Warum gibt es eine Welt?
 

Bildmontagen und Fragen an die Philosophie
von Heinz G. Klug

Antworten
von Harald Duhn
 

Dezember 2012
Alle Rechte bei den Autoren

Einleitung

Die vorliegende Schrift ist entstanden aus der Zusammenarbeit eines philosophisch interessierten Ingenieurs und Naturwissenschaftlers (Dr. Heinz G. Klug) mit einem wissenschaftlich interessierten Juristen und philosophischen Autor (Harald Duhn).

Unsere Gespräche haben uns veranlasst
- mich, Heinz G. Klug, eigene phantastische, surrealistische, symbolische, ironische Bildmontagen zur Einstimmung auf philosophische Fragen auszuwählen und sodann Fragen an die Philosophie zu richten,
- und mich, Harald Duhn, auf diese Fragen Antworten zu versuchen.

Es ist jeder von uns für seinen gekennzeichneten Anteil an der Arbeit verantwortlich. Wir hoffen, dass das gemeinsam ersonnene Zusammenspiel von Grafiken, Fragen und Antworten unterhaltsam ist, im günstigsten Falle neue Aspekte im Gespräch zwischen der Naturwissenschaft und der Philosophie aufschließt.

Dezember 2012                Harald Duhn        Heinz G. Klug
 
 

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Inhalt

1     Warum ist nicht nichts?
2     Zur Stellung des Menschen im Universum
3     Philosophie und Mystik
4     Was macht philosophisches Denken aus?
5     Was kann uns das philosophische Denken geben?
6     Philosophie und Sprache
7     Zum Problem der sogenannten Willensfreiheit
8     Was ist wirklich?
9     Wie verlässlich ist unser Bild von der Welt?
10   Zur These, die Welt sei nur eine Simulation
11   Kann das Philosophieren nützlich sein?
12   Ist das altes "Körper-Geist-Problem" noch relevant?
13   Begriffe bilden Paare und suchen Weisheit
14   Künstliche Intelligenz in der Philosophie?
15   Verstehen wir was die Zeit ist?
16   Philosophie und Naturwissenschaft
17   Philosophie und Religion
18   Trost durch Philosophie?
19   Ethik - ein Kerngebiet der Philosophie
20   Die Philosophie und die Fragen der Menschheit
21   Wie geht es in der Philosophie weiter?
22   Der Gedanken sind unübersehbar viele
23   Kann uns die Philosophie Ratschläge geben?
24   Philosophie und Gesellschaft
25   Philosophie und Kunst
    Die Autoren


 
 

"Die Erschaffung der Welt"

Frage 1

Warum ist nicht nichts? Wie entstand das Universum? Woher kommen die lebensfreundlichen Naturgesetze?

 „Warum – Fragen“ werden in den Naturwissenschaften nicht als Fragen nach Ziel und Zweck, sondern nach den gültigen Gesetzen interpretiert. „Warum“ bezogen auf ein Naturgesetz fragt danach, ob es sich auf noch grundlegendere Gesetze zurückführen lässt.

Leeren Raum, früher Inbegriff des Nichts, gibt es nach heutigem Wissensstand nicht. Raum ist erfüllt mit kurzlebig brodelnden Quantenobjekten, mit dunkler Materie (welche die Galaxien zusammenhält) und dunkler Energie (welche das Universum auseinander treibt), mit dem Higgs-Feld, das den Teilchen ihre Masse gibt .... Leerer Raum ist instabil, Raum und Zeit entstanden in einem „Inflationsprozess“, unser Universum ist vielleicht nur eines unter unzähligen mit unterschiedlichen Naturgesetzen. Bei "permanenter Inflation" existiert das Universum ewig, die Frage nach einem Schöpfungsakt taucht nicht mehr auf.

Es bleibt immer die Frage nach dem Sinn: Warum das ganze?! In seiner Kürzesten Geschichte der Zeit fragt Stephen Hawkins >Wer bläst den Gleichungen den Odem ein und erschafft ihnen ein  Universum das sie beschreiben können? ..... Warum muss sich das Universum all dem Ungemach der Existenz unterziehen?<

Kann die Philosophie diese Frage allein mit dem Hilfsmittel des logischen Denkens beantworten?

Antwort auf Frage 1

Alle Warum-Fragen gehören zu den Grundfragen der Philosophie. Der Ausdruck >Grundfragen< meint: Es sind Fragen vor allen Einzelfragen, die sich auch noch stellen. Die Philosophie ordnet ihr Arbeitsprogramm in der Richtung vom Allgemeinsten bis zu dem Besonderen, denn sie ist in erster Linie an einem Überblick über unser menschheitliches Wissen und Denken interessiert und will sich nicht mit der Beantwortung der zahllosen Einzelfragen verzetteln, bevor sie nicht das erörtert hat, was in den Einzelfragen immer nur wiederkehrt.

Die allgemeinste Fragestellung kann nur dahin gehen zu fragen, warum überhaupt irgendetwas existiert. Das ist eine Fragestellung, die in der Philosophiegeschichte zuerst bei Leibniz (1646 – 1716) auftaucht. Die Frage gilt in der Philosophie als unbeantwortet. In Religionen gibt es Glaubenssätze, nach deren Wortlaut vorstellbar ist, dass es Menschen gibt, die sich diese Frage nicht stellen, weil für das, wonach gefragt wird, der geglaubte Gott eine Instanz ist, die das Fragliche in dieser Frage aufhebt und die Antwort durch Verweis auf die Existenz des Gottes und seinen universellen heiligen Willen, dass er selbst und die Welt sein möge, erübrigt.

Das religiöse Denken unterscheidet nicht das reine Sein und das als Welt Seiende. Das philosophische Denken hält ein Sein ohne zugleich existierende Welt theoretisch für möglich. Damit koppelt es sich radikal von allen religiösen Annahmen ab, das Sein schlechthin mit Gott und seinem Werk gleichzusetzen. Diese Abkopplung ist problematisch, aber ein Fragen, das alle Vorausbindungen vermeidet, kommt um die Möglichkeit eines Seins entweder noch ohne eine existente Welt oder nach dem Untergang der Welt nicht herum. Es ist klar, dass damit, aus religiöser Sicht abwegig, die Möglichkeit unterstellt wird, dass ein Gott erst in das fertige Sein eingetreten wäre und auch nicht die Macht hätte, das reine Sein abzuschaffen, ein Gott also ohne universelle Allmacht.

Zur Frage, warum überhaupt etwas sei und nicht eventuell nichts, ist noch etwas anderes zu bedenken. Die Fragestellung ist tückisch und womöglich missverständlich. Es wird mit der Frage, in ihrer herkömmlichen Form, nämlich unterstellt, dass es ontologisch zwei Phasen geben könne, die eines existenten Seins und die eines Nichts, aus dem ein Sein hervorgegangen sei und in das sich ein Sein zurückverwandeln könne, zum Beispiel wenn es keinen Sinn mehr habe. Man muss jedoch behaupten, dass es Sein immer gegeben hat und immer geben wird. Das lässt sich zwar nicht beweisen, aber die Behauptung wirkt äußerst evident, und zwar deshalb, weil nämlich für den  sonst anzunehmenden Urzustand, vor dem Sein, eventuell auch nach ihm, wirklich ein Nichts, also nicht einmal die Möglichkeit eines Seins angenommen werden müsste, eine Möglichkeit, die nicht abstrakt bestände, sondern als Realität. Das so genannte Nichts wäre nämlich eine mögliche Geburtsstätte des Seins. Dann wäre es aber doch etwas, also kein Nichts. Da ein Davor und Danach überhaupt Annahmen sind, die wir aus der existenten kosmischen Welt in die Ontologie herüberholen, was äußerst fragwürdig wäre, liegt es viel mehr tatsächlich dann unendlich näher zu sagen, dass das Sein, wie es viele sehr früh gesagt haben, ewig ist, das heißt nie entstanden und nicht zu vernichten, dass die Existenz des Seins grundsätzlich die Existenz eines Nichts unmöglich macht.

Wir sollten nicht vom Sein reden, sondern vom Überhaupt: Es war immer etwas, und das bedeutet, es war und ist ewig das Überhaupt. Diese Aussage hat allerdings merkwürdige und für viele ganz unannehmbare Konsequenzen, einmal, wie schon gesagt, die Konsequenz, dass die von vielen angenommene göttliche Allmacht eine wesentliche Einschränkung erfährt, zum anderen die Konsequenz, dass die Frage nach einem Sinn entfällt, jedenfalls für das übliche Sinn-Verständnis eines gegebenen oder vermittelten Sinnes. Einem von jeher Ewigen hätte aber nie irgendeine Macht oder Instanz einen Sinn für seine Entstehung erst mitgeben können.

Es ist zuzugeben, dass philosophische Thesen wie die hier dargestellten nicht beweisbar richtig sind. Philosophisch lässt sich grundsätzlich nichts beweisen, nichts so beweisen, wie wir das Beweisen, zum Beispiel in den Naturwissenschaften oder im menschlichen Zusammenleben handhaben. Dennoch ist es möglich, derlei Thesen zum nicht überschreitbaren Endpunkt seiner persönlichen Überzeugungsbildung zu machen. Das ist das, was Philosophie vermag und über das sie auch nicht hi-nausgehen kann. Ob es mehr ist als eine religiöse, auf einem Glauben fußende Überzeugung, ist nicht allgemeinverbindlich zu entscheiden. Jeder muss es für sich selbst wissen, wovon er sich überzeugt fühlt. Die selbst begründeten Überzeugungen haben für den Überzeugten einen gleichen Wert wie ein Glaube, dem er sich anschlösse, der indessen von anderen vorformuliert wäre, mit allen Unsicherheiten, wie er zu Stande gekommen ist.

Ganz andere Überlegungen sind anzustellen, wenn es um das Universum geht, um die Art und Weise seines Zustandekommens und damit auch um seine mögliche Sinngebung. Der philosophische Streit, ob es das Universum überhaupt wirklich gibt oder ob es vielleicht nur unser Hirngespinst ist, lasse ich beiseite, weil wir jedenfalls auch in einem ersponnenen Weltall leben müssten und mit ersponnener Realität ebenso zu tun hätten wie mit einer nicht ersponnenen, wovon man sich schon im Straßenverkehr eine genügend klare Vorstellung machen kann.

Die Entstehung des Universums scheint eine historische Tatsache zu sein. Zwar könnte man auch ein ewiges Weltall für möglich halten, aber alle Beobachtungen, vor allem die astronomischen, weisen auf einen Einmaldurchgang hin, der einen Anfang hatte, möglicherweise den, den man als den Urknall bezeichnet und den man auch schon rechnerisch untersucht hat.

Für den Philosophierenden tritt die Grundsatzfrage auf, ob er zu allem, was hier naturwissenschaftlich und mathematisch zu untersuchen ist, irgendetwas sinnvoll beitragen kann, es sei denn, er sei zufällig selbst vom Fach und könne einheitlich sowohl wissenschaftlich als auch philosophisch argumentieren. Es zeigt sich, dass man die Überlegungen besser separat vornimmt. Und dann muss man klar sagen, dass die Philosophie für die Fragen der Entstehung und möglichen Zweckbestimmung des Universums bloße, wenn auch höchstinteressierte Zuschauerin bleibt. Es ist auch nicht angebracht, aus der Ent-stehung des Universums eine separate philosophische Frage zu machen, weil die Einzelheiten dieses Entstehungsvorgangs in erster Linie und zunächst einmal naturwissenschaftlich zu un-tersuchen sind, bevor man an Wertungen herangehen kann. Das Physische, was sich da abgespielt hat, hatte zweifellos seine Basis im Metaphysischen, das den Vorgang möglich gemacht hat.

Dem religiösen Denken muss hier zugegeben werden, diese Dinge mit Recht spirituell zu sehen, wie diese Dinge allerdings auch der Philosophierende sehen muss. Denn, so müssen wir sagen, die Welt ist, in ihrem Ursprung und damit auch für alle Zeit ihres Bestehens, sozusagen nicht von dieser Welt. Die Welt kann sich nicht selbst erschaffen haben, der Odem in den Gleichungen, von denen Stephen Hawkins spricht, muss von Außerhalb gekommen sein, ob es nun ein göttlicher Atem war oder nicht. Die Philosophie sitzt hier in der Aporieklemme: Sie kann weder die Formeln metaphysisch durchleuchten noch den Geist, der solche Formeln aufgebracht hat. Der Urknall wäre, wenn er wirklich stattgefunden hat, was bisher nur eine Annahme mit hoher Wahrscheinlichkeit ist, zweifellos im Rätsel-Gefüge, das wir überhaupt vor uns haben, ein zentrales Ereignis, aber er wäre auch nicht mehr als ein zentrales Ereignis, hätte nicht die unfassbare Gewalt einer Potenz, die ein derartiges Ereignis hätte hinzaubern können. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass an diesem Punkt alle Philosophie-renden, aber auch alle Naturwissenschaftler und alle Theologen einander die Hand geben müssten, in der universellen, aber leeren Erkenntnis, dass keine der drei Gruppen einen entscheidenden Wissensvorsprung hat.

Dazu darf auch gleich noch bemerkt werden, dass auch aus der Logik kein Erkenntnisfortschritt erwartet werden darf, da logisch zu denken nur bedeutet, in sich widerspruchsfrei zu denken, aber nicht bedeutet, was man der Logik im Altertum so gern zugetraut hatte, die Wahrheit selbstständig zu ermitteln.


 
 

"Kinder des Alls"

Elemente der Montage:links:Leonardo da Vinci: Vitruvianischer Mann; Krebsnebel (Hubble-Foto)
rechts:  Chloe Hedden: Vitruvianische Frau; Rote Nova V838 Monocerotis (NASA/Hubble Heritage Team)

 
Frage 2

Die Entstehung der Welt und die Herkunft des Menschen waren bei allen Völkern der Erde Thema vielfältiger Mythen. In der europäischen Zivilisation setzte das Christentum den jüdischen Stammesmythos durch: Ein per definitionem allmächtiger und unerforschlicher Schöpfer schuf die Welt, erhielt und beherrschte sie, und verlieh seinen Stellvertretern auf Erden, der Kirche, unbeschränkte Macht.

Heute weiß die Wissenschaft recht gut Bescheid über die tatsächlichen Abläufe:

Der Mensch – ein Spezialfall des irdischen Lebens – ist ein Kind des Universums. 13,72 Milliarden Jahre vergingen seit dem Urknall bis zu seinem Erscheinen auf einem gewöhnlichen Planeten eines gewöhnlichen Sterns am Rande einer gewöhnlichen Galaxie. Sein Körper, wie der aller anderen Lebewesen, besteht zu 1/10 aus Material, das im Urknall selber entstand (Wasserstoff). 9/10 des Körpers besteht aus Stoffen, die im Inneren großer Sterne erbrütet und in gewaltigen Supernova-Explosionen ins All geschleudert wurden. Gestalt und Fähigkeiten des Menschen sind das Ergebnis von 3 Milliarden Jahren Evolution, basierend auf dem Prinzip der zufälligen Variation der Erbanlagen und der Selektion überlebenden Erbmaterials gemäß den Anforderungen der Umwelt. Seit recht kurzer Zeit erst hat der Mensch die Fähigkeit, forschend und denkend diesen ganzen Prozess zu klären: Das Geschöpf erforscht seinen Schöpfer oder, wie man manchmal formuliert, in ihm kommt das Universum zum Bewusstsein seiner selbst.

Hat die Philosophie heute noch etwas zu diesem Themenkreis zu sagen?

Antwort auf Frage 2

Der hier angesprochene Themenkreis ist in den Kompetenzbereich einschlägiger Wissenschaften übergegangen. Die Philosophierenden schauen aber interessiert zu, machen sich auch ihre eigenen Gedanken dazu, weil es mittelbar auch um ihre Kompetenz geht, um den faktischen Erfahrungsbereich, in den sie sich gestellt sehen. Die anfängliche Philosophie hatte es leichter, weil sie den Menschen und damit auch sich selbst im Zentrum des kosmischen Geschehens zu sehen meinte, damit zu höchster Beurteilungskompetenz ermächtigt. Heute erfährt man kleinlaut, sich in einem riesigen Universum vorzufinden, mit äußerst beschränkter Sicht auf die Ganzheit des kosmisch Seienden, mit kläglich geringen Bewegungsmöglichkeiten in einem Weltraum, der Planetenbewohner wie uns geradezu in ein Gefängnis der Langsamkeit sperrt. Selbst wenn wir uns in jahrelanger, für unseren Körper eben noch erträglicher Beschleunigung eines Raumfahrzeugs zu nahen Sternen unserer Galaxie bewegen würden, hätten wir nach bisherigem Wissen keine dortigen Planeten zu erwarten, auf denen wir, wieder nach jahrelanger Abbremsung, landen und irgendwelche vernünftigen Dinge unternehmen könnten, wobei Hin- und Rückflug ziemlich ein ganzes Menschenleben verschlingen würden, von den gesundheitlichen Problemen nicht zu reden. Offenbar, so dürfen wir, durchaus philosophisch, spekulieren, hat man mit uns nichts weiter vor, als dass wir auf unserem Planeten recht und schlecht ein Leben verbringen dürfen. Nicht einmal das ist allerdings garantiert. Uns kann jederzeit, auch schon ganz früh der Tod ereilen oder eine Umnachtung den vernünftigen Blick nehmen.

Schon die Unterbringung auf einem Planeten wie der Erde spricht nicht für höhere Planungen, weil die Existenz des Planeten jederzeit kosmisch gefährdet ist. Dem Menschen ist hoch anzurechnen, dass er sich dazu aufgeschwungen hat, über alles nachzudenken und per Philosophie sogar das gesamte Uni-versum in seine Überlegungen einzubeziehen. Mit welchem Erfolg diese Bemühungen beschieden sind, sollten wir, als immer noch ganz frühe Menschen, noch nicht zu bewerten versuchen. Wir ahnen aber schon, dass uns bei unseren geistigen Verlautbarungen außerhalb unseres Planeten niemand zuhört. Selbst unsere tiefsten Gedanken scheinen nirgendwo gefragt zu sein. Wahrscheinlich könnten die möglichen Wesen, die unser Denken durch die Membranen des Geistigen irgendwo außerhalb des Universums vernehmen könnten, mit den Gedanken nichts anfangen oder würden sie belächeln.

Wir dürfen auch nie vergessen, dass wir nach aller Wahrscheinlichkeit nicht die einzigen bewussten und nachdenklichen Lebewesen im Kosmos sind. Die große Wahrscheinlichkeit dafür beruht darauf, dass wir inzwischen wissen, dass Leben aus unbelebter Materie heraus entstehen kann und die für höheres Leben notwendigen Elemente wie hauptsächlich Kohlenstoff an jedem Ort des Universums entstehen können. Die Beobachtung fremder Sternensysteme hat schon für den Bereich unserer Galaxie ergeben, dass weitere Planeten existieren, man nennt sie Exoplaneten, wobei nur noch nicht Planeten gefunden worden zu sein scheinen, auf denen man Lebensbedingungen erwarten kann, die den Lebensbedingungen unseres Planeten entsprechen. Bereits ein einziger Exoplanet vergleichbar der Erde würde das philosophische Weltbild auch derjenigen total verändern, die sich heimlich freuen können, dass ein solcher Planet noch nicht entdeckt worden ist.

 
 

“Die Sehnsucht der Wasserfrau nach den Sternen“

Bildidee: Maurits C. Escher: "Drei Welten"

Frage 3

Der Anblick des mit funkelnden Sternen übersäten Himmels in einer klaren Nacht wird kaum einen Menschen, der dieses Bild nur selten zu sehen bekommt, ganz kalt lassen. Eine mystische Sehnsucht nach der Vereinigung mit dem Großen und Ganzen macht sich bemerkbar – der Wunsch, die unseren Sinnen nun einmal gesetzten Grenzen zu überwinden.

In vielen Naturreligionen spielen Trancezustände, erreicht durch Psychopharmaka und Ritual, eine wesentliche Rolle. Mystische Erlebnisse wurden auch in den großen Weltreligionen erlebt oder gar systematisch gesucht, waren dort aber auch Objekt kritischer Betrachtung von Seiten der organisierten Buch-Religion.

Erlernbare Meditationstechniken können das Gefühl des Aufgehens im Weltganzen für eine gewisse Zeit vermitteln – was dabei im Gehirn vorgeht, welche Gehirnteile beteiligt sind, konnte durch moderne bildgebende Verfahren weit gehend geklärt werden.

Machen mystische Erlebnisse nur im Kontext wahnhafter Religion Sinn? Oder haben mystische Erlebnisse auch in der Philosophie Platz und Wert?
 

Antwort auf Frage 3

Der Begriff der Mystik ist im religiösen Denken entstanden. Zu-nächst einmal erinnert er an die antiken Mysterien, also an Geheimkulte, die nicht jedermann zugänglich waren,  in die man eingeweiht werden musste. Daraus wurde später die Vorstellung eines inneres Sehens. Die christlichen Mystiker wie vor allem der Meister Eckart verbanden damit eine innere Schau des geglaubten Gottes, die derart intensiv erlebt wurde, dass die Rede von einer Vereinigung mit der Gottheit gebraucht wurde.

Es wurde bereits damals in dieser Mystik eine philosophische Komponente gesehen. In der Zeit der Aufklärung verschwand der Begriff des Mystischen aus der Philosophie, doch darf man sich dadurch nicht täuschen lassen, denn dieser Begriff machte eine heimliche Wandlung durch und kann heute ohne Rückgriff auf irgendeine Religion auch als ein philosophischer Begriff gelten, nicht erst seit der berühmten Sentenz Ludwig Wittgensteins im Tractatus logico-philosophicus, dass es Unaussprechliches gäbe, das sich zeige, es sei das Mystische (6.522). Was sich da zeige, was wir dann also auch sehen können, müsste man für Wittgenstein durch eine Interpretation aus seinem Denken klar stellen; aber es genügt auch, das Mystische ganz allgemein in dem Anblick des Rätselhaften zu sehen, und rätselhaft ist schlechthin alles. Jeder Blick, den wir tun, offenbart uns etwas, das wir, bei allen kausalen Erklärungen, die wir haben, nicht wirklich begreifen.

Der Begriff des Mystischen ist eine Brücke von der religiösen zur philosophischen Weltsicht, wobei der religiöse Gehalt nicht abgestreift wird, sondern sich der metaphysischen Sichtweise angleicht, der metaphysischen mitten in einem physikalischen Umfeld, das wir bei nüchterner Betrachtung als metaphysisch nur deshalb nicht bewerten, weil uns die reale Komponente, die ja alle Dinge auch noch haben, in ihrem Bann hält und für die meisten auch die maßgebende Komponente bildet. Man muss den philosophischen Blick haben, um es anders zu sehen. Das ist jederzeit möglich; es bereichert unendlich.

In der Welt zu sein, ist ein von Grund auf mystisches Erlebnis. Über dieses Erlebnis nachzudenken, führt uns in die Metaphysik eindrucksvoller ein als die Lektüre so genannter metaphysischer Bücher und Abhandlungen, denn die Wiedergabe des Erlebnisses ist schwer und gelingt selten. Bücher über Metaphysik wirken in der Regel ziemlich langweilig. Die Autoren bewegen sich da meistens in ganz allgemeinen Begriffen, die sich selten in geistige Erlebnisse umsetzen lassen. Der Grund ist einfach zu benennen: Wir Menschen haben metaphysisch nichts zu sagen, es sei denn, wir ändern den Begriffsinhalt so ab, dass er auf das passt, worüber man reden kann. Das tue ich hier nicht. Ich verstehe unter der metaphysischen Grundfrage die schon erwähnte nach dem Warum der Welt, weiß, dass ich die Frage nicht beantworten kann, schweige also, aber schweige beredt, nämlich nach dem Textzusammenhang so, dass jeder versteht, dass ich nichts Stichhaltiges dazu sagen kann.

Mystik kann man auch praktizieren. Es geschieht in der Weise der Meditation. Ich selbst beschränke mich darauf, in dem, was ich jeweils gerade betrachte, die Präsenz des Welträtsels mitzudenken.

Die Religionsgemeinschaften geben sich manchmal so, als seien sie die Pächter des Mystischen, und wir müssten dieses nach ihren Richtlinien zur Kenntnis nehmen. Dem unterwerfe ich mich nicht. Das Mystische gehört allen und niemandem. Hilfestellungen kann natürlich annehmen, wer es will.


 
 

"Die Erschaffung des Philosophen"

Elemente der Montage: Michelangelo Buonarroti: Erweckung Adams, Sixtinische Kapelle Rom

Frage 4

Das lange bei den monotheistischen Religionen herrschende und noch heute bisweilen zu beobachtende Denkverbot (>Du sollst nicht essen vom Baume der Erkenntnis!<) stellt dem Gott dieser Religionen kein gutes Zeugnis aus: Dieser Gott hat seinem Geschöpf die Fähigkeit zum Denken verliehen, verbietet ihm aber dann die Ausübung dieser Fähigkeit. Hat Gott sich vertan und kann sich nur noch mit einem Verbot helfen?

Eine Deutung für das Zustandekommen der Denkverbote liegt nahe: nichts kann einer Priesterkaste weniger willkommen sein als das eigene, kritische Denken der Gläubigen. Die Drohung mit einem allmächtigen Gott hilft. Der christlichen Religion ist es gelungen, 1500 Jahre lang freies Denken und Forschen zu unterdrücken.

In heutiger Sicht ist jeder Mensch aufgerufen, seine Fähigkeiten zu nutzen, soweit seine Handlungen nicht mit den Grundrechten seiner Mitmenschen kollidieren. Das Denken ist die überragende Fähigkeit des Menschen im Vergleich mit allen anderen Tieren – gerade die sollte er nutzen!

Ist Philosophieren eine besondere Denk-Fähigkeit, die nur wenigen mitgegeben ist? Oder kann jeder sie ausüben, wenngleich mit unterschiedlichem Erfolg?
 

Antwort auf Frage 4

Es gibt für die Philosophie kein besonders geartetes Denkvermögen. Das kann jeder erfahren, an Hand des Weges, auf dem er in die Philosophie hineingekommen ist. Er hat nur grundsätzlicher nachzudenken gelernt. Studiert man Philosophie akademisch, lernt man die vielen Spielarten philosophischen Denkens und Schreibens und füllt man den Kopf mit zahlreichen Begriffen. Passt man dabei gut auf, merkt man, dass Begriffe nichts begreifen, aber durchaus das Zeug haben, mit ihrer Hilfe Gedankenbahnen mit Merkzeichen zu versehen (ich denke immer an die Kieselsteine, die im Märchen Hänsel im Wald ablegt, um später zurückzufinden).

Ich weiß nicht, ob Philosophen besser, richtiger, gründlicher nachdenken als andere Menschen. Bestimmt nicht im Vergleich mit Wissenschaftlern, insbesondere mit mathematisch Geschulten. Es gibt, philosophisch nicht spezifische, Unterschiede bei der schnelleren und gründlicheren Erfassung fremder Gedanken. Das sind Grade der Intelligenz. Sie spielen in der Philosophie keine entscheidende Rolle. Man kann auch mit Menschen, die sich nie geistig betätigt haben, nach kurzer Einführung ein durchaus sinnvolles philosophisches Gespräch führen.

So kann jeder philosophieren, auch ohne spezielle Vorbildung und wohl auch ohne eine spezifische Begabung. Aber man braucht den inneren Antrieb zum Philosophieren. Er ist nicht zu erklären, aber, wo vorhanden, sich selber völlig einsichtig und notwendig. Wo er nicht aufgekommen ist, fehlt er eben einfach. Auch dieses Manko kann man nicht erklären, allenfalls kann man es aus der individuellen Biographie ableiten.

Grotesk war das Understatement eines Carl Friedrich von Weizsäcker, des überragenden Physikers und Mathematikers, er bewege sich in der Philosophie nur in einer Schülerrolle (er drückte es anders aus, war aber immerhin in Hamburg Dozent für Philosophie).

Mit einem hohen IQ käme man in der Philosophie nicht weiter als mit einem mittelmäßigen. Ob jemand als ein zum Philosophen Erschaffener anzusehen ist, weiß man auch dann nicht, wenn sich einer leidenschaftlich mit Philosophie beschäftigt. Allerdings ist auch hier eine gewisse schriftstellerische Begabung eine durchaus wünschenswerte Eigenschaft. Als positiv auffällig gelten immer Leute, die ganz schnell und früh den gesamten philosophischen Bereich überschauen und präsent haben, womöglich noch mehrsprachig (so eines der Supertalente der Philosophie, Vittorio Hösle). Aber auch diese Leute sind noch nicht hinter das Welträtsel gekommen.

Für die Einschätzung der Befähigung kommt es sehr darauf an, ob man entweder nüchtern und realistisch eingestellt ist, sich also auch in der Philosophie darauf beschränkt, Aussagen zu suchen, die sich auf das Tatsächliche stützen und auf Grund ihrer Evidenz eine breite Zustimmung finden können, oder ob man die eigentliche philosophische Denkweise im kühnen, über alles Tatsächliche hinausgreifenden Gedankenschwung sieht, in der Spekulation.

Die erste Weise des Philosophierens ist eher agnostisch ausgerichtet, weiß nur wenige, ihr als evident erscheinende Feststellungen zu treffen, und lehnt die Spekulation als einen Zugang zur Wahrheit ab, lässt sie allenfalls als einen spielerischen Versuch gelten, sich vom Unbegreiflichen irgendein Bild zu machen.

Die zweite Weise des Philosophierens sucht alle Aussagen, die man machen kann, spekulativ zu einem System zu verbinden, versteht sich selbst oder wird von anderen ehrfürchtig verstanden als eine Tiefenschau, die nicht allen gelingen kann, und nimmt die spekulative Phantasie als legitimen Zugang zur Wahrheit, im besten Fall als geniale Leistung oberhalb der Wissenschaft, wobei sich spekulative Denker in ihrem Selbstverständnis, erkennbar in ihrer Diktion, auf einem sicheren Weg zu überlegenen Einsichten sehen.

In der Gegenwart findet man diese Gegensätzlichkeit kaum noch, weil die Spekulation stark auf dem Rückzug ist.


 
 

"Gedankenschwer"

Elemente der Montage: Auguste Rodin: „Der Denker“
Albrecht Dürer: „Melencolia“
(Der Begriff „Melancholie“ hatte zur Zeit Dürers nicht den engen Sinn von heute.)

 Frage 5

Unzählige Bilder und Plastiken zeigen den Menschen beim Denken – oder Grübeln? – unbewegt sitzend, den Kopf aufgestützt, den Blick auf Unbestimmtes gerichtet, oft nach unten auf den Boden, als liege das Rätsel dort.

Ist diese Haltung denn besonders bequem? Befreit sie das Gehirn weitgehend von der Aufgabe, eine bestimmte Körperhaltung aktiv zu regulieren? Fördert sie die Konzentration auf die inneren Vorgänge im Gehirn – hier die Gedanken? Das mag eine Erklärung sein: Eine aufrechte Haltung des Kopfes signalisiert Aufmerksamkeit – die Sinne, das Gehirn sind auf Empfang eingestellt, nach draußen gerichtet. Hier aber sind die Gedanken ganz unabhängig von der aktuellen Umwelt.

Philosophie treiben heißt denken – gibt es eine spezifisch philosophische Art des Denkens (über die Beachtung der Gesetze der Logik hinaus)? Kann man sie lernen? Macht sie Vergnügen, bringt sie Befriedigung? Warum überhaupt denken, wenn nicht zur Lösung eines aktuellen Problems?
 

Antwort auf Frage 5

Ich gestehe, mit der Beantwortung der Frage Probleme zu haben.

Eine spezifische Art des philosophischen Denkens mag man nach der Art der Gedanken bejahen,  aber sie hat keinen ersichtlich festen Bezug zur Körperhaltung. Ich habe philosophisch im Stehen, im Liegen, beim Baden, auf Bahnsteigen, im Flugzeug, in Sitzungspausen des Gerichts, beim Einschlafen nachgedacht. Für mich hat sich allerdings mehr und mehr herausgestellt, dass ich am besten schreibend denken kann. Das sehe ich als eine individuelle Eigenart an, die auch dem Festhalten von leicht wieder entschwindenden Formulierungen dient.

So ist auch das Nachdenken eine Form von momentanem Glücklichsein. Aber der metaphysische Abgrund, an dem man dann oft entlang geht, lässt einen immer wieder schwindlig werden. Das ist dann kein glücklicher Zustand.

Die Darstellungen Denkender sind ersichtlich geprägt von der Vorstellung, dass Denker, also vornehmlich philosophische Denker Menschen, genauer (meistens) Männer seien, die sich zum Denken viel Zeit nehmen können und es dann auch tun. Wenn im alten Athen ein Sokrates eine ganze Nacht in eine denkerische Starre verfiel, wie es Platon berichtet hat, dann hat man ihn vermutlich taktvollerweise nicht angesprochen und etwa gefragt, woran er gerade denke. Denken ist ein innerer Vorgang, den man meistens einem Menschen nicht ansieht, den man auch nicht zeigen muss, wenn man sich ungestört fühlt. Gedanken können uns auch sehr schnell einfallen. Wir haben die Fähigkeit, sie dann in uns festzuhalten, während wir schon mit anderem beschäftigt sind. So erinnern uns die Denker-Bildnisse eher an alte Zeiten, in denen es solche Denker wie Sokrates gab, die öffentlich als Denker auftraten und respektiert wurden, so dass sie sich auch angewöhnen mochten, beim Denken eine bestimmte Haltung einzunehmen und dann ihrem gewohnten öffentlichen Bild zu entsprechen. Die Hektik unserer Zeit kannte man nicht.

Was hat nun der Vorgang des Denkens mit der Lösung von Problemen zu tun? Denken ist in verschiedenen menschlichen Betätigungen ein ständiger Teil der sinnvollen Verrichtung. Ein Handwerker muss nachdenken, wie er eine Leitung am besten legt, ein Architekt, wie er ein Gebäude am zweckmäßigsten und zugleich schönsten konzipiert, ein Richter, wie in einem Fall eine gerecht wirkende, jedenfalls den Rechtsfrieden wiederherstellende Lösung aussehen muss. Man könnte ganze Bücher nur mit solchen Beispielen füllen. Da wird auch häufig in einem ganz eng umgrenzten praktischen Sinne ein Problem gelöst.
Aber was nun die Lösung philosophischer Probleme angeht, sieht es ganz anders aus. Was ist überhaupt ein philosophisches Problem? Kann man ein philosophisches Problem von anderen klar abgrenzen und sich isoliert seiner Lösung zuwenden, ohne die anderen Probleme zu berücksichtigen? Kann man philosophische Probleme überhaupt unabhängig von Systemen, in denen man denkt, formulieren? Bedeutet die Lösung eines philosophischen Problems, dass es dann von allen als gelöst anerkannt wird? Bedeutet die Problemlösung, weiteren Nachdenkens zu seinem Kernpunkt nunmehr enthoben zu sein? Wenn ein philosophischer Kopf behauptet, er habe ein bestimmtes Problem gelöst, wird er sich immer die Frage gefallen lassen müssen, wie das Denken nun weiter gehe. Dazu müsste dann ein Weg aufgezeigt werden, eine Richtung. Man sieht, dass ein großes, in seiner abstrakten Allgemeinheit alle überforderndes Problem angesprochen ist. Das geschieht hier nur als eine Warnung vor der Behauptung, es sei ein bestimmtes Problem gelöst worden, was nicht selten behauptet wird, manchmal sogar mit dem pikanten Nachsatz, dass an die Stelle des gelösten Problems nunmehr ein bestimmtes anderes träte.

Dem Verständnis des modernen Philosophierens, das immer kontrovers bleibt, entspricht es am besten, alle auftretenden Probleme grundsätzlich als ungelöst zu betrachten und weiter zur Diskussion zu stellen. Es hängt nichts davon ab, ob ein philosophisches Problem als gelöst oder als nicht gelöst angesehen wird. Im Gegensatz zu praktischen, zum Beispiel politischen Problemen, von deren Lösung die Notwendigkeit abhängt, bestimmte Maßnahmen ins Auge zu fassen, sind philosophische Probleme folgenlos und für das Handeln der Menschen unverbindlich. Es kommt hier nur darauf an, die Probleme der philosophischen Theorie von den Problemen zu unterscheiden, von deren praktischer Lösung das Wohlergehen der Menschen betroffen ist, auf deren endgültige Lösung man nicht warten kann, so viele ethische Probleme wie zum Beispiel der Umgang mit Stammzellen. Mit den Problemen dieser Art verantwortlich und sachkundig umzugehen, ist man durch die Befassung mit der Philosophie nicht genügend geschult; es kommt auch gar nicht auf eine philosophische Schulung an, weil, unter Einbeziehung aller maßgebenden Instanzen, sofort gehandelt werden muss, wofür es immer Fachleute gibt.

Man begegnet häufig dem Missverständnis der Philosophie, und zwar auch in ihren eigenen Kreisen, sie einzubeziehen in praktische Entscheidungen, eine Mitverantwortung für das zu übernehmen, was dann politisch getan wird. Eine solche Mitverantwortung kann sie nicht tragen, weil sie sich offen halten muss für Gedanken, wie sie unvorhersehbar immer noch hinzu kommen können.

Dies ändert nichts daran, dass es niemandem, auch nicht einem zu praktischen Entscheidungen Verpflichteten schaden kann, sich mit der theoretischen Seite der Menschheitsprobleme zu beschäftigen. Durch eine derartige Beschäftigung kann die Qualität der praktischen Entscheidungen durchaus mitgeprägt oder sogar angehoben werden. Wegen der kontroversen Natur der von philosophischer Seite kommenden Empfehlungen bleibt die Verantwortung bei dem, der die Entscheidungen trifft.


 
 

"Ceci n’est pas Monsieur Duhn"
(Er ist kein Pfeifenraucher.)

Elemente der Montage :
Rene Magritte: "La reproduction interdit "; "Le fils de l'homme "; "La trahison des image – Ceci n’est pas une pipe"

Frage 6

Magritte stellt in seinen Bildern immer wieder die Frage nach der inneren Logik der Welt, nach ihrer Spiegelung im gemalten Bild (oder auch nicht), nach dem Verhältnis von Bild und Sprache.

Denken arbeitet mit "Sprachbildern" – geben sie die Welt richtig wieder? Verleiten gewohnte sprachliche Figuren zu unzulässiger Anwendung, vielleicht zu falscher Interpretation der Wirklichkeit? Lassen sich mit Sprachbildern nicht gar komplexe philosophische Systeme errichten, die an keiner Realität gemessen werden können? Wie schön wäre es, wenn Ludwig Wittgenstein Recht hätte mit  >Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, dann kann sie auch beantwortet werden....Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen<! Liest man seinen Tractatus logico-philosophicus so ist man versucht, ihm sein eigenes Schlusswort entgegen zu halten: >Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen<. Viele Jahre später erst akzeptierte Wittgenstein, dass die Sprache kein Präzisionsinstrument ist, sondern im praktischen Gebrauch viel Information auch durch Nicht-Ausgesprochenes zwischen Menschen übertragen wird – durch Betonung, Auslassung, Ironie, Kontext u.ä.

Die Beziehung zwischen Philosophie und ihrem Werkzeug "Sprache" muss notwendig schwierig sein. Kann Philosophie sich in Alltagssprache ausdrücken?
 

Antwort auf Frage 6

Der Maler René Magritte hat in seiner surrealistischen Periode viele Bilder gemalt, die man >literarisch< genannt hat, sofern >in ihnen begriffliche Ideen visuell zum Ausdruck kommen< (Kindlers Malerei Lexikon im dtv, Band 8), und man hat dem Maler sogar eine Nähe zur Sprachphilosophie nachgesagt, so-fern Werke zwischen 1936 und 1940 das traditionelle philoso-phische Problem aufwerfen sollen, >ob wir einen Gegenstand durch Begriff oder durch Wahrnehmung erfahren< (a. a. O.). Man lasse sich nicht verwirren: Malerei ist Malerei, Philosophie ist Philosophie. Bilder werfen keine Probleme auf. Die innigste Berührung zwischen Malerei und Philosophie geschieht in der Rätselhaftigkeit der Dinge selbst, auf die von beiden Seiten zugegangen wird. Aber es führt dann kein hinreichend klar zu bezeichnender Weg von der Wiedergabe des Rätselhaften durch ein Bild zu dem begrifflichen Anrennen gegen das Rätsel durch Philosophie. Aber interessiert nimmt der Philosophierende bei den Malern der Neuzeit wahr, dass sie ebenfalls das Rätsel suchen, sich das Rätselhafte immer wieder neu bildlich ausmalen und so die Phantasie aller am Leben halten.

Neue Fragen stellte auch ein Magritte nicht. Philosophische Fragestellungen, da muss man vom Werkzeug Pinsel zum Werkzeug Sprache zurückkehren, bedürfen schriftlicher Formulierung. Die Bilder verführen uns zur Illusion, das Rätsel näher, konkreter betrachten zu können, aber tragen zur Lösung so wenig bei wie selbst die philosophischen Begriffe. Aber wir sind hier nun in der Sprachphilosophie angekommen.

Wir stellen uns, in leichter Verzweiflung, so etwas überhaupt fragen zu müssen, statt mit der Sprache einfach drauflos zu arbeiten, die fast schizophrene Frage, ob unser Sprachapparat, obwohl er den Anschein einer realitätsgetreuen Wiedergabe der Wirklichkeit erweckt, diese Treue überhaupt leisten kann, ob die Begriffe den Dingen, die sie bezeichnen, wirklich entsprechen, ob wir uns mit der Arbeit des Denkens nicht in einer fiktiven Parallelwelt bewegen, die nur scheinbar der wirklichen Welt entspricht und sie dann auch nur fiktiv mit den Begriffen richtig abbildet. Man muss sich darauf besinnen, wie unsere Sprache entstanden ist und welche Zwecke sie alltäglich, ohne durch Selbstanalyse verunsichert zu sein, erfüllt. Unsere Sprache ist zur Verständigung annähernd gleich konditionierter Lebewesen über die Sachverhalte entstanden, die derart gleich konditionierte Lebewesen offenbar wirklich ganz gleich erleben und die für ihr Überleben wichtig sind. Das bedeutet, dass die Alltagssprache, was sich praktisch selbst beweist, völlig problemlos funktioniert und jedenfalls die Realität genau trifft, die für uns alle gleich aussieht. Eine Unsicherheit der Treffgenauigkeit tritt erst dann in Erscheinung, wenn die Alltagssprache verlassen wird. Für alles, was die Sprache dann noch leisten soll, für das Poetische und aber auch das Philosophische, ist die Sprache nur ein Notbehelf, unsere einzige Ausdrucksmöglichkeit mit unergründlicher Fehlerhaftigkeit. Alle philosophischen Begriffe tummeln sich tatsächlich in einer geistigen Parallelwelt, deren Realitätstreue im Ganzen nicht überprüfbar ist. Aber das gilt genau auch für unser Bewusstsein. Und diesem wird die begriffliche, die philosophische Sprache gerecht. Es macht keinen Sinn, unser Bewusstsein erden zu wollen. Als ein nur vorübergehend auf der Erde anwesender Gast, an beliebigem Punkt in einen ewigen Ablauf verschlagen, ohne mitgelieferte Erläuterungen, muss unser Bewusstsein alle Fragen, die sich ihm stellen, letztlich offen lassen, kann es nur für sich selbst Resultate erarbeiten, mit denen es im Rätsel existenzfähig ist. Das schafft es, das schaffen wir. Was darüber hinausgeht, ist immer eine fraglich bleibende Bewusstseinsleistung.

Die Sprachphilosophie kann uns aus dieser verzweifelten Lage nicht befreien. Wittgenstein, der für die Philosophie den Rückweg zur Alltagssprache suchte, konnte zwar eine derartige Forderung formulieren, aber sie auch selbst nicht erfüllen. Auch den Rat zum Schweigen hat er selbst nicht befolgt. Der macht auch keinen Sinn. Wir müssen uns ausdrücken, wir müssen uns ausdrücken dürfen. Wir müssen auch weiter gegen die Realität anschreiben. Wir müssen dabei auch nicht völlig falsch liegen. Zwar erfahren wir es nicht, aber dem Rätsel auf der Spur zu sein, bleibt uns. Es kann jeder über das Rätsel mitreden, nämlich keiner und deshalb eben alle.


 
 

"Große Denkmaschine"

Elemente der Montage:Jean Tinguely: Maschine "Fata Morgana"; Ron Mueck: Der große Mann

Frage 7

Die Tätigkeit des menschlichen Geistes ganz allgemein ist ein außerordentlich komplexer Vorgang. Das nur etwa 1,5 kg schwere Gehirn verbraucht weit überproportionale 20% der Energie, die der menschliche Körper insgesamt umsetzt. Was wir gewöhnlich unter "Denken" verstehen, spielt sich vornehmlich im Großhirn mit seinen 10 Milliarden eng gepackten, durch besonders schnelle Nervenleitungen verknüpften Neuronen ab. Viele andere Teile des Gehirns aber sind an der Verarbeitung und Analyse von Sinneseindrücken einerseits und an der Bewertung der gedachten Handlungsalternativen andererseits beteiligt.

Ein für die Philosophie traditionell besonders interessanter Aspekt der Geistestätigkeit ist das Wollen – der "freie Wille". Ein vollständig freier Wille – frei von jeglichen Einflüssen – könnte nur Zufallsentscheidungen hervorbringen und ist somit ein unsinniges Konzept. Zudem haben Versuche gezeigt, dass subjektiv völlig freie Entscheidungen vorweg im Unbewussten getroffen werden. Ganz allgemein gilt, dass auch komplexe Entscheidungen letztlich von unbewussten Vorgängen im Gehirn, insbesondere im Limbischen System (in der Amygdala) getragen werden müssen, um für den Einzelnen vernünftig und sozial verträglich auszufallen.

Wie geht die Philosophie heute mit dem Thema um?
 

Antwort auf Frage 7

Die Frage deutet die neu gewonnenen Kenntnisse über die Tätigkeit unseres Gehirns an und geht von hier aus zu der Problematik der so genannten Willensfreiheit über.

Die Untersuchung des Denkens als Vorgang im Gehirn bildet das Forschungsgebiet einer Wissenschaft, die es vor noch nicht langer Zeit überhaupt nicht gegeben hat, nicht geben konnte, weil Untersuchungsapparaturen benötigt werden, die erst in neuester Zeit erfunden worden sind. Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, dass, noch während die Forschungen laufen, schon über alles auch philosophisch diskutiert wird, dass man nicht mehr abwartet, was noch alles bei den Forschungen herauskommt, sondern jetzt schon wertet und sich im Voraus bestimmte mögliche Ergebnisse und die Folgerungen aus ihnen überlegt. Verständlich ist es, aber es ist wissenschaftlich betrachtet eine Unart. Philosophierende sollten da nicht mittun. Es gibt auch keine Eile. Der Philosoph Josef König sagte in Hamburg in einer philosophischen Vorlesung einmal, wir hätten für die Philosophie unbegrenzt Zeit. Das versteht richtig, wer es richtig versteht. Aber wir sollten uns bei dieser Gelegenheit einmal klar machen, dass die abendländische Philosophie noch nicht entfernt zehntausend Jahre alt ist, aber doch wohl hunderttausende von Jahren vor sich hat. Nichts muss philosophisch entschieden werden, erst recht nicht heute.

Zum Problem der so genannten Willensfreiheit, das bisher ein gehütetes Grundproblem der Philosophie war, äußern sich jetzt, und das ist neu, auch Wissenschaftler. Sie gehen das Problem nicht am Schreibtisch sitzend an, sondern beobachten das Gehirn bei seiner Tätigkeit, und das hier gerade in dem Augenblick, in dem es einen Entschluss fasst. Und dabei hat sich dann gezeigt, dass sich Entschlüsse in uns vorbereiten, dass sie nicht in uns hineinplatzen, sondern in uns aufgebaut werden, bis sie dann Sprache oder tätige Umsetzung finden. Was ergibt sich daraus Neues?

Ich meine, nichts. Was ist denn das, was man als Freiheit entweder beweisen oder widerlegen will? Es geht ersichtlich nicht darum, ob wir uns bei einem Entschluss frei vorkommen. Das könnten wir auch in völliger Unfreiheit, einfach durch das Haben eines Entschlusses. Interessant ist aber doch, was sich in uns, ohne dass wir es richtig selbst verfolgen können, tut. Das wissen wir auch beim Nachdenken nicht. Ein Gedanke ist plötzlich da, aber was das Gehirn tun musste, bis es ihn uns innerlich fertig vor Augen stellen konnte, wissen wir nicht. Gedanken und Entschlüsse haben eine ganz ähnliche Provenienz. Der klassische Philosoph unterschied zwar das Denken vom Wollen, schrieb dem Denken die Gedanken, dem Wollen die Entschlüsse zu. Aber das waren begriffliche Unterscheidungen ohne Gehirnkenntnis. Da haben Laien gesprochen, noch nicht Fachleute, die das Gehirn anders aufteilen. Wie sagt man doch zum Beispiel so schön: >Ich denke, das mache ich, aber ich will zuerst über etwas anderes Nachdenken!< Bei den großen, auf Nachdenken beruhenden Entscheidungen des Lebens ist das Zusammengehen von Denken und Wollen noch viel deutlicher.

Die Frage der Freiheit stellt sich eigentlich nicht. So lange wir mit unseren Gedanken oder Entschlüssen selbst zufrieden sind, müssen wir ihre innere Herkunft nicht hinterfragen. Werden wir zu Gedanken oder Entscheidungen genötigt oder gar gezwungen, müssen wir uns fragen, ob wir uns dagegen wehren müssen. Jeder Vernünftige weiß um seine Abhängigkeiten, gerade auch bei grundlegenden Lebensentscheidungen. Eine grundsätzliche Freiheit dürften wir nie haben. Wir kennen uns jedenfalls zu wenig, um -  und das gilt auch für die unbedeutenden Entschließungen - sicher behaupten zu können, wir seien völlig frei.


 
 

"Der Philosoph bemüht sich den Schleier über der Wirklichkeit zu heben"

Elemente der Montage:   Pferdekopfnebel, Star Shadows Remote Observatory

Frage 8

Was ist wirklich? Können wir die Wirklichkeit überhaupt erkennen? Das sind klassische Fragen der Philosophie.

Die Naturwissenschaft fragt nicht nach dem "Ding an sich". Sie akzeptiert, dass wir mit unseren (durch Instrumente verstärkten) Sinnen nur die Oberfläche der Dinge in der Welt wahrnehmen können, insbesondere ihr Verhalten.

Der große Mathematiker John von Neumann sagte: >Die Naturwissenschaften wollen nicht erklären, sie wollen selten etwas interpretieren, sie schaffen in der Hauptsache Modelle... Die Berechtigung eines solchen mathematischen Konstruktes beruht einzig und allein auf der Hoffnung, dass es funktioniert..< Niels Bohr, einer der Begründer der Quantentheorie, formulierte: >Es ist falsch, wenn man denkt, die Aufgabe der Physik ist es herauszufinden, wie die Natur ist. Physik handelt von dem was, was man über die Natur sagen kann<.

Kommt die Philosophie über diesen Punkt hinaus? Kann sie mehr darüber sagen, "was wirklich ist"?
 

Antwort auf Frage 8

Es wirkt heute unverständlich, ist aber Geschichte, dass es Philosophen gegeben hat, die das Reale nicht in den Wahrnehmungen sahen, die wir machen, sondern in dem wahrnehmenden Subjekt, so dass das komplette Universum zu einer Projek-tion subjektiver Vorstellungen erklärt wurde. Der ganz nüchterne und realistische Immanuel Kant, der das nicht annahm, war immerhin noch der Auffassung, dass die Strukturelemente der wahrgenommenen Welt von uns selbst stammen, also auch wie Projektionsstrukturen zu verstehen wären - ein Ausdruck, den er nicht gebraucht, er spricht von den transzendentalen Anschauungsformen, in denen wir die Dinge wahrnehmen, die er unabhängig von unserer Wahrnehmung von ihnen >Dinge an sich< nennt.

Ich sage zu Kant: Auch die transzendentale Sicht der Realität kann nicht stimmen, weil die Welt nicht mit unserem Auftreten als Wahrnehmende begann, sondern umgekehrt uns als ihre (sehr spät gekommenen) wahrnehmenden Teilhaber allererst in unserer Wahrnehmungsveranlagung ausgeprägt hat. Ich sehe, wie viele seit Kant, den Begriff des Dinges an sich nicht als sinnvoll an.

Der normale natürliche Realismus versteht unser Universum als real gegeben. Die Richtigkeit unserer Wahrnehmung ist indessen als dadurch relativiert anzusehen, dass unsere Sinnesorgane in unserer Evolution eine ganz bestimmte Ausgestaltung gefunden haben, und die Sinnenorgane anderer Lebewesen eine andere. So sehen zum Beispiel Menschen und Fliegen eine völlig unterschiedliche Welt. Jedes Lebewesen ist zum Beispiel auf bestimmte Frequenzbereiche konditioniert. Die Wissenschaft ist dabei, diese verschiedenen Gestaltungen artbedingter Systeme von Sinneswahrnehmungen herauszuarbeiten. Philosophisch braucht man dazu nichts weiter zu sagen.

Es gibt für uns Bewusstseinswesen noch einen radikal anderen Aspekt: Es steht uns frei, uns in dieser rätselhaften Welt, den Tod vor Augen, spekulativ als in einem Traum zu fühlen, so dass das Reale nur das Träumen ist. Allerdings muss sich diese Auffassung an der Tatsache stoßen, dass dann gleich über sieben Milliarden Wesen nebeneinander im Traumwelten leben, diese nur auf unserem Planeten. Da wird es absurd, was am Träumen indessen nicht hindert.

Die Realität des Universums ist allerdings ganz vorsichtig als nichts weiter anzusehen als ein Bezugssystem. Es ist aus unserer Sicht unser Bezugssystem, dem wir allerdings, gegen Kant, nicht die Regeln vorschreiben, das auch uns nicht die Regeln vorschreibt, sondern das mit uns systemgleich ist.

Ein wesentliches Strukturelement dieses mit uns gemeinsamen Bezugssystems ist die sich in der Mathematik ausdrückende Gesetzessystematik. Wir haben diese Mathematik nicht erfunden, sondern Schritt für Schritt mit der geistigen Erkundung der Welt in ihr aufgefunden. Unsere Welt besteht strukturell aus ihr, das Mathematische ist nicht nur eine zufällig von uns gewählte Erklärungsform für Vorgänge und Verhältnisse, die man auch anders erklären könnte. Unser Geist erwies sich auch nicht nur zufällig als fähig, das Mathematische der Natur aufzuzeigen. Unser Geist ist selbst Teil dieser Natur. Geist und Natur sind nicht zweierlei, sondern nur verschiedene Erscheinungsformen von identischen Strukturverhältnissen. Anders hätten wir nicht zu den nicht mehr sichtbaren, nur noch messbaren kleinsten Bausteinen der Natur erkennend vordringen, die Kernspaltung zu Stande bringen können. Unser Formelwerk ist in die Dinge implantiert und entspricht auch genau unserer logischen Denkweise, mit der wir bisher in der Beurteilung natürlicher Vorgänge immer richtig lagen. Was die Quantenphysik angeht, werden wir nachlernen müssen, denn sie hat sich unserem Verstand noch nicht auf Anhieb erschlossen.

Die Philosophie hat sich vor langer Zeit in Form der so genannten Erkenntnistheorie mit den Fragen des Wirklichseins abgemüht. Das ist jetzt alles Makulatur. Heute spricht der Physiker. Er ist aber noch lange nicht am Ende des von ihm aufgenommenen Weges.

Offen bleibt noch, ob unser Universum das einzige im Seienden ist. Es kann auch unser Bezugssystem in umfassenderen höheren Systemen aufgehen oder nur eine Variante von mehreren darstellen. Wir verstehen unser Universum noch nicht ganz. Wir sind gerade noch dabei, zum Beispiel die so genannte dunkle Materie in das Gesamtbild einzufügen. Warten wir doch ab! Die Philosophie hat auch dafür alle Zeit.
 


 
 

"Drinnen und draußen"

Elemente der Montage:  Illustration aus einem Meteorologie-Buch von Camille Flammarion

Frage 9

Das menschliche Gehirn wird durch die Sinne mit Informationen über die Außenwelt versorgt. Eine besondere Bedeutung hat der Sehsinn. Die Informationen vom Auge sind eigentlich recht dürftig: Das Bild ist bis auf einen sehr kleinen Bereich unscharf, pixelig, zweidimensional, hat ein Loch (Blinder Fleck); das Farbsehen ist allerdings recht gut. Das Gehirn verarbeitet diese Reize, unter Rückgriff auf bereits abgespeicherte Informationen, zu einem unbegrenzt erscheinenden, schlüssigen dreidimensionalen Modell der Welt und projiziert es nach außen.

Im Laufe der Evolution hat die Kombination von Sinnesorganen und Gehirn genau jene Fähigkeiten erlernt, die zum Überleben notwendig waren. Das Modell der Welt muss also ausreichend genau die Wirklichkeit erfassen. Mit den instrumentellen und analytischen Mitteln der Wissenschaft verfeinern wir es und erschließen uns Bereiche jenseits dessen, was wir als Sammler und Jäger über Jahrmillionen zu bewältigen hatten. Aber selbst in der Atomphysik arbeiten wir noch mit Modellvorstellungen und nutzen grafische Hilfsmittel (ein Beispiel sind die Feynman-Diagramme).

Wie beurteilt die Philosophie die Qualität des Modells, die Verlässlichkeit des Bildes, das wir uns von der Welt machen?
 

Antwort auf Frage 9

In der Frage ist richtig dargestellt, dass sowohl die Arbeit unserer Sinnenorgane, also auch des Sehsinnes, als auch die Verarbeitung der Signale der Sinnenorgane im Großhirn gemäß den Regeln der Evolution gerade und nur gerade auf die Fähigkeiten zum Überleben ausgerichtet waren und immer noch sind. Wenn wir uns mit Tieren vergleichen, erklären sich die bei ihnen abweichenden Sinneseindrücke einschließlich von deren Verarbeitung nach deren Bedingungen des Überlebens. So mussten Fledermäuse, Zugvögel, Insekten und unzählige andere tierische Lebewesen ganz andere, für uns unvorstellbare Sensibilitäten entwickeln, ohne dass die innere Anlage zur Wahrnehmung beispielsweise anderer optischer oder akustischer Frequenzen als etwas völlig anderes als bei uns beurteilt werden muss. Bei manchen Tieren kommen allerdings zusätzliche Sensibilitäten hinzu, die wir überhaupt nicht entwickeln mussten, so die Wahrnehmung von magnetischen Feldern.

Die Qualität aller gehirnverarbeiteten Wahrnehmungen ist also durch die Zwecksetzung limitiert, mit der Folge, dass wir keinen absoluten Qualitätsmaßstab anlegen dürfen. Daran muss sich die Philosophie, so hochfliegende Pläne sie immer haben mag, halten. Dennoch hat sich die Philosophie in jener alten Zeit, in der es noch keine Sinnesphysiologie und andere spezielle Wis-senschaften gab, mit den Sinnesorganen interessiert beschäftigt, so der Philosoph und Wissenschaftsgründer Aristoteles. Er stellte, wir haben das nicht zu belächeln, vor rund zweieinhalb tausend Jahren zum Beispiel fest: >Gegenstand des Gesichtssinns ist das Sichtbare.< Was heute banal klingt, war ein unerhörter Schritt. Aristoteles fuhr an der Stelle fort: >Sichtbar ist nun einmal die Farbe, weiterhin aber noch etwas, das sich zwar begrifflich bestimmen lässt, für das es aber keine sprachliche Bezeichnung gibt. Was wir damit meinen, wird sich im Fortgang der Untersuchung herausstellen…< Und dann beginnt seine Untersuchung. Für sie interessieren sich immer noch die Historiker der Entwicklung unserer Wissenschaften. Ich bringe dies nur als ein kleines Beispiel, dass ein Geist, der in der Philosophie beheimatet war, sein Interesse auf die Arbeit der Sinne erstreckte. Daraus entstand nicht weitere Philosophie, aber Wissenschaft von philosophischem Interesse, die heute zum Beispiel fragt, ob wir die entferntesten Galaxien vielleicht irgendwann so genau betrachten können, dass wir in fundierte Überlegungen hineinkommen, wann sie genau entstanden sind und wie. Die am weitesten entfernten Galaxien sind ja zugleich die ältesten, also in der Entwicklung des Universums die frühesten. Als sie ihr Licht absandten, war die Erde noch nicht da. Diese Verhältnisse sind philosophisch von höchster Bedeutung. Nur können Philosophierende zum Fortschritt der Erkenntnis hier nichts mehr beitragen.

Früher war die so genannte Erkenntnistheorie geradezu das Hauptstück der philosophischen Darlegungen. Man meinte rein argumentativ zur Klarheit darüber zu kommen, ob wir mit der Hilfe unserer Sinne und mit unserem Verstand in der Lage sind, die uns umgebende Welt richtig zu beurteilen, zugleich mit der überhöhten Zwecksetzung, uns >die Frage nach der Entstehung, den Bedingungen, dem Wesen, den Prinzipien, Zielen, Grenzen und der Gültigkeit der Erkenntnis< zu stellen (Lexikon der philosophischen Begriffe von Alexander Ulfig). Es waren Fragen, die, wie Ulfig feststellt, die Philosophie seit ihren Anfängen begleiteten, wenn auch der Begriff der Erkenntnistheorie erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt worden sei. Sehr früh schon wurde der Begriff der Erkenntnis von dem Begriff des Glaubens unterschieden, wogegen es im religiösen Bereich weiterhin den Begriff der Glaubenswahrheit gab. Die Wahrheit im philosophischen Sinne wurde klassisch als die Übereinstimmung von objektivem Sachverhalt und subjektivem Urteil über den Sachverhalt definiert, wobei man nicht merkte oder beachtete, dass man zwei Dinge miteinander verglich, die eine ganz verschiedene Genese haben. Um dennoch eine Übereinstimmung evident werden zu lassen, wählte man ganz simple Beispiele, bei denen niemand an die komplizierten Vorgänge dachte, die von einer Affizierung des Auges zum Urteil führen, dass es gerade das und das sehe. Man kam noch nicht auf den Gedanken und hatte die sinnesphysiologischen Untersuchungsmethoden noch nicht, Wahrnehmung als einen Forschungsgegenstand zu begreifen. Heute ist diese ganze Disziplin nur noch als eine wissenschaftliche zu handhaben, müssen auch hier die Philosophen, statt die Ergebnisse selbst erarbeiten zu können, auf ihre Erarbeitung durch die Forschung warten.


 
 

"Homunculus oder die Aktivierung eines Avatars der Baureihe H.s."




Frage 10

Zu den reizvollsten Gedankenspielen (und der Basis erfolgreicher Filme wie Welt am Draht, Matrix und Avatar) gehört die Vorstellung, unsere Welt existiere nicht wirklich, sondern sei nur vorgespielt. Schon Descartes stellte sich einen boshaften Dämon vor, der ihm die ganze Welt vortäuscht.

Moderner: Ein menschliches Gehirn schwimmt in einer Nährlösung, seine Nerven werden von einem großen Computer mit Reizen gefüttert, unter Berücksichtigung der vom Gehirn an den nichtexistenten Körper gegebenen Befehle und der von diesem einlaufenden Zustandsmeldungen ("Brain in a vat"). Noch moderner: Die Funktionen eines Gehirns – und damit auch das Bewusstsein – werden durch ein komplexes neuronales Netz in einem Supercomputer realisiert. Auch die Interaktion mit einem virtuellen Körper wird simuliert. Damit wäre die bewusste Existenz in einer reinen Simulation möglich – und die bewusste Entität könnte die wahren Verhältnisse niemals durchschauen. Maximallösung: Die gesamte Welt wird simuliert, der Mensch lebt als  "Avatar" in der  virtuellen Welt.

Freilich: solche Vorstellungen führen zu keinerlei brauchbaren Handlungsempfehlungen; "Ockhams Messer" schneidet gegen sie.

Beschäftigt sich die Philosophie noch mit derartigen Spekulationen?
 

Antwort auf Frage 10

Für die Philosophie im Ganzen kann ich auch hier nicht sprechen. Mich haben die in der Frage angedeuteten Gedankenexperimente und Überlegungen bisher nicht beschäftigt. Ich bin beim Philosophieren auch kaum auf Schriften gestoßen, die solche Gedankengänge bringen, mit Ausnahme des Buches mit dem Titel Auf der Suche nach Schrödingers Katze/ Quanten-physik und Wirklichkeit von John Gribbin, das immerhin ein Physiker geschrieben hat und in dem sehr merkwürdige Zusammenhänge bei dem Versuch zu Tage treten, die etwas andere Wirklichkeit zu begreifen, die wir in der Quantenphysik vor uns haben. Die Physik der Quanten ist wohl der Forschungsbereich, der überhaupt am wenigsten in das überkommene Weltbild integriert ist. Für die Philosophie bedeutet das, dass sie noch weiter hinterher hinkt als bei der klassischen Physik. Eine philosophische Befassung mit der Quantenphysik ist für meine Begriffe noch nicht möglich. Die Philosophie darf sich hier nicht an bloß publizistische Darstellungen anhängen, in denen das Wissenschaftliche mit Sensationsjournalismus vermengt wird, ohne dass dies für einen Außenstehenden zu erkennen ist. Immerhin offenbart sich mit der schwer zu verstehenden Quantenphysik schon einmal die hochgeistige Innenstruktur der Materie, die in der Philosophie früher als das Primitivste galt und von den Ontologen als eine belanglose Schicht eingestuft wurde, mit der man sich nicht weiter zu beschäftigen brauche.

Der Gedanke, es wäre alles eine Simulation, wir würden in einer leben, wie es Nick Bostrom sagt, was eine metaphysische These ist, ist eine Spekulation, die sich mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeit eine wissenschaftsnahe Aktualität, wie ich meine, nur erschleicht. Derartige Gedanken prallen von mir ab, wie, in vermindertem Maße, metaphysische Spekulationen, die eigentlich auf ganz nahe liegenden Überlegungen fußen, wie die Idee eines Schöpfergottes. Dass sich Bostrom als Philosoph geriert, ist seine Sache, er kann das ebenso frei tun, wie ich seiner These den Rang einer metaphysischen hätte abstreiten können.

Philosophisch wäre aus dem Status der Simulation nichts zu gewinnen. Man müsste sich aber fragen, warum der Aufwand einer Wiederholung oder Vortäuschung unserer Welt betrieben würde.


 
 

"Homo neanderthalensis sinnt über das Wesen des Mammuts nach"
"Flüchtige Gedanken einer ägyptischen Prinzessin über das Leben nach dem Tode"
"Reiche Römerin besorgt über ernste Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Eselsmilch"
"Griechischer  Philosoph von seinen Gedanken bedrängt"

Elemente der Montagen:
Figur im Landesmuseum Halle – Porträt-Büste im Ägyptischen Museum, Berlin
Bemalte römische Büste, Ausstellung "Bunte Götter" - Marmorbüste des Anthistenes, Vatikanische Museen, Rom

Frage 11

Nach 3 Millionen Jahren des Aufrechtgehens, Jagens und Sammelns in der ostafrikanischen Savanne begann das Gehirn bei den Vorläufern der Gattung Homo in einer Art zu wachsen, die einen positiv (instabil) rückgekoppelten Regelkreis nahe legt. Den aktuellen Auslöser dieser Entwicklung kennen wir nicht; aber dieses leistungsfähige, doch physiologisch teure Gehirn konnte sich nach der Evolutionstheorie nur entwickeln, weil es seinen Besitzern Vorteile im Ringen um Überleben und erfolgreiche Fortpflanzung bot (Gruppenleben, Werkzeuge, Jagdstrategie). Als vollwertige Sprachen entstanden (vor rund 80 000 Jahren?), wirkten sie als Intelligenzverstärker, es begann eine rasante Entwicklung der menschlichen Zivilisation. Später kamen Schrift und Druck hinzu, kürzlich die Digitaltechnik. Das Gehirn erwies sich als so leistungsfähig, dass es Denkarbeiten übernehmen konnte, die ganz anders sind als das, was man für das Sammeln und Jagen einsetzt.

Heute hat sich Homo über die ganze Erde ausgebreitet, viele andere Lebensformen verdrängend. Dient die Philosophie dem Überleben der Gattung Homo – oder ist sie ein reiner Luxus?
 

Antwort auf Frage 11

Die Philosophie gehört zu den geistigen Aktivitäten des Menschen, auf die er verfallen ist, nachdem er sich auf das Überleben nicht mehr ständig und alle Kräfte aufzehrend konzentrieren musste. Die Philosophen der Frühzeit waren alte Männer, die es sich als gut versorgte oder auch ganz anspruchslose Außenseiter leisten konnten, nur noch philosophisch, und das heißt nicht zweckgerichtet nachzudenken. Für sie ging es nur um die Weisheit (ich vereinfache jetzt). In den mehr modernen Zeiten, zu denen aber bereits das klassische Altertum gehörte, haben die Philosophen dann auch begonnen, sich über das Zusammenleben der Menschen Gedanken zu machen, über Staatsformen, Politik, Menschenrechte. Es geht bei unseren entwickelten Gemeinschaften und Staatsformen nicht mehr um das elementare Überleben, sondern um Gerechtigkeit, um die Vermeidung von Konflikten, um die Anhebung des allgemeinen Niveaus. Daran sind auch immer Philosophen beteiligt gewesen. Bereits Aristoteles ließ durch Schüler seiner Akademie Nachforschungen zu bestehenden Staatsformen anstellen, um sich für die eigene Konzeption eine Grundlage zu verschaffen, Platon meinte sogar, die führenden Staatsmänner müssten am besten selbst Philosophen sein. So haben sich Philosophen in verschiedener Weise immer auch in die Organisation der Bevölkerung eingeschaltet, oft, weil sie auf Grund ihres Wissens und Überblicks dazu um Äußerungen gebeten wurden.

Die geschilderte längere Periode kann man inzwischen als abgeschlossen ansehen. Jetzt fungiert die Philosophie als ein rein theoretisches akademisches Fach. Einzelne Philosophen mögen in politischen Gremien zur Mitberatung herangezogen werden, aber generell bleibt die Philosophie draußen, ist Beobachterin, äußert sich eher kritisch in Gutachten oder Aufsätzen.

Im Philosophieren einen Luxus zu sehen, ist zwar möglich, also in dem Sinne als Luxus wie auch Kunst und Literatur Luxus genannt werden könnten. Aber wir haben auch die Berufsphilosophie. Ein Pensionär, der weder beruflich noch anderweitig für seinen Unterhalt arbeiten muss und sich der Philosophie widmet, mag als in einem Luxusleben befindlich angesehen werden. Der Professor für Philosophie, der sich um tausende Studenten kümmern muss, für die das Fach Philosophie vielleicht nur ein Nebenfach ist, geht einem durchaus anstrengenden Beruf nach.

Dem Überleben der Gattung Mensch dienen jetzt Überlegungen, die sich den existenziellen Bedrohungen einer den Planeten überbevölkernden Spezies widmen, den Verknappungen, dem Versiegen traditioneller Energiequellen, den Gesundheitsproblemen der Radioaktivität und der überall verwendeten Chemikalien, dem kuriosen Problem, auf einem überwiegend mit Wasser bedeckten Planeten genügend Trinkwasser zu haben. Die Sorgen kommen zwar auch bei philosophisch Denkenden vor, aber spezifisch philosophisch sind Gedanken über diese Themen nicht. Und das trotz ethischer Wichtigkeit und sogar Aktualität. Die Nachdenklichkeit der Ethiker bleibt im Hintergrund. Da muss man fragen, welche Gedanken den Weg zu denen finden, die an den großen Hebeln sitzen. Die Politiker sind die entscheidenden Leute. Ihre Berater müssen gut sein. Ob man diese Qualität gerade durch ein Philosophiestudium erhält, ist vorsichtig in Frage zu stellen.

Mit der Philosophie verbindet sich umgekehrt noch ein ganz anderes Problem, das nicht eines ist, das sie zu lösen hilft, sondern eines, das sie den Menschen zusätzlich bereitet, wenn man sie nämlich falsch interpretiert. Ich meine philosophische Gedanken, die, wenn man sie falsch versteht, dazu anregen, ermuntern, verführen, ganze Menschengruppen, ganze Rassen zu diffamieren, Staatswesen zu destabilisieren oder Diktaturen zu errichten. Man kann fragen, ob der Begriff der Philosophie da angemessen verwendet wird, aber solche Bedenken sind leicht wegzuwischen.

Es ist ebenso leicht, eine Philosophie nicht zu verstehen, wie sie falsch zu verstehen. Im Examen sind es harmlose Fehler, bei der Begründung von Ideologien können daraus politische Katastrophen entstehen.


 
 


 

Descartes sagt: Cogito – ergo sum"

Elemente der Montage: Frans Hals: Porträt Rene Descartes

Frage 12

Auf der Suche nach einem unbezweifelbaren Ausgangspunkt für seine Philosophie beobachtete René Descartes sich selbst und stellte fest: "Ich denke, also muss mindestens eines existieren: mein Geist als Träger dieser Gedanken". Descartes ging dabei von einem dualistischen Weltbild aus: Geist und Körper sind unabhängig voneinander.

Heute sieht die überwältigende Mehrheit der Naturwissenschaftler den menschlichen Geist als eine Funktion des körperlichen Substrates "Gehirn", und zwar des Gehirnes insgesamt.

Da der Geist eine Funktion des Körpers ist, besteht auch nicht mehr das lange quälende Problem, wie denn der Geist den Körper bewegen könne, und umgekehrt. Keinen Platz mehr gibt es für eine "Seele", eine eigenständige, nur zeitweise im Körper behauste und dessen Ende im Tod überdauernde Entität.

Hat die Philosophie heute eine einheitliche, mit den Neurowissenschaften verträgliche Sicht des "Körper-Geist-Problems"?
 

Antwort auf Frage 12

Von der Existenz eines Körper-Geist-Problems kann sinnvoll nur jemand sprechen, der in uns Menschen den Körper von dem Geist unterscheidet. Es handelt sich um eine begriffliche Unterscheidung, die in der Philosophie bis in die jüngste Zeit als sinnvoll galt, weil man mit beiden Begriffen eine gewisse Vorstellung verband und häufig noch verbindet und nun, in Anknüpfung an ältere Theorien und an die Differenzen zwischen diesen keine Mühe hatte und hat, daraus ein Problem zu konstruieren. Es ist dann auch wirklich ein konstruiertes. Hier hätte man noch besser auf Wittgenstein hören müssen. Der hätte gefragt, was denn in dieser Zusammenstellung bitte der Geist sein soll. Den Körper sehen wir vor uns, oder wir den unseren im Spiegel. Da weiß man schon, was man vor sich hat. Aber der Geist ist nicht sichtbar, nicht tastbar, nicht fühlbar. Er ist ein Phantom. Nach der Bibel schwebte er auf dem Wasser. Ist er jetzt in uns gefahren? Ja, manche behaupten ernsthaft, eine Geisteswissen-
schaft zu betreiben. Das Wort Geist hat sich inzwischen auf jeden Unsinn eingelassen, der mit ihm veranstaltet wird. Die philosophische Bilanz lautet: Hände weg davon, es sei denn, man ordnet den Geist als allgemeinsten Bestandteil der Natur ein, der Natur, der er nach früheren Meinungen entgegengesetzt war. Auch noch der sehr kluge und bereits sehr moderne Descartes hatte mit dem Geist eine rein menschliche Rechnung aufgemacht. Der Geist passt besser zur Natur als ganzer, gibt nämlich ihre innere Komplexität, durch die neueste Forschung erstmals zu begreifen gelernt, angemessen wieder, weil der Gott ja, wenn es einen gibt und dieser, mit Einstein zu sprechen, nicht würfelt, sondern rechnet oder jedenfalls bei Er-schaffung der Materie, wenn er sie geschaffen hat, rechnete, und zwar so genau rechnete, dass wir es nachrechnen können und die Rechnungen mit der Natur immer stimmen und immer aufgehen.

Ach so, die Frage war, ob die Philosophie eine mit den Neurowissenschaften verträgliche Sicht des Körper-Geist-Problems habe. Wie soll ich das jetzt noch beantworten? Besser gar nicht. Das Problem hat sich aus dem Staub gemacht. Der Philosophierende ist irgendwo auf der Straße der Erkenntnis stehen geblieben. Wenn ihn doch ein Neurowissenschaftler abholen und zu seinen Forschungen mitnehmen wollte! Dann könnte er sich irgendwann sicher auch dazu äußern (hoffentlich sachgerecht).

Zu dem bekannten Spruch des Descartes, er denke, also sei er sicher auch existent, ist zu sagen: Es war damals ein guter und richtiger Ansatz. Heute sollte man den Satz anders formulieren. Ich halte die Formulierung für besser, die ich schon gebracht habe und die lautet: cogito – ergo est aliquid, denn für mich ist lediglich eine Tatsache wirklich sicher, nämlich die, dass überhaupt etwas ist.

 
 

"Der Philosoph und die Realität des Zahnwehs"

Elemente der Montage: Unbekannter Maler /Wikipedia: Arthur Schopenhauer

Frage 13

Die dualistische Vorstellung von der unabhängigen Existenz von Körper und Geist kann nur ehrlich aufrechterhalten, wer sich gänzlich gesund fühlt, dessen Körper perfekt funktioniert. Körperliche Beschwerden machen die Vorstellung unmöglich.

Ganz trivial: Wer unter heftigem Zahnschmerz leidet, der ist zum abgeklärten Denken und Philosophieren nicht mehr in der Lage. Die Abhängigkeit des Geistes vom Körper musste also eigentlich den Philosophen schon immer klar sein.

Für die Religionen war die Trennung von vergänglichem Körper und unvergänglichem Geist (genannt "Seele") unverzichtbar, nur so konnte das Versprechen auf ewiges Leben und ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits vermittelt werden.

Wie aber kamen die Philosophen zu dualistischen Vorstellungen? Wie verhält sich die Philosophie heute allgemein im Verhältnis zur Alltagsweisheit und Naturwissenschaft?
 

Antwort auf Frage 13

Es ist schön, dass jetzt das Konterfei eines richtigen Philosophen eine Frage einleitet.  Er war ein später ziemlich griesgrämiger Mann (mit und ohne Zahnweh), aber zeitlebens standhaft, schrieb seine Gedanken in einem vergleichsweise gut lesbaren Stil auf und hat vieles richtig gesehen und sich in die metaphysisch pessimistische Stimmung der Welt gut eingefühlt. Dies alles hindert nicht daran, an seinen philosophischen Gedanken manches auszusetzen.

Die Frage, wie es in der Philosophie zu dualistischen Vorstellungen, also hauptsächlich zu den Begriffspaaren, zu einander gegenüber gestellten Begriffen gekommen ist, lässt sich zum Beispiel ganz leicht verstehen, wenn man in dem schon erwähnten Aristoteles liest. Das war ein großer Logiker, der bei einer ersten Beschreibung von Sachverhalten wie Verhältnissen zwischen den Dingen wie von selbst und oft genial Begriffspaare erfand. Sein berühmtestes war das von >Stoff< und >Form<, das er in vielen konkreten Gegensätzlichkeiten unterbrachte.

Arthur Schopenhauer, rund zweitausend Jahre später, nannte sogar sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung, benutzte also ganz zentral ein Begriffspaar, und zwar eines, das in der Philosophie so vorher nicht üblich gewesen war und das richtig Eindruck machte. Friedrich Nietzsche, selber ein genialer Denker, aber auch Richard Wagner und in jüngster Zeit noch Thomas Mann waren von Schopenhauers Gedanken hingerissen.

Heute, von Wittgenstein verunsichert, wenn es um derartige Begriffsbildungen und Gegensatz-Thesen geht,  fragt man sich, wie man sich eine Welt aus subjektivistischen, gewöhnlich in einem psychologischen Kontext stehenden Begriffen wie Vorstellung und Wille zusammengefügt denken soll. In der Tat meinte Schopenhauer diese menschlichen Vorgänge, er legte sie über das gesamte Weltgeschehen und kam wie viele alte Philosophen zu einem anthropomorphen Weltbild. Das Denken war noch nicht beim Universum angekommen.

Heute können wir uns nur noch schwer und missmutig in eine Weltidee hineinversetzen, in der keine Galaxien vorkommen. Auch Schopenhauer sind sie noch entgangen. Der Andromedanebel galt noch wirklich als ein Nebel, wobei man zwar schon ahnte, dass es ein Sternhaufen war, das aber noch nicht wusste, bis diese eigentlich schreckliche Gewissheit kam, die uns den Überblick über eine Weltinsel bescherte, die ein Pendant unserer heimischen Milchstraßengalaxie sein könnte (vielleicht mit Lebewesen bewohnt, die uns ähneln und die unsere Galaxie den Andromedanebel nennen).

Die klassischen Begriffspaare lernt man heute noch in den Kompendien zur schnellen Erlernung des philosophischen Stoffes, um in Form zu kommen, wenn die Prüfungen nahen.

Zu dem disparaten Verhältnis, das die Philosophie zu Alltagsweisheiten und generell zur Naturwissenschaft hat, haben die philosophischen Begriffspaare nur eine lose Beziehung. Ich frage mich bezüglich dieser Fragestellung eher, ob die Philosophie überhaupt zu irgendetwas ein benennbares Verhältnis hat. Sie wühlt in allem menschlichen Wissen herum, sucht nach dem Wesentlichen, meint es auch hier und da, der eine Philosoph hier, der andere da, zu finden, aber bleibt dabei in ihren eigenen Befangenheiten, ohne auf das andere eingehen zu müssen.

Schopenhauer zum Beispiel hat Aphorismen zur Lebensweisheit geschrieben, wunderbar formulierte (manchmal frauenfeindliche) Texte unter der Überschrift >Menschenkenntnis und Lebensweisheit<.

Was die Naturwissenschaft betrifft, sehen sich erst die heutigen Philosophen vor eine kompakte Naturwissenschaft gestellt, die auf gleicher Augenhöhe arbeitet wie sie, deren Ergebnisse man zunächst einmal verstehen muss, wozu manchmal auch mathematisches Denken gehört, und an deren Erörterungen man nicht vollwertig teilnehmen kann, wenn man nicht zugleich ein ausgebildeter Physiker ist oder sich gründlich mit den Dingen befasst hat. Auch haben sich inzwischen Grundlagenforscher der Naturwissenschaft zusätzlich auf philosophisches Gebiet begeben und versuchen ihrerseits und oft mit sehr klaren Gedanken, das philosophisch Relevante der aufgespürten Grundlagen zu erfassen.


 
 

"Die Gedanken des Roboters kreisen um seinen Schöpfer"

Frage 14

Es wird immer wieder bezweifelt, dass eines Tages "Künstliche Intelligenzen" -  wie auch immer realisiert, zum Beispiel in einem Roboter  – Bewusstsein entwickeln und wirklich denken werden, da hierzu die körperlichen Empfindungen und die Verknüpfung mit emotional ausgerichteten Teilen im Gehirn fehlen.

Die Erfahrungen mit Hirnverletzten haben gezeigt, dass die Fähigkeit zum logischen Denken unabhängig von solchen Vernetzungen bestehen kann. Eine "Künstliche Intelligenz" könnte daher für das abstrakt logische Philosophieren gegenüber einem Menschen sogar im Vorteil  sein.

Der Begriff "Künstliche Intelligenz" existiert seit 1955. Seitdem wurden nur auf Teilgebieten ("Schwache Künstliche Intelligenz")  wirkliche Fortschritte erzielt, zum Beispiel bei Schachcomputern, im Aufbau von Expertensystemen zur Diagnose von Krankheiten, bei Programmen zum Beweis mathematischer Theoreme, bei textbasierten Dialogsystemen ("Chatbots").

Gibt es Versuche – oder wenigstens Spekulationen darüber -, philosophisches Denken in künstlichen Intelligenzen zu realisieren?
 

Antwort auf Frage 14

Was sich in der Philosophie mit Intelligenz erreichen lässt, ist überraschend schwer zu sagen. Es gibt zweifellos in philosophischen Werken Ausführungen, die zu verstehen schwer ist, besonders wenn man erstmalig vor solchen Ausführungen steht. Ein schwer zu verstehender Text erweckt zunächst den Eindruck, dass da ein überlegenes Wissen vorliegt, das zu erwerben man nachzuholen habe. Es bestehen jedoch, für einen Agnostiker wie mich, Zweifel daran, ob wirkliches Wissen vor uns ausgebreitet wird und ob ein Wissen, das wirklich vorhanden ist, schwer verständlich sein muss. Wissen ist eigentlich immer etwas, das sich einfach mitteilen lässt. Komplizierte Gedankengänge mögen auch gelegentlich ihren Wert haben, aber sind vermutlich eher ein Ersatz für die Mitteilung eines Wissens, das man ganz gern gehabt und vor anderen ausgebreitet hätte. Man hatte vielleicht an Stelle eines Wissens eine bestimmte Ahnung oder Vorstellung, wie es sich mit den Dingen verhielt. So erklären sich ganz sicher manche dickleibigen Werke von Philosophen, deren Umfang nur eine gedankliche Einkreisung nicht vorhandener sicherer Erkenntnis genannt werden kann. Oft scheinen Philosophen auch Schwierigkeiten gehabt zu haben, sich einfacher auszudrücken.

Die Möglichkeiten für künstliche Intelligenzen kann man sich an Hand der Fragebögen für den Intelligenztest bei Menschen durchaus vorstellen und ihre Entwicklung wird vermutlich noch erstaunlich wirkende Ergebnisse haben. Es geht da um ein mehr formales oder prozessuales Wissen. Es gibt zum Beispiel schon eindrucksvoll agierende Schachcomputer und im Straßenverkehr Roboterchauffeure, die kaum Fehler machen. In der Philosophie, das hat man bisher noch nicht so klar gewusst, spielt immer etwas Irrationales auch beim Rationalen mit. Wir können den Anteil der Irrationalität an einem ganz klar rational wirkenden, aber eben einem aus der unergründlichen Tiefe des Denkenden aufgestiegenen Gedanken gar nicht ermessen, weil wir dafür keine Kriterien haben, für den Vorgang der Intuition kein Modell, nach dem sie abläuft. Der Umgang mit einer Intuition ist nicht erlernbar. Sie kommt, man weiß vorher nichts und wenn sie da ist, hat man nur sie selbst. Die Arbeit des Gehirns bleibt vorläufig ein Mysterium, das man auch nicht hirnelektrisch aufklären kann. Im Gehirn gibt es zwischen geistig und körperlich keinen Unterschied, erweisen sich diese beiden Begriffe, womöglich in kontradiktorischer Verwendung, als nicht mehr brauchbar.

Die Fragen zu einer vielleicht möglichen funktionell gleichwertigen Nachbildung des menschlichen Gehirns sind philosophisch noch nicht zugänglich.


 
 

"Nachdenken über die Macht der Zeit"




Frage 15

Gegenüber den Dimensionen des Raumes, in denen wir uns beliebig hin und her bewegen können, gibt es in der Dimension Zeit offenbar nur eine Richtung: Von der Vergangenheit in die Zukunft. Das ist ebenso vertraut wie rätselhaft. Der Zeitpfeil des Entropiegesetzes ("In einem geschlossenen System nimmt die Unordnung insgesamt stetig zu") bringt einen pessimistischen Grundton in die Betrachtung. Die Endlichkeit der individuellen Zeit bedrückt.

Auch der Naturwissenschaft gibt die Zeit Verständnisprobleme auf. Physikalische Gleichungen erlauben in der Zeit vorwärts und rückwärts zu gehen (Beispiel: die Maxwell'schen Gleichungen ergeben auch in die Vergangenheit laufende elektromagnetische Wellen; man ignoriert sie in der Regel, doch spielen sie in der Transaktions-Interpretation der Quantenmechanik die entscheidende Rolle). In der Praxis besteht solche Gleichwertigkeit nicht. Ob ein Film rückwärts läuft, erkennt man schnell.

Einsteins Relativitätstheorien (experimentell bestens bestätigt) fassen Raum und Zeit als Dimensionen eines "Raum-Zeit-Kontinuums" auf, doch auch hier spielt die Zeit mathematisch eine Sonderrolle.

Kann die Philosophie etwas zum Verständnis der Zeit beitragen? Kann sie helfen, den unaufhaltsamen Ablauf der persönlichen Uhr zu akzeptieren?
 

Antwort auf Frage 15

Im Hinblick auf das ominöse Wesen der Zeit kann die Philosophie, nachdem sie sich mit dem Zeit-Phänomen ein paar tausend Jahre lang, manchmal sehr geistreich, so durch Augustinus, beschäftigt hat, ohne da wirklich etwas verstanden zu haben, jetzt der Naturwissenschaft überhaupt nichts mehr vormachen, das heißt klar, zu einem vielleicht einmal gelingenden Verständnis nichts mehr beitragen. Die Philosophie wird eher nur noch etwas zum subjektiven Zeit-Erlebnis sagen können. Die Zeit, wie wir sie erleben, als Endlichkeit, aber auch mit Längen, als wäre sie dann langsamer, dann wieder äußerst hektisch, aber zugleich auch als sicherer Bestandteil simultan ablaufender Ewigkeit, ist ziemlich verhext. So steht sie im Mittelpunkt der existenzialistischen Betrachtungsweise des Lebens. Die Gegenwart ist ein immer schon Vergangenes, entgleitet uns wie ein Aal. Andererseits wissen wir, dass diese scheinbar voranschreitende Ewigkeitssekunde genau so schon voranschritt, als unser Universum geboren wurde. Wir nehmen mit ihr an Geschehnissen teil, die schon metaphysischen Charakter haben, für die es jedoch keine Transparenz gibt.

Die Vergangenheit ist nicht mehr die Zeit, die sie war, als die Sekunde der Weltunruhe durch sie hindurchgelaufen ist, sondern schon das Ergebnis von Zeit. Wie umgekehrt die Zukunft nicht schon Zeit ist, sondern erst deren Durchlauf, wie die Sprache richtig sagt, vergegenwärtigen wird. Für die eigentliche Zeit, die springende Sekunde, haben wir kein Organ, wir laufen hinter ihr her und möchten sie festhalten. Zeit zu haben, bedeutet für uns, genau genommen, einen Ruhepunkt gefunden zu haben, der sich für eine gewisse Zeit zeitlos festhalten lässt. Dann mag die Zeit wie immer weiterlaufen, es stört uns nicht. Das Einhalten  von Zeit  macht uns nervös, nimmt uns den Überblick über die Lage. Da die Zeit nicht erst in Sekunden, sondern schon in Nanosekunden und noch kürzer vorangeht, eventuell auch, wir kennen uns da noch nicht aus, von einem winzigen Zeitpunkt zum nächsten springen muss, halten wir uns lieber an ihre großflächigen Muster, die Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre. Mit diesen Zeitablageflächen können wir uns ruhiger beschäftigen.

Der Augenblick der Gegenwart ist eine elementare, physische und zugleich metaphysische Erfahrung und auch etwas Absolutes, selbst wenn man mit Einstein im Universum unbestimmt viele Gegenwartsaugenblicke parallel anzunehmen hat.
 


 
 

"Die Reise des Philosophen"

Elemente der Montage:  Orion-Nebel, Hubble und Spitzer Teleskope;
Ron Mueck: "Der große Mann"




Frage 16

Dem Denkabenteuer des Philosophen sind keine Grenzen gesetzt, außer durch seine eigenen endlichen Denkfähigkeiten. Sein Streben nach Erkenntnis macht ihn zum geistigen Verwandten des Naturwissenschaftlers, auch wenn die Mittel und Werkzeuge sehr unterschiedlich sind. In den Naturwissenschaften gibt es bewährte Prozeduren zur Überprüfung ihrer Erkenntnisse (Experimente, Peer Review = Begutachtung durch Ebenbürtige ...). Dass Naturwissenschaften bisweilen eine Aussage revidieren müssen, wird ihnen als Beweis der Fehlbarkeit vorgeworfen; man sollte es als Beweis einer Lernfähigkeit auffassen, die es in der Religion gar nicht und in der Philosophie nur beschränkt gibt.

Bisweilen glauben die Philosophen den Naturwissenschaftlern sagen zu müssen (und zu können), wie sie ihr Geschäft zu betreiben haben. Das kommt bei den Naturwissenschaftlern nicht gut an. Der große Richard Feynman meinte dazu: >Philosophy of science is about as useful to scientists as ornithology is to birds<.

Gibt es  angesichts der gleichen Grundausrichtung keine nützlichen Zusammenarbeits-
zwischen Naturwissenschaft und Philosophie?
 

Antwort auf Frage 16

Die Zeit, in der sich Philosophen bemüßigt fühlen konnten, den Naturwissenschaftlern methodische Ratschläge zu erteilen, sind längst vorbei und waren auch nur Zeiten, in denen die Abtrennung der Wissenschaften von der Philosophie noch nicht endgültig vollzogen war. Heute ist die Trennung schon Vergangenheit. Der Begriff der Zusammenarbeit erübrigt sich. Die Wissenschaftler gehen ihren methodischen Weg. Wo sich Irrtümer herausstellen, ist eine Korrektur problemlos möglich. Es kommt bei allen Ergebnissen auf den Test der Nachprüfung an. Ist diese mit positivem Ergebnis einmal erfolgt, kann auf den Ergebnissen weiter aufgebaut werden. Mit den Philosophierenden braucht dabei niemand Kontakt aufzunehmen. Sie ihrerseits können auch nur auf den Ausgang des Tests warten und müssen sich mit einem gelungenen Test abfinden. Wenn sie ihrerseits auf naturwissen- schaftlichen Erkenntnissen aufbauen wollen, können sie das tun. Wenn der Naturwissenschaftler ihnen dabei interessiert zusieht, tut er es nicht seiner Wissenschaft wegen. Die Philosophie kann die wissenschaftlichen Resultate nicht ändern, nur aus ihnen gewisse Folgerungen entwickeln, Folgerungen etwa im Sinne eines menschenwürdigen Umgangs mit den Resultaten. Der Umgang mit Naturerkenntnissen, zum Beispiel mit den Erkenntnissen der Kernforschung, ist eine genuin philosophische Aufgabe, ist nämlich eine der Ethik. Es ist eine Aufgabe der Philosophie, die allerdings nicht mit einer Verpflichtung zur Erfüllung verbunden ist. Die Philosophie bleibt auch hier frei von irgendeiner Verantwortung. Eine in sich kontroverse Betrachtung der Dinge kann, wie schon einmal gesagt, grundsätzlich keine Verantwortung übernehmen. Dafür gibt es aber Instanzen. Sie mögen sich von Philosophierenden beraten lassen.


 
 

"Blick zum Himmel"

Elemente der Montage: Unbekannter Maler: "Kopernikus";
El Greco: "Maria Magdalena", "Jesus im Garten Gethsemane"




Frage 17

Bei der Betrachtung der Welt sind die Ansätze von Naturwissenschaft und Religion grundsätzlich verschieden. Die Naturwissenschaft studiert die Welt und versucht die Gesetze zu herauszufinden, nach denen sie "funktioniert". Sie weiß, dass ihre Theorien grundsätzlich nur in einem begrenzten Bereich gelten, dass sie durch treffsicherere und allgemeinere abgelöst werden können – sie müssen falsifizierbar sein.

Religion hingegen geht davon aus, dass alles Wissenswerte durch Offenbarung bekannt und auf ewig unveränderlich ist, dass ein allmächtiger Gott die Welt geschaffen hat und von außen her beherrscht, und dass er den gehorsamen Gläubigen ewige Glückseligkeit garantiert.  Die tradierten Inhalte der Religion sind, weil geoffenbart, grundsätzlich nicht hinterfragbar und veränderbar.

Allerdings: Einige Religionsgemeinschaften gebärden sich heute zunehmend wie große Firmen, deren Produkte nicht mehr recht gefragt sind und die darum kämpfen, ihren Umsatz zu halten. Allen voran die evangelische Kirche, spülen sie ihren Glauben weich und funktionieren sich zu einem Unternehmen der Wohlfühl-Industrie um, bewahren dabei aber den Schein einer unveränderten Religion – und ihre Privilegien.

Eine Versöhnung von Wissenschaft und Religion erscheint unmöglich. Wie steht die Philosophie zur Religion?
 

Antwort auf Frage 17

Man möchte, angesichts der Flut von Schriften zu dem Thema, von der zentralen Frage unserer Zeit reden. Man kann sich da aber auch insofern täuschen, als es eine Frage ist, zu der sehr vielen ohne große Anstrengung sehr viel einfällt, was sie gern sagen möchten, besonders aus religionskritischen Ansätzen heraus, und was zu sagen >gut ankommt<. Es gibt heute in den westlichen Ländern eine fast uneingeschränkte Freiheit der Kritik an den noch bestehenden und sich immer noch machtvoll gebärdenden Kirchen, insbesondere der katholischen.

Was jedoch wichtiger ist, muss die Furcht genannt werden, mit der Religionsbindung etwas von dem Boden unter den Füßen endgültig zu verlieren, den man auch noch bei der Kritik unter sich weiß. Dieser Boden ist das, was ich als das Religiöse bezeichne, das auch ganz losgelöst von den Glaubenssätzen der Theologen in uns fortbesteht und was völlig zu eliminieren eine mentale Selbstverstümmelung des Menschen wäre. Man muss das Religiöse, gegen die ständig in einem aufsteigende und für sich genommen sicher oft berechtigte Glaubenskritik, auch vor dem eigenen Intellekt verteidigen. Viele sagen, religiös könne man nur in einer Religionsgemeinschaft sein, weil Religiosität, schon vom Begriff her, Bindung, Gebundensein bedeute. Dem kann man nur entgegenhalten, dass sich der Wortsinn des Religiösen heute längst oberhalb der Ebene der Glaubenslehren etabliert hat und wenn Bindung, dann Bindung an ein metaphysisches Denken bedeutet, das trotz aller Zweifel, trotz aller Agnostik nicht vergessen hat, dass hinter der Welt irgendetwas Rätselhaftes steckt, etwas in jedem Fall, auf das sich ein spiritueller Blick richtet.

Den Glauben im alten verlässlichen Sinne gibt es nicht mehr, auch wenn sein Besitz noch vielfach behauptet wird, besonders von jenen Leuten, deren Existenz von der Triftigkeit der Behauptung abhängt. Der Glaube ist als Erkenntniskategorie unglaubhaft geworden. Wer kritisch denkt, ist zum Glauben geradezu unfähig. Dass dies vehement bestritten wird, beruht einfach auf existenzieller Abhängigkeit.

Im Kernpunkt waren die alten Religionen an das antike kosmologische Weltbild geknüpft. Man nehme nur die These der Gottessohnschaft Jesu, dieses braven Zimmermanns mit rhetorischen Fähigkeiten, verbunden mit dem, was man heute als Charisma bezeichnet. Dieser behauptete Sohn Gottes stand einst auf dem kosmischen Zentralgestirn, der Erde. Heute stünde er auf einem beliebigen Planeten eines beliebigen Sternsystems einer beliebigen Galaxie. Und das kann die Theologie nicht in ihr System hineinbekommen. So ignoriert sie die radikale Veränderung unserer Kosmologie und hängt sich immer noch an ein dogmatisch eingefriedetes überholtes Weltbild.

Die Philosophie sieht dem Ganzen eigentlich hilflos zu. Ein Jürgen Habermas, zufällig Exkollege des jetzigen Papstes in Tübingen, bestimmt kein gläubiger Philosoph, versucht sich mit dem inhaltlosen Begriff gewisser Ressourcen, die uns die Religionen noch bieten würden – er müsste hinzusetzen, tut es jedoch geflissentlich nicht, um nicht Ärger zu erregen, Ressourcen zur Vermeidung der absoluten Agnostik. In dieser sind wir aber längst, ohne unsere Schuld, angekommen. Damit sind auch die berühmten Werte in erschreckender Deutlichkeit ausgespült. Wir stehen nämlich jetzt ethisch bei Null, weil sich herausstellt, dass die alten Wertsysteme alle irgendwo in Glaubenszemente eingelassen waren.

Auch der Papst musste kürzlich zur Evolution Stellung nehmen, zu einer wissenschaftlichen Erkenntnis, die mit der Bibel bekanntlich unvereinbar ist und deshalb von Fanatikern sogar einfach als Tatsache weggeleugnet wird. Der Papst rang sich zu einem Kompromiss durch, zu der Behauptung, dass der nun also in der Evolution entstandene Mensch von dem Gott nachträglich eine Art von geistigem Ritterschlag erhalten habe und dadurch aus der Tierwelt herausgehoben worden sei (es war etwas schwer zu verstehen, was der Papst meinte; er hat es mit anderen Worten gesagt). Man muss das philosophisch nicht kommentieren.

Philosophisch lässt sich Geglaubtes (oder auch nur scheinbar Geglaubtes) nicht widerlegen. Es lässt sich insbesondere nicht die Idee eines Gottes widerlegen, der der Schöpfer der Welt sei. Wie wahrscheinlich das ist, ist eine andere Sache. Das gilt erst recht für die behauptete Liebe des Gottes gerade zum Menschen, die durch gewisse Ereignisse im zwanzigsten Jahrhundert sehr massiv in Frage gestellt wird. Da davon auszugehen ist, dass sich die Welt nicht selbst in Gang gesetzt haben kann, ist die Mutmaßung nahe liegend, dass in der Tat irgendeine höhere Macht existiert oder existiert hat, ich nenne sie die Weltmacht. Das ist eine metaphysische Vermutung, kein Wissen. Es kann sich alles auch völlig anders verhalten oder verhalten haben. Irgendetwas muss aber hinter diesem Phänomen Universum stecken. Und diese Annahme ist eine religiöse. Ich meine damit, dass wir ohne eine solche grundlegende Blankettannahme nicht auskommen und uns mit dieser als religiös positioniert fühlen dürfen.


 
 

"Ich bin der Herr, Dein Gott–
Du sollst keinen anderen Trost haben außer mir!"

Elemente der Montage:   Grandville: "Ce que Femme Veut, Dieu le Veut" –
Charles M. Schulz: Linus von den Peanuts

Frage 18

Der Gott einer monotheistischen Religion ist – notwendigerweise – ein herrschsüchtiger, eifersüchtiger, kleinlicher Gott – ein Despot. Gleichzeitig wird er als gütiger Heilsbringer verkündet , ein Widerspruch ins sich, doch unverzichtbar, wenn seine Priester Macht ausüben wollen. Beispiel: Jesus Christus, der Friedensbringer, der Erlöser der Welt, findet nichts dabei, den größeren Teil der Menschheit in das ewige Feuer zu schicken (siehe u.a. Matthäus 25, 31-34 / 41, Matthäus 22, 14).

Die Religion verspricht ihren Gläubigen, so sie denn folgsam sind, ewige Freuden. Das tröstet über das Elend der Welt hinweg. Und gibt das schöne Gefühl, als Rechtgläubige zu den Auserwählten zu gehören ...

Sicher sind das Wahnvorstellungen, aber: Die Religion vermittelt eindrucksvolle Gemeinschaftserlebnisse, sie spart die weitere Mühsal und den Mut des eigenen Denkens, sie tröstet den Armen darüber, dass er ausgeplündert wird, sie lässt sich für allerlei politische Zwecke instrumentalisieren... Dass Religion so erfolgreich ist, kann nicht verwundern. Wie schon Seneca gesagt haben soll: >Religion gilt dem gemeinen Mann als wahr, dem Weisen als falsch und dem Herrscher als nützlich<

Was verspricht eigentlich die Philosophie? Welchen Trost hat sie angesichts des Leidens in der Welt?
 

Antwort auf Frage 18

Ein Philosophieren, das sich sorgfältig von inneren Restbeständen einer überwundenen, aber noch nicht völlig ausgemerzten Religionsbezogenheit und von abergläubischen Restbeständen losgemacht hat, ist allerdings auch nicht mehr in der Lage, Tröstungen auszusprechen. Es steht in der Angst der metaphysischen Ungewissheit, es steht im Angesicht eigener mit Sicherheit kommender Bewusstseinsauslöschung selbst tröstungsbedürftig da. Es verspricht nichts mehr, kann keine überzeugende Theorie des Heils formulieren. Es kann auch angesichts des Vorhandenseins von Leiden keine tröstenden Perspektiven aufzeigen. Alle Trostspendungen, alle Heilsversprechungen sind aus der Trickkiste der Priesterschaft gekommen, die sie, man weiß es seit jeher, ohne Risiko für ihre Glaubwürdigkeit zu verbreiten pflegt, im Wissen nämlich, dass die Enttäuschungen erst eintreten, wenn man sich nicht mehr äußern kann (weil, wie längst bemerkt worden ist, niemand vom Jenseits zurückkommt, der sich äußern könnte).


 
 

"Charakter"

Frage 19

Die Begriffe "Gut" und "Böse" sind nur sinnvoll zu gebrauchen als Charakterisierung des tatsächlichen Verhaltens zwischen Menschen, nicht als Beschreibung eines Menschen. Anders als Shakespeares Richard III nimmt sich wohl niemand vor, böse zu sein – jeder Verbrecher sieht sich zu seinem Handeln berechtigt oder gar gezwungen. Auch Hitler war davon überzeugt, gut und richtig zu handeln: >So glaube ich im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn....<, häufig hat er sich als Werkzeug der Vorsehung bezeichnet. Dennoch war er böse: Er hat wider die allgemeinen Menschenrechte gehandelt, die wir als allgemeines und höchstes Rechtsgut auffassen.
Oder: Das Verhalten eines Soziopathen wird von Funktionsabweichungen im Gehirn verursacht – man könnte sagen, der Mann ist "behindert" – also krank - dennoch ist sein Verhalten böse.

Die christlichen Kirchen reklamieren in der Öffentlichkeit Recht und Moral als ihre Erfindung. Man lese die Bibel und wird feststellen: Der Gott der Bibel ist ein wahres Monster, er begeht abscheuliche Taten, stachelt seinen Stamm zu Völkermord und Frauenraub an. Über seine Zehn Gebote sind wir heute weit hinaus. Die Anerkennung der Menschenrechte ist ein wahrhaft rühmenswertes Ergebnis von Humanismus und Aufklärung, also der Philosophie. An die Stelle göttlich vorgegebener "Moral" tritt auf fairen Ausgleich der Interessen bedachte "Ethik".

Was kann die Philosophie heute noch auf dem Gebiete der Ethik tun?
 

Antwort auf Frage 19

Die Ethik ist im Begriff, sich von den Religionen, die bisher ihre Werteverwalter waren, zu emanzipieren. Das ist, wie die alte Gut-böse-Dogmatik zeigt, die heute noch in vielen Köpfen steckt, kein einfacher Prozess. Es gibt aber schon eine bewusst von jeder Metaphysik abgekoppelte Ethik. Sie muss nachholen, was früher Tabus zu prüfen und zu durchdenken verhinderten.

So ist es ein enormer Fortschritt, dass auch politische Machthaber heute vor internationale Gerichte gestellt werden können. Die Ethik des politischen Handelns muss allerdings zusammenhängend noch durchdacht und geschrieben werden.

Die Ethik des Handelns im menschlichen Nahbereich ist kaum noch eines grundsätzlichen Nachdenkens bedürftig. Die >Goldene Regel<, sich zu anderen so zu verhalten, wie man erwartet, dass sich andere auch zu einem selbst verhalten, wird von vernünftigen Zeitgenossen ganz gut beherzigt. Es gibt auch viel mehr wechselseitiges Verständnis, wechselseitige Rücksichtnahme in der Welt der Menschen, als es sich in vielen Deklarationen und Kulturklagebüchern liest. Jedoch dort, wo Macht geübt wird, und diese meist nicht in den besten Händen, geht das Menschliche immer noch ganz leicht verloren, wird gequält, mundtot gemacht, in Umerziehungslager gesteckt, eine Welt angeblichen Hasses plakatiert. Diesen Hass findet man beim einzelnen, nicht hirngewaschenen Menschen eigentlich nicht vor, er ist Ideologie oder etwas Krankhaftes.

In allen Fragen der Ethik hat die Philosophie die alleinige Kompetenz, nicht die Wissenschaft und auch nicht mehr die Religion, die das aber noch nicht wahrhaben will. Die Philosophie hat sich den ethischen Fragestellungen aber auch längst gestellt, produziert auf diesem Gebiet unübersehbar viel und ist dadurch allerdings auch keine ideale Führungsinstanz. Denn auch die Ethiker argumentieren kontrovers. Deshalb kann keiner verbindlich sagen, welche bestimmten Ratschläge, welche bestimmten Handlungsempfehlungen von >der Philosophie< ausgehen. Das sollte man nicht als einen Missstand ansehen. Oft helfen demjenigen, der vor einem Entscheidungsproblem steht, bereits bloße Argumente mehr als präzis erarbeitete Ratschläge, die den Fall nicht ganz genau treffen.

Die ethischen Bücher werden, sage ich immer halb im Scherz, nur für diejenigen geschrieben, die sie nicht brauchen, und sind denen, die sie sich verdammt hinter die Ohren schreiben sollten, überhaupt nicht bekannt.

Ein zentrales Problem zwischenmenschlichen Verhaltens ist die Gewalt geblieben. Im Zeitalter omnipräsenter Medien werden ungeheuer viele grausame, brutale, menschenverachtende Handlungen von Menschen gegen Menschen, aber auch von Menschen gegen Tiere globusweit bekannt, viele mehr, als man vertragen kann. Allein schon die Lektüre derartiger Nachrichten schmerzt unendlich. Natürlich kann man sich nicht wünschen, dass solche Nachrichten unterdrückt werden. Aber es ist wirklich schwer mit ihnen zu leben.

Wie kann die Gewalt generell bekämpft, der Mensch feinfühliger besonders gegenüber Schwächeren und Kindern gemacht werden? Die Religionen haben hier versagt, die Philosophie findet kaum Gehör und sieht oft auch weg. Es gibt eine ganz schwache Hoffnung, dass das fast vollständige Bekanntwerden größerer Gewaltverbrechen möglichen Gewalttätern mehr und mehr Hemmungen verursacht. Es ist eine sehr schwache Hoffnung, weil die Gewalt noch zum evolutionären Gegenwartsstatus des Menschen gehört, noch gehört.


 
 

"Stonehenge oder die letzten Denker"

Elemente der Montage: Zwei Aquarelle des Autors: "Stonehenge" und "HANJIN BRUSSELS"
Auguste Rodin: "Der Denker"




Frage 20

Das Gehirn des Delphins ist größer als das des Menschen.  Aber das menschliche Gehirn ist dichter gepackt mit Neuronen, die Bauart der Nerven erlaubt eine schnellere Signalleitung. Man schätzt, dass das menschliche Gehirn 6 bis 10 mal schneller arbeitet. (Es gibt ganz andere Gründe, warum Delphine niemals eine Kultur ähnlich der des Menschen entwickeln können: Keine Gliedmaßen für den Werkzeuggebrauch, der Lebensraum ist für den Gebrauch des Feuers ungeeignet.) Es ist kein Zufall, dass der Mensch zu den Affen gehört: Seine Vorfahren schon besaßen geschickte Hände, gutes räumliches und Farbsehen, waren Allesfresser, lebten in Gruppen.

Das überlegene Gehirn hat der Gattung Homo sapiens (sapiens!) die Herrschaft über die Erde gebracht, aber der Mensch hat sich so vermehrt, dass er das Klima der Erde aus dem Gleichgewicht bringt. Längerfristig ist mit einem Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter zu rechnen. Derzeit erscheint der Mensch in dieser Sache als beratungsresistent.

Das überlegene Gehirn hat dem Menschen auch als erster Tierart die Möglichkeit gebracht, kollektiv Selbstmord zu begehen: mit Atom-, Chemie- oder Biowaffen.

Kann die Philosophie, eines der Nebenprodukte der Gehirnentwicklung, einen Beitrag leisten, um die Menschheit vor der nachhaltigen Störung des Klimas zu bewahren? Um sie vor kurzfristigem Selbstmord zu sichern?
 

Antwort auf Frage 20

Die Philosophie, das muss man grundsätzlich nehmen und ich sage es hier nochmals, ist, entgegen vielen Publikationen, die sich als Verantwortungsinstanzen präsentieren möchten, keine Institution, die bestimmte menschheitliche Ziele wie Klima- und Artenschutz, Vermeidung nuklearer oder chemischer Bewaffnung in die Hand nehmen kann. Alle als notwendig erscheinenden Maßnahmen finden Platz in der Politik, und es kommt nur darauf an, dass die politisch Handelnden die Vernünftigen sind, wofür es bekanntlich keine Garantie geben kann. Es gibt keinen Grund dafür, philosophisch gebildeten Menschen eine höhere Klugheit zu attestieren. Es kommt auch nicht auf eine philosophische Klugheit an, sondern auf eine sachkundige Beurteilung der bestehenden Möglichkeiten, die größten Schädigungen zu vermeiden und die Risiken zu minimieren. Sodann macht die Umsetzung das Problem aus, die Umsetzung in einem Konsens der führenden Nationen. Manchmal bedarf es leider des Eintritts gewisser von uns selbst verursachter Katastrophen, um auf falschen Wegen eine Umkehr zu erzwingen.

Das alles geschieht weit entfernt von den Gesprächen der Philosophie. Sie bleiben immer privat, die Staatsphilosophen Platons haben uns, man muss dafür vermutlich dankbar sein, von Ausnahmen abgesehen mit ihrer Anwesenheit verschont. In der Praxis der Philosophie, und es ist einmal die akademische, zum anderen parallel dazu die literarische, gehen die Stimmen ohnehin durcheinander. Keiner spricht da für alle, fast zu jedem Standpunkt gesellt sich ein Gegenstandpunkt. Das ist auch gut so, weil dadurch alle Argumente auf den Tisch kommen. Die politisch Handelnden können und müssen sich die geeigneten Argumente heraussuchen.


 
 

"Dennoch – selber denken!"

Elemente der Montage:
Auguste Rodin: Eine der Figuren aus der Gruppe "Die Bürger von Calais"




Frage 21

Man sollte meinen, in 2500 Jahren europäischer Philosophie seien schon so ziemlich alle wirklich grundlegenden Gedanken gedacht worden. Ist es da nicht am effizientesten, die Literatur zu studieren ... soweit es rein massenmäßig möglich ist?

Oder machen Änderungen im soziologischen, politischen, wissenschaftlichen Bereich immer neue Denkansätze möglich und nötig? Gibt es in diesem Sinne einen Fortschritt in der Philosophie?

Oder hat das "selber denken" einen Wert per se – welchen Nutzen hat der Denker davon? Welchen Nutzen hat die Gemeinschaft davon? Wie und warum wird man Philosoph?
 

Antwort auf Frage 21

Es ist in der Philosophie seit jeher üblich, die jeweils bereits vorliegende philosophische Literatur zu lesen und zugleich auch immer zu versuchen, selbst nachzudenken, also eigene Gedanken aus eigenen Erfahrungen oder außerphilosophischen Erkenntnisgebieten in das Denken einzubeziehen. Auf den Universitäten wird die Philosophie als eine Geisteswissenschaft praktiziert. Dort ist die vorliegende Literatur Lehrgut, hinzu kommendes Denken der Inhalt persönlich abgefasster akademischer Arbeiten. Es wird auch außerakademisch philosophiert, meist mit der Betonung des eigenen Nachdenkens.

Der Begriff des Nutzens ist in der Philosophie nicht gut aufgehoben, weil sie, wie schon mehrfach gesagt, kontrovers nicht nur ist, sondern bis zuletzt auch bleibt. Zwar sprechen die akademischen Pädagogen der Philosophie sehr gern eine generelle Nützlichkeit zu – sie betreiben die philosophische Ausbildung schließlich in einer besoldeten Funktion innerhalb des allgemeinen Bildungsstrebens. Diese Nützlichkeit muss man nicht in Frage stellen. Die Philosophie ist aber damit nicht institutionell zu einem gemeinnützigen Vorhaben gemacht. Dabei muss man zwischen der Vermittlung von Gedankengut und dessen Anwendbarkeit auf praktische Probleme unterscheiden. Die Widersprüchlichkeit der vermittelten Gedanken schließt eine direkte Anwendung sogar aus.

Auch den Begriff des Fortschritts sollte man in Sachen der Philosophie nicht verwenden, denn er verführt zu einer falschen Sichtweise. Das philosophische Nachdenken wird nie aufhören, es ist mit dem menschlichen Wesen als konstante Notwendigkeit etabliert. Alle jemals durchdachten Gedanken stehen weiterhin auf dem Prüfstand, bilden die unveränderbare Tagesordnung alles Philosophierens. Alle grundlegenden, also für die Philosophie wichtigen Gedanken müssen aber auch immer neu durchdacht werden, ohne Rücksicht darauf, ob sich durch das wiederholte Durchdenken Veränderungen der Gedankensubstanz ergeben oder nicht. Wer das überflüssig findet oder gar langweilig, hat einfach den inneren philosophischen Antrieb nicht.

Ich sehe es so und habe es auch in meinem Berufsleben immer so gesehen, dass das Philosophische neben dem Praktischen steht und auch gut stehen kann. Es muss nicht eines das andere verdrängen.

Neu in der historischen Entwicklung der Philosophie ist das Streben nach Kommunikation und möglichst auch einer Konsensbildung, um nämlich den Wissenschaften zu entsprechen, in denen kollektiv gearbeitet und ein Ergebnis angestrebt wird, das alle gemeinsam als verbindlich ansehen können. Man möchte, vereinfacht gesagt, an die Stelle der unterschiedlichen Auffassungen und Systeme ein Symphilosophein setzen, das große einheitliche Philosophieren aller. Dafür ist zum Beispiel eine so genannte Transzendentalpragmatik erdacht worden, eine Grundlage intersubjektiver Verständigung mit jeweiligem Rückgang auf Elemente des Denkens, die von niemandem vernünftig in Frage gestellt werden können, so dass man auf ihnen gemeinsam aufbauen kann, mit dem Ziel, wie man es formuliert hat, eine >Einheit der Verständigung in einem unbegrenzten intersubjektiven Konsens< zu erreichen (Zitat: >Lexikon der philosophischen Begriffe< von Alexander Ulfig, 1992, zum Stichwort Transzendentalpragmatik). Aber wie es in der Philosophie nicht anders kommen kann – auch dieses Konzept wird in Frage gestellt oder unbeachtet gelassen. Es ist dabei fast eine Glaubensfrage, ob Philosophie als Wissenschaft betrieben werden kann oder nicht. (Ich gehöre zu denen, die nein sagen.)

Wie und warum man zur Philosophie kommt oder von ihr sogar abgestoßen wird, ist eine ganz persönliche, auch schicksalhafte Frage. Bei dem einen erfolgt die Weichenstellung schon in der Jugend, bei anderen kommt es erst nach einem längeren Lebensweg zu dem Entschluss, es auch einmal mit der Philosophie zu versuchen. Die große Gemeinschaft der Menschen ist von diesen Entscheidungen unberührt und in ihrer geistigen Entwicklung auch ziemlich unabhängig, weil es neben der Philosophie die Wissenschaften gibt und man die Möglichkeit hat, auch sein philosophisches Denken in diesen unterzubringen, ohne dabei den Begriff und das Fachwissen der Philosophie zu benötigen.

Es hat nur ganz wenige Philosophen gegeben, die das allgemeine Denken verändert haben, zuletzt wohl Friedrich Nietzsche. Und der war alles andere als ein wissenschaftlicher Philosoph.


 
 

"Habe nun ach!"

Elemente der Montage:   Rembrandt Harmenszoon van Rijn: Faust
Titelblätter philosophischer Werke

 Frage 22

Die Bibliotheken sind voll von philosophischen Büchern. Bestenfalls werden sie an den Universitäten immer wieder durchgekaut.  Jede Geschichte der Philosophie aber zeigt, dass nur wenig den "Test of time" bestanden hat.

Was also bringt heute das Studium der Philosophiegeschichte?  Wäre es nicht ein nützlicher Versuch, aus all dem mühsam Gedachten der Vergangenheit das Unvergängliche, Beständige, heute noch Gültige zusammenzutragen?  Dazu noch die entsprechenden Schätze aus östlicher Philosophie zu geben?  So wie ein modernes Physikbuch das Gültige festhält, verworfene Hypothesen und falsifizierte Theorien aber außer Acht lässt?

Warum gibt es ein solches Buch nicht zur Philosophie? Ist wirklich gar nichts übrig geblieben von 2500 Jahren Denken?
 

Antwort auf Frage 22

Es gibt für diese Fragestellung ein reichhaltiges, bald schon nicht mehr durch den Einzelnen auszuschöpfendes Schrifttum. Die Geschichte der Philosophie ist nun aber nicht wie die Geschichte der Naturwissenschaft zu verstehen, es gibt, wie ähnlich bereits gesagt, keinen einzigen philosophischen Gedanken ab Heraklit, der völlig überholt wäre, aber auch keinen, den alle als eine endgültige, verbindliche Aussage akzeptieren. Es gab viele Ausführungen in der Philosophie, die durch die Fortschritte wissenschaftlicher Erkenntnis überholt wurden, wobei es sich aber, wie man erst jetzt erkannt hat, nicht um spezifisch philosophische Aussagen handelte, sondern, im heutigen Verständnis, um bereits wissenschaftliche, die aber noch nicht professionell waren.

Die wunderschönen Verse im ersten Teil des Faustdramas Goethes, die mit den Worten >Habe nun ach…< beginnen, zeigen eine Auffassung von Philosophie, wie sie zu jener Zeit aktuell und Goethe wohlbekannt war. Aber der Philosoph Faust war auch schon modern eingestellt, nämlich hatte erkannt, dass die sich wissenschaftlich gebärdende Universitätsphilosophie eigentlich nur immer die eigene Geschichte repetierte, und das zwar durchaus wissenschaftlich in philologischer Hinsicht, jedoch nicht wissenschaftlich von der Sache her.

Was genau Kant zu irgendeiner Frage gesagt hat, ist zum Beispiel wissenschaftlich eindeutig klärbar oder muss eindeutig als unklärbar angesehen werden. Das ist die philologische Seite der Sache. Und ob dann das, was Kant gesagt hat, richtig ist, also allen Zweifeln enthoben, für jedermann verbindlich, das ist die unwissenschaftliche, aber in der Philosophie eben wichtigere Seite der Sache.

Als sich der zutiefst frustrierte Professor Faust der Schwarzen Magie zuwandte, mit dem Teufel Kontakt aufnahm und sich in das Reich der Hexen und Dämonen einführen ließ, erweiterte er seine Erkenntnisse über die inneren Zusammenhänge der Welt nur scheinbar, kehrte er in den vorphilosophischen Mystizismus zurück, von dem sich die Philosophie mühsam losgemacht hatte. Das gab dem Drama reichen Stoff, aber hatte mit Philosophie dann nichts mehr zu tun.


 
 

„Vom Gelingen des Lebens“

Elemente der Montage:  Frederic Edwin Church: “Rainy Season in the Tropics”
Jean-Leon Gerome: „Diogenes in der Tonne“        Edmund Dulac: „El Dorado“
Römische Büste: Kaiser und Philosoph Marc Aurel




Frage 23

Wann kann ein Mensch sein Leben als gelungen bezeichnen? Welche Balance zwischen Mühe und Müßiggang, Aufgabe und Vergnügen muss er treffen? Wie kann er mit Leiden und Misserfolg fertig werden? Wie kann er sich mit der Endlichkeit seines Lebens aussöhnen?

Es gab eine Zeit, da stand die Frage nach dem rechten, glücklichen, "geglückten" Leben ganz vorne auf der Agenda der Philosophen. Epikur und die Stoiker haben uns dazu Erkenntnisse und Empfehlungen hinterlassen, die ihren Wert bis zur Gegenwart behalten haben.

Ist das menschliche Glück heute ausschließlich Gegenstand unzähliger Ratgeberbücher einerseits und psychologischer Forschung  andererseits? Hat die Philosophie dazu nichts mehr zu sagen? Welche Lehren Epikurs oder der Stoiker oder anderer Philosophen werden heute allgemein als zeitlos gültig angesehen?
 

Antwort auf Frage 23

In der Fragestellung ist bereits mit Recht darauf hingewiesen, dass es darum geht, Rat zu geben, oft auch einen etwas tröstenden Rat, und auch aus den Erfahrungen anderer zu lernen, Fehler vielleicht zu vermeiden, mit den Gegebenheiten des Lebens, insbesondere mit Leiden, Schmerzen, zwischenmenschlichen Konflikten und mit dem eigenen Sterben umzugehen, zurechtzukommen, sich die Freude, die man am Leben haben kann, nicht völlig nehmen zu lassen.

Die Philosophie hatte immer eine Sparte, die man als die lebensphilosophischen, neuerdings auch als die existenziellen Überlegungen kennzeichnet. Die Stoiker haben in der Tat den Fokus fast ganz auf diese Fragen gelegt und durchaus Gedanken hinterlassen, die heute noch zum Teil beherzigt werden können und die natürlich in der Sintflut der Lebensratgeberliteratur auch multipliziert vorkommen.

Im Mittelpunkt der Erörterungen stand vielfach das Glück, die Glückseligkeit. Wir gehen mit diesen Begriffen heute zaghafter um. Die Stoiker kann man nachträglich schwer einschätzen. Vielleicht haben sie schon die gleiche Grundnüchternheit gehabt wie wir, diese aber in den Schriften unterdrückt, um den Lesern nicht etwas anzubieten, was diese sogleich in die Ecke werfen würden (wie wir die Ratgeberschwarten). Vielleicht ist es einzelnen Stoikern auch ganz gut gegangen. Es gab ja auch Kaiser darunter, also Menschen, die sich nicht gerade immer Sorgen machen mussten. Es haben früher sicher Menschen auch wirklich geglaubt, nach dem irdischen Leben in himmlische Sphären aufzusteigen.

Da es heute auch eine ratgeberische Psychologie gibt, deren Aufgabenbereich die Philosophie früher nebenher und unprofessionell wahrgenommen hat, ist eine eigentlich philosophische Lebensberatung heute nicht mehr empfehlenswert, was nicht ausschließt, dass sie versucht wird. Man konnte mehrfach von Leuten lesen, die sich als philosophische Lebensberater anbieten. Mit welchem Erfolg sie ihre Beratung praktizieren, ist nicht bekannt. Man kann den Erfolg einer Lebensberatung auch kaum zuverlässig beurteilen. Das Philosophische an derartigen Beratungsgesprächen müsste man sehr vorsichtig bewerten, denn bei welcher Philosophie sollten sie ansetzen? Das Kontroverse der Meinungen wäre für eine Beratung Gift, müsste also geradezu ausgeblendet bleiben. Das menschliche Leben und Zusammenleben ist sehr viel komplexer als früher, man hat aber auch sehr viel mehr Informationsquellen, als sie früher vorstellbar waren. Wer über sich und sein Leben nachdenken will, ist auch ohne einen Blick in die philosophische Literatur in der Lage, zu vernünftigen Ratschlägen zu kommen. Meist ist erst die Umsetzung das Entscheidende. Und das gilt auch für die Ratschläge der Stoiker. Sie kannten viele heutige Konflikte und Probleme noch überhaupt nicht. Manchmal hat man da auch den Verdacht, dass die Schriften einfach ganz eudämonistisch-locker hingeschrieben worden sind, ohne wirkliche Konflikt- und Problemfälle im Blick zu haben.

Der Begriff des Glücks hat bei den Poeten Unterschlupf gefunden, denn ein Philosophierender ist, die quälende Unerklärlichkeit der Welt im ständigen Blick, nicht gerade der richtige Glücksberater. Man kann in einer unerklärten und vielleicht sogar unerklärlichen Welt nicht wirklich und erst recht nicht dauerhaft glücklich sein, außer eben in den sonnigen Augenblicken, wie sie in jedem Leben vorkommen, bei einer uns freundlicherweise gelegentlich gewährten Unterbrechung des metaphysischen Nachdenkens.

Der Mensch ist zu einem permanenten Glück nicht geschaffen. Ob sein eigenes Leben als gelungen zu bezeichnen ist, erfährt der Mensch nicht, es mögen vielleicht andere später so sehen. Es gibt heute zu viele Schicksale, in denen Eingriffe von außen jedes eigene Bemühen um ein würdiges und zufriedenes Leben zunichte machen.


 
 

"Triumphzug des Götzen M."

Elemente der Montage:    Ilja Jefimowitsch Repin: "Die Wolgatreidler"  -
Der Buddha der Zukunft , Lingyin Si – Kloster bei Hangzou

 Frage 24

Die Philosophie hat in der Vergangenheit wichtige Beiträge zur Entwicklung der modernen Gesellschaft geleistet. Philosophen wie Hobbes haben das Gewaltmonopol des Staates begründet, Kant hat die Bedeutung des freien Handels und der demokratischen Staatsform für den Frieden zwischen den Völkern betont, Jefferson schrieb die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung unter dem Einfluss von Locke, Rousseau hat als erster den Begriff der Menschenrechte gebraucht.

Solange wir nicht wirklich in der besten aller Welten leben, vielmehr in einer Zeit, da Arm und Reich immer weiter auseinander driften, wo religiöser Fundamentalismus den Weltfrieden gefährdet, wo mittelalterliches Denken den Fortschritt der Medizin behindert, hat die Philosophie da nicht die Verpflichtung, der Stimme der Vernunft im gesellschaftlichen Diskurs Gehör zu verschaffen?

Antwort  auf Frage 24

Die Frage berührt mehrere Lebensbereiche, den Staat, den Umgang von Staaten untereinander, die Wirtschaft, die Religion, die Medizin. Für alle diese Lebensbereiche werden Problemlagen benannt oder angedeutet und gefragt, ob nicht die Philosophie die Verpflichtung habe, >im gesellschaftlichen Diskurs< der Stimme der Vernunft Gehör zu verschaffen, also die Problemlagen von der Vernunft her in den Griff zu bekommen und Wege zur Lösung der Probleme aufzuzeigen, Wege, die dann andere Instanzen, nämlich die zum Handeln berufenen, beschreiten könnten.

Das Eigenartige der ganzen, völlig aktuellen und auch mit dem aktuellen Vokabular bezeichneten Problemstellungen ist nun, dass sie in einer Gemengelage vor uns stehen und dass es als greifbare Entitäten weder >die Gesellschaft< noch >die Philosophie< noch >die Stimme der Vernunft< tatsächlich gibt, sondern dass einem Durcheinander der Probleme ein Durcheinander der Problemlösungsinstanzen gegenübersteht. Es sind weder die Probleme unter einen einheitlichen Oberbegriff zu bringen noch die Instanzen, die sich mit ihnen befassen sollen, und obendrein gibt es auch keine einstimmige Philosophie, die gewissermaßen die Führung der Instanzen übernehmen und ihnen einheitliche Vorgaben machen könnte. Auch diese Charakteristika sowohl der gesamten Problemsituation als auch der in Betracht zu ziehenden Antagonisten ist Gegenstand der insgesamt erhobenen Klage.

Wie soll hier nach dem in der Philosophie immer noch gültigen Grundsatz, wenigstens in den benutzten Begriffen einheitlich zu denken, vorgegangen werden, wenn - und das kommt jetzt hinzu, ist zusätzlich zu bedenken - nicht klar definiert werden kann, was unter der Gesellschaft zu verstehen ist, der ein vernünftiger Rat erteilt werden soll?

Was ist die Gesellschaft, gibt es überhaupt eine? Ursprünglich hat man unter Gesellschaft, im Gegensatz zur Gemeinschaft oder zur Bevölkerung, eine Gruppierung verstanden, in der sich Menschen >in Bezug auf gemeinsame Interessen und Ziele miteinander verbunden< fühlen (Ulfig). Der heutige Sprachgebrauch, den die Fragestellung übernimmt, versteht dagegen unter der Gesellschaft nicht bestimmte existente Mengen von Menschen mit gleichen Interessen oder Zielen, sondern unbestimmte größere Kreise gemeinsamen Lebens. Wenn man nach Einzelpersonen dieser Gesellschaft suchen wollte, würde man nicht wissen, nach welchen Kriterien man sie herauszusuchen hätte. Es können aber auch nicht einfach sämtliche Menschen einer Population gemeint sein, denn über diese wären keine einheitlichen Aussagen möglich, da dann zahllose individuelle Abweichungen der Menschen voneinander festzustellen wären.

Diese mehr begrifflich scheinenden Erwägungen sind aber, und das ist nicht der Fragestellung zur Last zu legen, auch ein massives Hindernis für die Beantwortbarkeit der heute in der Tat häufig mit gleichen oder ähnlichen Worten gestellten Frage.

Dafür soll hier nur ein Beispiel genannt werden, die heutzutage sehr häufige Behauptung parallelen Reicher- und Ärmerwerdens unterschiedlicher Personenkreise. Es ist richtig, dass es vielen Menschen so ergeht, dass sie ohne großes Zutun allmählich ärmer werden, und dass andere Menschen, meistens bereits vermögend, durch die Verzinsungsdynamik oder Wertsteigerungen von Objekten ebenfalls ohne großes Zutun reicher werden. Aber was ist daran neu? Und wo soll man ansetzen, es zu ändern, ohne zugleich Ungerechtigkeiten hineinzubringen? Ist es überhaupt ungerecht, dass die Güter schicksalhaft unterschiedlich verteilt sind? Wie würde es aussehen, wenn wirklich alle das Gleiche besäßen? Ist der Besitz auch so wichtig?

Philosophisches Denken ist hinsichtlich der Vorfragen, von denen her Antworten auf die Fragen zu Arm und Reich gesucht werden müssten, in keiner Weise kompetent. Auch diese Fragen wären wissenschaftlich, nämlich unter Berücksichtigung der menschlichen Eigenschaften und der Eigenschaften einer gerechten Wirtschafts- und Vermögensordnung zu erörtern, können nicht beispielsweise aus einem allgemeinen Gerechtigkeitsgebot philosophischer Ethik heraus sinnvoll formuliert werden.

Zum Abschluss dieser Betrachtungen können wir einander in der >besten aller Welten< nur weiter viel Vergnügen beim gemeinsamen Leben wünschen, nachdem uns allein der Holocaust gezeigt hat, dass irgendetwas in unserer Natur oder in unseren Handlungskonzepten falsch sein muss, und das unberührt von allen Glanzleistungen der ethischen Vernünftler, die seit dem Altertum Zimmer an Zimmer mit dem Syndikat der Bösewichte, katholisch zu reden: mit dem Clan der abgefallenen Engel gearbeitet haben. Die Philosophie wird da eher die Köpfe einziehen, als sich mit Ratschlägen unbeliebt zu machen, die nicht nur nicht befolgt, sondern ihr auch noch als lebensfremde Theoreme vorgehalten werden.


 
 

"Pygmalion"

Elemente der Montage: Pablo Picasso:  "Bildnis einer Frau"
Edward Burne-Jones: "Pygmalion"     Zwei Wandgemälde aus Knossos, Kreta




Frage 25

Das große und besonders leistungsfähige menschliche Gehirn wurde im Laufe von zwei Millionen Jahren entwickelt, in denen der Mensch als Jäger und Sammler in Kleingruppen lebte. Die dabei entwickelten Fähigkeiten, seit weniger als 100 000 Jahren verstärkt durch das Werkzeug der menschlichen Sprache mitsamt dem symbolischen Denken, erlauben ihm Tätigkeiten, die zum Überleben als Jäger und Sammler gar nicht gefragt waren – "Nebenprodukte" der Evolution gewissermaßen.  Die Kunst gehört dazu, genauso wie Wissenschaft, Philosophie und Religion. Vor rund 40 000 Jahren traten Malerei/Plastik und Musik erstmals auf – ob sie schamanistischen oder kultischen Zwecken dienten, ist unklar. Bestimmte Aspekte werden von der "Evolutionären Ästhetik" auf die Lebensumstände des Ho-mo zurückgeführt, zum Beispiel die Präferenz für parkähnliche Landschaften (bevorzugter Lebensraum!) oder die Schönheitsideale für Mann und Frau (Eignung als Fortpflanzungspartner!).

Heute lässt sich die Entwicklung der Kunst in ihren unzähligen Formen, zweckgebunden (Dekoration, Illustration, Information, Agitation,....) oder zweckfrei (L'art pour l'art) nicht biologisch-evolutionär deuten, sondern allenfalls im Sinne des von Richard Dawkins entwickelten Mem-Konzeptes. Danach werden kulturelle Einheiten ähnlich wie Gene in der menschlichen Gesellschaft weitergegeben, erfahren Mutationen, entwickeln sich, überleben in Konkurrenz zu anderen Memen oder sterben aus. "Pygmalion", Gegenstand der vorstehenden Montage, Inbegriff der Liebe zum eigenen Werk, kann als ein solches Mem aufgefasst werden. Große "Memplexe" können eine außerordentliche Überlebensfähigkeit zeigen (Religion!).

Hat die Philosophie etwas zur Kunst allgemein oder zu einer ihrer Ausprägungen zu sagen?
 

Antwort auf Frage 25

Ob die Philosophie zu dem Phänomen Kunst, zu den einzelnen Phänomenen der Kunst >etwas zu sagen hat<, ist eine gute Frage. Etwas sagen zu können oder bereits gesagt zu haben einerseits und etwas zu sagen haben andererseits, sind ja zweierlei.

Abgesehen davon, dass es jetzt auch eine Kulturphilosophie gibt, die sich hauptsächlich mit Phänomenen wie Kunst und Literatur beschäftigt, haben dies mehr oder wenig alle Philosophen getan. Berühmt sind zum Beispiel Schopenhauers Ausführungen zur Musik. Er gab der Musik eine metaphysische Bedeutung. Sie sei ein Abbild des Weltwillens, sie rede vom Wesen. Wörtlich schrieb er in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung auszugsweise: >Ich erkenne in den tiefsten Tönen der Harmonie, im Grundbaß, die niedrigsten Stufen der Objektivation des Willens wieder, die unorganische Natur, die Masse des Planeten. Alle die hohen Töne, leicht beweglich und schneller verklingend, sind bekanntlich anzusehen als entstanden durch die Nebenschwingungen des tiefen Grundtones, bei dessen Anklang sie immer zugleich leise miterklingen, und es ist Gesetz der Harmonie, daß auf eine Baßnote nur diejenigen hohen Töne treffen dürfen, die wirklich schon von selbst mit ihr zugleich ertönen (ihre sons harmoniques) durch die Nebenschwingungen. Dieses ist nun dem analog, daß die gesammten (sic!) Körper und Organisationen der Natur angesehen werden müssen als entstanden durch die stufenweise Entwickelung (sic!) aus der Masse des Planeten: diese ist, wie ihr Träger, so ihre Quelle; und das selbe Verhälniß haben die höhern Töne zum Grundbaß… Die bestimmten Intervalle der Tonleiter sind parallel den bestimmten Stufen der Objektivation des Willens, den bestimmten Species in der Natur… Endlich in der Melodie, in der hohen, singenden, das Ganze leitenden und mit ungebundener Willkür in ununterbrochenem, bedeutungsvollem Zusammenhange EINES Gedankens vom Anfang bis zum Ende fortschreitenden, ein Ganzes darstellenden Hauptstimme, erkenne ich die höchste Stufe der Objektivation des Willens wieder, das besonnene Leben und Streben des Menschen…< (3. Buch, § 52, alte Rechtschreibung beibehalten).

Die Darlegungen Schopenhauers zur Musik sind sehr bewundert worden und in der klassischen Philosophie wohl einmalig. Heutzutage beschäftigen sich Autoren in ganzen Büchern mit einer philosophischen Betrachtung der Musik. Das kann man tun, aber es bleibt doch die Frage, ob man dabei philosophische Erkenntnisse gewinnt oder ob es einfach nur um die Entwicklung von Meinungen geht. Man kann auch leicht in eine regelrechte Wissenschaft von der Musik übergehen. Da gibt es überhaupt keine klaren Grenzen. Das genuin Philosophische ist oft nicht mehr zu erkennen. Man muss es ohnehin oft künstlich von dem unterscheiden, was eine wissenschaftliche Phänomenbeschreibung ist. Es gibt eine philosophische Schule, die Phänomenologie, die sich gerade darauf eingelassen hat, Phänomene, auch ganz alltägliche, genau zu beschreiben und zu analysieren. Ich meine allerdings, dass diese Schule die Hauptzielrichtung der Philosophie verfehlt.

Einen näheren Bezug hat die Philosophie zur Dichtung. In der klassischen, weit gehend spekulativen Metaphysik steckte immer auch eine poetische Kreativität der Autoren, zum Beispiel gut sichtbar bei Parmenides, der ein ontologisches Lehrgedicht hinterließ, und bei Platon. Heutzutage ist eine Grenzziehung zwischen Philosophie und Dichtung vielfach nicht mehr möglich, wenn man an Romane wie Der Zauberberg  von Thomas Mann oder Der Mannohne Eigenschaften von Robert Musil denkt. Andererseits übertreten Philosophen wie Peter Sloterdijk von der Philosophie her mutwillig die unbewachte Grenze zwischen Philosophie und Dichtung, auch um bewusst zu machen, dass es eine Grenze ist, die man nicht zu ziehen braucht, wenn man immer nur genau weiß, was man gerade tut, ob man poetische Impressionen weitergeben will oder nüchterne Gedanken zur realen Lage in einem Rätseluniversum. Die Willensrichtung ist hier, gleichgültig wie man sie näher umschreibt, das Entscheidende.

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Dies war die letzte Frage und die Antwort darauf! Zum Schluss aber noch eine Frage
an Sie, den Leser:

"Wie geht es jetzt Ihrem Kopf?

Künstler:
José Ribera- Hans Jörg Limbach – Ron Mueck – Edmund Dulac – Andrea di Bonaiu-to da Firenze – Unbekannt/Landesmuseum Halle - Ferdinand Hodler – Paul Gauguin Auguste. Rodin – Albrecht Dürer – Raffaello Santi –- Unbekannt/Cernavoda, Rumä-nien - Beate Gröschler – Jan Matejko – Edmund Dulac – Ernst Barlach – Jovellanos Goya - Unbekannt/Lugano – Karl Hofer  - Agron Blakcori


 
 

Die Autoren

  Harald Duhn
Geboren 1931. Studienfächer: Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte, Rechtswissenschaft. Bei der Staatsanwaltschaft Hamburg als Oberstaatsanwalt besonders befasst gewesen mit der Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen. Privater Autor philosophischer und lyrischer Schriften. Hobbys: Jazzmusik und Tischtennis.
Mail: hadu@ewe.net

  Dr.-Ing.Heinz G. Klug
Geboren 1937. Studium des Maschinenbaus und Promotion an T.H.Darmstadt.
35 Jahre Projektingenieur im internationalen Flugzeugbau (Airbus Hamburg). Segler, konstruierte sein eigenes Boot. Malerei (Landschaft, Marine) und Computergrafik. (gegenstandslos, Montagen). Naturwissenschaftliche Interessen: besonders Kosmologie und Evolution. Betreiber dieser Website. Ko-autor der Website "Mensch und Realität".
 


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