Als Rucksacktourist in Indien


Indische Hotels
Eine indische Busfahrt
Die Geschichte von den Affen
Von Rabenkrähen und Menschen im Müll
Ein Slum in Kalkutta



 

Indische Hotels

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Wer seinen Urlaub (die schönsten Tage des Jahres) bei TUI oder anderen solventen Veranstaltern aussucht, mag in träumerische Verzückung geraten, wenn er die Bilder von Ferienanlagen in den farbigen Prospekten studiert. Ersparen wir uns eine umständliche Beschreibung möglicher Diskrepanz zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Baulärm oder stinkende Abfallberge gleich nebenan, Schimmel im Bad, zerbrochene Klodeckel oder schlecht funktionierende Duschköpfe sind sicher kein vergnüglicher Erholungsfaktor. Beschwerde, Zimmertausch, Geld zurück… man kennt das. Frust bleibt allemal. Mir, als simplem Rucksacktouristen, bleibt so etwas erspart. Selbst wenn die Unterkunft einmal unzumutbar sein sollte, kann ich am nächsten Tag wechseln und bleibe insoweit ein freier Mann. Meine Reisen sind allerdings auch keine Luxusunternehmen, ein direkter Vergleich mit den Angeboten von Neckermann u. Co. scheiden also von vornherein aus. Mein Übernachtungsbudget pendelt um die Fünfeuromarke. Basta.

Ich erinnere mich, da ich diese Zeilen schreibe, an meine Tage in der Himalaja-Randregion, den Teeplantagen von Darjeeling im Nordosten Indiens. Es wird abends recht kühl, man hofft auf eine heiße Dusche. „Hot shower?“ frage ich den Wirt, und da der bestätigt, schaue ich mir das Zimmer an. Es wirkt ziemlich bescheiden, hat nur ein kleines Fenster, aber das mit der Dusche ist wichtiger. Durch die offene Badezimmertür sehe ich mit Entzücken den elektrischen Durchlauferhitzer, der auch funktioniere, versichert mein Gastgeber. Ich richte mich ein, so gut es geht, werfe meine Kleidung von mir und eile –ein wenig bibbernd, doch frohgemut- ins Bad. Was finde ich? … vielmehr: Was finde ich nicht? … einen Duschkopf; weder fest in die Wand eingebaut noch „an der Leine“. Ein kleines Waschbecken mit kaltem Wasser, aber keine Dusche: weder kalt noch heiß. „Hot water, Sir!“ entgegnet lächelnd der Wirt, nachdem ich mich –vor Kälte schlotternd- wieder angezogen habe und an der Rezeption beschwere. „Waiting! Hot water!“, wiederholt er, und dann bringt mir ein Boy doch tatsächlich einen Eimer mit heißem, einen mit kaltem Wasser. „Mix“, bemerkt er strahlend. „To morrow change!“
Am nächsten Tag bekam ich dann wirklich ein anderes Zimmer: mit elektrischem Durchlauferhitzer und einem Duschkopf am Seil. „All o.k.?“ Der Maitre blickte fröhlich und selbstbewusst, und ich freute mich auf ein heißes Duschbad am Abend. Ich drehte den Hahn auf, aber das warme Wasser spritzte in dünnen, spitzen Strahlen aus allen Stellen des Schlauches und der Schlauchschelle, spritzte in alle nur denkbaren Richtungen bis zur Decke, nur nicht aus dem Duschkopf. Ich wickelte mich in mein Handtuch und rannte erbost zur Rezeption. „Wait!“ war die sanfte Antwort auf meine wütenden Attacken. „Repairing!“ Dann reparierte man mit Klebeband wohl eine halbe Stunde. Der Erfolg blieb bescheiden. Man sollte die Duschvorrichtung eines Hotels also grundsätzlich gründlich überprüfen, doch auslernen wird man wohl nie. Die Geschichte mit dem heißen Wasser in Darjeelings Hotels ist variantenreich.

In diesem Jahr besuchte ich das Städtchen zum zweiten Mal und erlebte dasselbe Spiel. „Hot shower – hot water: auf jeden Fall bitte hot“, bat ich, denn die Abende sind kalt. Der Hotelier zeigte mir den Boiler. „Hot water, so viel Sie wollen!“ – Er hatte mein neues Heim –immerhin mit Balkon und Bergblick- kaum verlassen, wollte ich etwas Wasser mit dem Tauchsieder kochen, um eine Tasse Kaffee zu genießen. Ich drehte den Hahn auf: kein Wasser: weder heiß noch kalt. Ein Hotelboy kam, untersuchte alle Hähne. Nichts. Ein zweiter, ein Dritter kamen hinzu, diskutierten, verließen schließlich den Raum und waren nicht mehr gesehen. Für Stunden. Ich bereitete meinen Kaffee mit Mineralwasser und wartete. Sehr viel später wagte ich, an der Rezeption nachzufragen. „Heute ist Feiertag, da kann man nichts reparieren“, beschied mich höflich eine Lady, die man aus irgendeinem Winkel herbeigerufen hatte. „Wir bringen Ihnen aber heißes und auch kaltes Wasser, so viel Sie möchten!“ Ein Eimer mit kaltem Wasser kam rasch, ein zweiter, mit „heißem“ Wasser, das gerade mal lauwarm war, folgte nach geraumer Frist. Außerdem war er nur zu einem Viertel gefüllt. „Einen zweiten Eimer, bitte: aber heiß!“ – „Kommt sofort!“ Ich wartete 10 Minuten, eine halbe Stunde. Vergeblich. Also wieder hinunter aus dem 3.Stock zur Rezeption. „Ich warte auf den zweiten versprochenen Eimer mit heißem Wasser. Das Wasser, das Sie mir vorhin brachten, war knapp warm und ist inzwischen kalt.“

Nun war das Bad, aus dem man mich bedienen wollte, von einer Dame besetzt. Eine Viertelstunde verging. Ich blieb neben dem Badezimmer stehen, um sicher zu gehen und trug dann die kostbare Gabe selbst nach oben. Endlich warm waschen, wenn schon nicht duschen! Ich ging sparsam mit den heißen Tropfen um. Es reichte gerade so eben. Ich trocknete mich ab, zog mich an, da kam der Hotelboy strahlend mit zwei weiteren Eimern heißen Wassers. Das hat nun genug Zeit, kalt zu werden. Heiß hin, heiß her. Ich werde mich nicht wieder ausziehen, denn es ist lausig kalt im Zimmer.

Wenn man an einer Zugstation oder einem Busbahnhof ankommt, muss man sich um eine Unterkunft kaum sorgen. „Rikscha, Rikscha!“ tönt es von allen Seiten, und wie ein Hornissenschwarm drängen sich die Fahrer um ihre Beute. In einer mittelgroßen Stadt zahlt man nie mehr als 40 oder 50 Rps, weniger als 1.- Euro jedenfalls weil sich die Pedalritter durch Vermittlung einer Unterkunft meist ein Zubrot verdienen. Hotels lassen sich leicht finden, der Preis hängt mit der Ausstattung zusammen: Mit Fan wird es allemal billiger als mit a.c.- Belüftung, bleiben die Fragen nach „hot shower“ und „Windows“. Das mit den Fenstern ist in größeren Städten oft eine windige Sache. In der vergangenen Woche fand ich ein recht sauberes Hotel in Strandnähe. „Hat das Zimmer ein Fenster?“ wollte ich wissen. „Ja!“ war die knappe Antwort, und es stimmte. Das Zimmer hatte ein Fenster, das sich sogar öffnen ließ; doch 10cm davor streckte sich eine öde Schimmelwand des Nachbargebäudes nach oben. Möglicherweise öffnet dir ein Fenster zwar den sonnigen Himmel, zieht aber zugleich die Nasenflügel zu, indem Müllberge zu Füßen zum Himmel stinken. Ein Fenster wird immer versprochen, auch wenn es sich nur zum Flur hin öffnet. Vorsicht bei der Auswahl ist also geboten, und ich suche in Mahabalipuram, einem kleinen Badeort im südöstlichen Bundesstaat Tamil Nadu intensiv und lange. Ich will eine Woche hier bleiben, um meinen überaus lästigen Magen-Darminfekt auszukurieren. Dazu ist ein gutes Zimmer nicht unwichtig. Ein barfüßiger Alter weist mir den Weg über vier Treppen: Fenster vor dem Zimmer mit umlaufender Galerie und einem Müllblick erster Güte. „Not want!“ erkläre ich, nehme mein Gepäck auf, um zu gehen. „Good other room, cheap, 300 Rps. only!“ Ich steige wieder hinauf, müde und schlapp, wie man in meinem Gesundheitszustand nach langer Reise nur sein kann, zu einem Zimmer auf der anderen Seite. Der Zustand kaum besser. Seufzend buckele ich meinen Rucksack erneut und gehe. Der Hoteldirektor hinter mir her. „Have better room for you!“ Ich winke ab. „Have a look!“ – „I don’t want shit-look! I want to see the beach and the seaside”, entgegnete ich. Der Meister grinste breit: “Have!” Ich schaue ungläubig und klettere zum dritten Mal nach oben. Mein angekränkeltes Gemüt schleift am Boden, doch tatsächlich: Da ist das Zimmer, wie ich es mir gewünscht habe. Hoch im obersten Stockwerk, groß, hell, mit ausladendem Balkon. Blick aufs Meer, auf Palmen und Strand. „O.K., nehme ich: 300 Rps.“ – „No, Sir, 350 Rps.!“ Ich antworte nichts, setze meinen Rucksack wieder auf. In solchen Situationen hilft nach meiner Erfahrung nur Entschlossenheit. „Take it: 300 Rps.!“ Dass ich nämlich 6 Tage buchen werde und sofort bezahle, hat wahrscheinlich den Ausschlag gegeben. Wir strahlen beide. Der Handel ist perfekt… oder doch noch nicht?

Wieder die vielen Treppen nach oben. Ich inspiziere das Bett. Es müffelt stark. Betttuch, Decke und Kopfkissen sind nicht frisch. Ich ziehe das Laken halb von der Schaumgummimatratze und laufe wieder nach unten. „No problem“, sagt man mir. „Make fresh!“ Wieder im Dachgeschoss angekommen, warte ich. Eine halbe Stunde und mehr. Nichts geschieht. Völlig erschöpft tappe ich wieder nach unten und reklamiere. Dann endlich: Zwei Boys erscheinen in der Tür und ziehen zu zweit (bei einer Schaumgummimatratze ist das eben mühsam) das von mir halb entfernte schmutzige Betttuch … wieder über die Matratze. Mir geht der Hut, den ich nicht an habe, hoch. „Dirty!!“ rufe ich zornig. „please, change!“ Nach endlosem Hin und Her, Treppen rauf und runter, ist es endlich geschafft. Ich erhalte sogar ein frisches Handtuch von der Größe eines mittleren Geschirrlappens. Alle Beteiligten bekunden mit ‚shake hands’, dass jetzt alles o.k. sei.
1 Stunde später – ich habe mich inzwischen gemütlich eingerichtet- trage ich meine Personalien ins Hotelbuch ein und blättere für die geplanten 6 Tage 1.800.- Rps. auf den Tisch. Mein Freund zählt bedächtig: einmal, zweimal. „No, sagt er dann: 350 Rps.“ Wütende Debatte in schlechtem Englisch. „Vertrag ist Vertrag“, bemerke ich noch und verschwinde im Zimmer. Es ist genug für heute. Am nächsten Morgen scheint denn auch alles in Ordnung. „How you feel?“ begrüßt mich mein Gastgeber, freundlich lächelnd. Ich erwidere seine Geste, und er fügt hinzu: „Tomorrow change.“ – „Ich wechsele das Zimmer auf keinen Fall.“ Ich bin ziemlich wütend und verlasse das gastliche Haus. Dann sage ich mir allerdings: Man darf eine so verfahrene Sache nicht überreizen, und am Abend mache ich ihm ein Angebot: 800 Rps. mehr für zwei weitere Tage. Der kleine Aufpreis tut mir nicht weh. Beide Seiten sind’s zufrieden. Ich zahle sofort und genieße nun zwei zusätzliche Tage mit Besichtigung der grandiosen Tempelanlagen, für die Mahabalipuram berühmt ist.

Kennen Sie ein Hotel, in dem man den doppelten Preis bezahlen muss, wenn man eine zweite Decke haben möchte? Ich habe es erlebt, wenn es auch nur um 50 Rps. ging in der „Trekker’s Hut“ am Khecheopari-See: einer Notüber-nachtung nach sechsstündigem, anstrengendem Fußmarsch von Pelling (Westsikkim) durchs Gebirge. Steile Treppen und Pfade aus 2000m Höhe ins Tal, über eine schwankende Hängebrücke, die mich ein ziemlich wildes, Geröll besetztes Flüsschen überqueren ließ, jenseits wieder steil nach oben und als Krönung meiner Unternehmung 12 km auf einer schmalen Bergstraße zum See hinauf in 1800 m Höhe. Stolz auf meine Leistung kam ich an, um zu erfahren, dass ich erst am nächsten Morgen mit einem „sharing-Jeep“ zurückfahren konnte. Ein Hotel in Pelling, ein zweites in dem kleinen Dorf am See: Vornehm geht die Welt zugrunde. Nun, die Trekker’s Hut kostete nicht die Welt: statt 50 Rps. aber eben 100 Rps. für eine zweite Decke, dank der ich auf der stinkenden Matratze in einem Schlafsaal (zusammen mit einem Amerikaner aus Boston übrigens) überlebte. Zudem gab es als Festmahl gekochte Pellkartoffeln mit Butter und eine Flasche Bier am Lagerfeuer im Garten.

Ist damit alles über indische Hotels gesagt? – Ich will dem Leser eine weitere Nuance nicht vorenthalten. Es war in Tashiding (Westsikkim), einem Bergdorf, da man mich mit der Ankündigung des buddhistischen „Bumchu-Festivals“ neugierig gestimmt hatte. Sempa Chempi, einer der drei Lamas, die den Buddhismus in Sikkim einführten, gründete das Kloster „Tashiding Goupa“ um 1640, hoch oben auf einer Bergkuppe nahe dem Ort selbst. Dutzende weiße Tschorten umrahmen es: ein grandioser Gesamteinblick, wobei die schönen Wandgemälde im Inneren leider nicht fotografiert werden durften.
Das Fest beginnt am späten Abend und gipfelt gegen 1 Uhr nachts in der Spendung heiligen Wassers. Es wäscht nach buddhistischem Glauben von Sünden rein, und Tausende pilgerten schon am Nachmittag den Berg hinauf: mit Matratzen, um die ganze Nacht dort zu verbringen, mit Wasser- und Essensvorräten; auch mit Spirituskochern, um für die ganze Familie zu kochen. Hunderte Jeeps hupten sich über die staubige Piste: ein gigantisches Spektakel.

Ich verließ das Fest allerdings –beladen mit Photo- und Videosequenzen musizierender Mönche- schon gegen 19 Uhr, weil mich die weiter zuströmenden Massen zu erdrücken drohten: physisch wie akustisch.
Ich ging auf mein Zimmer und bereitete mir mit Gurken, Tomaten, Chilischoten Zwiebeln und Zitronen mein Abendessen. Gerade hatte ich eine Gurke geschält und für die Schalen neben meinem Bett auf einem Tischchen einen schön gehämmerten Kupferteller gefunden. Da betrat die Wirtin das Zimmer, das ohnehin nicht verschließbar, nur mit einem Vorhang vom Gang abgetrennt war. Mit einem Schreckensruf schlug sie die Hände überm Kopf zusammen. Das Tischchen war ihr Hausaltar, der Teller die Opferschale. Ich hatte die Kerzen und eine Buddhafigur daneben übersehen. Es blieb mir nicht mehr als eine stammelnde Entschuldigung für meine religiöse Respektlosigkeit und in der Folge die erstaunte Wahrnehmung, dass ich eigentlich kein Zimmer gebucht hatte, vielmehr nur ein Bett in der Wohnstube der Dame. Ihre Kinder kamen herzu und spielten vergnügt in den Abend hinein, ohne mich weiter zu beachten. Gegen 23 Uhr, da ich schon fast eingeschlafen war, erschien eine Gruppe von Frauen, hockte sich neben mein Bett auf den Boden und palaverte munter, als ob ich gar nicht da wäre. „Bitte wecken Sie mich um 6 Uhr“, hatte ich zuvor gebeten, denn der Jeep, der mich am nächsten Morgen nach Darjeeling weiterbringen würde, startete bereits um 7 Uhr.

Es hätte dieser Bitte nicht bedurft, weil meine Wirtin bereits eine gute Viertelstunde vorher mit Besen und Wischlappen erschien, um das Zimmer zu putzen. Ein wenig überrascht lag ich im Bett, während ihre Kinder dazukamen, um sich ihre Kleider aus allen Zimmerecken zusammen zu suchen und Fangen zu spielen. Ich zog mich rasch an, um nicht weiter zu stören. Während ich meine „sieben Sachen“ zusammenklaubte, kümmerte sie sich intensiv um ihren Hausaltar, indem sie alle Figürchen sorgfältig putzte, die Kerze und Räucherstäbchen entzündete und eine Viertelstunde lang etwa in murmelndes Gebet versank. Als ich das Zimmer verließ, unterbrach sie ihre Meditation, in der Sorge um Bezahlung. Kassiert hatte allerdings ihr Mann schon bei Ankunft am Vortag und mir dabei seine Krankengeschichte vorgetragen. Mein Doktortitel im Gästebuch hatte ihn –trotz meiner Beteuerung, dass ich kein Arzt sei, dazu verführt. Er war 32 Jahre alt und litt offenbar an fortgeschrittener Leberzirrhose, dokumentiert durch Scanning, wie er mir erklärte, Ich hörte mir seine diagnostische Exegese geduldig an: das Schnapsglas stand daneben. Wohl wahr: ein besonderes Fest und für 200 Rps. eine besondere Hotelnacht.


 
 

Eine indische Busfahrt.........

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Die Badezeit in Puri geht zu Ende. Ich sitze im Regionalbus, der mich vom Kopfbahnhof des kleinen Küstenstädtchens Puri nach Bhubaneswar bringen wird: Anschluss an das Fernschienennetz in den Südosten Indiens, nach Vishakhapatnam und weiter nach Madras (Chennai). Der Busbahnhof wimmelt. Mein Fahrer zwingt krachend den 1. Gang. Wimmernd und ächzend zittern die Rost durchsetzten Wagenwände um den müde zerfurchten Holzboden und die Eisenstäbe der Fenster, die das Wagengerippe mühsam zusammen zu halten suchen. Es geht los…. Vielmehr: Es geht noch lange nicht los. Vor uns ein Dutzend wild fuchtelnder Schnauzbärte. Sie gestikulieren in alle Himmelsrichtungen, als wollten sie sagen: „Das kann nicht gut gehen, fahr’ bloß nicht los!“

Heftiges Schlagen an die unschuldigen Seitenwände. Sie können sich gegen die Prügel ja nicht wehren und klagen rostig-blechern, in Gefahr, jeden Augenblick ohnmächtig in sich zu zerfallen. Der Pilot am Steuer nimmt den 1. Gang wieder heraus. Der meterlange, direkt mit dem Getriebe im mächtigen Motorblock verbundene Schaltknüppel entspannt sich wackelnd, wippend, als tanze er –dankbar für den Aufschub- in sich hinein. Die Erklärung für diesen Aufschub ist nicht schwer. Der Bus ist zwar bis auf den letzten Platz besetzt, doch was heißt das schon! Er ist noch nicht voll.
Ein zerfurchtes Weiblein steigt zu und faltet sich zu meinen Füßen in Hockstellung zusammen, so wie Frauen an den Müllrändern der Straßen ihren Toilettengang zu bewerkstelligen pflegen. Ein überaus stämmiger Mensch drückt sich mit einem Reissack auf den Schultern, meinen Kopf bedenkenlos attackierend, an mir vorbei, übersteigt die Alte und lässt sein nützliches Gepäck knapp hinter ihrem Rücken und vor meinen Zehen zu Boden krachen. Zwei weitere Inder drängen –im Windschatten gleichsam- nach. Der eine, in gepflegter weißer Tunika, eine dicke Ledermappe als Schutzschild vor sich haltend, erklimmt mit zwei, drei exaltierten Schritten den Motorblock und bahnt zugleich seinen Kollegen den Weg dorthin. Es scheint dort in der Tat Platz für mehrere Reisende zu sein, wenn man auch ins Grübeln kommen mag: Wird es dem „Herrscher des Lenkrades“ trotzdem gelingen, seine Gänge zu schalten? Vorerst steht die Frage nicht zur Debatte. Unter dem Gewicht der nachströmenden Massen sackt das ohnehin schwache Busgeschöpf mehr und mehr in sich zusammen, willenlos in sein Schicksal ergeben. Die Schnauzbärte in Front fuchteln indessen in der beschriebenen Weise schreiend, ja tobend wie zur Einläutung der ersten Runde eines Boxkampfes.
1. Gang im zweiten Anlauf. Er gelingt auf fast wundersame Weise dank der artistischen Attidüde des Meisters und setzt den Wagen in Fahrt. 5, ja vielleicht 10 cm geht es vorwärts. Der Trommelwirbel auf die geschundenen Seiten-wände steigert sich zum Gewitter. Brodelndes Wortgewitter wie Kampfgetümmel im Anwerfen einer Schlacht. Andere Busse stehen quer, wackeln umeinander, berühren sich gar in zwingender Streitlust mit wildem Gehupe im Kampf um das Vorfahrtsrecht.
Gang wieder heraus, Leerlauf, quietschendes Bremsen zugleich. Der Motor brummelt entspannt, während um ihn her Dantes Inferno zu wüten scheint. Am Eingang führt der Schaffner Regie, dirigiert die nachströmenden Massen. Ein Koffer wird über die Köpfe durchgereicht, danach ein mächtiger Karton und zwei dicke Pakete. Von der hockenden alten Frau ist kaum mehr etwas zu sehen. Die Lasten verschwinden geisterhaft zwischen und unter den Beinen und Sitzen… und der Wagen ist noch nicht voll. Ein dritter und vierter Anfahrversuch, der die Zeit in aufwändige Szenen eines größeren Dramas zu gliedern hilft. Wortkaskaden knallen aufeinander und mischen sich mit gellendem Hupen zu allen Seiten zu einem explosiven Gemisch augen-blicklicher Detonation.
Ich verstehe die Sprache nicht. Die farbige Wucht von Melos und Rhythmik, besser gesagt: von kreischender Emotion teilen sich mir als ein musikalischer Irrwitz mit, unter den ich mich zu ducken suche, um nicht fortgerissen zu werden.
Beim 5. und 6. und jedem der insgesamt 14 Anfahrversuche, die ich mitzähle, ändert sich nichts., und ich konstatiere auf meinem recht komfortablen Sitz, dicht hinter dem drahtigen Typen am Lenkrad aufatmend, dass man mich offenbar nicht umzubringen gedenkt. Ja, in der Tat: Es geht trotz hundertfach in sich verschlungenen Vorstellungen und Meinungen der Reisenden, die –nur scheinbar wütend- um mich wirbeln, bei aller Lautstärke schließlich friedlich zu: vereint in dem Willen, irgendwann an diesem Morgen nach Bhubaneswar zu reisen.

Nicht immer und nicht unbedingt kann man sich auf solche Friedwilligkeit verlassen, wie ich auf einer Fahrt zwei Tage zuvor zwischen dem Badeort Digha und dem Zielort Kolkata erfuhr. Mit einem kleinen ‚Bakschisch’ bestochen saß ich in der abgeschlossenen Fahrerkabine, geschützt vor der mit Videomusik laut geschwängerten, klimatisierten Innenszene. Luxusbus: König der Landstraße. Der Chauffeur lenkte sein Gefährt durch den wogenden Verkehr wie ein unumschränkt herrschender Fürst; einfacher ausgedrückt: Mit Hupkonzert vom Feinsten und zusätzlichem Sirenengeheul als seinem Szepter scheuchte er alles, was sich vor ihm zu bewegen erdreistete, so unerbittlich zur Seite, dass es aus dem Blickwinkel eines Trucks, anderer Busse welcher Größe und Bauart auch immer, von Motorrikschas wie Ochsenkarren oder Fußgängern unausweichlich Selbstmord bedeuten musste, nicht nachzugeben, in Sekundenbruchteilen zur Seite zu lenken oder zu springen. Man hatte den Eindruck, dass sich selbst der Gegenverkehr in sich zusammen drückte, um dem königlichen Geschoss Reverenz zu erweisen.
Dann geschieht das Undenkbare: Unvermittelt stoppt unser Luxusbus … auf offener Straße. Die Fahrgäste, auch meine Wenigkeit, wirft es hart in die Sitze zurück. Unerhört dieser Vorgang! – doch aus zwingendem Grund. Ein schäbiger alter Kleinbus, eine elende Rostlaube blockiert die eine, eine Fahrradrikscha, mit langen Hölzern beladen, die andere Hälfte der schmalen Landstraße. Hupen zwecklos angesichts der herauf ziehenden Tragödie.

1. Akt:
Der Rostlauben-Lenker springt von seinem Sitz nach draußen und schlägt den Rikscha-Menschen ins Gesicht und Genick. Der geht jammernd zu Boden. Verärgerung wegen überstehender Holzlatten? Die Gründe stehen hier nicht zur Diskussion. Die heftigen Schläge schon, denn sie haben Folgen.
 

2. Akt:
Busgäste bilden einen Ring um die Streitenden. Der Verkehr auf beiden Seiten staut sich, der Zuschauerkreis wächst rasant. Meinungen schwirren hin und her, dann fliegen die Fäuste allgemein: eine prachtvolle Prügelei, durchaus Film reif. „Warum“ weiß wohl Niemand so genau, denn um das Opfer, das immer noch jammernd am Boden liegt, kümmert man sich überhaupt nicht.

3. Akt:
Dem Urheber der Schlacht wird die Situation zu brenzlig. Er springt auf seinen Fahrersitz. Der Motor heult auf, die Kiste rappelt los: direkt auf uns zu. Die in der Eile des Aufbruchs unverschlossene Beifahrertür schwingt im Fahrtwind, und im Vorbeidrängen passiert das Unvermeidliche. Die Schwingtür wagt doch tatsächlich die ultimative Hoheitsbeleidigung, die Seitenwand des Königs samt Rückspiegel scheppernd zu zerkratzen und dabei selbst krachend zu zersplittern. Selbstmord erübrigt die Rache. Der 4. Akt findet nicht statt. Unser Chauffeur steigt nicht etwa aus, um die Auseinandersetzung –gewissermaßen auf höherer Ebene- neu zu entfachen oder wenigstens den Schaden zu besehen. Es wäre unter seiner Würde. Zwei oder drei hart heraus gepresste Schimpfworte, kaum ein Zucken um die Mundwinkel. Wir fahren weiter, als ob nichts geschehen wäre. Die Straße ist ja nun frei, und die Zuschauer spritzen zur Seite: wie es sich gehört. Versicherungsfrage? Wir wissen es nicht. Was ich aber deutlich spüre: Die indische Gesellschaft in ihrer Milliardenschwere tanzt auf dem Vulkan ihrer Massenhaftigkeit.

NB. Die kleine, kaum zweistündige Fahrt nach Bhubaneswar verlief zivilisiert. Menschen stiegen aus, andere ein. Der Motor brummelte sein Einverständnis mit diesem ganz normalen Reisevorgang, und die Rostplatten fügten sich scheppernd, seufzend in ihr Schicksal.


 

Die Geschichte von den Affen

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Hanuman, der Affengott: ein Verbündeter Ramas, der 7.Inkarnation Vishnus, begegnete mir in Mahabalipuram, von Steinmetzen kunstvoll gestaltet, in mehreren Werkstätten wie auch höchst persönlich in den Bäumen rings um Tempelanlagen und auf dem Balkon meines Hotels, „in natura“ gewissermaßen. Inwieweit sie dem Inder als heilig gelten, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie überhaupt nicht scheu, vielmehr selbstbewusst auftreten, sagen wir besser: ungeniert und dreist.
Auf dem Markt des Städtchens gönnte ich meinem etwas angekränkelten Magen eine Melonenschnitte für ganze 5 Rps. Sie tat mir gut, ich hatte Lust auf mehr und kaufte bald ein ganzes, recht großes Prachtexemplar, grob in große Stücke zerteilt. Berge von Melonen sind hier im Angebot, nur 5o Rps. das Stück. Man hat ihnen zum Teil bunte Gesichter aufgemalt. Das sieht lustig aus und belebt wahrscheinlich das Geschäft. Ich zog also mit meiner Beute ins Hotel, aß eine Hälfte in einer Art Heißhunger sofort und bewahrte den Rest in einer Plastiktüte für den Abend. Zu dieser Abendmahlzeit sollte es jedoch nicht kommen. Als ich nämlich von einem Nachmittagsspaziergang zurückkam, bot mein Zimmer einen reichlich verwüsteten Anblick: eine Untertasse vom Tisch gefegt und zerbrochen, der Inhalt des Papierkorbs im ganzen Raum verteilt… und die Melonenhälfte samt Plastiktüte verschwunden. O weh! Ich hatte die Balkontür aufgelassen, gegen den Rat des Maitre, nicht ahnend, was er mir damit sagen wollte. Sollten die Rabenkrähen….? Eine halbe Melone hat aber doch ihr Gewicht. Der Leser dieser Zeilen hat das Rätsel wahrscheinlich schon in diesem Augenblick gelöst: mein Bericht zeigt die richtige Richtung. Man ist hinterher natürlich immer schlauer. Ich wusste allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nichts und nahm das Geheimnis in den nächsten Tag. Die Balkontür würde ich auf jeden Fall bei Abwesenheit ab sofort verschließen.
Ein Geräusch an der Tür schreckte mich Tags darauf aus meinem Mittagsschläfchen, … da war es bereits zu spät. Sie vermuten richtig! Der Einbrecher war ein Affe. Er sprang mit der diesem Tier eigenen „affenartigen Geschwindigkeit“ durchs Zimmer und angelte –als Mittagsmahlzeit wahrscheinlich- einen Becher Joghurt vom Tisch. Ich war sprachlos, rannte auf den Balkon. Da saß er bereits auf dem Geländer, streckte seine Beute siegreich in die Luft und verschwand über die benachbarten Dächer. Es blieb nicht bei diesem einen Überfall. Wenig später kam er zurück. Ich konnte nicht schnell genug reagieren, als er wieder zum Tisch sprang, um von der äußersten Kante eine Tüte mit Paranüssen zu fischen. Ich lief herzu, schon war er weg. „Warte, mein Lieber: Das soll mir nicht noch einmal passieren!“ Ich versteckte alle Lebensmittel: im Bett, hinter der nicht einsehbaren Türfläche und im Waschtisch. Ich versteckte zu meiner Sicherheit auch meinen Pass, mein Geld, den Photoapparat und mein Handy. Nun können Affen mit solchen Gegenständen nicht unbedingt etwas Sinnvolles anfangen, doch kenne ich mich in der Affenpsyche nicht recht aus. Würden sie in der Eile zwischen Handy und Banane unterscheiden? Dass sie mit meinem Photoapparat ihre Familie verewigen wollten, nahm ich nicht an, auch würden sie meinen Pass nicht zur Ausreise aus Indien zu missbrauchen suchen. Vielleicht klauten sie aber nur, um zu klauen: gewissermaßen „l’art pour l’art“. Ich versteckte also alle meine Habe, und dies jeden Tag an andere Stellen: so gut, dass ich manche Dinge selbst kaum wieder fand, oft und lange suchen musste. Zwei Tage vermisste ich meinen Reisepass, bis er mir mitten in der Nacht als etwas seltsam Hartes unter dem Kopfkissen erschien und das schon verloren geglaubte Handy meine Fußzehen kitzelte.
Nachmittags pflege ich zu schreiben oder zu lesen. Mein Tischchen postiere ich dabei an der Türschwelle, einem schönen schattigen Plätzchen: ein kühles Lüftchen weht vom Meer herüber, ich genieße eine Tasse Kaffee und bin’s zufrieden. Da plötzlich kommt mein „Freund“ wieder zu Besuch, hockt sich direkt vor mir auf den Boden, zum Sprung bereit. „Hau ab!“ schreie ich den Affen an. Es ist ein männliches, recht großes Tier. „Hau ab, du kriegst hier nichts mehr!“ Der Affe versteht offensichtlich die deutsche Ansprache nicht und bleibt sitzen. Ich klatsche in die Hände. Das Tier springt aufs Balkongeländer und beginnt, sich ausführlich zu kratzen. Er denkt nicht daran abzuhauen. Schüchtern ist er also nicht, denke ich und versuche, mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren. Da springt das Monster in einem Riesensatz auf meinen Tisch und stößt dabei die Kaffeetasse um, stört sich kein bisschen daran, dass sich das kostbare braune Nass über meine Tagesnotizen ergießt. Ich werfe ihm meinen Rucksack entgegen, der zufällig neben mir steht. Es ist ein stabiler Rolli. Von dieser Gegenwehr ein wenig überrascht, verlässt mein ungebetener Gast darauf hin den Tisch, baut sich unmittelbar vor mir auf dem Boden zu voller Größe auf und fletscht die Zähne. Ich stampfe auf, er setzt einen halben Meter zurück, fletscht wieder sein respektables Gebiss. Ich drohe ihm mit einem Ledergürtel, den ich zur Rechten finde und photographiere ihn zugleich mit dem Apparat in der Linken, weil das Szenarium der Nachwelt erhalten will und mir auch im Augenblick nichts Dümmeres einfällt. Die Situation ist nicht ungefährlich. Seltsamerweise verunsichern ihn meine Bewegungen, möglicherweise auch die ihm fremden, nicht kompatiblen Waffen in meinen beiden Händen. Er verschwindet für diesmal übers Geländer und kommt – zunächst jedenfalls- nicht wieder. Nun kann ich auch nachts keine frische Luft mehr herein lassen. Ich bin bei geschlossener Balkontür auf den Fan des Zimmers angewiesen. Ob sich der Kampf morgen wiederholt? Mein Ledergürtel liegt bereit.

P.S. Mein Gegner hatte auch an den Folgetagen keine Lust zu weiteren Auseinandersetzungen. Ich sah ihn nicht wieder, die Erinnerung und die Bilder aber bleiben.
 


 

Von Rabenkrähen und Menschen im Müll

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Abends, wenn es dunkel wird, unterhalten mich die riesigen Rabenkrähen, die von ihren Strandflügen in die Schlafpalmen vor meinem Fenster zurückkehren, zu Dutzenden und wecken mich früh morgens mit ihrem Gekrächze. Überall im Müll sind sie zu Hause, und den gibt es rund um mich: an einem Tümpel zur Linken, der rückwärtigen Straße und Gosse wie unter Bäumen und Büschen vor mir reichlich.

Nimmt man das Indien der Slums mit seiner Massenhaftigkeit und seinem aus Not geborenen Aggressionspotential in den Blick, könnte die Rabenkrähe Nationalvogel sein. Ihr Schreien hat nichts vom Gesang der Vögel, der darin fast verschwindet, und das schwarze Gefieder, die im Müll hackenden Schnäbel machen Angst. „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“, sagt der Volksmund, und so mag es sein. Ihr erbitterter Kampf um einen Fetzen Kadaver scheint mir indessen nur zu deutlich die Härte des Überlebenskampfes von Millionen Menschen zu symbolisieren.

Das Bild von einem riesigen Abfallberg in einer Straße Kalkuttas steht mir vor Augen. Ein altes Frauchen sucht, einen kleinen Stapel fauliger Eierkartons zur Seite zu ziehen, auf die eine andere Alte bereits ein Auge geworfen hat. Wer zuerst kam, weiß ich nicht. Der unaussprechliche Gestank und die Würdelosigkeit der Auseinandersetzung aber versagt sich meinem Kugelschreiber. Deshalb will ich auch die zahllosen Erscheinungsformen des Bettelns nur andeutungsweise ins Licht rücken. Die Ärmsten der Armen: Sie liegen auf dem Bürgersteig, strecken bittend ihre Arme aus, umfassen deine Beine. Sie flehen lautstark oder stumm, ihre Augen sagen alles. Zuweilen liegen sie auch einfach nur da: apathisch, wie Müll, der auf die Straßenreinigung wartet… oder auf die Barmherzigkeit des „Ordens der Mutter Theresa“, zum Betteln zu schwach. Eine Mutter mit ihrem Baby auf dem Arm bittet um Milch für das Kind, um etwas Reis. Sie lässt sich kaum abschütteln, verfolgt mich durch die Straßen. Ein kleines Mädchen hustet, da ich ihr nichts gegeben habe, ihre Tuberkulose ins Gesicht: viermal, fünfmal hintereinander; Klage und Anklage zugleich. Ihre kleinen schwarzen Augen blitzen scharf, Rotz läuft ihr aus der Nase, die kleinen Patschhändchen ziehen mich an meinem Pullover. Manch Hilfesuchender hat ein kleines Zelt im Rinnstein aufgestellt: liegt darin, von Lumpen umhüllt, auf dem Asphalt. Ein Mensch, mit einem Höcker, der aus seinem Rücken wächst, springt auf allen Vieren, einem Affen gleich, über die Straße. Ein kleiner Junge wirft sich mir in die Füße, jammert, als habe ich ihn verletzt….

Ich darf diese Krähenhaftigkeit nicht zu dicht an mich heranlassen, will allerdings auch die Augen nicht verschließen. Deshalb kümmere ich mich um einen 16jährigen Araberjungen, der unaufhörlich hustete, als ich ihn traf. Für einen Arzt, zu dem ich ihn bringe, hätte er, bzw. seine Familie kein Geld. Zum anstehenden Bluttest müssen wir ihn zu Dritt festhalten. Aus Angst vor dem Pikser schreit er wie am Spieß. Diagnose: TBC. „Haben hier sehr viele, vor allem junge Menschen. Mangelernährung und verheerende Umwelt-bedingungen“, sagt der Doktor. Ich bezahle eine halbjährige Tabletten-Kur, wenn er sie denn durchhält: mein Freund Sarukh und dann bringe ich ihn mit Hilfe eines Sozialarbeiters in einer Schule unter, damit er Lesen und Schreiben lernt. Der Vater ist Trinker, die Mutter psychisch krank. Große Erfolgsaussichten meiner Bemühung sehe ich nicht, aber selbst kleine Schritte bedeuten mir etwas: dem Jungen hoffentlich auch. Er strahlt in seiner neuen Schuluniform, hat jetzt eine Zahnbürste und putzt mit Leidenschaft gegen die offen sichtbare Karies an. Wie lange?

Um einem indischen Slumjungen zu helfen, muss man die Familie insgesamt unterstützen: vor allem die Mutter und den kleinen Bruder. Wenn mich die vor meinem Hotelzimmer oder im Restaurant vorbeihuschenden Ratten nicht schocken oder die beiden Krähen, die am Busbahnhof auf einer toten Riesenratte herumhacken, dann umso weniger der geschilderte Sozialfall. Das Problem steht zur Lösung an, und ich denke dabei an eine kirchliche Organisation mit ihren „Informal Schools“, die an dem Punkt anzusetzen versuchen, an dem der Staat apathisch verharrt.


 

Ein Slum in Kalkutta

Das Leben in einem Slum zu beschreiben, ist eine Sache, darin zu leben, eine andere. Ich kannte sie nur aus Fernsehdokumentationen, dann sah ich sie –im Vorbeifahren, aus der Zugperspektive- auch selbst: diese armseligen, mit Wellblech oder nur mit Lumpen gedeckten Hütten, mit ihren wackeligen Bretterwänden, entlang der Bahngleise und in den Randgebieten großer Städte, mitten im Plastikmüll.

Weihnachten 2009. Ich bin wieder zu meinem Freund Sarukh nach Kalkutta gefahren, obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte. Er hat die Schule abgebrochen und lebt wieder –ohne an Morgen zu denken- auf der Straße in den Tag hinein. Wir standen per Handy, das ich ihm geschenkt hatte, in Verbindung, er spricht ja ordentliches „Straßen-Englisch“, doch mein Zureden und die finanzielle Hilfe, die ich ihm für seine Familie gab, alles umsonst.
„Ja, so ist das eben!“, werden Sie denken. Man kann solchen Menschen nicht helfen. Vorgegebene Verhaltensmuster sind unabänderlich wie Tätowierungen ihrem Bewusstsein, ja ihren Seelen eingestanzt: arm bleibt arm, und Unwissenheit als der Motor dieses Zustandes pflanzt sich fort: von Generation zu Generation. Für den, inzwischen 16jährigen, indischen Jungen kommt jede Hilfe, zu spät.
Pech gehabt, Sarukh!  Du bist einfach zu alt.

Ich sitze ihm in meinem Hotelzimmer gegenüber. Er greift sich an die Stirn, und dann schlägt er mit der Faust gegen die Wand. „Mein Kopf ist so hart wie die Wand“, das sind die „englischen Brocken“, die er dabei heraus stößt. „Da will einfach nichts hinein!“ Ich muss lachen, indem er das sagt. Es erinnert mich an einen Schüler, der sich im Musikunterricht mit Notenschreiben abquälte, indem er –mit entsprechender Geste- bemerkte: „Des will einfach net in meene Kopp enin!“

Sarukh hat meinen Laptop entdeckt und zeigt sich sehr interessiert. Ich öffne das „Wordprogramm“, da beginnt er, auf den Tasten herum zu fingern, sucht und sucht, bis er –nach vielen Fehlversuchen- die Buchstaben seines Namens auf den Bildschirm bringt. Wir experimentieren: schreiben das gefundene Wort größer und größer, drucken es fett und mit veränderten Schrifttypen. Er spielt damit: löscht, schreibt seinen Namen neu und recht fix. Seine Augen strahlen. Am nächsten Morgen erscheint er gegen 7 Uhr bereits in meinem Zimmer. Ich bin noch ganz verschlafen. „Learning!“, sagt er. Wir setzen „den Unterricht“ fort. Wie lange die Begeisterung hält, weiß ich nicht, aber „aufgeben“ kommt nun für mich nicht in Frage.

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Am späten Vormittag graben wir uns durch das Gewühl eines großen „Godown“, eines Warenhauses. Schon der Weg dorthin ist beschwerlich. Sarukh nimmt mich –wie ein Kind- an der Hand, um mich beim Überqueren der Straße vor den bedrohlichen, entgegen allen Verkehrsregeln kreuz und quer rasenden Autos, Lastwagen und Bussen zu schützen, schleift mich durch die Menschenmassen, die sich, ineinander verkeilt, zwischen Geschäften und Verkaufsständen umeinander wälzen, und dann kaufen wir ein. Weihnachtsgeschenke für seine Familie. Waschpulver, Reis, Dal (für die Erbsensuppe), Zucker, Tee, Zwiebeln, Gewürze, Shampoo, Zahnpasta… Es ist eine lange Liste und nicht billig. Vor der Tür wartet Ruupi, sein taubstummer Freund, denn nur zu dritt können wir alles zu einem Taxi tragen, das uns zu seiner Familie bringen wird, weit draußen vor der Stadt. „Garia“ heißt das Dörfchen, in das sich kein Tourist jemals verirren wird. Dass er mich diesmal mitnimmt, ist eine große Ehre für mich und Zeichen seines wachsenden Zutrauens. Bei meinem letzten Besuch wollte er das nicht. Mag sein, dass er sich schämte.

Die Hütten erstrecken sich über Kilometer entlang kleiner Tümpel und stinkender Abwässerkanäle, und um sie herum   liegt ein Gewirr von Be-hausungen aus brüchig gemörtelten Backsteinen, aus schiefem Lehm oder Bretter genagelt, durch schmale Betonpfade miteinander verbunden. Das Taxi schafft es natürlich nicht bis ganz ans Ziel, und der Fahrer verlangt das Doppelte vom Taximeterpreis. Er muss ja wieder zurück und wird aus unserem Umfeld kaum einen neuen Fahrgast finden. Wir schleppen also unseren Reichtum durch die Müllpfade, mal rechts, mal links abbiegend und haben es endlich geschafft. Keine Post könnte den Weg hierher finden. Es gibt ja weder Straßennamen, noch Hausnummern.

Ruupi und Sarukh verstauen die vielen Pakete in einem Bretterverschlag, lachen miteinander, verstehen sich prächtig: mit Taubstummensprache, die mein Freund offensichtlich beherrscht. Der Verschlag ist sehr klein. Ob da alles hineinpasst? Die Beiden zwängen sich hinter der letzten Plastiktüte hinein und winken mir zu. Was soll ich da drin? Wir wollen doch ins Haus gehen! - Es ist sein Haus: etwa 6m² groß. Rechts hockt die Mutter vor einem Petroleumkocher, über ihrem Kopf ein Gestell für die Küchenutensilien an der Wand. Sie stapeln sich bis zur Decke. Der übrige Boden ist mit einer Decke belegt. Hier nehmen wir zu dritt zusammen mit Reis, Waschpulver „und Co.“ Platz. Zwei kleine Mädchen aus der Nachbarschaft drängen nach, setzen sich zwischen Tür und Kocher und starren den seltsamen Gast an. Mein Besuch war angekündigt, meine Ankunft hat sich in Windeseile herumgesprochen, so sammeln sich bald Frauen aus der Nachbarschaft mit Kind und Kegel auf dem Vorplatz. Ein „Foreigner“ bei uns in Garia. So was gab’s noch nie. Ich höre das Stimmengewirr um mich her und weiß, dass es mir gilt. Ich lächele der Mutter zu, sie lächelt zurück und Sarukh fragt mich, ob ich Tee möchte. Die Mutter kocht Wasser, überbrüht etwas von dem mitgebrachten Vorrat und reicht mir eine Tasse Tee, als eine Geste des „Willkommen!“
Danach gibt es Reis, Dal und ein Ei in würziger Sauce und als Nachtisch ein Stück des zuvor gekauften Plumkuchens.
So lebt die Familie zusammen: der Vater, den ich nachmittags kennen lerne, die Mutter und Sarukh. Sein jüngerer Bruder wohnt bei seiner Tante in der Stadt. Für alle Viere wäre die Schlafstelle zu klein. Auch Sarukh ist nachts nicht immer hier. Er schläft bei seinem taubstummen Freund und einem anderen Taubstummen, den ich im vergangenen Jahr einmal traf, im Touristenzentrum: der „Sudderstreet“. Wenn seine Eltern alleine zu Hause sind, offenbart sich das leidvolle Familiendrama. Papa ist schwer durch eine Tuberkuloseerkrankung gezeichnet, kann nicht arbeiten, trinkt, und, betrunken, schlägt er seine Frau. Sein Bruder haust in einer Hütte, schräg gegenüber, und es gibt in unmittelbarer Umgebung noch einige Verwandte. Die versuchen zu vermitteln und das Geld, das sie nicht haben, zu teilen.

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Wir machen einen kleinen Rundgang. Ich sehe den Bruder. Der redet auf Sarukh ein, und er übersetzt. Ich solle Whisky bringen, es sei doch Weihnachten, da schenke man doch was. Eine andere Frau lässt mich wissen, dass ich beim nächsten Mal Süßigkeiten für die Kinder mitbringen möge. Mehr als ein Dutzend Menschen umringen mich, bestürmen mich. Mein Freund tut sein Bestes als Vermittler. Sie brauchen alle Geld, und Touristen haben doch Geld! Dann erscheint eine hagere Alte auf der Szene und zankt, ziemlich kreischend, mit der Mutter. Was los ist, möchte ich wissen. Du sollst der Mutter 1000 Rupien geben. Die Miete für unsere Wohnung steht schon 2 Monate offen. Es sind also für diese erbärmlichen 6m² knapp 10.- Euro Monatsmiete fällig. Ich gebe das Geld, die Szene beruhigt sich. Bei aller Verwirrung meiner Gefühle, sehe ich doch Zeichen des Zusammenhaltes der in Not zusammen geschweißten Menschen hier. Sie streiten, aber sie lachen auch zusammen, und die Kinder spielen fröhlich im Dreck: mit Steinchen und Stöckchen. Sie hickeln, wie wir es früher taten und balgen sich. Ich fühle mich als Fremdkörper, zumal ich mich sprachlich nicht verständigen kann und bin froh, dass wir aufbrechen. Da geschieht etwas Unerwartetes: Die Mutter umarmt mich, hängt mir eine Holzperlenkette um, ein Kind neben ihr hängt mir eine zweite, ähnliche Kette um den Hals und alle winken sie uns lange nach, bis wir um die Ecken verschwunden sind. Wir winken zurück. Ich bin in meinen Gefühlen verwirrt, auf jeden Fall aber innerlich berührt und ein wenig beglückt und werde bestimmt wiederkommen: dann aber mit Süßigkeiten für die Kinder.

Wir fahren, eng gedrängt und lautstark, mit dem Zug zurück. 7 Stationen für den Preis von 5 Rupien (= 10 Eurocent). Mit einem Stadtbus geht es bis in die Nähe meines Hotels, das wir schließlich über enge, dunkle Gässchen erreichen. Zu Dritt essen wir in der Nähe zu Abend. Ohne mich hätte Ruupi kein Abendessen. Er ist 18 Jahre alt, sieht aber viel älter aus. Seine Mutter lebt nicht mehr, seinen Vater kennt er nicht. Er hilft manchmal an einem Essenstand aus, indem er die Tische abwischt und spült. So kämpft er sich durch die Tage.
Was ich heute erlebt habe, bleibt nicht in den Kleidern stecken. Es wird mich noch lange verfolgen. Ich habe das Klavierkonzert K.V. 467 von Mozart aus meinem Computer aufgerufen, um zur Ruhe zu kommen und schlafe doch erst spät in der Nacht ein. Eines wird mir klar: Materieller Besitz macht so wenig glücklich wie notvolle Armut: „mit zu teilen“, was man hat und wozu man begabt ist, darum könnte es gehen.

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