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Rheintal - Ein Plädoyer

Der Schwarze mochte den Weißen nicht. Ein arroganter Kerl war das. Groß gewachsen, blond, mit mächtigen Muskeln vom Bodybuilding die er demonstrativ spielen ließ. Aber eben arrogant, maßlos von sich überzeugt. Doch der Schwarze wusste um die Vorteile seines Jobs als Wildhüter und Jagdführer im Großwildpark „Kölner Becken“, und er ließ sich nichts anmerken.

Die beiden verließen beim ersten Morgengrauen das Lager und betraten das Gehege durch die Kraftfeldschleuse. Der Weiße deutete in Richtung eines nur schattenhaft in einiger Entfernung erkennbaren Gebäudes: „Da hinten, wo man eigentlich nicht hin soll, die Werkhalle, was habt ihr da drin? Habe durchs Fenster geguckt gestern Abend, da ist ja ein großes Lager elektronischer, hydraulischer, elektromechanischer Bauteile... wozu braucht ihr die denn? Denkt ihr, ihr könnt da etwas geheim halten? Nicht mit mir, mein Bester!“ Klar dass so ein Typ überall herumschnüffeln musste, stöhnte der Schwarze innerlich, behielt aber die Fassung und wiegelte ab: „Natürlich brauchen wir ‘ne Menge solches Zeug für unsere Überwachungselektronik, für unsere Fahrzeuge; für die Maschinen um Urwald und Savanne so dicht nebeneinander erhalten zu können...“ Der Weiße grunzte: „Fahrzeuge! Wir laufen doch!“ - „Natürlich laufen wir!“ erklärte der Schwarze. „Ihr habt doch ein afrikanisches Jagdabenteuer im Stil des späten 19. Jahrhunderts gekauft, da trat der Jäger dem Löwen, dem Nashorn zu Fuß gegenüber. Wollt Ihr etwa später erzählen Ihr habt euren Elefanten aus dem Wagen geschossen?!“ - „Natürlich nicht, Du Idiot ... ich nehme an dass man im 19. Jahrhundert so mit seinen schwarzen Trägern und Jagdführern sprach, hahaha?!“

Der Schwarze ging darüber hinweg und fragte:

„Soll ich euch von der Geschichte des Parkes erzählen? Ja, gut, ich mach es nicht zu lang. Als das Klima sich im Mittel erwärmte, traten regional in Europa große Unterschiede in der Temperatur, vor allem aber in den Niederschlägen auf. Damals bildete sich hier im Kölner Becken, wo es schon immer ein wenig wärmer und feuchter gewesen war als im weiteren Umkreis, ein tropisches Klima heraus. Die Weißen hier konnten das nicht gut vertragen, die zogen weg, nur ein paar Schwarze blieben hier. Alles verarmte und verfiel, denn wir erhielten keine Unterstützung von den Weißen. Aus dem Kölner Zoo entkamen die Tiere, und dem Klima entsprechend wimmelte es hier bald von jenen Tieren die früher einmal Afrika in ungeheurer Zahl belebt hatten, inzwischen aber zumeist weltweit ausgestorben sind.  Da kam einer, der berühmte Jaques Ubambi, auf die Idee, hier einen Wildpark einzurichten, wo alle diese Tiere gehegt würden, wo man sie andererseits aber gegen Entgelt jagen durfte. Er konnte weiße Investoren begeistern, und dieser einmalige Park entstand. Denn einmalig ist er: hier kann man Löwen, Panther, Nashörner jagen, ja sogar Elefanten die sonst auf der ganzen Welt ausgestorben sind. Und man hat die Wahl der Waffe: mit dem Speer wie meine eigenen Vorfahren; mit der Jagdfeuerwaffe wie Ihr es gewählt habt; oder mit dem Lasergewehr. Die meisten die hierher kommen, suchen den Nervenkitzel, wie die Bunjeespringer am Gran Canyon oder über dem Ätna. Ganz ungefährlich ist das hier nicht, und manchmal erwischt das Wild den Jäger, das macht aber aus Sicht der Parkverwaltung nichts: wenn mal einer verschwindet erhöht das den Nervenkitzel für die nächsten die kommen, es belebt das Geschäft! Ihr habt den ausdrücklichen Verzicht auf alle Ansprüche im Falle eines  - äh - Vorkommnisses - ja nicht umsonst unterschrieben.“

Der Weiße gab sich unbeeindruckt. Inzwischen zeichnete sich die rote Scheibe der aufgehenden Sonne durch die morgendlichen Nebelschleier ab. Drüben, jenseits des Flusses den sie immer noch Rhein nannten, hob sich der Dom der einstigen Stadt Köln aus dem Morgendunst über den Wipfeln des Urwaldes. Der Weiße nickte hinüber: Er würde ihn morgen besuchen, die Flughunde, Fledermäuse und Vampire  in den großen Kirchenschiffen sollten ja ein besonderer Anblick sein.

Vor ihnen breitete sich hinunter bis zum Fluss die Savanne aus. Da standen in kleinen Herden die Zebras, die Kudus, die Gnus. Eine lockere Gruppe Giraffen rückte langsam vor. Drunten am Fluss konnte man Flusspferde sehen, die sich ins Wasser zurückzogen.

„Und wo sind die Elefanten?“ murrte ungeduldig der Weiße.

„Meint Ihr wir können sie Euch per Fernsteuerung vor die Flinte treiben?!“ erwiderte der Schwarze unlustig, und fingerte am bunten Perlenschmuck seines Speeres.  Wenn der blöde Kerl es so eilig hatte ... nun gut, dann musste es halt etwas schneller gehen.

Die beiden rückten im Gänsemarsch vor. Der Weiße schwieg misslaunig. Es konnte hier Schlangen geben, da sollte man lieber den Schwarzen vorgehen lassen....

Zwei, drei Stunden mochten vergangen sein, als der Schwarze stehen blieb und auf die Spuren im zertrampelten Gras wies: „Elefanten!“ - „Alte Kühe?“ maulte der Weiße. Der Schwarze zuckte die Schultern, wies auf die mächtigen Trittsiegel zwischen den kleineren, die sich an einer feuchten Senke deutlich abzeichneten. Und als sie gebückt den Kamm des nächsten Hügels überschritten, sahen sie inmitten von kleineren Kühen und jungen Bullen einen riesigen alten Elefanten. Der Weiße blieb stehen, einen kurzen Augenblick vom Anblick überwältigt. „Der ist für mich?“ fragte er fast ungläubig. „Ihr habt für einen großen Bullen bezahlt ... ja, das geht in Ordnung.“

Vorsichtig, gegen der Wind, schlichen sie an die Herde heran. Fast schon waren sie in guter Schussweite, da wurde der alte Bulle aufmerksam. Seine Ohren spielten, sein Rüssel kreiste. Wiegenden Schrittes kam er näher, wurde schneller.... „Schießt jetzt!“ flüsterte der Schwarze, und der Weiße, das großkalibrige Jagdgewehr längst im Anschlag, drückte ab. Der Elefant stoppte, schwankte, stürzte um, und lag nach kurzem Todeskampf ruhig. Die beiden gingen auf ihn zu.  „Verdammte Scheiße!“ dachte der Schwarze, aber der Weiße hatte es auch gesehen: Die Kugel hatte ein großes Loch gerissen, es hatte sich nicht wieder geschlossen, und aus dem rot sickernden Blut ragten elektrohydraulische Bauteile.

Der Weiße wurde dunkelrot vor Wut: „So wollt ihr mich bescheißen?! Mir einen Tierroboter vor die Flinte steuern? Das sollt Ihr büßen! Ich mache Euren ganzen verdammten Park fertig! Hier  und hier!“ Er trat wütend gegen den grauen Berg, spuckte darauf.

Der Schwarze wurde aschfahl im Gesicht. „Ihr Weißen wolltet es selbst so! Eine kleine Herde echter Elefanten hatten wir hier im Park, aber Ihr Weißen konntet nicht warten, Ihr habt sie gewildert! Gemordet habt Ihr sie! Da haben wir Roboter gebaut, dass Ihr Euren Spaß haben könnt, Ihr Schweine! Und jetzt spuckst Du darauf - gleich spuck ich auf Dich!“

Der Weiße konnte nicht mehr an sich halten, er hob das Gewehr. Aber der Schwarze hatte längst seinen Daumen in die Identifikationskuhle seines Speeres gelegt,  damit die Waffe entsichert.  Und ein Laserspeer schießt schneller und tötet gründlicher als es eine alte Feuerwaffe je könnte.

„Ist gut fürs Geschäft, wenn mal wieder einer von Euch draufgeht, ich werd’s dem Chef schon erklären!“ keuchte der Schwarze. Aber der Weiße hörte ihn nicht mehr.
 


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