Philippinen - tierisch und menschlich

Meine Kakerlake Susi
Ein Lob dem Zuckerrohrschnaps - eine Fabel
Philippinische Weihnacht
Weihnachtskonzert mit Hahn
Symbiose mit Stechmücken und Bremsen
Nachtfalter
Tantchen und die Schlange
Seesterne

 

Meine Kakerlake "Susi"

Auf einer weißen Fliese des großen sauberen Badezimmers empfängt sie mich: Susi die Kakerlake aus der Familie „Blatta orientalis“, besser bekannt als „Große amerikanische Küchenschabe“. „Guten Abend!“ sage ich. „Guten Abend! Was machen Sie in meinem Badezimmer?“ Keine Antwort. Meine Freundin ist mit einem Tabakkrümel beschäftigt, der sich in eine Ecke hinter der Toilette verirrt hat. Immerhin unterbricht sie ihre Tätigkeit, sitzt einfach da: sitzt unbeweglich da und vielleicht auch ein bisschen ärgerlich, dass ich sie gestört habe. Für Minuten starren wir uns gegenseitig an; um ehrlich zu sein nicht gerade wie Freunde. Ängstlichkeit steht zwischen uns. Ich denke an Angriff, sie wahrscheinlich an Flucht. Dass sie an Flucht denkt, vermute ich natürlich nur, denn zu ihrem Gehirn habe ich ja keinen direkten Zugang, aber es ist wohl überall und immer im Leben so. Der Stärkere wird vernichten, der Schwächere versucht, dem zu entgehen, und ganz natürlich bin ich der Stärkere. In mein Körpervolumen hätten wohl mehr als 5000 Küchenschaben Platz. Fürs erste überlege ich, was zu tun ist. Vielleicht ist Ihnen ja aufgefallen, dass ich sie „Susi“ genannt habe, dass ich ihre Existenz als die eines Weibchens festgelegt habe. Könnte es nicht auch ein „Edgar“ oder Walter“ sein, ein Männchen mithin. Nein, meine Festlegung auf „Susi“ ist ganz sicher richtig, auch wenn meine „Unfreundin“ sich nicht vorgestellt hat. Es gibt im menschlichen Bereich zwar bisweilen in gewissem Alter ein Verwechslungspotential zwischen Knabe und Mädchen, und ich habe das gestern in einer lustigen Straßenbegegnung selbst erlebt, aber bei Kakerlaken erkennt man das Geschlecht auf den ersten Blick. Männchen sind kleiner, eher bräunlich, und sie haben Stummelflügel, ohne allerdings damit fliegen zu können. Meine Susi ist größer, schätzungsweise 30mm lang, kohlrabenschwarz mit dünnen langen Fühlern, die jetzt nach meinem rechten Fuß tasten, und das erscheint mir ein wenig dumm. Es ist, als ob der Delinquent die Schärfe des Henkerbeiles prüfen wolle. Ich bewege meinen Fuß einige Zentimeter auf sie zu. Blitzschnell löst sich Susi aus ihrer Starre und schießt in die gegenüber liegende Ecke des Badezimmers unter den Waschtisch. 1,5m pro Sekunde: eine beachtliche Geschwindigkeit! Ich habe mich im Internet kundig gemacht und kenne daraus auch die wissenschaftliche Bezeichnung: „Blatta orientalis“ oder „Amerikanische Küchenschabe“, im Gegensatz zur sehr viel kleineren „Blatella germanica“. Ich glaube allerdings nicht, dass sich die Tierchen an ihren Kontinent gebunden fühlen. In indischen Billigabsteigen tummeln sich nämlich meist deutsche Kakerlaken im Schmutz von tausend Winkeln und Ecken, vor allem unter Betten, während sich mein amerikanisches Prachtexemplar an meinem Standort hier auf den Philippinen angesiedelt hat. Ein Luxusweibchen, denke ich: gehobene Ansprüche an Stil und Wohnqualität. Mein Appartement ist –wie schon geschildert- groß und blitzsauber: Komfort vom Feinsten.

Kakerlaken besiedeln beinahe die ganze Welt, außer der Arktis und Antarktis. Da ist es ihnen wohl zu ungemütlich kalt. Gemütlich oder ungemütlich: Fest steht, dass sich Susi wohl in ihrem Quartier fühlt, das sie aber nicht ganz rechtmäßig bewohnt, geht es mir durch den Kopf, indem ich meinen rechten Fuß wieder in ihre Nähe taste. Sie zahlt ja noch nicht einmal Miete und frisst schamlos meine teuren Tabakkrümel, erwischt wohl nachts auch das eine oder andere Brotrestchen. Bleiben wir bei der Realität: ein Riesenfuß auf der einen, blitzschnelle Fluchtreflexe auf der anderen Seite. Was ist zu tun? Ich stehe barfuß (ja, ich gestehe: nackt) vor dem schwarzen Ungeheuer. Eine zerquetschte Küchenschabe auf nackter Fußsohle, sofern ich Susi überhaupt erwische, nein! Das widerspricht der mir angeborenen Ästhetik. Ich bewaffne mich also zunächst mit meinen Sandalen, die an der Außentür parken, und wende mich dann wieder meinem Feind zu. Ich kann in der Tat meine feindliche, ja aggressive Grundstimmung nicht verheimlichen. Jagen und tot treten heißt deshalb die Devise. Die Jagd beginnt. Nach nur 5 Minuten gebe ich entnervt auf. Susi ist einfach zu schnell, und ich schwitze trotz meiner Nacktheit fürchterlich. Außerdem fürchte ich, dass Susi trächtig sein könnte. Hunderte Kakerlakeneier, von meiner Sandale zerquetscht überall im Zimmer. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon tausend neue kleine Schaben um mich her: eine schreckliche Vision.

Ich ändere meine Taktik, setze auf meinen Intelligenzvorsprung. Sie können mit mir aufatmen und sich vielleicht in ähnlicher Situation auf meinen Einfall besinnen. Eine leere Seifenschachtel auf dem Waschtisch und ein Küchenlappen wurden zu meinen Werkzeugen. Susi hielt die Schachtel wohl für ein gutes Versteck. Lappen drauf und ins Freie rennen, Susi in ein Blumenbeet gegenüber schütten, das waren meine Aktionen von Sekunden. Dass sie ins Zimmer zurückfand, ist allerdings nicht auszuschließen. Als ich gestern Abend, in einen Kriminalroman vertieft, auf dem Bettrand saß, flitzte sie unter meinem Bett hervor, um gleich wieder zu verschwinden. Kakerlaken sind lichtscheue Wesen, und ob es Susi tatsächlich war, die mich im Bett besuchen wollte, lässt sich nicht eindeutig ermitteln. Vielleicht war es auch eine Tochter oder Schwester oder… Ich werde wohl weiter mit ihnen leben müssen. Sie sind so zäh, sagt man, dass sie selbst den Atombombenangriff auf Nagasaki überlebt haben. Solchen Überlebenskünstlern sollte man schließlich auch eine gewisse Hochachtung nicht versagen.

NB. Der Vorfall hat sich wiederholt. Wo kommen diese Biester nur in mein klinisch sauberes Badezimmer? Diesmal konnte ich meine Freundin sehr rasch im Papierkorb fangen und nach draußen befördern. Ruhe als an der Front… bis zum nächsten Mal?
 


 
 

Ein Lob dem Zuckerrohrschnaps - eine Fabel

Das Lämmchen, seit kurzem erst der Muttermilch entwöhnt, stakte den Weg entlang und strebte dem nahe gelegenen Pub zu. Es wollte sich ein Gläschen Rum genehmigen. Der schmecke süßer als Milch und mache ungeheuer stark, hatte man ihm gesagt. Es wollte sehr gerne so schnell wie möglich stark werden, und genießen wollte es auch. Es reckte sich also, denn es war noch klein, stellte seine Hufe auf den Tresen und blökte dem Wirt seinen Wunsch. Der Wirt war, wie könnte es anders sein, der böse Wolf höchst persönlich, mit weißer, über den Bauch gebundener, Schürze, einem roten Käppie auf den Ohren und geschäftstüchtig lächelndem Blick, hinter dem sich die Absicht verbarg, das Lämmchen, das saftige kleine Lämmlein schnellst möglich zu verspeisen. Hier aber, genau hier lag das Problem für ihn als freundlichen Gastgeber das Gesicht nicht zu verlieren. Die vielen Gäste ringsum hätten sein rabiates Verhalten nicht akzeptiert. So verschob er seinen Speisewunsch auf später und fragte höflich, wie es sich gehört, ob der ungewöhnliche Gast auch zahlen könne. Der trug nämlich nur ein schmales Noppenhalsband, von einem Geldbeutel war nichts zu sehen. „Kannst du bezahlen“, fragte also der Wolf und machten das Lamm verlegen. Von Geld hatte es noch nie gehört. Wie sollte es auch: Es war ja ein Schaf, ein ganz normales, aber eben dummes Schaf. Über Geld hatte es sich noch nie Gedanken gemacht: Die Muttermilch war immer kostenlos gewesen. Es schüttelte also mit einem so rührend hilflosen Lächeln den Kopf, dass einige der Gäste, die das Gespräch verfolgt hatten, aufmerksam wurden. „Hast du das gehört?“ rief der dicke Alte vom Nachbartisch herüber und klopfte sich mit glucksendem Lachen auf die Schenkel. „Wie kann man nur in eine Wirtschaft gehen ohne einen Pfennig in der Tasche. „Es hat ja gar keine Taschen!“ gluckste sein Gegenüber, und ein allgemeines fröhliches Palaver über diesen Umstand machte die Runde.

Zeichnung HK

Nun war der Rum in dieser Gegend nicht teuer. Es fand sich schnell ein schon ein wenig angesäuselter, lustiger Zechkumpan bereit, dem Schaf einen auszugeben. „Trink mit uns, prost und ex !“ Dankbar nickte das Lamm dem Spender zu und trank. Süß schmeckte das flüssige Zuckerrohr. Es leckte sein Mäulchen nach mehr, und das sah wirklich entzückend aus. Man machte sich deshalb einen Spaß daraus. Glas auf Glas schob man vor sein Schnäuzchen und freute sich an seinem hell blökendem „mähh!“ nach jedem Schluck, der es schneller als gedacht so betrunken machte, dass es schließlich nur noch lallen konnte, schwankend vom Tresen glitt, um nach Hause zu torkeln. „Ich werde dich begleiten, sonst findest du den Weg nicht!“ sagte der Wirt voll böser Absicht, und in Erwartung des saftigen Happens vor Augen lief ihm das Wasser im Maul zusammen.

Oh du dummes Schaf! Es ist doch klar, wie die Geschichte ausgeht. Einmal, nur ein einziges Mal wolltest du genießen. Den Preis für diesen Genuss, den so beseligt süß betörenden Saft, konntest du nicht kennen, so wie du die Menschen nicht kennst, die dich früher oder später als Braten genießen werden.

Mit freundlich bösem Nicken seines schwarzen Kopfes hielt der Wirt –gastfreundlich, wie es sich gehört, die Tür auf, ging hinterdrein, setzte zum Sprung an, und das Lämmchen…

Nun, es wurde nicht gefressen. Es kam mit dem Leben davon, denn nur ein irreales Traumschaf trinkt Rum in einem Pub, wie jedermann weiß. Ein schöner Traum war es allerdings, in dem es sich vom Boden erhob und im süßen Nebel des überreichlich getrunkenen Zuckerrohrnektars in die Lüfte stieg. Es war so glücklich, und wenn du genau hinschaust, kannst du es entdecken. Als Schäfchenwolke schwebt es noch heute bei schönem Wetter am Himmel dann und wann. Für dieses Mal schnappte also der Wolf vergeblich, doch täusche dich nicht. Ihn gibt es wirklich. Auch ohne weiße Schürze und rotes Käppie eines Wirtes lauert er hinter jeder Flasche billigen Rums und übler Begierde. Ausdauernd und heimtückisch sucht er seine Opfer. Hüte dich!


Philippinische Weihnacht

Es ist ein ganz einfacher Vorgang: Ein Moped schießt vorüber – ein kurzer Knall – ein kleines Loch in der Stirn, genau zwischen den Augenbrauen: Maßarbeit für 5000 Pesos, das sind gerade einmal 100 Euro. Die Polizei ermittelt mit Routine, erfolglos also, und der „Foreigner“, den es betroffen hat tritt nach Erledigung weniger Formalitäten in einem kleinen Zinksarg die Heimreise an.

Mr. R. erzählt mir das bei einer Tasse Tee auf meiner Terrasse – ganz nebenbei, als spreche er über den neuesten Bestechungsskandal in der Regierung oder berichte vom kürzlichen  Unwetter in der Region Mindanao mit nicht wenigen Opfern immerhin.

Zeichnung HK

Gewitterblitze, Orkan und prasselnder Regen durchtoben meine unruhige Nacht. Ich schaue aus dem Fenster: Da schießen Dutzende Kaninchen über den Rasen, springen wie lautlose Blitze in den Himmel und jeder Blitz ein Treffer: Hunderte kleine, kugelrunde, goldene Löcher, aus denen es rote Rosen regnet. Mit Eiskristallen überzogene rote Rosen regnen auf den Rasen vor meinem Zimmer, breiten sich wie eine leuchtende, eine wundersam leuchtende Weihnacht.

Der Gewittersturm hat nachgelassen. Mein schwarz-weiß getupfter Lieblingshase hoppelt herbei, baut sich vor mir auf und „macht Männchen“. Um seine Mundwinkel zucken die Raketenblitze der Nachbarn: „Merry Christmas to you!“ – hunderte „Jingle bells“ läuten von allen Seiten dazu, und die herrlichen Eisrosen mitten im Winter tauchen mich sanft in die Fülle ihrer duftenden Blüten.


Das Foto mit den bereiften Rosen hatte mir Freund HG gemailt.
 

Weihnachtskonzert mit Hahn

Nach einer Tecno-gefolterten Weihnachtsnacht, im Halbdämmer des beginnenden Morgens überfiel mich ein Hahnenschrei mit der Wucht eines akustischen Hammers. Ich zuckte zusammen. „Nicht das auch noch!“ Ich zog die Decke über die Ohren, versuchte zu verdrängen. Keine Chance. Das Tier schrie zum zweiten, zum dritten Mal: in kurzen Abständen immer wieder. Warum nur hatte es sich ausgerechnet den Terrassenplatz dicht vor meiner Tür für seine akustische Morgengymnastik ausgesucht! Nichts als schlafen wollte ich, ein Viertelstündchen wenigstens noch. Wie unterschiedlich doch Gedankenansätze sein können. „Ein wohlklingendes Ständchen zum Weihnachtsmorgen“, mag der Hahn sich vorgenommen haben. Was in seinem Kopf vorging, lässt sich ja schwer einschätzen. Vielleicht hatte er sich ja ganz bewusst vor die Tür eines Musikers gesetzt. Eine Freude wollte er ihm machen, eine echte, professionelle Weihnachtsfreude.

Zeichnung HK

Was der so beschenkte Musikus dachte, muss nicht noch genauer beschrieben werden. Ich war nun völlig wach, und solchen Bewusstseinsstand bezweckt ein Hahnenschrei ja wohl auch. Zerquält biss ich in meine  über die Ohren gezogene Bettdecke und wartete. Die Abstände zwischen den Lautorgien waren nicht gleichmäßig. Durchaus mit Tecno vergleichbar. Die Folter der Stampfbässe verschiebt sich ja in dieser sogenannten Musik unmerklich, Computer gesteuert wahrscheinlich. Kämen die Stöße gleichmäßig, könnte man vielleicht in der Monotonie der Schläge allmählich in Schlaf gleiten. Nein: Die kleinen metrischen Verschiebungen lassen das nicht zu. Man soll wach bleiben, den Nervenschauder bis zum Wahnsinn durchkosten.

Verfolgen wir den kleinen Exkurs nicht weiter, und zerbrechen wir uns auch nicht den Kopf über den Sinn der Pausen im Weckruf eines Hahnes. Sie mögen seinem künstlerischen Empfinden anheim gestellt sein. Was mir aber mehr und mehr auffiel, war der ausgezeichnete Stimmsitz der Tiere: nicht durch regelmäßige Gesangsstunden erworben, sondern von Natur aus gegeben, genetisch eingepflanzt. In bewundernswerter Vollkommenheit sind alle Resonanzräume perfekt in die Lautgebung einbezogen. Die natürliche Folge: Ein Hahn schreit sich niemals heiser, verfügt also gewissermaßen über eine Kondition, für die ihn jede Gesangsdiva, jeder Heldentenor beneiden könnte.

Was man nicht ändern kann, sollte man wenigstens durchleuchten. So sehr ich nach jedem Schrei hoffte, es sei der letzte (irgendwann muss das Biest doch müde werden!), musste ich doch der Ausdauer wie auch der gleichmäßig hohen Klangqualität der musikalischen Darbietung einigen Respekt entgegenbringen. Zugegeben: Ein melodischer Gehalt ist in den Rufen nur schwer zu erkennen, auch scheint der harmonische Rahmen eher begrenzt. Es wäre vielleicht interessant, den Geräuschfaktor, der den Tönen beigemischt ist, in einem Resonanztomographen sichtbar zu machen, funktionell gibt das allerdings kaum einen tieferen Sinn. Anders verhält es sich mit dem Rhythmus. Er beginnt mit einem 2/8-Auftakt, hin zu einer betonten Viertelnote, die in eine schwächer auslaufende halbe Note mündet. Das wäre der Anfang eines Walzers, der einen Hahn musikalisch unsterblich machen könnte, denke ich, tief in meinem Kopfkissen vergraben, aber der Auftakt ist zu schwer, überhaupt nicht „wianerisch“, die halbe Note, von der ich sprach, wirkt wie ein krächzendes Schleifgeräusch auf falscher Betonzeit und verleiht dem Ganzen den Ausdruck einer eher künstlich melodramatischen Inszenierung, die durch ähnliche Artikulation in weitem Umfeld und rein zufällige Überschneidung der Rufe eine Kontrapunktik simuliert, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Hier schreit ein Hahn, dort ein anderer…. und es gibt so viele hier! Sie wollen nicht miteinander konzertieren, sondern präsentieren sich als leicht neurotisch angehauchte Egomanen, die ihr Revier signalisieren oder einfach nur „Guten Morgen!“ oder „Happy b i r t h day!“ krächzen. Mein „Weihnachtshahn“ tritt dabei nur deshalb als Solist in den Vordergrund, weil er sich für seinen Auftritt den Vorplatz zu meinem Apartment als Bühne gewählt hat und mir deshalb musikalisch besonders nahe steht. Musikästhetisch eine ziemlich dürftige Präsentation, konstatiere ich und eigentlich Grund genug,  meinem Solisten durch Abschlagen des Kopfes endlich das Handwerk zu legen.

Ich bin nun ziemlich wütend. Eine Weihnachtsnacht im Tecnofieber mit krönendem Abschluss eines Hahn-Konzertes! Ich springe aus dem Bett, öffne die Tür und werfe meinen rechten Pantoffel nach dem Tier, das erschrocken davon flattert. Vielleicht empfand es das jähe Ende seiner musikalischen Darbietung ähnlich wie ein mit „Buhh-Rufen“ von der Bühne gefegter Gesangstars. Ich weiß es nicht und will mich auch nicht weiter damit befassen. Ein Bühnenauftritt war es jedenfalls. Ich sehe den Darsteller in seinem wunderschönen, gelb-rot-schwarz gefärbten Kostüm, mit stolz gerecktem Hals, der sich mit jedem Tonstoß bis aufs Äußerste streckt, um seine künstlerische Qualität zur Perfektion zu steigern….. und wird dann von einem schnöden Hauspantoffel verjagt. Zugegeben: ein starker Eingriff in sein Seelenleben! Ein dermaßen schlecht behandelter Opernstar könnte darüber ins Grübeln geraten, im Wiederholungsfall gar in depressive Stimmung verfallen. Fast schon bedauere ich mein jähzorniges Verhalten ein bisschen. Schließlich wollte der Hahn mit seinem Krähen doch nur sein Bestes geben, mich gewissermaßen mit seinem Konzert beschenken.

Keine Sorge, verehrte Leser! Mein Hahn, mein in der Morgensonne bunt schillernde Hahn flatterte nur ein wenig außer Reichweite meiner Aktion, blieb dann stehen, reckte sich…..  Sie ahnen, was folgte!
Ja, er setzte sein Konzert fort: stolz und sehr selbstbewusst, zumal  ihm angesichts seiner Hühnerfamilie in den Büschen gegenüber der Kamm schwoll und zu weiterer Beschäftigung forderte. Ein glücklicher Hahn und hier auf den Philippinen, da ich diesen kleinen Bericht verfasse, eher die Ausnahme. Die meisten Hähne finden hier nicht zu ihrer naturgemäßen Bestimmung als Beschützer und Gatte. Es gibt weit mehr Hähne als Hühner, und sie werden getrennt von ihnen zu einer ganz anderen Bestimmung erzogen, zum Hahnenkampf nämlich. Man wettet, verdient Geld, oft sehr viel Geld… und von solcher Tierquälerei sei hier nicht die Rede.

Symbiose mit Stechmücken und Bremsen

Es ist schwül-heiß. Ich habe meine Kleidung den Temperaturen angepasst: eine Turnhose, nichts weiter. Schwere schwarze Wolken sind aufgezogen. Das nächste Unwetter kommt bestimmt, und ich freue mich in meiner bei jeder Nässe geschützten Nische meines philippinischen Domizils vor meinem Zimmer auf das Gewitter, auf den bald prasselnden Regen, der mich hier viel mächtiger als in meiner deutschen Heimat mit unglaublicher Urgewalt überfallen wird. Er bringt ganz sicher die ersehnte Abkühlung, noch aber ist es nicht so weit. Schwarz lastet der Himmel über mir. Kaum ein Luftzug. Die Natur scheint den Atem anzuhalten: allerdings nicht ganz. Die Schweiß satten Minuten vor der ersehnten Abkühlung treiben die Stechmücken um mich her zur Höchstform. Sie sind auch Wetter-unabhängig Tag wie Nacht aktiv, jetzt aber scheint sie nichts mehr zu bremsen.

Zeichnung HK

„Bremsen“, ja: Das ist das rechte Stichwort gefährlicher Kindheitserinnerung. Ich hatte als etwa 14jähriger Knabe die Sommerferien auf einem oberhessischen Bauernhof verbracht: mit Schweinestall misten, Kühe füttern und Heu einfahren. Da nahm mich Opa S. eines Nachmittags zur Holzabfuhr mit in den Wald. Es war heiß, drückend heiß, und doch lenkte Opa S. das Kuhgespann dick vermummt über den holprigen Hohlweg zum Wald hin. Seinen Mahnungen, Hemd, lange Hose und Mütze überzuziehen, hatte ich nicht folgen wollen. Kurze Hosen, Turnschuhe, das ist genug bei solcher Hitze, dachte ich mir, und Opa S. ließ mich gewähren: mit einem merkwürdig wissenden Blick, einem Grinsen unter den hoch gezogenen Augenbrauen, das ich nicht vergessen habe. Wir zuckelten also in gemächlichem Kuhtrott dem Wald zu. Die Hitze war selbst in leichter Bekleidung schwer zu ertragen, … und dann zog  ein Gewitter auf, rasch wie aus dem Nichts. Erste Blitze zuckten am Horizont. Wir beeilten uns mit dem Aufladen eines Holzstoßes, der am Waldrand bereit lag, um noch vor einsetzendem Regen zurück zu sein.

Zeichnung HK

In diesem Moment Schweiß treibender Arbeit überfiel er uns: nicht der Regen, sondern ein Feuersturm wild gewordener Bremsen. Zu Hunderten surrten sie um uns und griffen an. Opa war geschützt, ich hingegen nicht. Ich tanzte vor ihm wie ein wild gewordenes Fohlen, und er lachte und schüttelte dabei den Kopf hin und her. „Hab ich dich nicht gewarnt?“ schien das zu bedeuten. Kein Wort des Vorwurfs, aber auch keine Mitleidsbezeugung. Ich schlug um mich. Jeder Schlag ein Treffer. Bremsen bleiben geduldig sitzen, bis man sie erschlägt. Ich tötete sie zu Dutzenden und Aberdutzenden, aber es waren zu viele. Die Erstürmung einer Stadt kann sich nicht grausamer vollziehen. Hunderte sterben unter den Abwehrgeschossen der Verteidiger, aber die Anzahl der Angreifer ist so überwältigend, dass den unaufhörlich nachströmenden Truppenmassen die Eroberung doch gelingt.  Mir ging es kaum besser. Die Bremsen durchwütenden meinen Körper trotz hoher Verluste. Dichte Blutspuren an Armen, Beinen, am Rücken, am Bauch. Ich schrie und weinte und rannte dem heimatlichen Hof zu, ließ Opa mit Kuhgespann und Holz einfach stehen. Als er schließlich zurück war, sah er mich wiederum nur stumm an, ohne mich zu trösten.

An dieses Erlebnis muss ich unwillkürlich denken, indem ich in Alcoy, auf den fernen Philippinen, den Kampf mit Stechmücken führe. Sie sind schwieriger besiegbar als Bremsen, denn sie tun mir nicht den Gefallen sitzen zu bleiben, bis ich sie erschlagen kann.  Auch handelt es sich offenbar um eine besondere Spezies. Sie macht nicht wie ihre deutschen Artgenossen durch lautes Surren auf sich aufmerksam; sie „outet“ sich, wenn überhaupt, dann nur sehr leise. Wenn man die Biester bemerkt, ist es schon zu spät. Sie haben bereits gestochen. Der kleine zuckende Schmerz des Augenblicks, vielmehr aber das jämmerliche Jucken danach signalisieren mit einem gewissen Hohn: „Hallo, wir waren da!“ Ein wenig hilft meine Hauseidechse. Sie wohnt hinter den Gardinen, stößt von Zeit zu Zeit blitzschnell hervor, um mit langer Zunge Fliegen zu erbeuten. Leider sind es meist nur harmlose Fliegen, die sie fängt, keine Stechmücken, sofern ich das recht sehe.
Im Übrigen soll man das, was man nicht ändern kann, altersweise bedenken. Entweder folge ich schmerzhafter Kindheitserfahrung und setze mich selbst bei schwüler Vorgewitterhitze nur „stabil bekleidet“ vor die Tür, halte mich auch abends im Zimmer und dann zur Nacht nur mit Onkel Fritzens Schlafmütze und langem Hemd bekleidet auf, oder ich durchleide meine Wunden. Immerhin gibt es ja Pharmaka gegen Juckreiz. Ich muss gestehen, dass ich letztere Verhaltensweise vorziehe. Zumindest helfe ich damit der Industrie, Arbeitsplätze zu erhalten…..
Die Sachlage ermöglicht aber auch noch eine ganz andere Betrachtungsweise. In der „guten 
alten Zeit“ hielt man den Menschen durch Aderlass gesund. Vielleicht erfreue ich mich ja in meinem relativ hohen Alter der Aktivität der hiesigen Stechmücken wegen ziemlich guter Gesundheit. Hinzuweisen ist bei dieser Gelegenheit auch auf die emsige Arbeit winzig kleiner Ameisen, die mir ihre Säure injizieren, indem sie sich wohl zu Recht wehren, wenn ich sie in ihren Bahnen störe: möglicherweise zur Stärkung meines Immunsystems, aber das wäre ein anderes Thema. Sei zu guter Letzt der Tausendfüßler noch erwähnt, der wohl 10 cm lange Wurm, der mich zur Schlafenszeit auf dem Kopfkissen erwartet. Ich kann ihn leicht fangen und nach draußen befördern. Er ist harmlos, verursacht keine Schmerzen, kommt aber Abend für Abend zurück… oder ist es ein anderer? Er will mir ja nichts tun, nur mit mir schlafen. Ob er meine Abneigung schließlich verstehen wird? So sehr ich mir einen lieben Bettgenossen wünsche: Ein Tausendfüßler muss es nicht sein. Und so gleite ich in meine Träume: ohne Mücken, ohne Ameisen, ohne Würmer. Die Eidechse darf bleiben.
 


Nachtfalter

Lautlos steigen sie aus meiner Erinnerung. Auf farbenem Regenbogen, der im spleißenden Licht des zu Ende gehenden Tages zwischen Fächerpalmen und Mangobäumen traumhaft die Erde streift, gleiten sie wie Feen von einem anderen Stern zu mir hin: Phak-Bung, Khai-Muk und Ghee-Wan. Sie umtanzen mich schwebend und weichen zurück, wenn ich sie fassen will. Ihre Anmut umfängt mich wie eine zur Groteske erstarrte Idee des Schönen: in Puderdose, aufgesteckten, rosa lackierten Fingernägeln und schwarzem Lackröckchen gespiegelt. Kunstseidenes Haar gekämmt und immerzu gekämmt, den Blick nach unten gesenkt zu den Beinen, den makellos langen, in hohen Sandaletten gefassten Beinen. Dünn gezogene, lila Lidschatten und überrote Münder, leise klirrende Armreifen und übergroße dunkle Ringe im spärlichen Licht der Mondsichel, die nun am Himmel erscheint und ihr blässliches Wesen durchleuchtet, ihre künstlich perfekten Leiber, die flatternd leiden, weil sie nicht berühren können.

Superboy, Supercrazy, Superpussy: tanzender, singender Flitter und Schmuck ihrer Shows auf verräucherten Bühnen. Zerstörte Puppen mit verlaufener Schminke, in Porzellan gegossene Fabelwesen der einbrechenden Nacht. Zwitschernde, märchenhaft glitzernde Traumgestalten mit Plastikkrallen, Federboas, Seidenblumen und Perücken. Wie Schmetterlinge flattern sie in modrigem Parfum ihrer Sinne vor die dunklen Spiegelwände ihrer Phantasie und ihrer Verehrer, die sie nageln wie ein Souvenir, mit etwas Geld im Dekolletè, lüstern triefend und bewundert in der Dunkelheit. Nachtfalter, die im Morgengrauen stumm verlöschen, so schwirren sie davon, die Opfer ihrer Illusion.




Der Regenbogen war so schön, dann regnete es wieder, es goss wie aus Kübeln im Slum von Mandaue. Wir feiern zu Ehren der Madonna, stecken für die mit Blumen geschmückte Verehrte Kerzen an. Die Andacht aber, die sie erhoffen mag, zerschrillt im Sound der zahllosen Boxen, der sich über die feiernde Menge ergießt. In gleißendes Scheinwerferlicht getaucht brodelt der Platz dicht neben der Heiligen in Singen und Tanzen, lässt für diesen einen Abend die Dunkelheit vergessen, die Schwärze armseliger, in Schlamm getauchter Hütten ringsum.
Daniel führt mich. Er hat mich eingeladen zu diesem Fest und zeigt mir jetzt den Weg zu seinem Haus. Auf löchrigen Bohlen tasten wir uns durch die Gassen, um nicht in Wasser und Schmutz zu versinken. Der Regen hat aufgehört. Schleierwolken bedecken die fahl verdeckte Mondsichel am Himmel. An einer Leiter bleiben wir stehen: dicht vor Junby.

Er hat auf uns gewartet und lächelt mich an. Er, das ist sie, und das Mondlicht, das ihn beleuchtet, und aus dem er hin zu mir blickt, ist seine Göttin:  mondlichtenes Wesen seiner Gefühle. Wir klettern hinauf in die auf Pfählen gepflanzte Bretterbude. Das ist Daniels zu Hause. Auf dem Feuer in der Ecke köchelt Gemüse und Reis, erwartet die Gäste. Die ersten sind schon da: Daniels Schwester mit ihrem Baby auf dem Arm, ihr Mann und ein Cousin, 15m² Bretterboden zum Leben für Mutter und Sohn. Der Vater ist schon lange auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Daniel richtet die Teller auf dem kleinen Tisch, dem einzigen Mobiliar des Holzverschlages. Wir hocken zusammen. Junby bleibt stehen. Er nestelt aus seinem himmelblauen Täschchen ein Spiegelchen hervor und eine Puderdose und putzt sich heraus. Mit einem Stift zieht er die Augenbrauen nach, mit einem zweiten zaubert er die roten Kusslippen noch greller als zuvor, dann beginnt das große Kämmen. Er trällert vor sich hin, betastet den hohlen Busen und trippelt damenhaft hin und her, übt den großen Auftritt einer imaginären Show, souverän, gekonnt, zugleich unendlich scheu. Da quietscht die Tür des Bretterverschlages, und ein ganzer Schwarm von Ladyboys strömt herein. Sie sind alle Daniels Freunde sieben an der Zahl.

Kicherndes Gequassel erfüllt den Raum, Handys klingeln unaufhörlich, liefern neueste Schlagermusik. Man telefoniert und textet, was das Zeug hält. Puderdosen und Stifte werden ausgetauscht, das Kämmen nimmt kein Ende. Unter allgemeinen Geplapper verzehren wir, was ich zuvor bezahlt, was Mama gekocht hat: als Nachspeise süßen Reisbrei mit Früchten. Ausgelassene Stimmung wie unter Kindern, unter kleinen Buben, zu Mädchen verwandelt, bald zum Tanzen bereit. Der Bretterboden als Showbühne, vom Qualm unzähliger Zigaretten verräuchert. Der Jüngste ist 15 und fast schon eine Dame, und Junby wirkt wie eine Königin unter ihnen. Wohin nur soll man schauen! Sie tänzeln verführerisch in ihren kurzen Röckchen, wiegen perfekt ihre Hüften dabei, werfen mir Kusshändchen zu, verzaubern, denn Verzaubern ist ihre Kunst, die sie bis in die kleinste Drehung der Arme, Hände zu den Fingerspitzen hin beherrschen. Künstlich wirkt das, nicht natürlich. Sie sind es selbst oder sind es nicht, denn meine Freunde für diesen Abend verzehren sich narzisstisch in sich selbst. Vollkommene Grazie können sie nicht erreichen, ihr Bewusstsein hindert sie daran und droht sie zu zerreißen. Ach, wären sie doch Marionetten, an Fäden gezogen… oder Götter: zur Vollendung und Erlösung.
 


Tantchen und die Schlange

Die alte weißhaarige Dame saß in ihrem mit geblümtem Stoff bezogenen Korbsessel und genoss ihren Nachmittagstee. Sie hielt die dünne Porzellantasse in der Hand, den kleinen Finger etwas abgespreizt, und die vielen Ringe fielen mir auf. Viel zu viele eigentlich für eine so feine Hand, von einem zarten Aderngeflecht durchzogen, beinahe immartiell zerbrechlich wie die Tasse selbst, die sie nun auf dem runden Glastisch abstellte.

Ihre Aufmerksamkeit galt nun einem Zucker bestreutem Keks, den sie einer Glasschale entnahm und mit einer Langsamkeit knabberte, die mich erstaunte. Es gingen wohl Minuten darüber hin. Was mich daran faszinierte, war die Gelassenheit der Zeremonie, die Harmonie der Bewegung und der nachdenkliche Zug um ihre Lippen, der sich bis zu den halb geschlossenen Augenwinkeln dehnte. „Vornehm“, dachte ich, eine vornehme alte Dame! Ich sah sie an, wie sie –Schluck für Schluck- den Tee trank und wohl noch drei weitere Kekse mit beinahe aufreizender Langsamkeit aß. Eines nach dem anderen.

Ich rührte mich nicht. Sie konnte mich für einen Stein halten, wenn sie mich überhaupt bemerkte. Zusammen gerollt lag ich am Stamm der Akazie, deren Zweige kühle Luft über die sonnglitzernde Luft dieses Spätnachmittages wehtenWorüber mochte sie nachdenken: über die Nichte, die sie gestern besucht und von der Diplomarbeit erzählt hatte, die kurz vor dem Abschluss stand ? Tantchen hatte das Studium weitgehend finanziert. Vielleicht war es das: ein Gefühl dankbarer Empfindung, das in ihr nachklang. Es konnte allerdings –und dies lag näher- auch der Gedanke an den Liebhaber sein, den sie für den Abend erwartete. Bevorstehender Genuss pflegt ungemein zu beleben: im Alter besonders.
Das dachte ich auch gerade, wohlig gerollt in meinem Baumwinkel und ließ die letzten Sonnenstrahlen über meinen Leib fächeln.

Zeichnung HK

Als die Sonne am nächsten Morgen aufging, waren nur noch ein umgekippter Korbstuhl mit angefressenem Bezug, die Reste eines Tischchens mit zerbrochener Glasscheibe und Tassenscherben, dazu eine Lesebrille, die zu beschreiben ich beinahe vergessen habe, Relikte eines Geschehens, das mich durchaus befriedigte: ein bisschen zäh zwar, aber insgesamt doch zart: die Ringe einmal ausgenommen und die für eine Brillenschlange eben doch unbekömmliche Lesebrille.


Seesterne

Der 20jährige Simon greift mit jugendlichem Schwung mein Gepäck, und mit diesem Schwung befördere ich Sie, meine verehrten Leser sogleich auf ein Schiff, das uns in 13stündger nächtlicher Schiffspassage nach Catbalogan bringt. Am Hafen empfängt uns die halbe Verwandtschaft, denn er ist hier zu Hause, das heißt: nicht ganz. Ziel unserer Reise ist die kleine Insel Darahuway Dako, die in Sichtweite vor uns liegt, und genau dorthin tuckern wir jetzt mit einem „Seifenkistenboot“, gesteuert von seinem Bruder Jovin. Zu unserem Gepäck haben wir reichlich Lebensmittel geladen und landen damit nach kurzer Fahrt. „Herzlich willkommen in Darahuway Dako!“ steht eingeschrieben auf einem hohen Betonbogen, unter dem uns der Rest der Verwandtschaft freudig begrüßt. Simon ist wieder da! … und mit ihm eine Ladung Reis, Nudeln, Gemüse, Hühnchen und ein „Foreigner“, den man neugierig umlagert. Mein Freund ist den Tränen nahe. 3 Jahre hat er sie alle nicht mehr gesehen, nun ist er endlich wieder zu Hause. Innige Freude einer großen Familie.

 Fast alle sind miteinander verwandt.  „Das ist mein Cousin“, sagt Simon und fügt den Namen hinzu. „Das hier ist auch ein Cousin, und hier: meine Cousine. Der Kleine dort ist mein Neffe, dort drüben am Haus: meine Tante und daneben mein Opa. Eine Flut von Namen prasselt auf mich. Es wimmelt von Neffen und Nichten in allen Altersgruppen: vom Säugling bis zum Teenager. Nach wenigen Minuten gebe ich es auf, mir Namen merken zu wollen. Ein Computergedächtnis würde Mühe haben. Alle strahlen, alle rufen wirr durcheinander, und der fremde Gast ist  d a s  Tagesereignis! Ich taste mich zu Recht, mein kleiner Photoapparat leistet Schwerarbeit, und das über alle Tage der Woche die wir hier verbringen werden. Immer wieder stellen sich die Kinder, die jüngeren vor allem, in Gruppen zusammen. „Photo, Photo!“ rufen sie und lachen begeistert im Ansehen ihrer Gesichter.

In der Nacht fahren die Brüder zum Fischen. Neue Hoffnung und wieder einmal neuer Trug. Der Ertrag, den sie am Morgen zum Trocknen auslegen, ist dürftig. Ein kleines Tableau mit Sardinen, mehr nicht. „Der Motor bockte immer weder“, erzählt Simon, und ich stelle mir vor, wie der 20 Jahre alte Motor die morsche Sperrholzkiste durch die Wellen gepeitscht haben wird, wie das löcherige Netz, wieder und wieder ausgeworfen, nur unwillig einige Fischlein festhalten mochte. Unwillkürlich denke ich an Simon Petrus und seinen wundersam reichen Fang. Mit solchem Wunder aber ist hier nicht zu rechnen. „Es gibt kaum noch Fische hier“, sagt Simon, als wir am nächsten Nachmittag auf dem Hütten gerahmten Vorplatz zusammensitzen. „Es reicht gerade für Benzin und ein paar Kilo Reis“, fährt er fort. Gewinn machen nur die großen Boote mit ihren Schleppnetzen weit draußen“, und ich höre aus seinen Worten den Unterton großer Sorge um die Ernährung der Großfamilie. „Der Vater hat sich vor 5 Jahren davon gemacht, und die Mutter ist darüber in Kummer vor Jahren gestorben.“ Die Last der Verantwortung liegt nun auf Jovin. Simon, mit dem ich angereist bin, lebt bei seiner Tante in Cebu und wird dort durchgefüttert. Nun aber, da er zurückgekommen ist, holt die Wirklichkeit ihn ein. „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, fügt er –ein bisschen trotzig lächelnd- hinzu. „Wir halten zusammen!“
Filippinos sind Lebenskünstler. Gibt es keine Fische, schlägt man Holz im steil aufragenden Inselwald, zerkleinert es, um es in Bündeln als Anmachholz zu verkaufen. Ein paar Pesos kann das bringen, und dann verweht die Last des Alltags in –für meine Ohren allerdings grausamem- Tecnosound, in Karaokeschmachten und fröhlichem Geplapper. Sie leben im Hier und Jetzt, und jeder Augenblick macht in Gemeinsamkeit glücklich.

Ich bestaune das Korallenriff am Inselrand. Dunkelrot leuchten die Poseydonkorallen, die sich dort festgesetzt haben. Aus kleinen beweglichen Kalkplättchen geformt, haben sie eine dornig-stachelige Oberfläche, die sie allerdings nur ungenügend vor Fressfeinden schützt: vor dem Tritonshorn etwa, der Harlekingarnele und der Korallenkrabbe.  Fünfsternige radiäre Symmetrie und in dieser Einfachheit schön.  Ihnen fehlen Herz, Hirn, Ohren und Augen, aber einen Magen haben sie. Wollen sie fressen (und welches Erdenwesen wollte das nicht!), stülpen sie ihn einfach über die begehrte Beute; über Moostierchen, Seescheiden und Weichtiere, scheiden Nahrung zersetzende Verdauungssäfte aus und saugen das Ganze zusammen mit dem Magen selbst wieder ein.: unnachahmlich perfekt und keineswegs primitiv. Sie haben uns Menschen nämlich etwas Erstaunliches voraus: Sie können sich regenerieren. Aus einem kleinen Fragment, wie etwa einem Arm, entsteht ein neuer Seestern. Ja, in einigen Arten scheint sich ein Arm fast selber wegzureißen, um dann ein neues Tier zu bilden. Die Fortpflanzung organisiert sich im Übrigen getrennt geschlechtlich. Samenzellen und Eier werden ins Wasser freigesetzt, die entstehenden Larven ernähren sich von Zooplanktion.

Foto NOAA/Wikipedia

Meinen bescheidenen Exkurs verdanke ich „Wikipedia“ und er bewegt meine Phantasie. Wäre es nicht wunderschön, ein solch rot leuchtender Seestern zu sein? Welch ästhetisches Wohlgefühl, unter Wasser, von der Sonne durchspiegelt, in der herrlichen Welt der Korallen in den Tag zu leben? Wochenlang käme man ohne Nahrung aus, hätte mangels Hirn keine Zukunftssorgen, keine soziale Verantwortlichkeit, keine Probleme mit Sex und Gefühl.
Setzen Sie das Schicksal eines Fischers in Vergleich, der in armseliger, auf Stelzen in die stinkende Mole hinaus gebauter Hütte ums Überleben kämpft. Betrachten Sie das Los eines gestressten Mitteleuropäers vor definitivem Burnout oder die Lebensdürftigkeit eines HartzIV-Empfängers, überhaupt Hunger und Leid in der Welt.
Ich weiß: Der Vergleich hinkt gewaltig! … und doch: Wäre das Leben eines Seesterns nicht einfacher und darin einfach schöner? Ich lebte den Augenblick ohne oft so lästige Reflexion; und attaktierte mich eine Garnelenkrabbe oder ein Tritonshorn, spazierte ich mit einem meiner Arme unterm Arm zu einem benachbarten Riff und begänne ein neues Leben.

Nein, mein Exkurs ist natürlich einigermaßen unsinnig, wie ich sehr wohl weiß. Die menschliche Fähigkeit zu fühlen, zu empfinden und mitzuempfinden, ja zu lieben schließlich, und auch die Gabe des Denkens und Entscheidens sind zu göttlich, als dass ich sie missen möchte.

  Foto Jon Hanson/Wikipedia

Einen Seestern muss ich allerdings an dieser Stelle besonders würdigen, weil er bedenkenswerte menschliche Züge aufweist. Es ist der „Dornenkronenseestern“, aus dem Stamm der Echinodermata, der Stachelhäuter, aus der Klasse der Asteroidea. Er reicht also aus der Meerestiefe in geradezu galaktische Sphären, stürzt sich, Heuschrecken gleich, millionenfach ausschließlich auf Steinkorallen, denen das –ökologisch betrachtet-  gar nicht gut bekommt. Stülpt seinen Magen über sie… Nun, ich habe das schon beschrieben. Er frisst nur bei Nacht. Ich habe ihn also niemals beobachten können, aber ich sehe ihn im Geiste vor mir, wie er zu seinen Kollegen am Sternenhimmel aufblickt mit seinen bis zu 23 Armen, blau-rot schimmernd und ihnen seine langen spitzen Giftstacheln entgegenstreckt. Genau darauf möchte ich Ihre Aufmerksamkeit lenken: auf seine Giftstacheln, die eine Berührung nicht ratsam erscheinen lassen. Übelkeit, Lähmungen und starke Schmerzen werden als Folgen genannt. Und dann beachte man die religiöse Dimension dieses Dornenkronenseestern!

Steht vielleicht „Seine Eminenz“, der 88jährige Bischof von Catbalogan, in geistlicher Nähe zu dem Tier? Von einer hoheitsvollen Audienz bei ihm hatte ich ja berichtet. Nun sehe ich ihn unwillkürlich als  starkes Gift in den Eingeweiden seiner „Schäfchen“. Er stülpt sich einfach über sie und saugt sie aus. Spenden fließen reichlich, und eine Trauung kostet schon mal 25000 Pesos. Man hat mir von Millionen auf seinen Konten erzählt. …. „Seesterne haben kein Herz, kein Gehirn…“, haben Meeresbiologen herausgefunden. Geld zieht wie der Teufel nach unten, und ich ahne, warum sich Petrus bisher geweigert hat, den alten „Hohen Herrn“ durch sein Himmelstor zu bitten. Seesterne, diese speziellen jedenfalls, weisen also verblüffende Ähnlichkeiten mit so manchen Menschen auf, so scheint es, oder verhält es sich umgekehrt?

Fressen oder gefressen werden – Ich muss meine Seesterngedanken an der Wirklichkeit messen und sehe den Lumpenkindern ins Gesicht, den 4 – 8jährigen kleinen Erwachsenen mit den stumpfen Augen, den Müllsäcken auf dem Rücken, zum Erwerb einer Handvoll Reis für die Familie, mit den nackten Füßchen, auf denen sie –wie Orgelpfeifen aufgereiht, in Gangs geordnet- durch die Pfützen der Straßen und durch die Müllberge am Rande tappen. Ich sehe die Not der Familien, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken können, weil die nötigen 10 Pesos für den Transport fehlen. Ich sehe die ungeheure Diskrepanz zwischen leuchtenden Kinderseelen, die zum Stern des „Kleinen Prinzen“ unterwegs sind, zu den Dornenkronenseesternen, die unser Wirtschaftssystem zerspekulieren und korrumpieren.

Damit Sie mit diesen kleinen Geschichten aus den Philippinen nicht zu sehr ins Grübeln kommen, eine praktische Empfehlung zum Schluss: Suchen Sie nach allem Schönen in der Einfachheit Ihres Denkens und Fühlens, und bleiben Sie dem einfachen Leben auf der Spur, wenn Sie nach Schönheit suchen.
 
 

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