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Buxtehude - Das Fleet
Buxtehude
Ein Paradies
"Liebe Kolleginnen vom Vorstand der EnjoyCorporation, Sie haben mich nach Buxtehude geschickt um eine Entscheidung darüber vorzubereiten, ob wir ein Paradies, oder eine Kette von Paradiesen, nach dem Muster des wirtschaftlich so erfolgreichen Buxtehude, unserem Imperium von Vergnügungsparks hinzufügen sollen. Ich will meinen Bericht in vier Teile gliedern:
1. Der historische Hintergrund
2. Eindrücke von einem Besuch
3. Hintergrundinformationen die ich vom Manager habe - er war übrigens sehr kooperativ - klar,
nachdem wir seine Muttergesellschaft übernommen haben....
4. Eine exemplarische ErtragsrechnungIch beginne mit dem historischen Hintergrund.
Im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert herrschte bekanntlich mit der Demokratie eine Regierungsform in den zivilisierten Teilen der Welt, die ganz auf die formale Herrschaft großer, aber relativ einfach manipulierbarer Menschenmengen in einer hochtechnologischen Gesellschaft abgestellt war. Das hat natürlich zu einer immer größeren Uniformität aller Lebensaspekte in großen politischen Einheiten geführt. Schon damals gab es aber kleine Gruppen von Menschen, die nach direkteren, lokaleren Herrschaftsformen riefen, und von der vollkommenen Harmonie des Einzelnen mit der Natur träumten, die es zu bewahren und schützen galt. Wie Sie vielleicht wissen, hat diese Bewegung - sie nannten sich selbst „die Grünen“, - nie einen nennenswerten Einfluss auf die Politik ausüben können, von ganz kurzen Perioden abgesehen. Erst die Erfindung und der schnelle Siegeszug des Embryonators, der uns Frauen endlich die Last des Austragens und Gebärens nahm und dem Staat eine effektive Kontrolle über die Zahl der Nachkommen gab... erst diese Kontrolle über die Reproduktionsziffer unter rationalen Gesichtspunkten hat es erlaubt, die Bevölkerung der zivilisierten Länder um einen Faktor größer 10 zu reduzieren, und damit die Belastung der natürlichen Ressourcen auf ein verträgliches Maß abzusenken. Gleichzeitig wurden die politischen Einheiten immer kleiner, „direkte Demokratie“ wurde möglich. Und daraus wiederum folgte eine außerordentliche Differenzierung zwischen den Ländern, ja sogar zwischen den Gemeinden, die sich auf ganz unterschiedliche Entwicklungen einließen.
In Buxtehude gewann eine späte Nachfolgegruppe der „Grünen“ die politische Macht. Es war die Organisation „BUNT“, das heißt „Buxtehude Natur Total“. Ihr Credo war es, dem inzwischen offenbar in menschlichen Zeiträumen irreversibel tropisch gewordenen Klima freien Raum zu geben, Buxtehude völlig dem Walten der Natur zu überlassen, und damit ein Paradies auf Erden zu schaffen. Die Buxtehuder Bevölkerung zog sich in den Stadtteil „Delmer Bogen“ auf den nahen Geesthügeln zurück, das Stadtgebiet wurde weiträumig umzäunt und ganz dem Wirken der Natur überlassen. Binnen weniger Jahre eroberten bisher als Haustiere gehaltene exotische Tiere wie Affen und Papageien, sowie Gartenblumen jeder Art das Areal. Es entstand ein wahres Paradies auf Erden, wo viele verschiedene Tiere und Pflanzen friedlich zusammenlebten. Immer mehr Besucher wollten das Wunder sehen, und die Buxtehuder Bevölkerung oben auf dem Berg lebte - und lebt! - leicht und gut von dem Geld der vielen Touristen. ---- Klingt wie ein Märchen, was?
Ich komme jetzt zu meinen Eindrücken vom Besuch des Paradieses. Das Ganze ist bestens organisiert. Als Gruppenbesucher wird man in den Empfangsgebäuden
oben auf dem Hügel freundlich empfangen, mit kurzen Vorträgen auf den Besuch eingestimmt, und begibt sich dann auf einen zweistündigen geführten Rundgang, der hinunter zur Stadt und schließlich wieder zurück zum Ausgangspunkt führt. Ich muss gestehen, ich habe niemals eine solche Blütenvielfalt gesehen wie in diesem Park. Es müssen Blumen aus aller Welt sein, die hier die Pracht ihrer großen Blüten, Blütenstände, Blütenbüschel zeigen. Die meisten von Ihnen, liebe Kolleginnen, kennen Madeira von unserer letztjährigen Aktionärsversammlung... Madeiras Blütenpracht wirkt ärmlich gegenüber diesem in allen Farben des Regenbogens prunkenden Wunder!Von Blüte zu Blüte taumeln Falter klein und groß, leuchtend und schillernd... schwirren metallglänzende Käfer ... summen Bienen (denen man übrigens gentechnisch den Stachel genommen hat). - Auf den Steinen am Weg sonnen sich kleine und große Eidechsen und Leguane, in den Tümpeln tummeln sich große grüne Frösche mit goldenen Glotzaugen. - In den Bäumen hängen die großen Nester der roten Webervögel, Paradiesvögel gleiten durch die Luft, Papageien kreisen in glitzernden Schwärmen, im Gebüsch zwitschern die Nachtigallen - am hellichten Tag!
Zwischen den alten, erstaunlich gut erhaltenen Häusern der Stadt haben sich blühende Sträucher breitgemacht, Bougainvillea und andere Schlingpflanzen wuchern darüber hinweg. Die Stadt scheint fest in der Hand der Meerkatzen und Makaken zu sein, die durch die Bäume toben oder schnatternd auf dem Marktbrunnen zu Füßen des Stadtheiligen „Magister Halepaghen“ sitzen. Aber neben ihnen gibt es viele andere possierliche Tiere, Eichhörnchen, Meerschweinchen, Kaninchen... alles friedliche Wesen.
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Buxtehude - Brunnen des Magister Halepaghen
Aus einer Laube unter Schlinggewächs voll schwerduftender Blüten hörten wir Stöhnen und konnten, nähergetreten, zusehen, wie sich ein Mann und eine Frau abmühten, in der altertümlichen Art ein Kind zu zeugen. Denn das ist die zweite Art das Paradies zu besuchen: Gegen eine allerdings sehr hohe Gebühr darf ein Paar „Adam und Eva“ spielen... dazu darf es einen ganzen Tag alleine im Park herumspazieren. - Nein, diese Art des Besuches habe ich nicht ausprobiert; sparen Sie sich bitte Ihre albernen Scherze, Frau Kollegin!
Also denn: Die Anlage entspricht - das darf ich wirklich sagen - ganz und gar den Vorstellungen, die man sich von einem Paradies macht!
Schließlich zu den zusätzliche Informationen, die ich von dem Manager habe. Für einen Mann ist es eine erstaunlich intelligente Person; dass er es so weit gebracht hat in unserer - wahrhaft zu Recht! - von Frauen beherrschten Gesellschaft, spricht für ihn.
Das Paradies - so seine Aussage - war in den ersten Jahren wirklich eine rein natürliche Angelegenheit - und damit ein Tierpark wie jeder andere. Es gab dort Raubtiere, welche die friedlichen Tiere fraßen und so ihren Bestand kontrollierten; es gab Krankheiten und Seuchen bei den Tieren; es gab giftige Schlangen die aus irgendwelchen Terrarien entkommen waren; es gab nur wenige Sorten Blumen; es gab Insekten die ganze Bäume kahl fraßen. Noch einmal: es war ein Tierpark wie jeder andere auch. So hatte man sich das nicht vorgestellt, befand die politisch herrschende Gruppe. Man beschloss „lieber Gott“ zu spielen, griff in die natürlichen Regelungsmechanismen ein, eine Maßnahme zog die andere nach sich..... Man eliminierte die unerwünschten Tiere und Pflanzen, brachte neue erwünschte Arten ein.... insbesondere eben jene Tiere, die bei den Besuchern ob ihres possierlichen Wesens Begeisterung hervorrufen... Eigentlich sind Affen ja ganz widerliche Tiere (sagte der Manager! - ich sehe das anders!) - aber die Leute mögen sie - also bitte! Manchmal wird einer frech, der wird dann umgehend nachts eliminiert. Wie man überhaupt die Zahl der sich beständig in der altertümlichen Weise vermehrenden Tiere durch Abschuss konstant halten muss. Solche Maßnahmen erfolgen natürlich in der Nacht. Die Kadaver der Affen, Kaninchen, weißen Rehe usw. usf. werden an Ort und Stelle zu Fleischkonserven verarbeitet und kommen weltweit unter einer sehr bekannten Luxus-Marke in die Supermärkte...Wieso an Ort und Stelle, fragen Sie? Nun, die von Blütengebüsch überwucherten Häuser der Stadt, deren Inneres nur durch ein unterirdisches Gängesystem zu erreichen ist, enthalten die gesamte technische Infrastruktur des Parkes wie das Wasserwerk (die Feuchtigkeit des Parkes wird durch unterirdische Bewässerung kontrolliert), die Labors, die Schlachterei, die Fleischkonservenfabriken .... Diese Anlagen laufen den ganzen Tag ohne dass der Besucher etwas davon merken kann. Die Arbeiten draußen, die Pflege des Blumenbestandes, das Einsammeln überzähliger Insekten usw. usf., diese Aktivitäten passieren natürlich des Nachts. Deshalb ist auch gegen höchstes Gebot kein Aufenthaltsgenehmigung im Park für die Nacht zu bekommen. Und deshalb ist auch das Gelände mit einem Hochsicherheitszaun umgeben, deswegen wird auch die Bewegung jedes einzelnen Besuchers ständig überwacht. Sie sehen, der technische Aufwand ist nicht gering.... aber die Einnahmen sind es eben auch nicht!
Und damit komme ich zur Ertragsrechnung."
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Ergänzung: Die vorstehende Erzählung wurde 2001 geschrieben. Bei einer Anlage der beschriebenen Art stellt die Abluft der verarbeitenden Betriebe ein besonderes Problem dar (Geruchsbelästigung!). Im Jahre 2005 ließ die Stadtverwaltung an der schönsten Stelle Buxtehudes einen Industrieschornstein fachmännisch errichten. Er wurde als Kunstwerk deklariert, aber nicht alle Buxtehuder Bürger wussten die weise Voraussicht des Rates zu durchschauen und zu würdigen (mehr hier!)