Auf den Philippinen

Mit Simon nach Darahuway Dako
Zu Gast bei Karl-Heinz in Cebu
Audienz beim Bischof von Catbalogan
Auf Bantayan-  christliche Tradition
Meine Kakerlake "Susi"
Ein Lob dem Zuckerrohrschnaps - eine Fabel



 

Mit Simon nach Darahuway Dako

Meine Reise auf die Philippinen führt mich nach Cebu, im Herzen der Visayas. In der kleinen Pension des deutschen Gastronomen Karl-Heinz, der hier zusammen mit seiner Philippina lebt, habe ich mich für einige Zeit eingemietet. Ich treffe sofort am Flughafen seinen 20jährigen Neffen Simon, den hilfreichen „Adlatus“ der Familie. Er nimmt sich meines Gepäcks an und umgibt mich in den folgenden Wochen mit aufmerksamer Fürsorge.

Mit seinem jugendlichen Schwung befördere ich Sie, verehrte Leser sogleich in 13stündiger nächtlicher Schiffspassage auf die Insel Catbalogan. Er ist hier zu Hause, d.h. nicht ganz. Seine Heimatinsel, die in Sichtweite vor uns liegt, heißt Darahuway Dako, und genau dorthin tuckern wir jetzt mit einem „Seifenkistenboot“, gesteuert von seinem 18jährigen Bruder Jovin. Eine Woche werde ich dort im Hause seiner Tante, der schon genannten Ehefrau meines deutschen Gastgebers, verbringen.

Die Überfahrt ist nicht unproblematisch. Das Boot tut sich schwer mit seiner „3Mann-Besatzung“ und dem Gepäck, zu dem auch ein gewichtiger Lebensmittelvorrat gehört. Der uralte Motor bockt zuweilen, unser Schiffchen muss -gewissermaßen mit der Peitsche- durch die unruhigen Wellen gestoßen werden, und ich ahne, welche Last er durch die Zeit zu tragen hat. Schon heute Nacht wird es wieder zum Fischen hinaus treiben, begleitet von neuer Hoffnung und neuem Trug. Es gibt kaum noch Fische hier, und die schöpfen die großen Boote mit ihren riesigen Schleppnetzen ab.

Simon also heißt mein junger Freund, und ich denke unwillkürlich an „Simon Petrus“ und den wundersamen reichen Fang, der dem armen Fischermann geschenkt ward. Es geht hier aber nicht um schöne Legenden. Es geht ums nackte Überleben der Großfamilie. Simon ist für diesmal ja für ein paar Tage nur Gast hier, lebt überwiegend bei seiner Tante in Cebu und wird dort durchgefüttert. Die Not des Broterwerbs liegt auf den Schultern des zwei Jahre jüngeren Bruders, der es Nacht für Nacht und immer wieder versucht. Manchmal glückt es ja, und der kleine Fang wird sofort am nächsten Morgen im Hafen von Catbalogan verkauft. Das Geld fließt sofort in den Kauf von Diesel, von Reis und Gemüse. Auch der Onkel, dem das Boot gehört, muss am „Gewinn“ beteiligt werden.

Weg von allen Problemen – hin zu einem überaus herzlichen Empfang in Darahuway.

„Herzlich willkommen!“ ist auf einem hohen Betonbogen am Hafen des kleinen Dörfchens eingeschrieben, und so werden wir von seiner großen Familie begrüßt. Man hat uns erwartet. Simon weint vor Freude. 3 Jahre hat er seine Angehörigen nicht gesehen, nun stellt er sie mir vor:
 „Das ist mein Cousin“, sagt er und fügt den Namen hinzu. „Das hier ist auch ein Cousin, und hier: meine Cousine. Der Kleine dort ist mein Neffe, dort drüben am Haus: meine Tante und daneben mein Opa. Eine Flut von Namen prasselt auf mich. Alle scheinen verwandt zu sein. Es wimmelt von Neffen und Nichten in allen Altersgruppen: vom Säugling bis zu Teenagern.

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Nach wenigen Minuten gebe ich es auf, mir Namen merken zu wollen. Ein Computergedächtnis würde Mühe haben. Alle strahlen, alle rufen wirr durcheinander, denn   der fremde Gast ist  d a s  Tagesereignis! Ich taste mich zu Recht, mein kleiner Photoapparat leistet Schwerarbeit, und das über alle Tage der Woche. Immer wieder stellen sich die Kinder, die jüngeren vor allem, in Gruppen zusammen. „Photo, Photo!“ rufen sie und lachen begeistert im Ansehen ihrer Gesichter.

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Das Haus der Tante, in dem ich ein kleines Zimmerchen ganz für mich alleine habe, gehört zu den wenigen reichen Häusern auf der Insel, die zum Teil nur als Feriendomizil genutzt werden: aus Stein ist es gebaut, mit stattlicher Innen-einrichtung.  KH wird es wohl bezahlt haben, ebenso wie die Pension in Cebu, in der ich mich eingemietet habe. Er stammt aus der Pfalz: ein „Pfälzer Urgestein“ gewissermaßen, der Dialekt ist  unverwechselbar. Mit dem Betrieb von Gaststätten hat er es zu etwas gebracht, bis er sich vor einigen Jahren entschloss, ganz auf die Philippinen, in die Heimat seiner Frau, zu ziehen.

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Fließend Wasser gibt es hier nicht. Das Brauchwasser wird an zwei Zapfstellen gepumpt und gallonenweise verkauft. Trinkwasser muss vom Festland, der großen Insel Catbalogan, herangeschafft werden und ist kostbar: im wahrsten Sinne des Wortes: 40 Pesos (das sind knapp 1 Euro) kostet der 10 Liter Behälter. Seit zwei Jahren wurde immerhin Strom gelegt: ein zivilisatorischer Quantensprung: unüberhörbar. Buchstäblich Tag und Nacht laufen vielfältige Tonanlagen, allesamt mit Riesenlautsprechern ausgestattet. Es wummt und dröhnt fast ununterbrochen im Tecnosound, und zudem scheint fast jeder Bewohner zum Künstler zu avancieren, indem er den immer gleichen Pop voll schmalziger Inbrunst (immer zu tief!) über die play back Arrangements zum Himmel schickt. Ein Klanginferno, an den langen Abenden vor allem: gemischt mit Hundegekläff, Hahnenschrei und Schweinegrunzen.

Gleich gegenüber von Darahuway Dako die noch kleinere Schwester Darahuway Duki, zu der man mühelos hinüberschwimmen könnte, wenn das Wasser nicht so schmutzig wäre. Plastik- und Müllverseucht, ein wirklicher Jammer im wundervollen Inselpanorama der Südsee.

Dako lässt sich in 2 Stunden umlaufen; bewohnt ist ein etwa 500m langer Landstreifen, hinter dem der Urwald steil aufragt und zum rückwärtigen Steilufer abfällt. Freiwillig dringt Niemand in das Gehölz vor, zu groß ist die Angst vor Giftschlangen darin. Man schlägt zuweilen Holz an den Rändern ein und erntet die Kokosnüsse der wenigen Palmen im Umkreis. Das Holz wird zusammen mit den Nüssen in Catbalogan verkauft, wenn die Not dazu zwingt, das heißt: wenn es wieder einmal zu wenig Fische für die vielen kleinen Fischerboote gibt, die früher einmal den Lebensunterhalt der Familien sicherten.

Ich sitze neben der Tür an meinem Laptop. Nur hier habe ich einen Netzstecker. Entsprechend dieser Stromquelle thront die beachtliche Musikbox neben mir: 2 x 8000 Watt. Sie ist für diesmal ausgeschaltet, und ich genieße die Mittagsruhe. Rechts von mir, auf der Holzbank hält Opa ein Schläfchen. Ich schaue auf das Dorfsträßchen. Eine Mutter trägt ihr schlafendes Baby vorbei, von der anderen Seite kommt ein Junge, der sein kleines Brüderchen im Arm hält, hin und her schleppt: unermüdlich und liebkosend. Er stellt es auf seine kleinen Beinchen, spricht mit ihm, rollt ihm einen Ball zu. Er nimmt es wieder und wieder in die Arme, singt ihm einen Liedfetzen vor, streichelt es. An der Mole sitzt ein Alter und liest laut im Neuen Testament. Er liest und lächelt vor sich hin. Man nimmt keine Notiz von ihm. Er scheint wie ein Faktotum der Inselgemeinschaft, sitzt den ganzen Tag über mal hier, mal da und liest.

Der Hahn in seinem Gitterkäfig vor mir kräht und kräht. An der Hafenrampe hängt eine Frau die frisch gewaschene Wäsche auf. Neben ihr hockt eine Gruppe Jugendlicher. „Hei, John!“ rufen sie mir zu und lachen. Wie anders könnte denn Kommunikation funktionieren. Ich spreche ihre Landessprache nicht,und sie verstehen kein Englisch, außer: „o.k.!“ – „Morning!“ – „What’s your name?“

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Zwei Kinder kommen den Weg entlang und preisen laut den Verkauf von Papayas und Gebäck an. Gestern habe ich ihnen gebratene Bananen und eine Art Kreppel abgekauft. Heute muss ich vorsichtig im Umgang mit solchen Genüssen sein. Das gestrige Essen hatte „durchschlagenden“ Erfolg.

Simon ruft nach seinem Bruder, der gerade das Boot startklar macht. Wir werden heute, an meinem zweiten Urlaubstag hier, nach Catbalogan tuckern, um einzukaufen. Wir tun das täglich. Jedes Mal 5 kg Reis (immerhin 80 Cent das Kilo!), Gemüse, Kartoffeln (Kilopreis jeweils ca. 1.50 Euro, nicht also eigentlich billig) und Eier. Heute stehen auf der Einkaufsliste außerdem Süßigkeiten für mindestens zwei Dutzend Kinder rundum. Weihnachten steht ja vor der Tür, und dann ein Gürtel, den ich Simon zu kaufen versprochen habe. Sein alter Gürtel ist ausgeleiert. Er will kaum noch halten. Jovin bekommt natürlich auch einen.

Ich gehe aus dem Haus, hinter mir sammelt sich sofort eine Schar kleiner Mädchen, rufen mir nach, kichern, drängen sich herzu, und wenn ich mich umdrehe, rennen sie weg, um gleich wieder hinter mir her zu laufen. Wir steigen ins Boot. Eine der Tanten mit ihrem Enkelchen, Simons Schwester und drei Jugendliche, die wohl auch zur Familie gehören. Mit Simon und Jovin sind es also 9 Personen, auf dem Heimweg, „Simsalabim“ 11 Passagiere und viel Gepäck dazu. Das Schiffchen geht brav in die Knie. Einer der Jungen hat alle Hände voll zu tun, mit einer Blechbüchse fortwährend Wasser auszuschöpfen, denn der Wellengang ist erheblich. Ein nicht eben behagliches Gefühl, gleichsam in einer Nussschale in die Wellen zu tauchen. Unterwegs begegnet uns eine Personenfähre. Sie steuert eine entfernte Inselgruppe an und ist völlig überladen. Wenn jetzt ein stürmisches Unwetter… Ich denke den Einfall lieber nicht zu Ende. Es stürmt und regnet, ja schüttet allerdings hier fast jeden Tag. Ungewöhnlich für Dezember, sagt man, und der Alltag geht seinen Gang bis zum nächsten Unglück. Das letzte liegt jedenfalls gar nicht so lange zurück. Simon erwähnt es kurz und zuckt mit den Schultern. „Bahala na“, sagt man und meint damit: Es wird schon alles irgendwie gut gehen, oder: Gott wird es richten. Wir sind also diesmal heil zurückgekommen, sonst könnte ich meinen kleinen Bericht wohl nicht so gelassen eintippen.

Ich sitze auf dem Balkon, trinke meinen „Five o clock-Tea“ und mühe mich mit dem Ausbessern meiner schon an dutzend Stellen zernähten, mit Flicken dicht besetzten Hose. Die Karaokeklänge , die aus der Wellblechhütte gegenüber mein Nervenkostüm strapazieren und meine Nadelkünste versüßen gleichermaßen den herein brechenden Abend. Vollmond tritt in den schwarzen Nachthimmel und immer noch „Tecno, tecno!“ Das wird schließlich sogar ihm zu viel. Er stopft sich eine schwarze Regenwolke in die Ohren und –es ist kaum zu glauben- der Himmel zeigt Erbarmen und schickt noch vor dem nächsten Regenguss … einen Stromausfall. Stille, wie von Zauberhand. Für mehr als eine Stunde. Ich genieße die Stille um mich. Sanft plätschern die Wellen an die Mole. Eine Gruppe von Philippinos sitzt neben dem Herdfeuer, auf dem Reis und Gemüse dem Abendessen entgegen bruzzeln. Sie haben eine Kerze in ihrer Mitte aufgestellt, eine leise Melodie summt in die Nacht, wandert mit Kichern und Schwatzen gemischt rundum. Draußen in der Ferne leuchtet Strom gefüttert  die Silhouette der Küste von Catbalogan. Stromausfall also nur hier, dem kleinen vor gelagerten Eiland. Widerstreit der Gedanken und Gefühle: Segen und Fluch technischen Fortschritts. Auch ein bisschen Häme sitzt mir im Nacken: Strafe muss schließlich sein.

Der Mond hat sich wieder hervor gewagt und begleitet Simons Lebens-geschichte. Wir sitzen auf einer Holzplanke am Hafenrand, und er erzählt: vom Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat. Simon war 5, sein jüngeres Brüderchen 3, die ältere Schwester 7 Jahre alt.  Er hat nie Unterhalt gezahlt, sich nie mehr gemeldet, und Mutter musste die Familie irgendwie durchbringen, war trotz hilfreicher Verwandtschaft überfordert, erlitt einen Schlaganfall nach dem anderen. Der vierte brachte sie vor nunmehr 3 Jahren nach langem Koma um. Simons Bruder Jovin versucht sein Glück in der Fischerei, die Schwester kümmert sich ums Haus, hier in Bako, und Simon lebt, wie schon beschrieben, bei seiner Tante, der Frau meines Gastgebers Karl-Heinz, in Cebu. Der Kummer sitzt tief. Noch immer.

Der Friedhofsbesuch am nächsten Morgen bleibt mir in Erinnerung. Hohe nackte, graue, beschmierte Betonwände, besetzt mit den verschiedenen Grabtafeln ziehen sich entlang eines schmalen, schlammigen Müllpfades. Zugang zu diesen Gräbern und den Wellblechhütten daneben. Wäsche hängt zum Trocknen, Kinder spielen mit Stecken und alten Fahrradreifen. Wir kämpfen uns durch Pfützen und Dreck. Simon weint wie ein kleines verlassenes Kind, als wir schließlich vor der Gedenktafel stehen, und er mit zittrigen Fingern drei Kerzen auf dem Sims befestigt und angezündet hat. Die Mutter fehlt ihm, seinen Vater hasst er noch immer, dahinter aber schimmert die Perspektivlosigkeit eines jungen Menschen. Das Boot, mit dem Jovin mit mäßigem Erfolg zu fischen sucht, ist eine alte, brüchige Sperrholzkiste, der Motor hat mehr als 20 Jahre auf dem Buckel, und dieses Nussschalenensemble gehört ihm noch nicht einmal. Es ist Eigentum eines der vielen Onkels, der –wie schon erwähnt- seinen Teil von jedem Fang einfordert. Sicher zu Recht. Die Großfamilie hält ja zusammen. Was bedeutet das aber für die berufliche Zukunft eines 18- und eines 20Jährigen, die nichts anderes gelernt haben, als zu fischen?
 
 

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„Im Januar und Februar ist Saison. Da gibt es mehr Fische!“, sagt Simon. Dazu müssen ein neues Boot, ein neuer Motor und neue Netze her. 1 km Schleppnetz ist das mindeste hier. Zur Verfügung stehen aber nur 3oom, und die sind rissig, tun ihren Dienst nur unvollkommen. Folgerung: Ich werde den Brüdern das Er-forderliche kaufen und meine Reiseansprüche und –ziele entsprechend reduzieren. Ich muss das tun: Hilfe wie in Indien, so auch hier. Meine langen Winterreisen nach Asien verfehlen sonst ihren inneren Sinn.
 
 


 

Zu Gast bei Karl-Heinz in Cebu

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Ja ich bin wirklich gut untergebracht: in einem großen sauberen Zimmer mit ac-Belüftung, mit Kühlschrank sogar und heißer Dusche: zuweilen angenehm trotz hoher Außentemperatur. Karl – Heinz, seine beiden Angestellten und Simon kümmern sich rührend um die Gäste. Ein Deutschamerikaner hat sich im Zimmer nebenan einquartiert. Ein Automat im Hof spendet eiskaltes gutes Trinkwasser, zudem heißes Wasser zur Kaffee- und Teebereitung. Morgens werden Brötchen angeliefert und mehr als einmal stehen eine warme Suppe oder ein Reisgericht bereit. Einfach nur so: aus Freundlichkeit, ohne Bezahlung. Mein Freund Karl-Heinz –so darf ich nach den ersten beiden Wochen schon beinahe sagen- beherrscht als professioneller Pfälzer Gastwirt die Herstellung echter Pfälzer Leberwurst und saurer Gurken, je 1 Glas auch für mich. Ich genieße die Köstlichkeiten. Kaufen könnte man so etwas hier nicht. Ich bin also ausgezeichnet aufgehoben in meinem sommerlichen Winterquartier…. und morgen werden wir im Hause seiner Schwiegermutter Weihnachten zusammen feiern. Ja, KH ist nicht nur mit wichtigen Persönlichkeiten der Stadt bekannt, sondern auch verwandt. Seine Tochter Lisa, ebenfalls mit bestem Pfälzer Dialekt begabt und mit dem Sohn der Frau Bürgermeister verheiratet, erwartet zudem ein Kind. Zwei Tage vor dem Fest kommt ihr Töchterchen auf die Welt: ein fast ein Christkind also. Weihnachten wird zum Doppelfest!

Die Schwiegermama ist Vizebürgermeisterin von Cebu. Nicht nur Verwandte, sondern viele Freunde hat sie zu sich eingeladen. Wir sind etwa 30 Gäste. Ich darf zusammen mit einem Pensionsnachbar, einem deutschstämmigen Amerikaner, teilhaben.

Die Vorweihnachtszeit hier im Land unterscheidet sich nicht von deutscher geschäftsseliger Betriebsamkeit. „We wish you a merry Christmas“ – voll Rohr aus allen Lautsprechern, und der 24. und 25. Dezember gehört -wie bei uns- der Familie. Der geistliche Beweggrund für das Fest scheint keine Rolle zu spielen. Von Gottesdienstbesuch war jedenfalls keine Rede. Dafür leuchten als zwei überhelle Sterne gutes Essen und Krach ohne Ende. Selbst die Ärmsten zünden Raketen und Knaller aller Art, nicht nur zu Silvester also. Ob man damit böse Geister vertreiben will? Ich weiß es nicht. Ich habe nur erlebt, dass sich unser Taxi auf der Heimfahrt, weit nach Mitternacht durch dichte Rauchschwaden, der gezündeten Feuerwerkskörper hindurch kämpfen musste. Der Tecnosound, in hundertfacher Überlagerung aus allen Häusern dröhnend, ließ schließlich mein Nervenkostüm platzen, da sich unsere lieben Nachbarn nicht bereit fanden, die Lautstärke gegen 1 Uhr in der Nacht auch nur ein wenig herunter zu regeln. Ich schleuderte schließlich einen Plastiksessel, den man mir zum Mitfeiern anbot, mit großer Wucht zu Boden und schäme mich im Nachhinein etwas dafür. Die stampfenden Bässe wurden mir nur eben im Augenblick unerträglich. Fest der Liebe! „Make peace not war!“ brüllte ich in das Getöse und konnte mich einfach nicht mehr beherrschen. Wo liegen die Grenzen der Notwendigkeit zur Anpassung an fremde Sitten?!

Vom Festessen im Hause unserer Gastgeberin will ich noch erzählen. Die Tafel in ihrem Haus bog sich. Ich will die vielen Pasteten, Saucen, Salate und Fleischplatten, Süßspeisen und Kuchen nicht aufzählen. Nur das arme Spanferkel (das mir übrigens gar nicht schmeckte) als dekorativer Mittelpunkt der Tafel sei erwähnt. Und dann hatte unsere Gastgeberin doch tatsächlich Angst, es könne nicht reichen. Am Spätnachmittag kam jedenfalls ein telefonischer Hilferuf, der KH ermunterte, „auf die Schnelle“ 2o Jägerschnitzel zuzubereiten, zwei Riesenschüsseln mit Kartoffelsalat (nach schmackhafter deutscher Art) und Nudelsalat standen sowieso schon zum Transport bereit.  Nach dem opulenten Mahl stieg die Dame des Hauses über einen Riesenberg von Geschenken um den grell geschmückten Tannenbaum zu ihrem Sessel, griff zum Mikrofon und beorderte jeden Anwesenden zu sich nach vorne, um ein Geschenk zu überreichen. Selbst mein „Mitpensionär“ und ich, wir beiden so ganz unbedeutenden Gäste, waren nicht ausgenommen. Einen feinen Laserkugelschreiber besitze ich nun. Es sei auch ausdrücklich erwähnt, dass Lisas Ehemann zu Beginn ein Gebet sprach und dies auf dem Hintergrund eines starken sozialen Engagements für arme Bevölkerungsgruppen jenseits aller weit verbreiteten Korruption in Politik und Verwaltung. Als Weihnachtsgeschenk für arme Mitmenchen hat sie, wie ich höre, 12 Schweine schlachten und verteilen lassen. Ihr hohes Ansehen und ihre allgemeine Beliebtheit spiegeln sich darin.
Trotz Tecno und Feuerwerk wird mir nicht zuletzt in ihrer starken Persönlichkeit Weihnachten in heller Erinnerung bleiben.

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Am nächsten Morgen bekommt „Blueboy“ ein kleines Geschenk von mir. Es ist der 6jährige Sohn einer entfernten Verwandten aus Darahuway-Dako, der im Hause von KH erzogen wird. Ich habe ihm zu Weihnachten eine kleine Rennbahn gekauft.. Batterie getrieben sausen kleine Autos über eine verschlungene Achterbahn. Indem der Junge damit spielt, wird er selbst zum Rennfahrer, lebt ohne Änsgte der Reflexion im „Hier und jetzt“ und damit „ganz“ – auch ohne Rennbahn, wenn er auf dem Teppich in meinem Zimmer von Blume zu Blume hüpft und jauchzt. Ich hatte das Blumenmuster nicht einmal bemerkt, aber ich rieche mich in diesem Augenblick unter den Fliederbusch meiner eigenen Kindheit. So liebe ich es auch, den Kindern zuzuschauen, die im Sand die Häuser und Städte ihrer Phantasie zeichnen, mit Muscheln und Steinchen bevölkern. Die Kindheit ist das große Geheimnis des Menschseins. Wenn Boyblue, den alle um seines Lachens willen so nennen, mein Zimmer kehrt oder das Wasser von der Treppe wischt, er so tut er das mit dem Ernst eines Erwachsenen, von dem er solche Verrichtung abgeschaut hat, aber er ist ganz Kind darin, und ich scheue mich fast, ihm dabei zuzusehen. Kindlichkeit ist unberührbar und darin vollkommene Schönheit der Seele. Einmal habe ich ihm Schokolade zur Belohnung geschenkt, und er hat sich gefreut. Wenn ich es zu oft wiederholte, würde es ein Bewusstsein nähren, das „wenn… dann“. Es wird ihm früh genug von Erwachsenen vermittelt und schließlich seine Kindlichkeit stehlen. So sitze ich viel lieber auf meinem Stuhl oder der Bettkante und schaue ihm zu, wie er in die Farben des Blumenteppichs hüpft oder mit Motorgebrumm in der Stimme seine Rennautos flitzen lässt. Die eigentliche Kommunikation, die ihn oft in meine Nähe bringt, besteht im Nichtreden, aber immer im Lächeln. Nur darin, von Auge zu Auge und in der Seele, erspürt sich Liebe.
 
 
 


 

Audienz beim Bischof von Catbalogan

Arm und reich liegen überall auf der Welt dicht beieinander. So auch auf den Philippinen, in dem kleinen Hafenstädtchen Catbalogan, inmitten der Visaya-Inselgruppe. Nun, Armut liegt -weithin sichtbar- auf jeder Straße. Täglich werde ich mit seinen vielfältigen Erscheinungsformen konfrontiert.

Heute nun, an einem höchst denkwürdigen Reisemorgen, von dem ich berichten will, wird mir ein Blick ins Paradies zuteil, wenn auch nur indirekt: ein Blick in die goldenen Sphären kirchlichen Glanzes. Ich werde im Hause eines Bischofs frühstücken.

Mein Gastgeber in der Hauptstadt Cebu, de deutsche Gastronom KH. hat mir für meinen Ausflug nach Catbalogan eine Empfehlung mitgegeben. Er kennt den dort residierenden Bischof. Viele Jahre zuvor hat der ihn mit seiner philippinischen Frau, die von einer kleinen Insel vor Catbalogan stammt,  getraut. Daraus folgt nun unverhofft und wohl unverdient die Einladung zum Besuch seiner Hochwürden, Monsignore Most Rev. Maximiano Tuazon Cruz, D.D., S.T.D. Er wird mir eine Audienz gewähren. Die Bedeutung der Buchstaben hinter seinem Namen kenne ich nicht, sie unterstreichen wohl seine außerordentliche Hoheit. 88 Jahre ist er alt und residiert mit seinem um 10 Jahre jüngeren Bruder, einem ebenfalls katholischen Priester, in Catbalogan. Beide erwarten sie mich also heute. Wie wird man mich empfangen in meinem etwas zerknitterten Hemd und den geflickten Jeans?!

Mit einem Tricycle fahre ich hinauf in die Hügel, die sich um die Stadt schmiegen: in kühlere Luft und feinere Lebensart. „Ja, Grund und Boden sind hier recht teuer“, bestätigt meine Begleiterin, der ich meine Vermutung äußere.  „Seine Residenz liegt wirklich sehr hübsch“, fügt sie lächelnd hinzu. Sie ist das Faktotum der Pfarrei, pensionierte Lehrerin und anscheinend so etwas wie Bindeglied zwischen Hochwürden und Gemeinde. Ein Bediensteter wartet schon, öffnet das schmiedeeiserne Tor, durch das wir den Kiesweg hinauf fahren, zum Portal der Villa. Eine Angestellte mit weißem Spitzenhäubchen, schwarzem Kleid und weißer Kittelschürze bittet uns herein, und wir betreten die geräumige Vorhalle. Wir durchschreiten sie (hier geht man ja nicht einfach so) zur überdachten Terrasse und treffen zunächst auf den Bruder, einen hageren alten Herren mit altersgerecht zerknittertem Gesicht und einem jovialen Lächeln auf den Lippen.

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Er sitzt am reich gedeckten Frühstückstisch, auf den immer noch mehr Köstlichkeiten aufgetragen werden und weist mit freundlich ausladender Geste auf die Umgebung. Ich bestaune einen riesigen, sorgsam gehegten Park zur Linken, da seine Magnifizenz spazieren zu gehen pflegt und den großen überdachten swiming-pool zur Rechten, da die Brüder gegen Abend zuweilen baden. Meine Begleiterin führt mich ins obere Stockwerk mit mehreren Schlaf- und Wohnräumen: „auch für Gäste“, wie sie bemerkt und zum Balkon mit herrlicher Panoramasicht auf Stadt, Meer und Landschaft. Wir steigen wieder nach unten zur Halle, die sich links zu einer fast barock anmutenden Privatkapelle öffnet und rechts, dicht hinter der Frühstücksterrasse, auf das Musikzimmer weist. Monsignore spielt Klavier. Ja, nach dem Frühstück wühlt er tatsächlich eigenhändig walzerähnlich in den Tasten und lässt nicht locker, bis ich -als Pianist angekündigt- ebenfalls meinen klassischen Beitrag leiste. Ich habe zum Glück Schumanns „Kinderszenen“ im Kopf. Zunächst bestaune ich aber die Fülle von Nippes und Fotografien auf der kostbaren Flügeldecke; Fotos, die mir dann während des Frühstücks von Bediensteten einzeln gebracht und erklärt werden. Damit eile ich den Ereignissen nun etwas voraus.

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Meine staunende Betrachtung dieses Gesamtkunstwerkes mündet zunächst einmal in den Auftritt der Hauptperson.

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In weißem Ordenskleid, behangen mit goldenem Kreuz und dicken Ringen an den Fingern schreitet er die Treppe hinunter. Gnädig goutiert er Handkuss und Knicks meiner Begleiterin, nickt seinem Bruder freundlich zu und bittet, Platz zu nehmen. Dass ich die dargebotene Hand -auch bei der Verabschiedung- nicht geküsst habe, vielmehr herzlich schüttele, übergeht er würdevoll, so will es scheinen. Er bittet also, sich zu setzen, und das Festmahl mit Kaffee, mit Früchten, Wurst, Brötchen, Heringen und allerlei feine Beilagen beginnt. Wie gut, dass ich noch nichts gegessen habe an diesem Morgen. Ich lasse es mir schmecken und muss mich um Unterhaltung nicht sorgen. Herr Maximiano Tuazon redet und redet, ohne viel nach mir zu fragen. Ich erfahre so Manches aus seiner Zeit als Seelsorger, betrachte angemessen ehrfürchtig viele Fotos, die ihn mit dem Papst zusammen zeigen: auch aus der Zeit des gemeinsamen Studiums in Rom, da Seine Heiligkeit noch nicht auf dem „heiligen Thron“ saß. Dann bestaune ich die vielen Kassetten mit klassischer Musik, wobei die reiche Walzersammlung hervorsticht. Sein Gemüt badet also zuweilen in den Niederungen klassischer Tanzmusik, da ich doch eher Orgelwerke und Gregorianik vermutet hätte. Es sei zu seiner „Ehrenrettung“ vermerkt, dass er auch geistliche Werke schätzt, z.B. die „Deutschen Messen“ von Schubert.

Ich nehme den Wunsch meines Gastgebers entgegen, alle diese Kassettenaufnahmen auf CD zu besitzen. Er äußert seine Vorstellung davon sehr bestimmt, wie ein höchst selbstverständliches Anliegen, und ich notiere ergeben alle Titel. Ich möge ihm auch ein Tastentuch schicken, um die Tastatur seines Flügels vor Staub zu schützen. Ich nicke auch dazu. Wer könnte einem Bischof solche bescheidenen Wünsche abschlagen.
Irgendwann am späteren Vormittag geht die Audienz zu Ende. Wir werden huldvoll entlassen. Es bleibt festzuhalten: Kein sichtbares „Naserümpfen“ über mein doch etwas dürftiges „Outfit“. Ich schlendere zum Hafen und warte zwischen Heringskisten und Bananenverkäufern auf mein Boot. Die Welt hat mich wieder.

„Woher stammt das viele Geld zum Unterhalt so fürstlicher Hofhaltung,  frage ich Karl-Heinz nach Rückkehr in Cebu. „Die kleinen Leute zahlen das“, antwortet er mir. „Es gibt ja keine Kirchensteuer, also auch keine Altersversorgung kirchlicher Würdenträger“, fährt er fort. „Doch die Spenden fließen reichlich. Eine mittelständige Trauung kostet schon mal etwa 25000 Pesos (ca. 500 Euro), wenn auch „under the table“. Was im politischen Tagesgeschäft funktioniert, läuft auch im kirchlichen Bereich „wie geschmiert“. Karl-Heinz hatte einmal Einblick in das Sparbuch seiner Hochwürden. Für einen Spendenaufruf sollte er die Kontonummer notieren, da fiel ihm der Kontostand von mehreren Millionen Pesos in den Blick. Ja, so scheint es zuzugehen in der Verbindungswelt zwischen Erde und Himmel. Ich werde –in guter Erinnerung dieses Vormittags- trotzdem eine gehörige Portion Walzerseligkeit auf CD kopieren und zusammen mit einigen Schubert-Messen und einem Tastentuch auf die Reise ins ferne Catbalogan schicken.
 


 

Auf Bantayan-  christliche Tradition

Wo sind die traumhaften Strände und azurblaues Meer hier auf den Philippinen? Mit anderen Worten: Was Catbalogan und Darahuway nicht zu bieten hatte, muss doch irgendwo auf diesem in allen Reiseprospekten farbig gepriesenem Inselreich zu finden sein! „Natürlich!“ sagt Karl-Heinz, gar nicht so weit von hier. „Fahr ein paar Tage nach Bantayan. Da findest du, was du suchst!“ „Es ist so schön dort, da willst du nie mehr weg“, ergänzt sein Schwager.  Also mache ich mich auf den Weg. Die 3stündige Busfahrt ist nicht besonders komfortabel, weil mein korpulenter Sitznachbar schnarchend seine dicken Schenkel zu mir hinüber schiebt und so nur meiner rechten Pobacke festen Halt schenkt. Sei’s drum! Ich träume von ein paar sonnigen Tagen am Meer und halte durch. Ankunft am Hafen gegen 14 Uhr. „Die Fähren gehen stündlich“, hatte mir Karl-Heinz gesagt, und er muss es ja wissen. Sein Schwager, der mir den Mund wässerig gemacht hatte, besitzt ein Häuschen auf der Trauminsel.

„Where to buy tickets? Ich suche den Fahrkartenschalter. Ein stattlicher Seebär lächelt mich freundlich an. „No boat to day, the waves are too high!“ Ich bin erschrocken und wundere mich zugleich. Glatt und brav kräuseln sich die Wellen vor meinen Augen. Es regnet allerdings schon se it Stunden. Die Wetterbedingungen in St. Fé, dem Hafen von Bantayan, machen ja vielleicht tatsächlich eine Anlandung unmöglich. Was ist zu tun? Ich verzehre erst einmal einen gebratenen Hähnchenschlegel, trinke eine Cola und zünde mein Pfeifchen an. Vier Belgier sitzen mit am Tisch. Sie werden ein Privatboot mieten und würden mich gerne mitnehmen. 10 Personen haben darauf Platz. Der Preis wäre dann erschwinglich. Es findet sich allerdings kein weiterer Interessent. Das Angebot ist zwar verlockend, doch effektiv zu teuer. Ich sage ab. Man bietet mir ein Zimmer an. Viele Zimmervermittler sind auf dem Plan. Fast erscheint mir das mit den ausfallenden Booten so etwas wie eine gute Geschäftsidee. Ich zögere, und dann sickert durch, das nun doch ein Schiff fährt: um 3 Uhr in der Nacht. Ich beschließe zu warten, und der Kampf gegen die Müdigkeit beginnt. Zusammen mit etwa 150 Leidensgenossen versuche ich, es mir auf einer der schmalen Sitzbänke der Fähre bequem zu machen. Ich höre Laptop gespeicherte Musik, bis die Batterie leer ist, esse einen weiteren Hähnchenschlegel, trinke ein paar Schlucke Rum aus meinem Vorrat im Gepäck, versuche zu schlafen. Geht nicht. Die Bänke sind allzu schmal. Der Fernseher läuft. Amerikanische Kriegsfilme in Serie und dann überraschend ein ausgezeichneter Streifen „Escape from Sobibor“: ein bewegendes Stück unseliger deutscher Geschichte, vom Überlebenskampf der Häftlinge im Konzentrationslager Sobibor. Mittendrin kommt ein Maat und schaltet den Fernseher aus. Warum, weiß Niemand. Protest nutzlos. Ich gehe auf dem Hafenvorplatz spazieren. Dauer-Nieselregen als Begleiter. Die Zeit schleicht vor sich hin.

..Ich inspiziere das Schiff, lande, von lautem Klopfen gelockt, im Maschinenraum und entdecke schlagartig den wirklichen Grund des „No go!“ Nicht das aufrührerische Meer ist der Grund (wie mir Inselbewohner später bestätigen), ein handfester Maschinenschaden hindert den Transport. Der Motorblock, an Ketten aufgehängt, offenbart sein öldurchtränktes Innenleben. 3 Mechaniker sind eifrig am Werkeln.
Machen wir es kurz: Abfahrt um 3 Uhr? Nein, wir fuhren gegen 4.30 Uhr ab: mit einem Ersatzboot, in das man uns umzusteigen bat.
Nun habe ich also im Inselparadies Bantayan für 1 Woche mein kleines Zelt aufgeschlagen: ein Zimmerchen, Toilette und Kaltdusche außerhalb. Nicht zu verachten die Küche mit Gaskocher und einem Spender für heißes und kaltes Wasser in Trinkqualität. Die Resorts, die sich am Strand aneinander reihen sorgen sich um Müllentsorgung. Das Meer können sie aber wohl nicht sauber halten. Das Wasser ist durchgehend mit Plastik gepflastert, und dann scheine ich für meine Urlaubstage den Regen gepachtet zu haben. Schwimmen in den kurzen Schauerpausen unter stets dichtem, schwarzem Gewölk. Man gewöhnt sich daran. Ich schlängele mich zunehmend gelassen zwischen Zigaretten-schachteln und Safttüten durch die sanfte Brandung. Wenigstens keine Sonnenbrandgefahr, denke ich. Angenehm kühler Wind weht mir um die Nase und ungesund fächelnde Fankühlung bleibt mir auch erspart. Die wenigen Straßen von St. Fé sind rasch erkundet, eine günstige Straßen „Eatery“ (so nennt man das hier) ist gefunden und auch ein geeigneter „Tante Emma-Laden“ für den Tagesbedarf an Lebensmitteln. Schwierig bleibt –so wie in Cebu- der rechte Umgang mit Tricyclefahrern. An jeder Ecke lauern sie auf Kundschaft und können nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die gerne ihre eigenen Füße benutzen möchten. Es sind eben zu viele Fahrzeuge. Jeder Tourist (es sind zur Zeit nicht viele) müsste 5 solcher Fahrradrikschas gleichzeitig benutzen, um die Fahrer finanziell zufrieden zu stellen.

Trotz Daueranmache: „Hallo Mister!“ bin ich gestern Nachmittag eine halbe Stunde gemütlich zum Hafen gewandert und habe eine Prozession zum Fest des „Hl. Antonino“, das man am Wochenende feiert, als Videoclip auf meine Digitalkamera gebannt. Am Hafen traf ich auf Rudolpho, den Hafenmeister, der mir seine Computer gespeicherten Familien-bilder vorführte, seine spanischen Wurzeln, auf die er stolz ist, bis zum Urgroßvater zurück erklärt, vor allem aber ausführlich von seiner geliebten Tante erzählt, die 30 Jahre als Krankenschwester in der Nähe von Stuttgart arbeitete und jetzt im Rentenalter eine nicht unvermögende Dame rund um die Uhr betreut. Nach zwei gescheiterten Ehen lebt sie nun mit einem Freund zusammen und kümmert sich auch um dessen 10 und 12 Jahre alten Kinder. Sie besitzt neben der philippinischen längst die deutsche Staatsangehörigkeit und es geht ihr offenbar gut in Deutschland. Rudolpho wird sie im Oktober besuchen. Es geht ihr also gut und doch zieht es sie mit starker Macht zurück in ihre philippinische Heimat. Vor allem die langen kalten Winter machen ihr im Alter von nunmehr 67 Jahren zunehmend zu schaffen. Wir stehen auf dem Hafenvorplatz und reden länger als wohl 1 Stunde in gegenseitiger Sympathien miteinander.

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„Was hat es eigentlich mit dem Fest des Hl.Antonius auf sich?“ frage ich ihn schließlich noch, um meine gerade aufgenommenen Prozessionsbilder besser einordnen zu können. „In diesem Heiligen berühren wir die Wurzeln katholischer Religion in unserem Land. In Europa ist religiöses Leben ja weithin säkularisiert. Wenn meine Tante einen katholischen Gottesdienst besucht, dann mit 8 oder 10 Menschen zusammen. Die Kirchen sind leer. Hier aber ist die katholische Religion so fest in der spanischen Tradition verankert, wie in keinem anderen Land Südostasiens, und die Kirchen sind voll.
Ja, die Spanier brachten 1521 ein Bild des Heiligen als Geschenk für die Königin der Eingeborenen nach Cebu. Hier hat es eine wundersame Geschichte durchlebt. Zunächst fand man es nach dem Brand der Kirche, in der es aufgestellt war, unversehrt. Die Kirche selbst war völlig zerstört. Später nahmen spanische Conquistadores das Bild zurück nach Spanien, doch wiederum ‚o Wunder!’: Das Bild verschwand und befand sich plötzlich wieder in Cebu. In Senor St.Nino verehren wir das Heilige Jesuskind, nun bald 500 Jahre, immer Mitte Januar. Sie sind Protestant, Sie glauben nicht an Heilige“, fügt er hinzu, „aber für uns sind die Heiligen –und besonders St.Nino, Mittelpunkt des katholischen Glaubens. Gegen die ‚Amtskirche’ haben wir große Vorbehalte, aber wir sind tief religiös.“ Indem ich an den Luxushaushalt des Erzbischofs Maximiliano in Catbalogan denke, der seinen Lebensstil mit den Spenden der armen Bevölkerung finanziert, und auch an unsere anfechtbaren Kirchenstrukturen in Deutschland und weit über Europa hin, muss ich lächeln. Ich verstehe Rudolphos Ansichten gut. Etwas provokatorisch frage ich ihn noch, ob die Philippinos denn auch die Spanier lieben, die ihnen ja über Jahrhunderte kulturelle Werte vermittelt haben. „Nein!“ antwortet er, und ich bin nicht überrascht. Der Aufstand gegen die spanische Okkupation zum Ende des 19.Jahrhunderts, der sich für weitere 50 Jahre gegen die amerikanische Besatzung richtete, hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Philippinos sind – bei allen Ängsten vor der jetzigen, offenbar korrupten und restriktiven, Politik der herrschenden Klasse –ein stolzes Volk, und die Kraftquelle ihrer Existenz schöpft aus ihrer katholischen Glaubenshaltung.

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Ich fahre zurück nach Cebu und sehe vor der „Mall“, einem großen Kaufhaus zum ersten Mal ein „Original-Jeepney“ (oben rechts). Die normalen Jeepneys, mit denen man mittlere Strecken bewältigt, sind eigentlich nur alte VW-Busse, in die man bis zu 16 Fahrgäste stopft. Die echten, grell bunt bemalten Originale baute man ursprünglich auf der Karosserie eines der Jeeps, die von den amerikanischen Truppen nach ihrem Rückzug 1946 im Land gelassen wurden. Man sieht sie heute nur noch selten im Straßenverkehr, sie gelten aber so etwas wie ein nationales Symbol. Die Eindrücke meines Ausflugs nach Batayan runden sich. Die Philippinen sind mir ein gutes Stück näher gerückt.


 

Meine Kakerlake "Susi"

Auf einer weißen Fliese des großen sauberen Badezimmers empfängt sie mich: Susi die Kakerlake aus der Familie „Blatta orientalis“, besser bekannt als „Große amerikanische Küchenschabe“. „Guten Abend!“ sage ich. „Guten Abend! Was machen Sie in meinem Badezimmer?“ Keine Antwort. Meine Freundin ist mit einem Tabakkrümel beschäftigt, der sich in eine Ecke hinter der Toilette verirrt hat. Immerhin unterbricht sie ihre Tätigkeit, sitzt einfach da: sitzt unbeweglich da und vielleicht auch ein bisschen ärgerlich, dass ich sie gestört habe. Für Minuten starren wir uns gegenseitig an; um ehrlich zu sein nicht gerade wie Freunde. Ängstlichkeit steht zwischen uns. Ich denke an Angriff, sie wahrscheinlich an Flucht. Dass sie an Flucht denkt, vermute ich natürlich nur, denn zu ihrem Gehirn habe ich ja keinen direkten Zugang, aber es ist wohl überall und immer im Leben so. Der Stärkere wird vernichten, der Schwächere versucht, dem zu entgehen, und ganz natürlich bin ich der Stärkere. In mein Körpervolumen hätten wohl mehr als 5000 Küchenschaben Platz. Fürs erste überlege ich, was zu tun ist. Vielleicht ist Ihnen ja aufgefallen, dass ich sie „Susi“ genannt habe, dass ich ihre Existenz als die eines Weibchens festgelegt habe. Könnte es nicht auch ein „Edgar“ oder Walter“ sein, ein Männchen mithin. Nein, meine Festlegung auf „Susi“ ist ganz sicher richtig, auch wenn meine „Unfreundin“ sich nicht vorgestellt hat. Es gibt im menschlichen Bereich zwar bisweilen in gewissem Alter ein Verwechslungspotential zwischen Knabe und Mädchen, und ich habe das gestern in einer lustigen Straßenbegegnung selbst erlebt, aber bei Kakerlaken erkennt man das Geschlecht auf den ersten Blick. Männchen sind kleiner, eher bräunlich, und sie haben Stummelflügel, ohne allerdings damit fliegen zu können. Meine Susi ist größer, schätzungsweise 30mm lang, kohlrabenschwarz mit dünnen langen Fühlern, die jetzt nach meinem rechten Fuß tasten, und das erscheint mir ein wenig dumm. Es ist, als ob der Delinquent die Schärfe des Henkerbeiles prüfen wolle. Ich bewege meinen Fuß einige Zentimeter auf sie zu. Blitzschnell löst sich Susi aus ihrer Starre und schießt in die gegenüber liegende Ecke des Badezimmers unter den Waschtisch. 1,5m pro Sekunde: eine beachtliche Geschwindigkeit! Ich habe mich im Internet kundig gemacht und kenne daraus auch die wissenschaftliche Bezeichnung: „Blatta orientalis“ oder „Amerikanische Küchenschabe“, im Gegensatz zur sehr viel kleineren „Blatella germanica“. Ich glaube allerdings nicht, dass sich die Tierchen an ihren Kontinent gebunden fühlen. In indischen Billigabsteigen tummeln sich nämlich meist deutsche Kakerlaken im Schmutz von tausend Winkeln und Ecken, vor allem unter Betten, während sich mein amerikanisches Prachtexemplar an meinem Standort hier auf den Philippinen angesiedelt hat. Ein Luxusweibchen, denke ich: gehobene Ansprüche an Stil und Wohnqualität. Mein Appartement ist –wie schon geschildert- groß und blitzsauber: Komfort vom Feinsten.

Kakerlaken besiedeln beinahe die ganze Welt, außer der Arktis und Antarktis. Da ist es ihnen wohl zu ungemütlich kalt. Gemütlich oder ungemütlich: Fest steht, dass sich Susi wohl in ihrem Quartier fühlt, das sie aber nicht ganz rechtmäßig bewohnt, geht es mir durch den Kopf, indem ich meinen rechten Fuß wieder in ihre Nähe taste. Sie zahlt ja noch nicht einmal Miete und frisst schamlos meine teuren Tabakkrümel, erwischt wohl nachts auch das eine oder andere Brotrestchen. Bleiben wir bei der Realität: ein Riesenfuß auf der einen, blitzschnelle Fluchtreflexe auf der anderen Seite. Was ist zu tun? Ich stehe barfuß (ja, ich gestehe: nackt) vor dem schwarzen Ungeheuer. Eine zerquetschte Küchenschabe auf nackter Fußsohle, sofern ich Susi überhaupt erwische, nein! Das widerspricht der mir angeborenen Ästhetik. Ich bewaffne mich also zunächst mit meinen Sandalen, die an der Außentür parken, und wende mich dann wieder meinem Feind zu. Ich kann in der Tat meine feindliche, ja aggressive Grundstimmung nicht verheimlichen. Jagen und tot treten heißt deshalb die Devise. Die Jagd beginnt. Nach nur 5 Minuten gebe ich entnervt auf. Susi ist einfach zu schnell, und ich schwitze trotz meiner Nacktheit fürchterlich. Außerdem fürchte ich, dass Susi trächtig sein könnte. Hunderte Kakerlakeneier, von meiner Sandale zerquetscht überall im Zimmer. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon tausend neue kleine Schaben um mich her: eine schreckliche Vision.

Ich ändere meine Taktik, setze auf meinen Intelligenzvorsprung. Sie können mit mir aufatmen und sich vielleicht in ähnlicher Situation auf meinen Einfall besinnen. Eine leere Seifenschachtel auf dem Waschtisch und ein Küchenlappen wurden zu meinen Werkzeugen. Susi hielt die Schachtel wohl für ein gutes Versteck. Lappen drauf und ins Freie rennen, Susi in ein Blumenbeet gegenüber schütten, das waren meine Aktionen von Sekunden. Dass sie ins Zimmer zurückfand, ist allerdings nicht auszuschließen. Als ich gestern Abend, in einen Kriminalroman vertieft, auf dem Bettrand saß, flitzte sie unter meinem Bett hervor, um gleich wieder zu verschwinden. Kakerlaken sind lichtscheue Wesen, und ob es Susi tatsächlich war, die mich im Bett besuchen wollte, lässt sich nicht eindeutig ermitteln. Vielleicht war es auch eine Tochter oder Schwester oder… Ich werde wohl weiter mit ihnen leben müssen. Sie sind so zäh, sagt man, dass sie selbst den Atombombenangriff auf Nagasaki überlebt haben. Solchen Überlebenskünstlern sollte man schließlich auch eine gewisse Hochachtung nicht versagen.

NB. Der Vorfall hat sich wiederholt. Wo kommen diese Biester nur in mein klinisch sauberes Badezimmer? Diesmal konnte ich meine Freundin sehr rasch im Papierkorb fangen und nach draußen befördern. Ruhe als an der Front… bis zum nächsten Mal?
 


 
 

Ein Lob dem Zuckerrohrschnaps - eine Fabel

Das Lämmchen, seit kurzem erst der Muttermilch entwöhnt, stakte den Weg entlang und strebte dem nahe gelegenen Pub zu. Es wollte sich ein Gläschen Rum genehmigen. Der schmecke süßer als Milch und mache ungeheuer stark, hatte man ihm gesagt. Es wollte sehr gerne so schnell wie möglich stark werden, und genießen wollte es auch. Es reckte sich also, denn es war noch klein, stellte seine Hufe auf den Tresen und blökte dem Wirt seinen Wunsch. Der Wirt war, wie könnte es anders sein, der böse Wolf höchst persönlich, mit weißer, über den Bauch gebundener, Schürze, einem roten Käppie auf den Ohren und geschäftstüchtig lächelndem Blick, hinter dem sich die Absicht verbarg, das Lämmchen, das saftige kleine Lämmlein schnellst möglich zu verspeisen. Hier aber, genau hier lag das Problem für ihn als freundlichen Gastgeber das Gesicht nicht zu verlieren. Die vielen Gäste ringsum hätten sein rabiates Verhalten nicht akzeptiert. So verschob er seinen Speisewunsch auf später und fragte höflich, wie es sich gehört, ob der ungewöhnliche Gast auch zahlen könne. Der trug nämlich nur ein schmales Noppenhalsband, von einem Geldbeutel war nichts zu sehen. „Kannst du bezahlen“, fragte also der Wolf und machten das Lamm verlegen. Von Geld hatte es noch nie gehört. Wie sollte es auch: Es war ja ein Schaf, ein ganz normales, aber eben dummes Schaf. Über Geld hatte es sich noch nie Gedanken gemacht: Die Muttermilch war immer kostenlos gewesen. Es schüttelte also mit einem so rührend hilflosen Lächeln den Kopf, dass einige der Gäste, die das Gespräch verfolgt hatten, aufmerksam wurden. „Hast du das gehört?“ rief der dicke Alte vom Nachbartisch herüber und klopfte sich mit glucksendem Lachen auf die Schenkel. „Wie kann man nur in eine Wirtschaft gehen ohne einen Pfennig in der Tasche. „Es hat ja gar keine Taschen!“ gluckste sein Gegenüber, und ein allgemeines fröhliches Palaver über diesen Umstand machte die Runde.

Zeichnung HK

Nun war der Rum in dieser Gegend nicht teuer. Es fand sich schnell ein schon ein wenig angesäuselter, lustiger Zechkumpan bereit, dem Schaf einen auszugeben. „Trink mit uns, prost und ex !“ Dankbar nickte das Lamm dem Spender zu und trank. Süß schmeckte das flüssige Zuckerrohr. Es leckte sein Mäulchen nach mehr, und das sah wirklich entzückend aus. Man machte sich deshalb einen Spaß daraus. Glas auf Glas schob man vor sein Schnäuzchen und freute sich an seinem hell blökendem „mähh!“ nach jedem Schluck, der es schneller als gedacht so betrunken machte, dass es schließlich nur noch lallen konnte, schwankend vom Tresen glitt, um nach Hause zu torkeln. „Ich werde dich begleiten, sonst findest du den Weg nicht!“ sagte der Wirt voll böser Absicht, und in Erwartung des saftigen Happens vor Augen lief ihm das Wasser im Maul zusammen.

Oh du dummes Schaf! Es ist doch klar, wie die Geschichte ausgeht. Einmal, nur ein einziges Mal wolltest du genießen. Den Preis für diesen Genuss, den so beseligt süß betörenden Saft, konntest du nicht kennen, so wie du die Menschen nicht kennst, die dich früher oder später als Braten genießen werden.

Mit freundlich bösem Nicken seines schwarzen Kopfes hielt der Wirt –gastfreundlich, wie es sich gehört, die Tür auf, ging hinterdrein, setzte zum Sprung an, und das Lämmchen…

Nun, es wurde nicht gefressen. Es kam mit dem Leben davon, denn nur ein irreales Traumschaf trinkt Rum in einem Pub, wie jedermann weiß. Ein schöner Traum war es allerdings, in dem es sich vom Boden erhob und im süßen Nebel des überreichlich getrunkenen Zuckerrohrnektars in die Lüfte stieg. Es war so glücklich, und wenn du genau hinschaust, kannst du es entdecken. Als Schäfchenwolke schwebt es noch heute bei schönem Wetter am Himmel dann und wann. Für dieses Mal schnappte also der Wolf vergeblich, doch täusche dich nicht. Ihn gibt es wirklich. Auch ohne weiße Schürze und rotes Käppie eines Wirtes lauert er hinter jeder Flasche billigen Rums und übler Begierde. Ausdauernd und heimtückisch sucht er seine Opfer. Hüte dich!
 
 



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