische Gebot von Gewaltlosigkeit?

Auch Fußball spielen die Jungen und haben dazu ein altes zerbeultes Gummiding, das sie juchzend über den Platz treiben. Sie fragen mich nach meinem Heimatland. „Oh, Germany! Football, Oliver Kahn, Ballack, Bayern München“, so sprudelt es aus ihnen heraus.

Am nächsten Morgen, in einem anderen Shankloster, zu dem ich wandere, das gleiche Bild: die Fragen nach Deutschland mit Ballack und Kahn, und ich kann ungezwungen fotografieren. Ein älterer Mönch teilt Reis aus Die Kinder und Jugendlichen hocken um große, niedrige Tische, die mit Saucen, Gewürzen und Gemüse in kleinen Schälchen gedeckt sind. Später sehe ich sie beim Abwaschen ihrer Blechnäpfe, beim Herumtollen in neugieriger Fotopose, mit fragenden Gesichtchen.
Das Kloster ist aus Teakholz gebaut, mit Kapitell getragenen Säulen gestützt und mit Gold verziertem Stuck in den Decken. Auf dem Boden liegen die sorgsam zusammen gerollten Bast-matten für die Nacht und einige weichere Liegen für die älteren Mönche.

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Am Morgen meiner Abreise sah ich sie dann, bei Sonnenaufgang, in langen Reihen durch die Straßen ziehen. Ich sah die Menschen, aus ihren Häusern treten, um ihnen Reis in ihre Blechnäpfe zu spenden. Aus der Umgebung von Nyaungshwe wurden sie in kleinen Lastwägelchen heran gekarrt, indem nicht nur die Stadt, sondern ein weiter Umkreis dicht mit Klöstern besetzt ist. Im Städtchen selbst, mit seinen etwa 2000 Einwohnern, zählte ich auf meinen Rundgängen allein schon 4 Klöster und Pagoden, und es gibt sicher noch mehr.
Bis zur Mittagszeit dürfen die Mönche essen, danach nicht mehr, und man erzählte mir vom Weinen der Kleinsten, wenn sie noch nicht gewöhnt waren an diese Regel, hungrig zu Bett zu gehen.
Meine Beobachtung, die nicht mehr als ein flüchtiger Eindruck sein kann: Der Buddhismus ist eine ungeheuer starke Kraft in diesem Land, vielleicht ein moralischer Grund, an dem sich irgendwann einmal die Militärs die Zähne ausbeißen könnten, wenn sich die Spielzeugpistolen in Waffen verwandeln.


 

Begegnung mit buddhistischen Mönchen

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Der Buddhismus in Myanmar erscheint mir als ein wesentliches Ferment, das die Gesellschaft durchwirkt. Die „Monks“ sind immer und überall unterwegs und im Gespräch mit den Menschen. Sie sitzen keineswegs abgeschottet von der Wirklichkeit in ihren Klöstern, und den Wert der Bildung haben sie erkannt. So wurde das Königsschloss, das ich besuchte, ohne mich kunsthistorisch sehr zu fesseln, zu einem tragenden Informationselement an diesem Morgen. Drei junge Mönche sprachen mich an, begleiteten mich, fragten, erzählten, zeigten mir ihr Kloster und „Education Center“ mit Nähstuben, Werkbänken, vor allem mit moderner Computertechnik ausgestattet. Ein Krankenhaus baute man und erweitert es gerade, die Lehrkräfte und Ärzte werden mit ausländischen Spendengeldern aus aller Welt bezahlt, vor allem mit deutschen. Es gibt in Saarbrücken dazu einen Hilfsverein, der nach kleinen Anfängen der Schulbildung in einzelnen Dörfern hier die schulische Weiterbildung unterstützt.

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„Früher oder später (hoffentlich früher!) wird die Militärregierung wie ein Kartenhaus zusammenbrechen“, sagen meine Freunde. Sie sind sich sicher und äußern sich ungeschminkt mutig. „Internationaler Druck ist unabdingbar“, geben sie mir zu verstehen, „und es wird viele Opfer geben, mehr vielleicht als im Septemberaufstand 2006, aber jede Diktatur scheitert schließlich. Die „Herren von heute“ müssten sich ein neues Volk schaffen, um an der Macht zu bleiben. Wir sind geduldig und stark aus unserem geistlichen Denken heraus.“ Meine Freunde nennen das „Buddha thinking“.

Am Nachmittag steige ich die 500 Stufen zum Mandaley Hill hinauf. Dort komme ich wieder mit Mönchen ins Gespräch, besuche sie am nächsten Morgen. Fast beschämend ist ihre freundliche Zuwendung. Sie schenken mir einen erfrischenden „Energy Drink“ und Kekse. Geld nehmen sie nicht an. Dann stellen sie mir ihren Englischlehrer vor, der einige Straßen weiter in einem winzigen Raum unterrichtet. Er ist „Exmönch“, schied aus dem Klosterleben aus, weil er heiraten wollte, ebenso wie ein anderer junger Mann, den ich vor der Unterrichtsstunde antreffe. Als Bankangestellter kehrte er ins „zivile“ Leben zurück. Ein denkwürdiger innerer Friede liegt über unserer Unterhaltung und gibt auch diesem Morgen seine besondere Farbe. Er bringt mich zu meinem Hotel und besteht darauf, mich am nächsten Tag zur Bushaltestelle nach Peiktila zu fahren. Ich hatte ihn nach dem Weg gefragt, er schenkte ihn mir durch seine Fürsorglichkeit. Beeindruckend, ja prägend wurden die beiden „Mönchstage“.


 
 

Gedanken zum Buddhismus

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Höhepunkt im Leben eines burmesischen Jungen ist die "Shin Pyu-Zeremonie": Mit ihr tritt er in die Fußstapfen Buddhas, auch wenn es nur für kurze Zeit ist. Familie und Freunde begleiten den prachtvoll gekleideten Knaben mit Musik und Tanz zum Kloster. Auf Schultern getragen oder auf einem geschmückten Pferd sitzend sieht er wie ein Prinz aus: Erinnerung an die königliche Herkunft Gautama Siddhartas, des späteren Buddha. Am Kloster angekommen, schneidet ihm ein Mönch die Haare ab, er kniet vor dem Abt und bittet um Aufnahme ins Kloster. Nun legt man ihm die Mönchsrobe an und hängt die Almosenschale über seine Schulter. Nach Tagen, Wochen, Monaten, vielleicht erst nach einem Bildungsabschluss wendet sich der Junge meist wieder dem "normalen" Leben zu, um später noch einmal, und wahrscheinlich wieder auf Zeit, zurück zu kehren.
Klöster sind damit also wesentliche Träger schulischer Bildung. Für Jungen wie Mädchen, wie sich in dem Mädchenwohnheim zeigt, das ich in Mandaley besichtigte. Zumindest Lesen und Schreiben sollen die Kinder hier lernen, und damit zeigt sich Bildung zutiefst in buddhistischem Denken verankert, sichtbar an demselben Begriff für „Kloster“ wie für „Schule“. „Kyaung“ heißen beide.

Die Zahl der Nonnen mit weißer Tracht ist sehr gering, sie treten im Straßenbild kaum in Erscheinung: umso deutlicher die mehr als 170000, in orangefarbene Gewänder gekleideten Mönche. Sie genießen traditionell hohes Ansehen, stehen selbst über den politischen Machthabern. Schon jungen Novizen wird höchster Respekt entgegen gebracht, doch bis zu vollkommener Kenntnis der Schriften führt ein langer Weg. Es gibt nur wenige "Weise", die alle Texte beherrschen. Man sagt ihnen magische Kräfte nach, sucht sie auf, um sie zu befragen und erhofft sich Ansehen daraus. Sehr geschickt tun dies auch die militärischen Machthaber, und eines wird ihnen sicher damit zu Teil: "mediale Aufmerksamkeit".

Unter diesem strengen Focus, den ich hier zu entwerfen suche, ist Burma allerdings nur bedingt ein buddhistisches Land. Ihr Glaube zeigt sich in den verschiedenen Volksgruppen mit Ahnenkult, Geisterglaube und schamanischen Riten, wie etwa  in Peiktila, verwoben und erinnert mich an die „unheilige“ Verquickung von katholischer Doktrin mit dem Aberglauben des „Condomblé“ in Brasilien.


 

Zurück nach Yangon

Die Rückreise nach Yangon im „Sleeper“ war eine senkrecht und waagrecht geschüttelte Wachtraumerfahrung vom Feinsten. In der Gegenrichtung fährt schon lange kein Nachtzug mehr. Die Militärs haben, etwa auf halbem Weg zwischen Yangon und Mandaley, im Zentrum des Landes, vor denkbaren Angriffen der Amerikaner,  tief in den Bergen versteckt, eine neue Hauptstadt gebaut: „Nay Pyi Taw“ heißt sie (Stadt der Könige), auf einer Fläche fünfmal so groß wie Berlin, mit Prachtstraßen und Riesenbauten für Militär- und Zivilverwaltung. Aus Angst vor Terroranschlägen, die man nachts besonders fürchtet, ist der Zugverkehr also eingeschränkt, und auch mein „Sleeper“ rast ohne Halt durch diesen „Hauptbahnhof“. „Es ist eine Geisterstadt“, erzählt mein Guide, von dem ich erzählen will. „Man weiß wenig und spricht nicht davon. Die Junta denkt nur an Strukturen ihres Machterhaltes. Die bauen doch keine Städte für ihre Menschen!“ Zynisch klingen solche Worte und sind wohl auch so gemeint.

Ich hatte ihn am zweiten Nachmittag meines Aufenthaltes in Yangons Straßen zufällig kennen gelernt: Chit San Moung sein Name. Ein 24jähriger junger Mann, sehr gebildet. Er hat in einer Klosterschule Deutsch gelernt und an der Universität Physik studiert. Er muss einen "Riecher" für Deutsche haben, denn er spricht mich in meiner Sprache an. Wir essen zusammen, und am nächsten Tag zeigt er mir seine Stadt, wie ich sie alleine nicht kennen gelernt hätte. Etwa: wie man mit einem "Pick up" fährt. Es gibt auch Busse, aber die meisten Menschen fahren in diesen Kleinlastern durch die Stadt, für umgerechnet 10 Cent. Völlig überladen sind sie, irgendwie kommt man trotzdem immer mit: auf den schmalen Sitzbänken, dem Trittbrett, dem Dach. Interessant für mich: obwohl zusammen gepfercht, geht jeder mit dem schmalen Raum so vorsichtig um, wie der sprichwörtliche "Elefant im Porzellanladen", der ja bekanntlich keiner Kaffeetasse etwas zu Leide tut, so vorsichtig setzt er seine Füße.
In die Shewagon-Pagode, dem berühmtesten Bauwerk, der heiligsten Stätte der Stadt geht er 10 Schritte hinter mir. Neben mir oder gar im Gespräch darf er keinesfalls gesehen werden. Er hat keine Lizenz als Fremdenführer, und die Geheimpolizei lauert in jedem Winkel, fürchtet er zumindest. Würde er sich zu reden wagen, könnte er mir helfen, den Sinn dieses Grabhügels, dieses riesigen, golden in den blauen Himmel aufragenden Stupakegels, zu erklären und den Grund seiner heiligen Bedeutung.

Den steilen Weg, der vom Wiedergeburten-Kreislauf zum Nirwana führt, und damit den Weg Buddhas selbst, symbolisiert seine Form. Nach gleichermaßen hinduistischer wie buddhistischer Vorstellung wird in ihm der Berg Meru sichtbar, der Mittelpunkt der Welt. Religiöse Zeugnisse und Reliquien hat man in ihn hineingelegt, und so erhebt er sich majestätisch aus achteckiger Basis in vielen, sich verjüngenden Terrassen zu einer glockenförmigen Halbkugel hin, der „Anda“, die zur Spitze führt. Bananenblüten- und Lotosknospen gliedern sie und bilden schließlich einen goldenen Schirm, mit aufgesetzter Wetterfahne und einer goldenen Kugel als Zeichen der Erleuchtung. Mit unzähligen Edelsteinen ist das Kunstwerk besetzt und glitzert, funkelt in den Sonnenstrahlen nach innen, in die Herzen der Gläubigen.

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Hajo hatte mir dazu in Sihanoukville eine amüsante Episode erzählt: Straßenhändler boten einem seiner Freunde Edelsteine zum Kauf an, spottbillig. Die können kaum echt sein, sehen aber hübsch aus. So erwarb er einige und zeigte sie, nach Hause zurück gekommen, einem Juwelier. Der staunte. „Die sind echt“, konstatierte er verblüfft. Es sind Diamanten. Woher haben sie die?“ – Des Rätsels Lösung: Der „Zahn der Zeit“ lockerte manchen Edelstein der Goldstupa aus seiner Fassung Sie fielen und fallen immer wieder herunter:   „findigen“ Suchern vor die Füße. Natürlich sind sie öffentlich unverkäuflich, einträglicher Touristenhandel allemal. Ein Riesenglück für diesen Freund und für geglückten Schmuggel durch den Zoll.

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Chit San Moung folgt mir also in gemessenem Abstand, vorbei an den 9m hohen mythischen Wächterlöwen, den „Shinties“, durch glitzernde Ladenpassagen hinauf zur Pagode. Er ist sehr schweigsam. Erst gegen Abend, da wir in der Parklandschaft des Kandawgyi Sees zur Ruhe kommen, im Blick auf die Königliche Barke, mit dem goldenen „Galon“ an der Spitze, dem mythischen Vogel „Garuda“,  dem edlen  Reittier Vishnus, das die Sonne als sein Planetenzeichen im Schnabel trägt, kommt ein gutes, freies Gespräch in Gang. Wir schauen über den See zu den im Sonnenuntergang, in der Ferne leuchten-den Spitzen der Shewagonpagode, und ich frage ihn nach seinem Studium und nach Einstellung und Verhaltensweise der Militärs in Fragen buddhistischer Bildung.
Er bestätigt mir, dass Bildung heute zu einem großen Teil in der Hand buddhistischer Klöster liegt. „Die Junta ist da in einem Dilemma“, sagt er. „Einerseits benutzt sie den Buddhismus, da mindestens 90% der Bevölkerung dieser Religionsgemeinschaft zugehören, als politisches Bindemittel, auf der anderen Seite können die Mönche und mit ihnen die Studenten politisch gefährlich werden. Ich lerne, dass Klöster schon zu Zeiten der „Könige des Baganreiches“ vom 11. – 13. Jahrhundert Urzelle des Lernens überhaupt waren: nicht nur für Novizen, sondern auch für Laien, bis hin zur Dorfbevölkerung. Absolventen des höchst möglichen buddhistischen Examens kamen fast automatisch in hohe Staatsämter, ihre Familien wurden oft von Arbeitsdiensten und Steuern befreit. „Das Bildungsniveau ist auf dieser Grundlage von jeher hoch. Analphabeten findet man eigentlich nur in den Gebirgsgegenden des Nordens, etwa bei den „Shan“, da staatliche Schulen völlig fehlen: in Aufstandsgebieten sowieso. „Shanrebellen“ haben allerdings auch hier –wenn auch illegal- Lese- und Schreibunterricht in die eigene Hand genommen. Das ist so wichtig für die Zukunft unseres Landes!“ Ich frage ihn nach den „Karen“, von deren Ausbildung in baptistischen Missionsschulen ich gehört habe. Chit bestätigt das. „Ja, vielleicht war das ein wichtiger Ansatz in der Kolonialzeit der 1870er Jahre, mit Gründung der ersten Universität 1920 in Yangon, liegt den Diktatoren aber noch heute schwer im Magen.“ Er lacht ein bisschen gequält, und ich denke mir, dass es überall auf der Welt Studenten sind, die gegen Unterdrückung auf die Straße gehen; „oder in den Untergrund, wenn es zu gefährlich wird“, setzt er hinzu. „Zwischen 1991 und 2000 haben sie die Universität achtmal geschlossen, und die besten Köpfe gehen ins Ausland.“ – „Nur ein „dummes Volk“ ist manipulierbar“, füge ich hinzu, und er lacht nun nicht mehr. „Lehrer werden so schlecht bezahlt, dass sie von ihrem Gehalt kaum leben können: ungefähr 20$ im Monat! Dahinter steckt System!“

„Du könntest doch als „Guide“ arbeiten“, wechsele ich das Thema. „Im Zeichen wachsenden Tourismus’ könnten deine Deutschkenntnisse von Nutzen sein.“  – „Schwierig, eine Genehmigung zu bekommen“, antwortet er, „außerdem kostet sie über 100$. Vielleicht später einmal.“ Er hält sich lieber im Hintergrund: schüchtern, beinahe ängstlich. Womit er denn seinen Lebensunterhalt verdient, hatte ich ihn schon am Vortag beim Abendessen gefragt. Er malt Werbeplakate an hohen Hauswänden. Dazu muss er auf einem wackeligen Bambusgerüst herum klettern. Sein Verdienst: 1.50$ pro Tag, knapp 30 Dollar im Monat. 1/3 davon gibt er seiner Schwester, bei der er untergekommen ist, als Mietbeitrag, den Rest hat er für Essen und Kleidung. Er kommt gepflegt daher: Sauberes weißes Hemd, gebügelte schwarze Hose, geputzte Schuhe. Eindruck eines wohl situierten Büroangestellten. Das Essen mit mir für (zusammen etwa 3 Dollar) hat er genossen, sonst isst er Nudelsuppe oder Gemüse am Straßenrand für 50 Cent. "Mein Einkommen ist doch recht gut", sagt er bescheiden und macht mich auf die Straßenkehrer aufmerksam, die den Bürgersteig vor den Villen des Militärs kehren. Zu Dutzenden sieht man sie dort auf der rechten Seite der Allee, die zur Shewagon-Pagode führt. Ich war dort an meinem ersten Tag in Yangon schon einmal spaziert, kam aber nicht weit. Ein Militärposten wies mich mit schussbereitem Gewehr auf die andere Straßenseite. Da ist der Bürgersteig gar nicht so gepflegt, voller Schlaglöcher, loser Platten... und dreckig: ohne Straßenkehrer. Es ist der Bürgersteig fürs Volk. Die gepflegte Seite für die Militärs. So ist das in einer Diktatur... und Chit erzählt mir nun, da wir den Weg zusammen gehen -auf der "Volksseite" natürlich- dass ein Straßenkehrer 10$ Dollar verdient: im Monat. "Davon kann man doch nicht leben", sage ich. Er zuckt mit den Achseln. "Sie müssen es damit schaffen", meint er. Vielleicht hat die Frau auch einen kleinen Verdienst". Und wenn nicht...?!

Von meiner Rundreise nach Yangon zurückgekehrt, treffe ich ihn also wieder. Ohne Job. Ohne Geld. "Mein Kollege ist vorgestern vom Bambusgerüst abgestürzt, Tot. Eine Sprosse war gebrochen. Verantwortlich ist Niemand. Da bekam ich die Panik und bin gegangen." Und nach einer langen Pause erzählt er, wovon die Zeitungen nicht berichten, was sich nur von Mund zu Mund mitteilt: "Letzte Woche sind in einer Vorstadt von Yangon, in den Slumvierteln draußen, in „South Dagon“, 40 Menschen, vor allem Kinder, verhungert." - "Nordkorea", kommt es mir in den Sinn, schlimmer kann es da auch nicht sein." – „Sie hätten doch zu einem Kloster gehen, Mönche um Hilfe bitten können“, werfe ich ein und erfahre, dass die meisten Mönche nach ihrem Aufstand aus Yangon vertrieben wurden, und die wenigen, die es am Rande der Hauptstadt noch gibt, selbst kaum überleben können. „Es kommt noch etwas hinzu“, sagt Chit: „Die Leute, die in diesen Slums leben, sind nicht nur arm, sondern auch kriminell, und Kriminelle werden im Kloster nicht aufgenommen.“ So also sind die Lebensverhältnisse.

Ein Lehrer verdient monatlich 20-30 Dollar, ein höherer Angestellter vielleicht das Doppelte. Dabei kostet schon ein Sack minderwertiger Reis (2.5kg) 500 Kyat (= 0.50 $cent). "Die Frau muss in jedem Fall mitarbeiten, ggf. auch die Kinder (2-3 Kinder hat die Familie durchschnittlich). Und dann sucht man eben nach Nebenjobs, möglicherweise nicht ganz legal. Der Arzt bittet Patienten abends zu sich nach Hause, der Lehrer gibt Nachhilfe, der Polizist kassiert schwarz. Die offizielle Arbeit leidet darunter, aber was soll man machen". Shit ist nicht verheiratet und sagt mir auch nicht, wie er sich nun ohne den Job als Plakatmaler durchschlägt. "Ich werde schon etwas finden", meint er und lächelt. Er lächelt immer und überhaupt wirken die Menschen auf den Straßen gelassen; vielleicht sollte man besser sagen: apathisch. "Vielleicht suche ich mir Arbeit in den Emiraten. Die brauchen Fremdarbeiter. Wird auch ganz gut bezahlt." An eine Fürsorge des Staates denkt Niemand. Jeder bastelt an seiner eigenen Überlebensstrategie.

Ich habe ihm zum Abschied 100$ gegeben für seine Begleitung. Er steckte das Geld ein, ich spürte keine Emotion. Immerhin konnte er damit unbesorgt eine geraume Zeit verbringen. Er wird durch die Straßen gehen, um nach anderen Touristen Ausschau zu halten. Ob es stimmt... und vor allem klappt, weiß ich nicht, aber ich wünsche es ihm.

Damit ist der Rahmen dieses kleinen Berichtes abgesteckt, aber bei Weitem noch nicht alles gesagt, denn ich sollte Chit San wieder sehen: unverhofft. Fast zwei Jahre nach meiner Reise erreichte mich eine Email meines Freundes, und damit beginnt die Geschichte erst so richtig. Es ist ein Hilferuf des jungen, inzwischen 26jährigen, Mannes aus Thailand. Er ist geflohen und wartet jetzt in einem Auffanglager auf Entscheidung über seinen Asylantrag. Wir verabreden uns in Bangkok, und ich erfahre Einzelheiten des politischen Unterdrückungssystems in Myanmar und eine Menge aus seinem Leben darin.

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So präsentiert sich mir das Leben in Myanmar: Zwischen Zigarrenfabrikation für einen halben Dollar am Tag, einem ebenso geringen Verdienst auch in den Webereien und dem Luxusleben der herrschenden Militärs, die ihre Hand auf den Diamantenminen und den reichen Erdgasvorkommen  des Landes haben  und -vom „Wohlwollen“ Chinas und Indiens  getragen- in Menschen verachtender Selbstherrlichkeit unermesslichen Reichtum horten.
Zwischen Unwissen und Geisterglaube, zwischen Unterdrückung, für die das Joch der ackernden Ochsengespanne sinnbildlich erscheint, und modernem buddhistischem „Education Center“ einer denkbar besseren Zukunft, steht Myanmar zur Zeit näher am Abgrund als auf freiheitlichem, demokratischen Boden einer Entwicklung zu besserem Leben seiner Bevölkerung.
Noch erscheinen die Menschen unglaublich gelassen und geduldig, so wie ich es sinnbildlich im überfüllten „Pick up“ erlebte und beschrieb, und wie man es auch in den Bussen sieht, in die immer noch ein Passagier mehr hinein passt, als eigentlich denkbar. So bestehen die Menschen ihren Alltag: geduckt, gequetscht, doch lautlos und rücksichtsvoll. Wie lange noch?
 
 

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