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Athen - Turm der Winde, Akropolis

 

Athen
Zehntausend






Es war ein herrlicher Tag. Warm schien die Sonne, ein sanfter Wind ließ die Wedel der Palmen rascheln. Schwer und süß lag der Duft der überreich blühenden Apfelbäume in der Luft.  Perlmuttschillernde Schmetterlinge taumelten über die bunten Wiesen. Am Bach sangen Vögel. Ein Schwarm Rosenkakadus ließ sich plappernd auf dem ausgestreckten Arm eines Wegweisers nieder. „Hier geht es zur Akropolis.....Hier geht es zur Akropolis.....“ wiederholte die Figur unbeirrt, bis ihr Giordano Schweigen gebot. Droben über den Tempel zog ein Regenbogen.

Unbeschwertes Lachen der Kinder erheiterte für einen Augenblick Giordanos Gemüt, dann fiel der Priester in seine schwere Gedanken zurück. 10 000! Wie wenn es wahr wäre? Am achteckigen Turm des Vergessens blieb er gedankenverloren stehen, blickte zu den Windgeistern auf, kratzte „10000“ in den weichen Stein, wurde sich seines unsinnigen Tuns bewusst - wer sollte das wohl lesen außer ihm selbst? - zuckte die Schultern und machte sich auf den Weg zur Akropolis.  Eine Gruppe kichernder Serafim zog an ihm vorbei, der blauhaarige Anführer lockte mit spitzen Brüsten, aber der Priester ging ihnen aus dem Weg. Ihm war nicht nach Sex. Wenn er heute Nacht die anderen nicht überzeugen konnte?! Aber selbst wenn er konnte - was war gewonnen?

Die Priester versammelten sich unterhalb des Athene -Tempels.  Pjotr leitete die Diskussion, ein Alter mit langem grauen Bart.

„Liebe Brüder! Wir sind zusammengekommen, um Giordanos - äh - ungewöhnliche - Botschaft zu hören, darüber zu diskutieren, und schließlich unser Urteil darüber zu fällen.  Giordano hat das Wort!“

„Liebe Brüder! Was ich Euch erzählen will ist mir so schmerzlich wie Euch. Darum urteilt nicht vorschnell!

Die Welt in der wir leben ist weise geordnet. Wenn wir unten aus der Höhle des Lebens hervorkommen, dann betreten wir eine Welt der heiteren Sorglosigkeit. Nichts mangelt uns,  Schmerz kennen wir nicht, über nichts müssen wir uns Sorgen machen - jedenfalls dann nicht wenn wir zu den Kindern gehören. Sie, die unten die blühenden Gärten bevölkern, leben in vollkommener Harmonie, wissen gar nicht den Unterschied zwischen Gut und Böse, können nicht Schlechtes tun, genießen die  Früchte der Sträucher und Bäume, trinken das Wasser der reinen Brunnen, oder auch den berauschenden Wein der Trauben, verbringen den Tag mit Singen und Spielen und mit Lieben - Männer, Frauen, Serafim - jeder mit jedem. Und wenn viele Jahre vergangen sind und sie müde sind des Spiels, gehen sie heiteren Sinns durch das Tor des Todes in die Erde zurück.

Einige aber bleiben keine Kinder, sie werden zu Priestern. Uns hat dieses Schicksal getroffen. Wir leben nicht heiter und unbeschwert, wir wissen dass es Glück und Unglück, Weisheit und Dummheit,  ja sogar Gut und Böse gibt - zwischen uns selbst gibt es Eifersucht und Hass und Schadenfreude und Bosheit, obwohl wir wissen dass es so etwas nicht geben soll (wer sagt uns das eigentlich?!). Wir denken über diese Welt nach: woher wir kommen, wohin wir gehen. Warum diese Welt so ist wie sie ist.

Wer sie geschaffen hat und erhält. Wenn wir aber des Lebens als Priester überdrüssig sind, dann gehen wir durch den Turm des Vergessens und werden zu Kindern.

Die meisten von uns glauben, dass nichts existiert als der Ort an dem wir leben, und der Ort darunter, der dazugehört, und wir sagen „Gott“ hat diesen Ort erschaffen. „Gott“, das sei ein Wesen, eine Kraft von unendlicher Weisheit und Macht und Liebe, und man könne diese Liebe an der wunderbaren Ordnung dieses Ortes erkennen, und an dem Glück der Kinder. Warum sind wir dann nicht glücklich?“

„Ein Gotteslästerer!“ flüsterte es unter den Priestern. Giordano fuhr unbeirrt fort:

„Diese Welt ist endlich - wir alle wissen dass wir sie nicht verlassen können. Aber hinter ihrem Ende muss es etwas anderes geben: es kann nicht nichts geben! Die Welt muss unendlich sein!

Diese Fragen haben mich viele Jahre umgetrieben. Ihr wisst, dass im Tempel der Athene, wie wir Gott auch nennen, dort wo wir sie verehren und um ihre Gnade bitten, dass dort unzählige Bücher liegen. Ich habe von Bruder Jorge, der uns vor wenigen Jahren verlassen hat, gelernt diese Bücher zu lesen. Er hat mir gesagt, dass es seit langer langer Zeit immer nur einen Priester gibt der das kann - die Bücher lesen. Er hat mich zu seinem Schüler gewählt... hätte er es doch nicht getan! Dies habe ich aus den Büchern gelernt:

Dieser Ort wurde nicht von „Gott“ geschaffen – „Gott“ gibt es nicht! Dieser Ort wurde von Menschen geschaffen wie wir es sind. Diese Menschen haben sich Hilfen zum Denken geschaffen, die nannten sie "Computer". Zuerst waren es nur ganz einfache Maschinen, aber später hat sie keiner mehr verstanden, die Maschinen haben sich selbst ständig neu erfunden.  Diesen Computer-Maschinen haben die Menschen die Regierung der Welt überlassen - nein, nicht bewusst! -  und die Maschinen haben für die Menschen die Welt genau so verändert wie die Menschen es sich immer erträumt hatten.

Die Computer-Maschinen haben viele Orte geschaffen wie diesen hier, und sie haben sie abgeschlossen gegeneinander weil früher die Menschen von verschiedenen Orten übereinander hergefallen sind.  Über den Orten wölbt sich eine feste Kuppel, die wir Himmel nennen, und der mit Sonne und Mond und Sternen geschmückt ist wie früher der wahre Himmel darüber. Die Maschinen haben auch die Schaffung neuer Menschen übernommen,  die früher eine Aufgabe der Menschen selber war - es muss etwas mit dem Lieben zu tun gehabt haben, genauer weiß ich es nicht. Jetzt  passiert das unter der Erde. Und unter die Erde gehen wir zurück, wir nennen es „Tod“, ich glaube die Maschinen machen die neuen Kinder aus jenen die zurückkehren. Die Maschinen haben es fertig gebracht, eine Welt zu schaffen, die sich nicht mehr verändert - eine Welt die keiner mehr ändern will - eine Welt in der alle glücklich sind - außer uns Priestern. Uns lassen die Maschinen unglücklich sein weil sie wollen dass jemand über sie nachdenkt.“

Die Unruhe unter den Priestern explodierte in eine wütende Diskussion.  Es dauerte lange bis Giordano wieder zu Wort kam.
 
 


Athen – Statue des Poseidon




„Ihr wisst dass wir Priester die Zeit nach Jahren berechnen (die Kinder kennen keine Zeit): die großen Zahlen dort oben unter dem First des Tempels zeigen uns die Jahre, Tage, Stunden, Minuten, Sekunden an.....  immer kleinere Einheiten der Zeit. Vor vielen vielen Jahren - genauer: vor fast 8000 Jahren - als die Computer kaum erfunden waren, gab es einmal ein Problem, weil die Computer die Jahre mitzählen; aber man hatte nicht daran gedacht dass beim Übergang auf das Jahr 2000 (wann sie zu zählen begonnen wissen wir nicht) es Schwierigkeiten geben werde weil die Computer nur die beiden letzten Ziffern mitzählten in ihren Denkmustern die man als „Programme“ bezeichnete, sie konnten also 1900 und 2000 nicht unterscheiden.“ Er malte die Zahlen in den Sand. „Man konnte im letzten Moment verhindern, dass die Computer und damit die Versorgung der Menschen mit Licht und Wärme zusammenbrachen. Man korrigierte das Problem und gab den Computern vier Stellen zum Zählen, wie man sie für das Jahr 2000 brauchte. Was nun wenn das später nicht geändert wurde? Wenn immer neue Schichten von  „Programmen“, immer komplexere Denkmuster über alte längst vergessene gehäuft wurden? Versteht Ihr was ich meine: Wenn demnächst das Jahr 9999 endet und das Jahr 10000 beginnt, könnte das ganze künstliche Gebäude zusammenbrechen  - was dann?!“

Nach langen Debatten kam man zum Ergebnis, der Gotteslästerer Giordano müsse durch den Turm des Vergessens schreiten. Man schleppte den heftig Protestierenden in feierlicher Prozession dorthin, drängte ihn durch die Tür der Erinnerung hinein.........
...........Leicht taumelnd kam er aus der Tür des Vergessens hervor. Er lehnte sich mit dem Kopf gegen den Stein......... Vor sich sah er verschwommen ein Zeichen „10000“, aber es sagte ihm nichts. Langsam wich der Schwindel........ Eine unendliche Heiterkeit ergriff ihn. Tief den Duft der Blumen einsaugend ging er den Pfad an dem kleinen Wasserlauf entlang........Ein Gruppe Serafim  zog kichernd an ihm vorbei. Die spitzen Brüste des blauhaarigen Anführers erregten ihn, er eilte der Gruppe nach.......

In der Nacht zum Jahr 10 000 versammelten sich die Priester auf der Treppe des großen Tempels. Die heftigen Dispute, die auch nach  Giordanos Gang durch das Tor des Vergessens angedauert hatten, waren verstummt. Jeder hing seinen Gedanken nach. In tiefem Schweigen erwarteten man das Springen der Anzeige.

9999:356:23:59:57......... 58............59...................................................................

Nichts geschah. Selbst die Anzeige veränderte sich nicht mehr. Stand die Zeit still?

Am Himmel erloschen langsam die Sterne. Dafür erschien dort eine große Schrift; aber da war keiner der die Schrift lesen konnte. Das Schwarz des Himmels verschwand, wurde zu einer transparenten Glocke. In unendlich kaltem Blau leuchtete der wahre Himmel darüber. An den Seiten des gläsernen Himmels sah man Eis sich hochtürmen, grünlich schimmernd unter dem schwachen Schein der wahren Sonne.

Die Temperatur begann schnell zu fallen. Die Kälte griff nach Pflanze und Tier und Mensch. Zitternd drängten sich die Kinder zusammen, suchten Schutz in Höhlen und Lauben. Vergeblich. Der kalte Schlaf überwältigte sie alle.

Auf der Akropolis zogen sich die Priester ins Allerheiligste zurück wo sonst ein großer warmer Block leise summte - die Stimme „Gottes“, wie die Priester zu sagen pflegten. Aber die Kälte folgte ihnen. Es gab keinen Schutz. Selbst der Computer erkaltete.

Mit der Erschöpfung der Notbatterien verblasste die Schrift am Himmel: „Schwerer Ausnahmefehler -  Schließen Sie alle Anwendungen - Starten Sie den Computer neu.“
 
 


*     *      *


Anmerkung:
Die Erzählung wurde angeregt durch die Probleme die in der Datenverarbeitung für die Jahrtausendwende erwartet wurden. Viele Computerprogramme mussten korrigiert werden weil sie die Jahreszahl 2000 mit der Jahreszahl 1900 verwechseln konnten (es waren nur die beiden letzten Ziffern vorgesehen). Tatsächlich passierte - dank der umfangreichen Vorbereitungen - gar nichts.
 

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