Burmareise 2011

Start in Yangon - Pläne
Mandalay - Puppenspiele
Myitkyina - Leibliche Genüsse
Indawgyi-See -Weißen Pagode
Auf dem Fluss nach Sinbo
Auf dem Fluss nach Bhamo
Über Bagan nach Yangon


Start in Yangon - Pläne

Nach 5 Jahren starte ich zu meiner zweiten Burmareise, und hier gleich mein erster Tipp: Sollten Sie dieses Land jemals besuchen, nehmen Sie auf jeden Fall eine Taschenlampe mit!
Ich habe keine dabei und stolpere durch dunkle Seitenstraßen von Yangon. Strom gibt es nur an wenigen Eckpunkten der Hauptstraßen… und das auch nicht immer. „Füße heben, bloß nicht stolpern!“, sage ich mir und falle im selben Augenblick. Über den Steinbrocken vor mir bin ich zwar elegant gestie-gen, das tiefe Loch dahinter konnte ich nicht ahnen. Ich lag also –etwas zerschürft- auf der Nase und tastete nach meiner Brille, irgendwo im Rinnstein. Ich fand sie auch, allerdings mit zwei dicken Schrammen verziert, die seitdem mein Gesichtsfeld etwas zerteilen.
Eine Taschenlampe hätte ich auch auf meinen Schiffstouren gebraucht, um nachts durch die dicht an dicht auf dem Deck liegenden Burmesen zur Toilette zu finden, ohne „anzuecken“. Davon später. Fürs erste finden Sie mich also in einer Seitenstraße der Bahnhofsgegend in Myanmars Hauptstadt, damit beschäftigt, meine wunden Knochen zum nahen Hotel zu tragen. Vor einer guten Stunde habe ich mit den Eltern von Aung Zeya, den ich Ihnen im letzten Burmabericht ausführlich vorstellte, zu Abend gegessen und damit den ersten Auftrag meiner Reise erfüllt. Zeya hatte das arrangiert. „Bitte!“, bat er mich bei unserem Treffen zuvor in Bangkok, wohin es ihn ja verschlagen hat, „bitte, mach ein Paar Fotos von meinen Eltern. Ich habe sie zwei Jahre nicht gesehen!“ Die Fotos sind also gespeichert. Als ich sie dem jungen Mann bei meiner Rückkehr nach Bangkok gab, weinte er. Natürlich hatte ich im Gegenzug den Eltern ein paar Fotos ihres Sohnes gebracht. Ich werde die liebevoll zärtliche Geste, mit der die Mutter über sie hinweg strich, nicht vergessen. Die ganze Tragik der unmenschlichen Militärdiktatur dieses Landes symbolisiert sich mithin in ein paar Fotos, geht es mir seitdem durch den Kopf.

„Ich muss unbedingt hierher zurückkommen!“ hatte ich mir nach der ersten Burmareise vor fünf Jahren vorgenommen. Zwei Beweggründe gab es dafür. Zum einen wollte ich die verloren gegangenen Fotos der Wandmalereien in den Pagoden Bagans „zurückholen“, zum anderen trieb mich der Wunsch, den Norden des Landes zu entdecken, soweit das politisch umsetzbar sein mochte. Ich reiste also in langen nächtlichen Eisenbahnfahrten nach Myitkyina, ins Zentrum des Kachinstaates, und von dort in beschaulichen Bootsfahrten auf dem  Ayeyarwady zurück in den Süden. Wollen Sie mitfahren?


 

Mandalay - Puppenspiele

Für die erste Strecke von Yangon nach Mandaley hatte ich ein Abteil für mich alleine: „upper-class“, in harter Dollarwährung. Das können sich Burmesen nicht unbedingt leisten. Guter Essen-Service, Musik vom eigenen Laptop, bequeme Schlafliegen in frischer Bettwäsche, nicht zu vergessen: Pfeife schmauchen, ohne Jemanden zu stören. Es gibt im ganzen Land ohnehin kaum Rauchbeschränkung. Ankunft am Zielbahnhof – nach 16stündiger Fahrt: 4 Uhr morgensaus dem Schlaf gerissen: der erste „Wohlfühlkratzer“. Rumirren in der Stadt bis zum Frühkaffee gegen 6 Uhr am Markt. Gegen Mittag endlich: ein Mittagsschlafstündchen im Hotel und abends –frisch und ausgeruht – mit Motorradtaxi zum Marionettentheater.

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Vor 5 Jahren hatte ich dort eine wunderbare Vorstellung genossen: einen Galabend für mich ganz alleine. Der damals gekaufte Clown hängt noch immer an seinem Fadenkreuz in meinem Arbeitszimmer. Diesmal kamen ganze 8 Besucher; viel zu wenig für einen rentablen Betrieb. Die 10$ Eintritt (das ist das Monatsgehalt eines Straßenkehrers!) übersteigt ganz offensichtlich die finanziellen Möglichkeiten eines Burmesen. Für mich war das künstlerisch vollendete Puppenspiel nostalgisches Eintauchen in die mythische Gedankenwelt alter Königsdynastien, zugleich Wiedersehen und sprühender Gedankenaustausch mit dem Chef der Truppe. Herzliche Umarmung in beglückender Erinnerung.

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Mytikina - Leibliche Genüsse

Die Bahnfahrt nach Myitkyina war nicht so komfortabel. Start –laut Fahrplan-um 4.30 Uhr, tatsächlich gegen 7 Uhr, Ankunft kurz nach Mitternacht, und hier lag das Problem. Die beiden Billighotels, die ich mir „ausgeguckt“ hatte, waren belegt, die Luxuskategorie konnte und wollte ich mir nicht leisten. Ich saß –ganz wörtlich genommen- auf der Straße: die ganze lange Nacht über, auf einer Steintreppe, an meinen Rucksack gelehnt. Kein Mitleid, bitte! Ich habe mir das selbst eingebrockt. Frühe Abfahrtszeiten und nächtliche Ankunft (oder umgekehrt) sind allerdings die Regel in Myanmar, der schlechten Infrastruktur geschuldet. Wer hier Urlaub genießen will, muss immerhin physisch belastbar sein: „ohne ‚Schweiß’ kein Preis“, könnte man auch sagen, besser: „ohne Frieren keine Freude“. Es wird abends empfindlich kalt hier, am Rande des aufsteigenden Hochgebirges. Für die bevorstehenden Schiffstouren habe ich mir deshalb zunächst eine dicke Wolldecke gekauft. Sie hat mir gute Dienste geleistet.

 Die Kommunikation gestaltete sich schwierig. Englisch spricht man nur im Hotel. Die Verständigung mit den Menschen funktionierte fast ausschließlich „non verbal“. Hoch gewachsen, dunkler Teint, schwarzhaarig, das sind die Kachin: zuvorkommend, aber wenig lächelnd, in respektvoll freundlicher Distanz, so habe ich sie kennengelernt, und so bleiben sie mir in Erinnerung. Es waren erholsame Tage, mit meiner „Pfeife im Maul“ ein wenig wie ein „Alien“ begafft, durch die Straßen zu ziehen und immer ausgezeichnet zu essen.
 

Essen, überall im Lande, so auch in Myitkyina, ist besonderer Erwähnung wert. Es scheint unmöglich, ein Restaurant ungesättigt zu verlassen. Ich sitze in einem kleinen Straßenrestaurant und bestelle Hühnchen, Reis und Gemüse. Was bekomme ich? Eine Schüssel köstlicher Suppe mit einer Art Römisch Kohl, Karotten und Blumenkohl, eine kleine Fleischplatte, ein Schälchen mit Maisgemüse, einen Teller mit gerösteten kleinen Fischen, einen Napf mit scharfer Gemüsepaste,  einen Korb voller Salat: Gurken, Pfefferminze, eine Art Sauerampfer, grüner Salat: mit Zitronenscheiben besetzt, schließlich einen Topf mit Reis, der eine fünfköpfige Familie hätte ernähren können. Das Erstaunlichste aber nun: Kaum habe ich die Suppe gegessen, bringt man eine neue, Nachschlag selbst beim Hühnerfleisch, bei den Saucen, Pasten und Reis. Wie die Geschichte vom „Tischlein deck dich!“ erscheint mir das; nicht zu vergessen eine Kanne mit frisch duftendem Pfefferminztee. Als Zugabe dann ein Teller mit süßen Cremekugeln, nachdem ich das gesamte Essen mit knapp 2$ bezahlt habe.
Zum Vergleich: Man bestellt „chicken“ und erhält das Gewünschte. Reis muss gesondert bestellt und bezahlt werden.

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Hängt so üppige Gastfreundlichkeit vielleicht indirekt mit der Armut der Menschen zusammen. Was ich während meiner Schiffstouren immer wieder erlebte, spricht dafür. Man bietet dem Nachbarn etwas vom eigenen Essen an, und wenn es nur ein Keks ist.  Höflich dankend ablehnen, höflich dankend annehmen. Beides verbindet sich mit einem Lächeln und erscheint mir mehr zu sein als nur eine formale Geste. Wer wenig hat, teilt mehr?


 

Zur Weißen Pagode im Indawgyi-See

Ich sitze für 6 Stunden im Zug nach Hopin und habe Zeit, viel Zeit zum Nachdenken. Allerdings ist nun die erste von insgesamt 4 Wochen schon „verbraten“, doch der Ayeyarwadi muss noch ein paar Tage warten. Es zieht mich zum nördlichsten Punkt der Reise, den ich von Hopin aus in 5stündiger Holperfahrt mit einem Kleinlaster ohne Stoßdämpfer durchs Gebirge erreiche, zum „Indawgyi-See“ und der „Shwe Myae Zu-Pagode“, besser bekannt als „Weiße Pagode“, mitten im See gelegen. Passkopien bereit halten, dann ging’s los.

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An schlechten Straßenzustand war ich von meiner ersten Burmareise Einiges gewohnt, aber meine kühnsten Erwartungen (=Befürchtungen) wurden mühelos übertroffen. Wir ratterten auf einer schmalen Schlaglochpiste, unterbrochen durch kleine Flussfurten, die zu durchqueren waren, und schließlich über eine Sandpiste, an der kurz zuvor eine Gesteinslawine herunter gebrochen war. In glühender Sonne dem Räumbagger bei der Arbeit zuzusehen, drückte ein wenig auf mein Hirn, war aber für meine gestauchten Rücken- und Halswirbel durchaus erholsam. Ankunft in „Lonton“ am See: eine breit in die Landschaft gestreute Siedlung hübscher Holzhäuser, zwei gar nicht billige Restaurants und ein „guesthouse“ für meine müden Knochen. Mit Blick auf See und das nahe Gebirge und Kolonien seltener Wasservögel verbrachte ich zwei geruhsame Wander- und Badetage mit einer unvergesslichen Bootstour zur „wissen Pagode“.

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Wie ein Traumgebilde aus einer anderen Welt spiegelt sich das Gold und Rot ihrer Fassade im Wasser und in meiner Seele. Der Abt des Klosters nahm sich „alle Zeit der Welt“ für ein Gespräch, das mich wie eine Meditation berührte.


 

Auf dem Fluss nach Sinbo

Ich trage meine Eindrücke zurück nach Myitkyina und schließlich zu dem Boot, das mich einige Tage später in zwei Etappen nach Bhamo brachte. Ich möchte Sie mitnehmen, steigen Sie unbedingt mit ein!

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Der Start war schwierig. Das Schiffchen über einen schmalen Steg zu erklettern, zeigte mir meine Grenzen auf. Man musste mich „an die Hand nehmen“, immer wieder, auch an den Folgetagen. Welch kleiner Kummer angesichts des übersprudelnden Lebens um mich her!

Etwa 50 Mitreisende, zahlloses Gepäck und Handelsfracht auf dem Dach, mir gegenüber ein Korb mit ängstlich gackernder Henne und wispernden Küken unterm Sitz. Muntere Unterhaltung, die ich mangels Sprachkenntnis nicht verstehen kann. Kinder, viele Kinder, umsorgt von ihren Müttern: Kachinfrauen mit dunklem Teint, die Wangen mit Thanaka weiß gestrichen, schwarzhaarig, Betel und Sonnenblumenkerne kauend; ein Mann mit Hut und Stoppelbart, der es gottlob aufgegeben hat, seinem Kofferradio grässliches Gedröhn  von Pop durchmischter Werbebotschaft über die Passagiere zu schütten: Die Störgeräusche des Senders waren anscheinend selbst ihm zu lästig.

Viele junge Männer: dunkle zigeunerhafte Typen, denen ich nicht nachts in einem Park begegnen würde, ein altes Runzel-Frauchen mit Nasenpiercing, ein junger Stoppelbart, der es sich mit einem Buch auf seiner Bank bequem gemacht hat, eine Gruppe weiblicher Fahrgäste mittleren Alters, die ich mir als Marktfrauen vorstellen kann: Ihre Münder stehen keine Sekunde still.

Wir alle zusammen schippern in den sonnigen Tag. Der Fluss zeigt sich, zu beiden Seiten von Sandbänken gerahmt, an seinem Oberlauf nahe Myitkyina, in gemütlich überschaubarer Breite. Wir steuern –mal recht, mal links- kleine Hüttensiedlungen an, nehmen neue Fahrgäste auf. Ein Gefühl ruhiger Gelassenheit liegt als ein Schleier des Wohlbefindens über dem Schiffchen, der Landschaft, über den Reisenden, unter denen ich wohl der einzige Ausländer bin. Ich werde kaum beachtet. Man beäugt mich respektvoll mit einer nicht unfreundlichen Distanz, die sich schon allein aus meiner fehlenden Sprachkompetenz notwendig ergibt.
Es ist Mittagszeit. Das Piercingmütterchen steigt aus, zusammen mit dem „Stoppelbart“ und einer Gruppe von jungen Frauen mit ihren Babies. Neben der Henne scheint auch ein Hahn im Korb zu sitzen. Er kräht ausgiebig ein „Lebewohl!“.

Die Reise führt in zwei Tagesetappen von Myitkyina nach Bhamo, heute in Sinbo unterbrochen. Man hat mir –zusammen mit dem 10$-Ticket- die Visitenkarte eines Guesthouses  in die Hand gedrückt, in dem ich wohl übernachten werde.

Die begleitende Flusslandschaft ändert ihr Gesicht: bewaldetes Hügelland zu beiden Seiten und viele Flussschnellen. Wir umfahren die mit ausgelegten Holzbündeln gekennzeichneten Strudel und eine Sandbank, von der Kormorane erschreckt aufflattern. Das schmutzig braune Wasser ist von unzähligen gelben Schaumpilzen durchsetzt. Baden möchte ich nicht darin und Trinken schon gar nicht. Das tut aber eine der Frauen. Sie schöpft mit einem alten Yogurthbecher Wasser und trinkt. Ihr Magen scheint zufrieden.
Unverhoffte Mittagspause für Reis und Fisch, der mir noch einige Zeit mit einer quer stehenden Gräte im Hals steckt. Die mit Zeltplanen überdachte Essenstelle wird von Soldaten umstanden. Man telefoniert. Man diskutiert. Ob das Szenario mit dem Besuch unseres Bootes zusammenhängt?

Wir gleiten geruhsam in den Nachmittag, der unvermittelt rasch mit Ankunft in Sinbo sein Ende und Ziel findet. Alle drängen mit Sack und Pack hinaus, ich zögere noch. Ich hatte gedacht, nicht vor Einbruch der Dunkelheit in dem kleinen Übernachtungsort zu landen. Da tritt ein junges Mädchen vor mich hin. Mit strahlendem Lächeln sagt sie ihr auswendig gelerntes Sprüchlein in beinahe perfektem Englisch: „Ich bin Chit Su Yi. Herzlich willkommen in unserem Guesthouse!“ Es gibt nur das eine in Sinbo: „Maykhalar“. Ich zeige mein Reklamekärtchen. Ihre Augen leuchten. Sie nickt und hilft mit ihrer Freundin, die rasch hinzu getreten ist, beim Gepäcktransport. Auf der kurzen Wegstrecke erfahre ich, dass sie 15 Jahre alt ist und die 9.Klasse ihrer Schule besucht. Auf dem Tisch im Restaurant liegt ein Büchlein mit Übersetzungshilfen für die wichtigsten Redewendungen, der sich die Gastwirtstochter gekonnt bedient. Es ist ein so reizender Empfang, dass mich der barsche Ton des Pass fordernden Polizisten kaum erschrecken kann.
Man stellt mir die Familienangehörigen vor, serviert einen Kaffee und im selben Zug 1 Kanne mit grünem Tee. Ein Zeichen der Gastfreundschaft ist das: überall in den Restaurants des Landes. Man zahlt ein bestelltes Getränk und genießt zusätzlich und kostenlos so viel Tee, wie man nur möchte.
Zurück zu meinen freundlichen Gastgebern. Mein Laptop zieht seinen Strombedarf aus dem einzigen Netzstecker im privaten Wohnzimmer der Familie, gleich neben dem Telefon. Strom gibt es ab 18 Uhr. Für die Nacht wird er wohl abgeschaltet und tagsüber sowieso. Zur Toilette, die von meinem Zimmerchen weit entfernt liegt, werde ich mich nachts also mit einem Kerzenstummel begnügen oder den Weg im Dunklen ertasten. Ich habe von mehreren Hotels schon Erfahrung darin.

Da ich am Nachmittag durchs Dörfchen schlendere, genieße ich die Stille, nur kurzzeitig vom Kloster her mit durchaus weltlichen Popklängen durchsetzt.  Eine Autobatterie liefert die nötigen Wattzahlen. Sinbo ist nur per Boot erreichbar. Also gibt es außer einigen Mopeds und einem Traktor keine Störung. Ich fühle mich wie in Kindertagen der 50er Jahre auf einem oberhessischen Bauernhof. Federvieh, ein paar Schweine und zwei Wasserbüffel bevölkern die Straße. Frauen mit Waschschüsseln auf dem Kopf ziehen zum Fluss hin, einige Männer sitzen auf Bänken vor ihren Hütten. Ich beobachte spielende Kinder zu Hauf in allen nur denkbaren Altersstufen. Sie baden im Fluss, ziehen dann vergnügt nach Hause. Eine Gruppe, die mich, den Fremden, entdeckt hat, überfallen mich mit naivem Geplapper, wollen vor allem fotografiert werden.
So lässt sich die Nachmittagsatmosphäre beschreiben, bei der noch eine Wundersamkeit zu erwähnen ist: Die zahlreichen Kindermönche, die mir rund um ihre Wohnstätte, einem Haus neben der Pagode, gar nicht scheu entgegen kommen. Sie besitzen fast alle ein Plastikmaschinengewehr, und ich werde an den Besuch eines Klosters am Inlesee vor 5 Jahren erinnert. Was geht in den kleinen Köpfen nur vor. Sie schießen mit kleinen Steinkügelchen, treffen mich auch einmal recht heftig am Arm und lachen dabei. Auch sie möchten Fotos und freuen sich daran. Ich ziehe mit der Schar zu ihrem Kloster, um einen Teil des Gewaltgeheimnisses in Gestalt eines Spielwarengeschäftes zu entdecken, das gerade mit solchen Gewehren offensichtlich reichen Handel treibt. Woher die Kinder das Geld nehmen? Ich weiß es nicht und werde es auch nicht erfahren. Sicher erfassen sie den Sinn ihrer Attacken nur unvollkommen oder gar nicht. Lassen wir die Bilder für sich stehen und fragen. Bilder von Mönchen in Yangon, die Protestzüge wagten, festgenommen, gar erschossen wurden, stehen mir vor Augen. Erst 4 Jahre ist das her. Die Kindermönche in Sinbo erfassen den Sinn ihrer Attacken sicher nicht. Lassen wir sie mit ihren symbolträchtigen Gewehren spielen. Fragen werden sie früh genug.

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Der zweite Reisetag hat begonnen. In Erinnerung bleibt mir ein buddhistischer Gottesdienst, der nach meiner Schätzung mehr als das halbe Dorf im überdachten, nach den Seiten hin offenen, Klostersaal zusammen führte. Ich spüre die dichte geistliche Atmosphäre, auch wenn ich die Worte nicht verstehen kann.
Am Morgen bringt mir Chit Su Yi zwei Bananen zum Geschenk, und dann kommt Großmutter mit einem Tablett voller Köstlichkeiten die Treppe hoch: Bananen, ein Schälchen Reis und Kekse. „Ist das für mich?“ frage ich staunend. Ich hatte kein Frühstück geordert; nur einen Kaffee, den ich zusammen mit dem Übernachtungsgeld bezahlte. Sie reicht mir 2 Kekse, geht indessen an mir vorbei in den Vorraum meines Zimmers zu einem Altar mit einer kleinen Buddhastatue. Sie stellt die Speisen ab, ordnet sie behutsam auf dem Altar, verneigt sich. Ehrerbietung, die buddhistisches Gedankengut undurchdringlich mit Geisterglaube vermischt. Die Nats, die Naturgeister zum Schutze des Hauses, wenn auch nicht figürlich dargestellt, sind doch geistig und wesenhaft in den Allttag einbezogen und sollen versorgt werden, so selbstverständlich, wie Mutter unten auf dem Kohlefeuer im Hof gerade dabei ist, die Suppe zu Mittag zu kochen. Elementar, einfach und greifbar versteht sich das Leben hier.

Auf dem Fluss nach Bhamo und Mandalay

Ich sitze ich im Boot nach Bhamo. Es ist viel kleiner als das Schiffchen, das mich gestern nach Sinbo brachte, eigentlich nur ein überdachter Kahn und wird doch im Laufe der heutigen Reise viele Menschen und ihr Transportgut flussabwärts tragen. Mir fallen nahe am Ufer Baggerschiffe auf: Sandfiltern – Goldsuche. Vom Ergebnis sehe ich natürlich nichts.

Ein Tag – 2 Nächte in Bhamo. Die reiche Gastfreundschaft im modernen „Friendship-Hotel“ wird mir in Erinnerung bleiben. Sogar Proviant für die folgende Reise gibt man den Gästen mit. Ich verbringe die Zeit in dem kleinen Städtchen mit einer Kutschfahrt zu einem 3 km entfernten alten „Shan-Palast“, bewundere die antiken Teakholzhäuser, schlendere über den Nachtmarkt. Die Stände sind mangels Strom mit Kerzen beleuchtet: anheimelnd und gespenstisch zugleich.

2 Tage und 1 Nacht dauert dann die Reise nach Mandaley, in einem großen Schiff, zusammen mit einigen amerikanischen und französischen „Backpackern“, die sich die meiste Zeit mit Kartenspielen vertreiben; dicht gedrängt zwischen den burmesischen Fahrgästen. Jedes Fleckchen auf dem Deck ist belegt, und alle sind rücksichtsvoll. Elegant und höchst wendig sucht ein Jeder im Slalom seinen Weg zur Toilette oder Küche: ein fast artistisches Kunststück, Niemanden dabei auch nur zu berühren oder gar zu treten. Ich habe das Glück, meine Bastmatte auf einem Podest an der Stirnwand des Oberdecks neben Mönchen „aufschlagen“ zu dürfen: ein gleichsam exklusiver Schlafplatz und Gelegenheit zum einigen Gesprächsbrocken in spärlichem Englisch. Einer der Brüder fragte mich nach der Bedeutung von „a.m“ und p.m“ für die Angabe der Uhrzeit. Der Bildungsstand erschien mir niedriger als der in Mandaley oder Yangon. Mit einfachen, liebenswerten Menschen, die ihren privilegierten Schlafplatz mit einem alten „Foreigner“ teilten, verbrachte ich also meine Zeit. Ich spürte menschliche Wärme und fühlte mich wohl.

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Die Stunden fließen bei einer solchen Reise unendlich langsam dahin, so langsam und auch träge wie der Fluss selbst. Abwechslung nur bei den oft stundenlangen Aufenthalten in kleinen Dörfern. Hühner, Tomaten – Kisten und Kasten werden aus-, andere Güter eingeladen. Das Schiff, das hier zweimal pro Woche vorbeikommt, hat große wirtschaftliche und auch soziale Bindekraft. Es ist die einzige Verbindung zur Außenwelt, und dutzende Lastenträger verdienen so ihr Geld. 30$-Cent bezahlt der jeweilige Auftraggeber für das Tragen der Zentnersäcke mit Zwiebeln oder Holzkohle. Frauen und selbst Kinder schleppen, was das Zeug hält und sichern damit ihren Lebensunterhalt.

Die Ankunft in Mandaley gegen 2.30 Uhr in der Nacht habe ich glatt 2 Stunden verschlafen, um dann mit schwerem Gepäck durch den Morgendunst zu „meinem“ Royal Guesthouse“ zu tappen. Ich kenne es von der Hinreise, und auch vor 5 Jahren war ich hier schon Gast. Man scheint mich wiederzuerkennen. Ich fühle mich wohl. Ich leihe mir für knapp 2$ ein Fahrrad und strampele zu einem Handwerkerviertel, nahe der Mahamuni-Pagode, bestaune Holz- und Steinmetzkunst, in Herstellung von Buddhafiguren zumeist.
 



 

Über Bagan nach Yangon

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Mit einem modernen Reisebus, auf teilweise sogar guten Asphaltstraßen geht es weiter nach Bagan, und ich treffe auf Ko Aye Myint, meinen „Horse car driver“, der mich schon bei meinem ersten Besuch in dieser Stadt betreute und mich nun als alten Freund begrüßt. Dank seiner Fürsorge und seinem „Management“ (= kleine Bestechungsgelder für die vielen Pagodenwächter) kann ich fast nach Herzenslust fotografieren und habe nun reichen Ersatz für die seinerzeit verlorenen Fotos von den kunsthistorisch unschätzbaren Wandmalereien vieler Pagoden. Ich bin überglücklich und zahle gerne reichlich in „harter“ Dollarwährung. Am letzten Abend bin ich sogar in seinem Haus zum Essen eingeladen und genieße so besondere Gastfreundschaft.

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Man könnte nun von Bagan aus bis Yangon auf dem Ayeyarwadi weiterreisen, aber die „28Tagesfrist“ meines Visums zwingt zur Beschränkung. Ich fahre mit Bussen über Magwe nach Pyay, um den letzten Streckenabschnitt wieder „zur See zu fahren“. In 4 Tagen geht es nach Yangon. Wieder komme ich mitten in der Nacht an. Eine Fahrrad-Riksha bringt mich an den Rand der Innenstadt. Die ist für Fahrräder gesperrt. Der „Gauner“ weiß das genau, hat den Auftrag trotzdem angenommen. Was bleibt mir übrig? Herumirren mit schwerem und zu Fuß, denn Taxis sind nicht in Sicht. Ich eile den kommenden Ereignissen aber ein bisschen voraus.

Genießen Sie mit mir noch einmal eine meditative Flussfahrt zwischen Sandbänken und ewig gleicher Uferlandschaft: mit seinen Äckern, Wäldchen und kleinen Dörfern – und als Kontrapunkt zur Gemächlichkeit des Fließens des Wassers und meiner Gedanken das pulsierende Leben auf dem übervollen Schiff selbst. Mindestens 10 Tonnen Holzkohle, Tomaten, Zwiebeln, Kohlköpfe, dazu allerlei Getier, sogar Blumenkästen, Fahrräder, ein Betonmischer und dutzende Eisenträger werden aus- und eingeladen.

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Diesmal bewohne ich –wie schon vor 5 Jahren in umgekehrter Richtung, von Yangon nach Pyay- wieder eine Kabine, sprich: eine Pritsche im abgeteilten Schiffsbug. Die „Kabine“ entwickelt sich in Windeseile vom gebuchten „Separée“ zur Massenbelegung. Der Boden ist ja noch frei, also nutzt man ihn.
Meine Pritschen-Nachbarin leiht mir eine zusätzliche Decke. Es wird nachts empfindlich kalt, und dann schenkt sie mir eine Taschenlampe. Sie hatte meine schwierigen nächtlichen Tastversuche zur Toilette beobachtet. Sie spricht ganz gut Englisch, ihr Beruf: Ingenieurin. Ich fotografiere sie, ihren Säugling und die mitreisende Mutter, schicke ihr die Fotos von Yangon aus. Ich wohne im Hotel eines überaus liebenswerten Chinesen. Er organisiert meine zweitägige Exkursion zum „Goldenen Felsen“ von Kyaikhtiyo, einem starken „Highlight“ meiner Burmareise. Der Bus ist überbucht. Mein bestellter Platz doppelt verkauft. Ich muss mit einem wackeligen Mittelsitz vorlieb nehmen, mein Geld bekomme ich zurück. Tatsächlich. So etwas gibt es. Es sind immerhin 12$, die ich spontan als Trinkgeld für die Hotelcrew einsetze. Der Abschied von Chan Myae und seinem Hotel ist überaus herzlich. „Wenn Sie das nächste Mal kommen, müssen Sie nicht zahlen. Gäste über 65 haben in meinem Haus bei einem zweiten Besuch freie Übernachtung!“ Mit kleinen Geschenken im Gepäck fahre ich zum Flughafen. Meine Gedanken schweifen zurück zu diesem besonderen Hotel und zum „Goldenen Felsen“.

Die nächtliche Busfahrt und der folgende Transport mit überfülltem Lastwagen vom Dorf auf den Berg hinauf überstieg fast meine körperliche Belastbarkeit. Ich musste zum Ziel schließlich noch 1 Stunde steil bergauf laufen und dieselbe Strecke wieder bergab, was auch kaum leichter war. „Schwamm drüber!“ Die Eindrücke vor Ort waren die 10$ Eintrittspreis wert.

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Die Kyaikhtiyo-Pagode zählt zu den heiligsten Pilgerstätten des Landes. Etwa 40 000 Menschen kommen täglich. Sie haben freien Zugang und kostenlose Übernachtung in einer riesigen überdachten Halle. Sie bleiben meist für 2 oder sogar 3 Tage. Die Wallfahrtsstätte soll schon zu Lebzeiten Buddhas entstanden sein. Bedeckt von einem etwa 6m hohen Stupa scheint der krönende, vergoldete Findlingsblock geradezu über dem 1100 m tiefen Abgrund zu schweben. Nach einer Legende verdankt er sein Gleichgewicht nur einem einzigen Haar von Buddha, das präzise im Inneren des Stupa platziert sein soll. Die Menschen –unter ihnen viele Mönche- umringen den Felsen und kleben unaufhörlich Goldplättchen auf den Stein. Auf der Galerie daneben türmen sich Tabletts mit Speisen und Getränken und Blumen über Blumen für die beschützenden Nats. Man zündet Kerzen an, verneigt sich, betet, spendet Geld. Es füllt riesige gläserne Spendenboxen. Zurück in Yangon, packe ich meine „sieben Sachen“, schenke mein Kissen, die Decke, Bastmatte und das Laken einer Mutter, die –wie so viele Menschen- mit ihren Kindern auf der Straße kampiert, lasse mir für ganze 2$ einen letzten Bürstenhaarschnitt „zaubern“…..

Mein Flieger taucht in den sich vergoldenden Abend, bringt mich mit  überreichen Erinnerungen, in meiner kleinen Digitalkamera festgehalten, zurück nach Bangkok. Im Hotel treffe ich Aung Zeya und bringe ihm die versprochenen Fotos seiner Eltern. Eine wundervolle Reise geht zu Ende.


 
 
 
 
 
 
 

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