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Die Prüfung

Die Szene spielt in einem schlicht-futuristisch eingerichteten Arbeitszimmer. Durch ein großes Fenster sieht man die Hochhaustürme Berlins, davor winzig das Brandenburger Tor und der Reichstag.

Die Tür zum Vorzimmer steht offen. Man hört die Stimme des Professors:

"Junger Mann, gehen Sie ruhig schon mal rein und setzen Sie sich. Ich komme gleich nach."

Ein junger Mann betritt etwas zögernd das Arbeitszimmer. Er ist sehr sorgfältig gekleidet. Er macht eine Bewegung als wolle er sich setzen, tritt dann aber an das Fenster und sieht hinaus. Man sieht dass er angespannt ist: er trommelt nervös mit den Fingern, rollt die Schultern, holt tief Atem.

Der Professor betritt den Raum. Er ist eher nachlässig gekleidet. Ein gefährlich jovialer Typ. Er lässt sich in einen Schwebesessel fallen.

Professor:
"So setzen Sie sich doch! Diese magnetischen Schwebesessel sind unheimlich bequem. Das letzte an Büroausstattung: keine Rollen mehr die den Teppich zerfurchen, dafür ein Magnetkissen!"

Der junge Mann setzt sich.

Professor:
"Gut gut. Nun also. Sie wollen eine Prüfung ablegen über den Stoff meiner Vorlesung 'Juristische Aspekte fortschrittlicher Technologien in humanphilosophischer und historischer Sicht' . Waren Sie einmal in meiner Vorlesung? Doch, ja, ich habe Ihr Gesicht schon einmal gesehen. Ha ha ha! ..... Gut gut. Nun also! Greifen wir uns einen Themenbereich heraus. Nehmen wir ... nun also ..... nehmen wir das Thema 'Intelligenzverstärkung'! Einverstanden?"

Der junge Mann nickt.

Professor:
"Fassen Sie mit ganz wenigen Worten zusammen worum es geht. Wie definieren Sie 'Intelligenzverstärkung'? Wie hat sich diese Technik entwickelt?"

Junger Mann:
"Unter Intelligenzverstärkung verstehen wir die Unterstützung angeborener oder mit konventionellen Mitteln entwickelter individueller Intelligenz durch Einkoppeln des Gehirns in das NETZ derart dass alle Ressourcen des NETZES spontan und unterbewusst genutzt werden können."

Professor:
"Nicht übel .... so weit so gut. Und jetzt eine ganz kurze Geschichte?"

Junger Mann:
"In den frühen Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts wurde der Zugang zum WorldWideNet oder Internet so schnell, und das Manövrieren darin dank eines 'Supergoogle' genannten Hilfsmittels so einfach, dass die Nutzung schon quasi instinktiv erfolgen konnte. Allerdings erfolgte die Kommunikation zunächst noch mit Tastatur, später durch Spracheingabe. Im Jahre 2093 gelang erstmals das direkte Einkoppeln eines menschlichen Gehirns in die damalige Frühform des NETZES. Diese Technik fand innerhalb kurzer Zeit weite Verbreitung, obgleich das Tragen des Kopplerhelms doch durchaus lästig war. Die Miniaturisierung auf Quanten-Rechner-Basis erlaubte dann das Tragen des Kopplers hinter dem Ohr. 2142 wurde zum ersten Male ein Koppler implantiert. Seit 2167 sieht das 'Internationale Gesetz zur Sicherstellung gleichmäßiger Intelligenzentwicklung' vor, dass jeder Mensch nach Vollendung seines 10. und vor Vollendung des 14. Lebensjahres auf Staatskosten einen Koppler implantiert bekommt. Heute gibt es wohl kaum eine/einen Elfjährige(n) die/der kein solches Implantat besitzt."

Professor:
"Gut gut! Das genügt! Hm ....also....warum darf wohl nicht vor dem 10. Lebensjahr implantiert werden?"

Junger Mann:
"Es handelt sich nicht um geliehene künstliche Intelligenz, sondern um die verstärkte eigene, individuelle Intelligenz. Zunächst muss also eine gewisse Basisintelligenz im Gehirn entwickelt werden, dann erst kann man sie verstärken. Wann implantiert werden soll war lange heftig umstritten. In Nordamerika gibt es kleine Gruppen von Menschen die sich bis heute der Implantation aus religiösen Gründen völlig verweigern weil sie dadurch..."

Professor:
"Gut gut! Das ist eine andere Frage. .... Kann die einmal entwickelte Basisintelligenz denn nicht wieder verloren gehen?"

Junger Mann:
"Eine umstrittene Frage! Es wurde und wird befürchtet dass der ununterbrochene Gebrauch der Verstärkung die Gehirnbasis verkümmern lässt. In die Rechtsgeschichte eingegangen ist der Fall des hochgeschätzten Politikers Franz Josef Pommer dem der Koppler aus medizinischen Gründen entfernt werden musste und der danach sich als natürlich schwachsinnig erwies. Damals – 2199 – wurde das '3.Gesetz zum Schutz der Bevölkerung vor den Gefahren der künstlichen Intelligenzverstärkung' erlassen. Seit dem müssen die Nutzer – also praktisch alle Erwachsenen – regelmäßig gewarnt werden. Der Text ist vorgeschrieben und lautet in internationalem Englisch: 'The United Nations warn: Excessive Use of Intelligence Amplification may damage your biological brain beyond repair!" Ausführungsgesetze regeln wann und wie oft und ..."

Professor:
"Gut gut! Hm – man kann richtig süchtig werden ... will – oder kann! ... gar nicht mehr aussteigen. Sehen Sie diese Gefahr bei sich selber auch?"

Der Professor deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den jungen Mann.

Junger Mann:
"Nein, da habe ich keine Bedenken!"

Professor:
"Schön, sehr schön! Beruhigend! .... Kommen wir jetzt zum justiziablen Missbrauch des Systems. Die Versuchung für faschistische Regierungen ..... große Organisationen ..... fanatische Religionen .... ist sie nicht groß? Andererseits: Ist es denn technisch  überhaupt möglich gezielt zu manipulieren? Das NETZ ist doch überall das gleiche?!"

Junger Mann:
"Zuerst Ihre zweite Frage. Ja, das NETZ ist überall das gleiche. Aber der Zugang zum NETZ erfolgt in der Regel über lokale Server, und an dieser Stelle ist es möglich das Angebot des NETZES zu filtern oder es gar durch etwas ganz anderes zu ersetzen ohne dass der Nutzer es merkt.
Zu Ihrer ersten Frage: Der berühmteste Fall hat sich 2175 – 2185 in der VIAR zugetragen. Dort sorgte die fundamentalistisch- religiös- faschistische Regierung für eine weitgehende Filterung des NETZES und seine Ergänzung durch fundamentalistisch-faschistische Inhalte. Damit gelang es die Bevölkerung völlig gleichzuschalten, das Militär zu fanatisieren, Selbstmordterroristen in großer Zahl zu aktivieren. Erst der große und leider sehr blutige UNO-Einsatz von 2185 machte dem Treiben ein Ende. Heute machen strenge internationale Kontrollen der Server solche Vorgänge unmöglich."

Professor:
"Dem Heiligen Turing sei Dank! Ich kann mich an die Sache noch erinnern. Die Welt stand wegen der zahllosen Selbstmordattentäter am Rande des Chaos. Und wegen des künstlichen Schwachsinns den ....?"

Junger Mann:
"...den Agenten der VIAR in einigen Staaten der Erde durch Manipulation zentraler Server erzeugen konnten!"

Professor:
"In der Tat! Gut gut. Nun also! Hat es denn auf kommerziellem Gebiet nicht auch Versuche gegeben, durch Manipulation von Servern bestimmte Effekte zu erzielen?"

Junger Mann:
"Aber gewiss! Soll ich ein paar Fälle nennen? Da war Microsoft die traditionell ihre Kunden ausspionierten und jetzt ein Mittel sahen nicht nur den Kunden in die Köpfe zu schauen sondern auch zu steuern was darin vorging. Da war Daimler Chrysler Worldwide die ihren Betriebsangehörigen angeblich besonders komfortable Server zur Verfügung stellten und sie so manipulierten, dass die Betriebsangehörigen nicht nur absolut loyal waren sondern sogar bereit 'der Ehre halber' für Hungerlöhne zu arbeiten. Und dann gab es den Fall von McDonalds die ihre Fleischklopse als 'Biodynamische Gesundheitsnahrung' den Leuten andrehen wollten, und United Brewers, und Rebook, und Boeing und ..."

Professor:
"Schon gut! Das genügt! Lassen Sie uns in den Bereich der sozusagen privaten Kriminalität gehen. Wissen Sie was sich 2204 auf der Mondbasis Alpha 3 zugetragen hat?"

Junger Mann  zögert einen Moment, dann:
 "Ja klar! Ein klassischer Fall! Wegen der außerordentlichen und oft wechselnden Anforderungen an die Besatzung hat jede Station einen eigenen vielfach redundanten Server, der von einer kleinen Mannschaft gewartet wird und dessen Angebot nach den lokalen Bedürfnissen ergänzt wird, zum Beispiel durch eine detaillierte Umgebungskarte. Auf der Mondbasis gab es nur wenige Frauen, darunter eine gewisse Claudine, liiert mit dem Serveroperator Wang. Aber ein Kollege, der Serveroperator Charles Henri, manipulierte den Server, griff dadurch in das Denken von Claudine ein, machte sie Wang abtrünnig und sorgte dafür dass sie sich in ihn, Charles Henri, verliebte. Als der unglückliche Wang das Spiel durchschaute, griff er seinerseits in das lokale Netz ein, manipulierte ..."

Professor:
"Das genügt! Sie erzählen das ja alles sehr fein! Gut gut. Nun also! ..... Kehren wir in die Gegenwart zurück!"

Der Professor lehnt sich zurück, schließt die Augen, scheint nachzudenken.

Er schlägt die Augen wieder auf, fixiert den jungen Mann, seine Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger schießt vor:

Professor:
"Wie lautet §43 des Hochschulprüfungsgesetzes?"

Durch den jungen Mann geht ein Ruck. Er zögert einen Moment, antwortet dann klar und fest:

"§43 des Hochschulprüfungsgesetztes, Absätze 1-3, sagt: 'Prüfungen werden ohne Intelligenzverstärkung durchgeführt. Kann der Prüfling aus medizinischen Gründen diese Bedingung nicht erfüllen, muss er dies vor der Prüfung ankündigen. Über die Zulässigkeit entscheidet der Hochschulrat im Einzelfall. Verstößt ein Prüfling gegen die Vorschrift, kann er die Prüfung frühestens im nächsten Semester wiederholen'."

Professor (grinst):
"Nun, junger Mann, dann sehen wir uns in einem halben Jahr wieder?"

Junger Mann:
"Wieso das?!"

Professor:
"Weil Sie Ihren Intelligenzverstärker nicht ausgeschaltet haben! Weil Sie Ihre Weisheiten aus dem Netz, über unseren Hochschulserver, bezogen haben!"

Junger Mann:
"Wie wollen Sie eine solche Anschuldigung beweisen? Ohne eine Gehirnstrommessung?"

Professor:
"Ich bin ganz sicher. Die Mordgeschichte von der Mondbasis Alpha 3 habe ich heute bei der Morgentoilette erfunden und in unseren NETZ-Server gegeben, als Sie eine Minute in diesem Raum alleine waren und ich noch im Vorzimmer. Sie können die Geschichte also nur dank direkter Verbindung zum NETZ erzählt haben!"

Der junge Mann schweigt eine halbe Minute, denkt offenbar fieberhaft nach, während ihn der Professor mit breitem Grinsen fixiert.

Junger Mann:
"Ok. Sie haben Recht: Ich habe gemogelt . Aber Sie selber haben auch nicht fair gespielt!"

Professor (drohend):
 "Was soll das heißen?"

Junger Mann:
"Sie haben die Geschichte von der Mondbasis 3 nicht selbst erfunden. Sie haben diese Geschichte aus dem NETZ! Dort steht sie bei den uralten Science- Fiction –Geschichten! Ein obskurer Autor namens H.G. Klug hat sie geschrieben. Denken Sie ruhig mal dort nach! ........ Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen!"

Professor:
" Gut gut. Nun also! ..... Wie dem auch sei, §43 ist eindeutig. Wollen Sie im nächsten Semester wieder zur Prüfung kommen?"
 
 

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