
Knuddel 1
"Und es ist wirklich aus? Keine Chance mehr?"
Der Direktor eines großen Tiergartens in Hamburg starrte schreckensbleich auf sein Gegenüber, den Finanzchef.
"Nein, keine Chance mehr. Nach diesem Urteil des Finanzgerichtshofes können wir den Konkurs nicht mehr abwenden. Das ist die bittere Wahrheit. Ich wollte dich vor allen anderen informieren."
"Und die Tiere? Können wir nicht einen Teil verkaufen und mit einem Rest weitermachen?"
"Wir werden die meisten Tiere töten müssen. Du weißt doch selbst dass man heute kaum noch ein Tier loswird. "
"Wann ist es so weit? Wie viel Zeit haben wir noch?"
"Wenn ich nicht wegen Konkursverschleppung vor Gericht stehen will – noch 3, höchstens 4 Monate."
Der Direktor starrte vor sich hin, bemerkte dann mit müder Stimme:
"Fast hundertfünfzig Jahre haben wir den Menschen Freude gebracht. Fast hundertfünfzig Jahre sind die Hamburger mit Kind und Kegel zu uns gekommen, na ja, mit Oma und Uroma muss man heute eher sagen. Und jetzt ist es aus!""Ja, wir haben Freude gebracht. Ja, die Hamburger sind zu uns gekommen. Aber nicht genug! Seit 15 Jahren decken die Einnahmen die Ausgaben nicht mehr, die Stadt kann uns schon lange nicht mehr unterstützen .... "
"Wenn wir in den nächsten 3 Monaten einen richtig großen Besucherandrang hätten, dann wären wir gerettet?"
"Ja, das würde uns helfen. Aber wie um alles in der Welt.....?"
"Es gibt so etwas wie Wunder. Vor 30 oder 40 Jahren hat der Berliner Zoo seine Besucherzahlen für ein paar Monate vervielfachen können. Die hatten da einen kleinen Eisbären – Knut hieß der, glaub ich – jeder Berliner wollte den sehen, aus ganz Deutschland kamen die Leute in den Zoo, im Fernsehen gab es eine Vorabendserie, Merchandising ohne Ende – der Zoo schwamm plötzlich in Geld. So etwas müssten wir haben, ein Wunder. Wir brauchen ein Wunder!"
"Wir haben eine Eisbärin?"
"Ja, aber die ist uralt, die wird nicht mehr schwanger."
Die beiden schwiegen eine Weile. Viele Jahre hatten sie gemeinsam den Zoo durch alle Fährnisse gesteuert, jetzt sollten alle Mühen, alle persönlichen Risiken, jetzt sollte alles umsonst gewesen sein?
"Vielleicht kann man da nachhelfen?" nahm der Finanzchef das Gespräch wieder auf.
"Nachhelfen? Du meinst künstliche Befruchtung? Das würde bei unserer Bärin auch nicht mehr helfen. Und es gibt nur noch wenige Samenspender. Vergiss nicht: die Eisbären sind nicht nur in freier Wildbahn, sondern auch in den Zoos fast ausgestorben."
"Umso größer wäre die Sensation! Aber ich habe an etwas anderes als künstliche Befruchtung gedacht, das würde wohl auch zu lange dauern."
" Drei bis acht Monate, wie man rechnet!" murmelte der Direktor. "Aber was meinst Du nun wirklich?"
Der Finanzchef zögerte einen Moment, dann legte er seinen Vorschlag auf den Tisch.
"Es ist mir gerade eben in den Kopf gekommen... Die Japaner stellen doch diese Roboterhunde her, alle Rassen, auch große Hunde, Chow-Chows, Bernhardiner ... Die müssten doch daraus einen kleinen Eisbären machen können!"
"Einen Eisbären der Wau-wau sagt und zum Ladegerät läuft um seine Akkus aufzuladen? Und unser Bärenwärter, der soll auch mitspielen? Das kann doch alles nicht Dein Ernst sein!"
"Klar, da muss manches bedacht werden. Aber unterschätzen wir die Japaner nicht!"
Wieder trat eine lange Pause ein. Schließlich gab der Direktor sich einen Ruck.
"Gut. Wir geben uns drei Tage Zeit. Ich werde mit Karl, unserem Bärenwärter sprechen. Ich werde ihm sagen: wenn er nicht mitspielt, müssen die meisten Tiere, auch seine Bären, getötet werden. Und Du nimmst Kontakt mit Japan auf!"
2
Der Technische Direktor des großen japanischen Roboterherstellers sah es als eine Ehre an, an der Rettung des Tiergartens mitwirken zu dürfen, auch wenn er mit seiner Rettungstat nie würde an die Öffentlichkeit treten dürfen. Seine Leute arbeiteten rund um die Uhr, und noch nicht drei Wochen später traf eine große Aluminiumkiste in Hamburg ein, begleitet von einem hervorragenden Experten der Herstellerfirma.
Im Arbeitszimmer des Direktors wurde die Kiste geöffnet. Es war lange nach dem üblichen Feierabend. Der Finanzdirektor, Bärenwärter Karl und sein Gehilfe Björn, und der Direktor des Tierparks waren als einzige anwesend als der japanische Experte die Kiste auspackte, den Inhalt herausnahm und absetzte.
Unbeweglich saß ein kleiner weißer Bär auf dem Boden.
"Wie hübsch er ist! Welch ein süßer Bär! Er könnte nicht schöner sein!"
Der Japaner verbeugte sich geschmeichelt. Dann begann er seine Einführung in die Handhabung des Tieres.
"Zunächst müssen Akkus aufladen. Kabel von Ladegerät wird in After eingeführt ...."
Als der kleine Bär schließlich durch den Raum robbte, an des Wärters Bein schnüffelte und ganz offensichtlich auf den Arm genommen werden wollte, kannte die Begeisterung keine Grenzen. Der Direktor trat hinter den Schreibtisch, holte eine Flasche Sekt heraus, öffnete sie, benetzte seine Fingerspitzen und befeuchtete die Stirn des kleinen Bären:
"Ich taufe dich auf den Namen 'Knuddel'. Bring uns Glück, Knuddel!"
Der kleine Bär grunzte und versuchte die Finger des Direktors abzulecken.
"Und noch etwas!" verkündete der Direktor als die kleine Konferenz zu Ende ging. "Mit der Presse rede nur ich alleine, so können wir uns nicht in Widersprüche verwickeln."
3
Schon am nächsten Tage verkündete der Direktor einer eilig zusammengerufenen Journalistenschar die Sensation: Es hatte Eisbären-Nachwuchs gegeben! Eigentlich hatte niemand mehr daran geglaubt dass die alte Bärin noch schwanger werden könnte. Und als das Junge geboren wurde, da war es so schwach, dass man lange nicht an sein Überleben glauben konnte, man hatte die Öffentlichkeit mit einer traurigen Nachricht verschonen wollen und daher bislang geschwiegen. Die Chancen standen schlecht für das kleine Tier, zumal die Bärenmutter nicht das geringste Interesse an ihrem Nachwuchs zeigte, man hatte sie schnellstens trennen müssen! Das winzige Tierchen aber war unter der ununterbrochenen Obhut und Pflege von Karl Feddersen und Björn Achmed zu Kräften gekommen, hatte sich prächtig entwickelt!
Der Direktor verteilte Fotos und lud zur Präsentation des kleinen "Knuddel" für das folgende Wochenende ein.
4
Innerhalb weniger Tage wurde Knuddel nicht nur der Liebling der Hamburger, sondern aller Deutschen. Die ersten Fotos gingen durch alle Blätter, wurden in allen Fernsehnachrichten gezeigt. Die Journalisten belagerten das Büro des Direktors, versuchten vergeblich mit hohem Bestechungsgeld von den Pflegern direkte Informationen zu bekommen. Der Zoo musste eine Hotline einrichten.
Schon für die erste Präsentation des Kleinen musste man Tribünen gegenüber dem Eisbärengehege aufbauen, die Menschen drängten sich dichtgepackt. Als Karl und Björn mit dem kleinen Knuddel aus dem Bärenhaus traten, als der kleine Bär zunächst blinzelnd zögerte, dann über den Platz tollte, da kannte die Begeisterung der Menge keine Grenzen. Wildfremde Menschen fielen sich jubelnd in die Arme: "Knuddel! Knuddel!"
Diese erste Präsentation des kleinen Bären dauerte nur 10 Minuten, noch bedurfte das Tierchen ja der Schonung! Die Tageskasse zeigte ein Vielfaches der Einnahmen eines gewöhnlichen Sonntags, auch die teuren Hochglanzfotos von Knuddel waren restlos ausverkauft.
In den nächsten Wochen beherrschte allein "Knuddel" die deutsche Öffentlichkeit. Wen interessierten der Hungermarsch in Äthiopien, die erneuten Talibangreuel in Südafghanistan, die letzten Horrormeldungen über das Artensterben am Amazonas und in den Polargebieten? Es gab ja Knuddel. Knuddel war in allen Medien gegenwärtig, RTL hatte sich für viel Geld eine tägliche "Viertelstunde mit Knuddel" zur Primetime gesichert, Hemden und Taschen und Beutel und Jacken und Tassen und Teller wurden mit Knuddels Konterfei geschmückt. Ein Knuddel-Lied fand guten Absatz. Der neu ernannte Mechandising-Direktor strahlte.
Jeden Tag strömten die Besucher in den Zoo um Knuddel zu sehen, es kam zu Schlägereien, Karten für die besten Tribünenplätze wurden auf dem Schwarzmarkt gehandelt und in e-bay versteigert. Busse brachten Knuddels Verehrer aus ganz Deutschland. Oh wie war der kleine Knuddel süß, wenn er durch das Gehege tobte und sich mit seinen Pflegern balgte!
Als das Interesse etwas abzuebben schien, kam die Schreckensmeldung dass der Kleine unter Unpässlichkeit litt, offenbar bekam er seine ersten Zähne, Knuddel musste im Haus bleiben, jede Aufregung durch Besucher war zu vermeiden! Ganz Deutschland litt mit dem kleinen Tier, verfolgte besorgt die ärztlichen Bulletins. Eine Lawine guter Ratschläge ging auf nieder. Die Hotline des Tiergartens war dichter als die der Deutschen Telecom.
Als die schrecklichen Tage der Ungewissheit vorüber war, da schwoll der Besucherstrom noch einmal an. Am Wochenende musste Polizei für Ordnung im Zoo sorgen.
5
"Bei der heutigen Pressekonferenz hat ein Journalist angemerkt, Knuddel scheine gar nicht zu wachsen, ob er denn auch gesund sei?" berichtete der Direktor seinen drei Mitverschworenen "Ich habe gesagt, dass kleine Bären in Schüben wachsen, dass Knuddel gesund und stark ist. Aber ich befürchte, dass wir die Sache nicht mehr lange werden durchhalten können. Was sollen wir tun?"
"Nicht so schlimm, finanziell sind wir gesund wie seid Jahrzehnten nicht," entgegnete der Finanzdirektor, "und wenn wir Plan B realisieren, wird der warme Regen weitergehen."Am nächsten Sonntagabend hatte Pfleger Karl Urlaub, Pfleger Björn begab sich für eine halbe Stunde zum Report zum Direktor, und als er zum Bärenhaus zurückkam, war Knuddel verschwunden. Irgendjemand hatte sich einen Generalschlüssel verschafft und war in das Bärenhaus, Abteilung Knuddel, eingebrochen. Auf dem Überwachungsvideo konnte man undeutlich eine Gestalt erkennen, die Knuddels Käfig öffnete; aber sie verschwand ohne den Bären mitzunehmen. Wenig später versagte die Überwachungskamera. In der kurzen Zeit bis zur Rückkehr von Karl, der wie immer vor dem Käfig schlafen wollte, musste Knuddel entwischt sein.
Die nächsten Tage waren für Hamburg Tage der Hektik, für ganz Deutschland Tage der Sorge. Freiwillige und Polizei suchten die ganze Stadt und ihre Umgebung ab; Suchhunde verfolgten vergeblich Spuren die im ganzen Zoogelände hin- und herführten; Hellseher, Pendler und Kartenschläger boten ihre nutzlosen Informationen an; immer wieder gab es Sichtungen die sich bald als Irrtum herausstellten; eine schnell gegründete Notgemeinschaft sammelte Spenden für den Einsatz eines Bundeswehrhubschraubers mit Infrarotkamera.
6
Alles Sorgen und Mühen aber war vergeblich. Nach zwei Wochen musste man sich eingestehen, dass Knuddel verschwunden war, wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht hatte er versucht schwimmend durch die Elbe zu entkommen und sich dabei vergiftet? Vielleicht, vielleicht.
Jetzt stand die Suche nach einem Schuldigen im Vordergrund deutschen Denkens. Der Direktor und die beiden Bärenpfleger erhielten Drohbriefe, mussten zeitweise unter Polizeischutz gestellt werden. Der Direktor trat zurück und begab sich auf eine lange Auslandsreise nach Japan, die beiden Pfleger gingen in den vorzeitigen Ruhestand (beide bauten sich im folgenden Jahr ein schönes Häuschen im Hamburger Umland). Tierschutzverein und WWF stellten Strafanzeigen, doch konnte, allen Bemühungen der Polizei zum Trotz, der wahre Schuldige nie dingfest gemacht werden.
Noch viele Jahre nach dem Verschwinden von Knuddel berichteten Pilzsammler und Jogger von Sichtungen.
Eine große japanische Roboterfirma brachte einen kleinen Eisbären heraus. Er wurde ein riesiger Markterfolg, nicht zuletzt in Deutschland. Da das Modell "Knuddel" hieß, verdiente als Inhaber der Namensrechte auch der Tiergarten gut daran. Als der Finanzdirektor in den verdienten Ruhestand ging, hinterließ er ein schuldenfreies Unternehmen.
7
An einem schönen warmen Winterabend saßen der ehemalige Direktor, der ehemalige Finanzdirektor, und zwei ehemalige Tierpfleger auf der Terrasse, leerten ein oder auch zwei Flaschen Rotwein und schwelgten in Erinnerungen an Knuddel.
Dass just zu dieser Stunde der letzte freilebende Eisbär an Hitzschlag starb, wussten sie nicht.