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Flug zum neuen Heimatplaneten




Liebe Kinder, Enkel, Urenkel;
Ihr, die ich auf meinen Knien geschaukelt habe;
Ihr, die ich von Bildern  kenne;
Ihr,  die ich niemals kennen lernen werde.....

Heute, im 85.Jahr der neuen Zeitrechnung, sind wir in eine Kreisbahn um den Planeten eingetreten, der meine neue Heimat werden soll, und – ich sage es voll Freude: wo Geschwister und Vettern und Nichten von Euch leben werden.

Vielleicht werdet Ihr stolz darauf sein dass Euer Vorfahr an der Eroberung des neuen Heimatplaneten beteiligt war; dann werdet Ihr gerne den Bericht  darüber  lesen wie ich dieses großartige Vorhaben erlebt habe. Diesen Bericht will ich heute zu schreiben beginnen. Morgen wird ein neuer Abschnitt des Abenteuers beginnen, wenn alles klar geht, werde ich den Bericht bald ergänzen.

Wie Ihr wisst, beginnt die Zeitrechnung von uns Kosmonauten mit jenem Jahr und jenem Tag, an dem die Existenz des neuen Heimatplaneten offiziell festgestellt und publiziert wurde. Ich sage "offiziell", denn natürlich gingen lange Studien und Debatten unter den Astronomen voraus, so dass die Nachricht von einer "großen Entdeckung" langsam durchsickerte, doch etwa Genaues wurde nicht bekannt.

Ich studierte zu jener Zeit Kosmonautik. Nach einer feuchtfröhlichen Feier am vorhergehenden Abend wurde ich morgens nur langsam wach, räkelte mich noch faul auf meinem Bett. Ich ließ mir die Tageszeitung an die Schlafzimmerdecke projizieren, und da lass ich es: "Zwillingsbruder unseres Planeten  entdeckt!"

Das war natürlich etwas übertrieben, aber andererseits war die Ähnlichkeit schon erstaunlich:
· Um einen ganz durchschnittlichen Stern mäßiger Größe (Masse 10% kleiner als bei unserem
  eigenen Tagesgestirn)  kreiste - unter anderen -  ein kleiner Planet
· in einer Entfernung die wiederum etwas geringer war als in unserem Falle,
· drehte sich nur wenig schneller als unser eigener Planet um seine Achse,
· hatte fast die gleiche Masse und Dichte,
· besaß eine Atmosphäre mit hohem Sauerstoff- und Stickstoffanteil;
· die Oberflächentemperatur war der unseren ähnlich,
· und auf der Oberfläche schien es sogar Wasser zu geben!

Solche Ähnlichkeit mag jeden überraschen der die Bildung von Planeten für einen zufälligen Prozess hält. Wenn man die Planetenbildung aber als einen normalen Vorgang sieht, dann sind ähnliche Produkte doch zu erwarten. Und der Zentralstern war nicht weit von unserem entfernt (genau 8,3 Lichtjahre) und zur gleichen Zeit (in kosmologischen Maßstäben!) aus der gleichen interstellaren Gaswolke in einem äußeren Arm unserer Galaxie entstanden. Jedenfalls: die meisten Kosmologen nahmen die Ähnlichkeit mit Genugtuung zur Kenntnis.

Natürlich begann sogleich die übliche Diskussion darüber, ob es auf jenem Planeten wohl  Leben gebe – die "kleinen grünen Männchen" hatten Hochkonjunktur in den Sensationsmedien. Freilich: die meisten der selbsternannten Experten die sich in Talkshows und Kommentaren wichtig machten, wiesen auf die außerordentliche Unwahrscheinlichkeit dafür hin, dass so nahe beieinander (im räumlichen wie auch im zeitlichen Sinne) im Weltraum intelligentes Leben entstanden sei und auch noch existiere (es gab eine Theorie dass die meisten intelligenten Lebewesen sich in einer Phase atomarer Kriege selbst auslöschen – wir wären ja beinahe selber in diese Falle getappt!).

Nachdem hundert Jahre früher unser letzter Krieg (nicht-atomar, wohlgemerkt!) zu Ende gegangen war und damit die Ausgaben für Rüstung praktisch entfallen waren, standen nahezu unlimitierte Mittel für die Forschung zur Verfügung. Es wurde daher binnen kurzem mit dem Bau und der Installation von Großsystemen zur Erforschung jenes Planeten begonnen; man nutzte sowohl unsere geostationären Raumstationen als auch die Mondbasis 2 als Plattform. Ein System gewaltiger Radioantennen, das uns zeigen sollte, ob auf jenem fernen Planeten Funkverkehr stattfand, wurde auf einer solchen Umlaufbahn um die Erde installiert, dass die siderische Umlaufperiode um unseren Planeten unendlich war, das heißt das System zeigte immer in Richtung des fernen Planeten, es waren nur sehr geringe Korrekturen der von unserem Mond und den entfernten Großplaneten verursachten Störungen notwendig.

Ich hatte inzwischen mein Studium der Kosmonautik beendet und hatte einen Arbeitsplatz im Weltraumministerium gefunden. Um sicher zu sein das nur wahre Enthusiasten im Ministerium arbeiteten, wurde die Arbeit schlecht bezahlt. Aber ich war nun einmal von der Kosmonautik fasziniert und ließ mich nicht abschrecken. So war ich einer der ersten die das Ergebnis des Fernerkundungsprogramms erfuhren:

Ja, es gab intelligentes Leben auf jenem Planeten!

Tatsächlich war der Funkbetrieb sogar recht lebhaft. Einige Dutzend Signalquellen konnten unterschieden werden. Dass die Sender künstliche Satelliten waren und gezielt (wenn auch nicht sehr präzise gebündelt) auf den Planeten strahlten, ließ sich aus der Art schließen wie sie periodisch kurz nach dem Erreichen des Maximums der Signalstärke verstummten, nämlich weil sie hinter dem Planeten verschwanden.  Periode und Zeit des Verschwindens ergaben dass es sich um Satelliten auf stationärer Umlaufbahn handelte. Die intelligenten Bewohner dieses Planeten beherrschten also auch die Raumfahrt, wenngleich keine Beweise dafür gefunden werden konnten dass  ein (Funk-) verkehr mit den anderen Planeten des Sterns stattfand.

In der Öffentlichkeit entbrannte sogleich eine lebhafte Diskussion über das Für und Wider einer Kontaktaufnahme mit  den fremden Lebewesen, den "Aliens" wie man sie allgemein nannte. Die selbsternannten Experten die sich in Talkshows und Kommentaren wichtig machten, wiesen auf die außerordentliche Gefahren aber auch die wunderbaren Möglichkeiten einer Kontaktaufnahme hin.  Alte Katastrophenfilme über Kriege mit Angreifern aus dem Weltraum hatten eine Zeitlang Hochkonjunktur in unserem Kommunikationsnetz.

Weltraumministerium und Ministerrat fassten schließlich den weisen Beschluss zu einem vorsichtigen Vorgehen. Mit nicht unerheblichen Kosten wurden die Antennensysteme so weit verbessert, dass eine saubere Aufnahme der Funksignale von dem fernen Planeten möglich wurde (ich durfte als Assistent des Projektleiters mitwirken). Drei Jahre  lang arbeiteten dann unsere besten Informatiker an der Entschlüsselung der Signale. Die Mühe lohnte sich: Genau zehn Jahre nach der Entdeckung des Planeten konnten wir alles "in Klartext" resp. Bild wiedergeben, was rund um den Planeten gesendet wurde. Zum ersten male konnten wir die fremden Wesen, die "Aliens"  sehen – hübsch waren diese dünnen Gestalten  nicht gerade, aber ihr genereller Bauplan war dem unseren doch ziemlich ähnlich. Unter ähnlichen Vorraussetzungen kommt die Natur offenbar immer zu ähnlichen Lösungen.

Mit einem Gemisch von Enttäuschung und Erleichterung stellten wir fest, dass diese Wesen in ihrem sozialen und kommunikativen Verhalten so etwa dem Stand entsprachen, den wir vor zwei hundert Jahren erreicht hatten. Kriege scheinen dort immer noch vorzukommen, wenn auch nicht der Normalzustand zu sein; sie werden mit unglaublich primitiven Atom- und Chemiewaffen ausgefochten, denen unsere Mikro- und Nanowaffen im Falle eines Konfliktes weit überlegen wären. Wie Ihr wisst, haben wir vor hundert Jahren ja nicht völlig abgerüstet, sondern gerade mit Blick auf den unwahrscheinlichen Fall einer Invasion aus dem Weltraum ein beträchtliches Arsenal einsatzbereit gehalten.
Jetzt waren wir froh darüber, und Prof. Kutawa, der letzte noch lebende der damals an den Abrüstungsverhandlungen Beteiligten,  konnte mit Genugtuung in den Medien die Kommentare hören oder lesen, wie richtig die Entscheidung damals war. Übrigens stellte sich das allermeiste was da auf dem fernen Planeten gesendet wurde, als Unterhaltung auf infantilem Niveau heraus. Na ja, wer im Glashaus sitzt ......

Auch das "weltumspannende" Kommunikationsnetz jener Wesen befand sich noch in einem sehr frühen Stadium verglichen mit unserem hochentwickelten System. In etwa entsprach der Stand jenem, der in unseren großen Kommunikationsparks als technisches Denkmal aus den Frühzeiten der Kommunikation gezeigt wird. Da die meisten von uns abgefangenen Signalpakete bestenfalls Unterhaltungswert (bei niedrigen Ansprüchen) hatten, lernten wir viel weniger an wirklich relevanter Information als bei diesem technischen Stand doch wahrscheinlich durch das Kommunikationsnetz zugänglich war (wenn wir aus unseren eigenen historischen Erfahrung schließen durften).  Wie konnte man an diese Informationen herankommen? Irgendein interaktiver Prozess des Eindringens in das Netz  war ja wegen der Entfernung von 8 Lichtjahren ausgeschlossen.

Das Ministerium veranstaltete einen internen Workshop zu dieser Frage, an dem ich teilnehmen durfte - na ja, besser würde ich "musste" sagen, denn viel erwartete ich mir nicht davon. Und dann war ich es selber der die entscheidende Idee in die Diskussion warf:

"Lasst uns eine virtuelle Person hoher Intelligenz in dem fremden Netz installieren. Bei der vorhandenen Wissensdifferenz in der Informatik ist es sehr unwahrscheinlich, dass  die Aliens die Existenz einer solchen Person in ihrem Netz entdecken werden; einer Person,  die ja nicht in irgendeinem bestimmten Server abgelegt wird, sondern diffus und vielfach redundant  im Gesamtsystem existiert (wie ein Gedanke in unserem Gehirn!). Als "Crawler" könnte diese virtuelle Person das ganze Netz durchforschen, mit altertümlichen "Cookies" quasi als Sensoren und Nervenleitungen die Informationen abziehen, das gesammelte Wissen sichten, auswerten, konzentrieren, und als Informationspakete geeigneter Größe  über die Sender der Aliens an uns zurückschicken."

Zwar hatte man damals  - soweit wir wussten - virtuelle Personen für genau diesen Zweck noch nie eingesetzt, doch erschien die Lösung durchaus praktikabel. Sie wurde angenommen und –  wie üblich in solchen Fällen - dem Ideengeber wurde gleich auch noch die Verantwortung für die Realisation aufgedrückt – im Klartext: Ich wurde zum Projektleiter für das Vorhaben ernannt!

Ich widmete mich der neuen Aufgabe mit großen Bedenken aber noch größerem Eifer, und sie erwies sich überraschenderweise sogar als einfacher als gedacht. Das altehrwürdige Verteidigungsministerium teilte uns in einem Akt erstaunlicher interministerieller Kooperation mit, man habe vor 150 Jahren schon virtuelle Personen für die Spionage im Netz eingesetzt. Gerade die Tatsache dass sie durch kein Mittel auszuschalten waren, jeder der damaligen Staaten also immer alles über die jeweiligen wahren oder vermeintlichen Gegner wusste, habe schließlich zum Ende aller Kriege geführt. Man stellte uns die alten Unterlagen zur Verfügung. Auf dieser Basis konnten wir gut aufbauen, denn das Kommunikationsnetz der Aliens war unserem eigenen Netz vor 150 Jahren nicht unähnlich. Wir testeten unsere Lösungen in den oben erwähnten "technischen Denkmälern". Wir machten so schnelle Fortschritte, dass wir schon 3 Jahre nach dem Beschluss die virtuelle Crawler-Person aussenden konnten. Zur Sicherheit hatten wir mit zwei Teams zwei verschiedene Lösungen erarbeitet, und wir schickten sie zu verschiedenen Zeiten hinaus, einmal als einen kurzen  "Burst" von nur wenigen Sekunden, im anderen Falle  zerlegt in  eine sehr große Zahl von Signalgruppen im Hundertstelsekundenbereich, deren zeitliche Abstände von einem Zufallsgenerator gesteuert wurden.

Und dann hieß es warten. 8,3 Lichtjahre war der fremde Planet entfernt, fast 17 Jahre musste es also dauern bis wir die Antwort bekommen würden.

Diese Jahre gehören zu den schönsten meines Lebens. Ich machte Karriere im Weltraumministerium. Mein Gehalt stieg schnell, so dass ich mir bald die Heiratsgenehmigung für Raja und Mia kaufen und auch gleich noch die Zeugungslizenz für drei (drei!) Söhne erwerben konnte.  Wir waren damals eine sehr, sehr glückliche Familie.

Man kann sich vorstellen wie die Spannung stieg, als der Termin für das erste Antwortsignal von dem fernen Planeten heranrückte! Und die Antwort kam pünktlich! Unsere erste virtuelle Crawlerperson meldete die geglückte Installation im Netz, meldete dann  regelmäßig Fortschritte in der Einrichtung der Sensoren und Informationssammler, und es dauerte nicht lange bis aus dem Rinnsal der ersten Informationen ein starker und gleichmäßiger Strom wurde.  Allerdings: von der zweiten virtuellen Crawlerperson haben wir nie etwas gehört. Natürlich haben wir den ganzen Funkverkehr der Aliens verfolgt und analysiert, aber nie gab es auch nur den geringsten Hinweis.

Nun, was wir an Informationen erhielten, genügte uns völlig. Vor allem: Wir erhielten vollständige geographische, geologische, klimatologische, hydrologische, biologische Atlanten in großer Detaillierung. Das Ergebnis: dieser Planet war in  jeder Beziehung unserem eigenen sehr ähnlich. Eine geringfügige Korrektur unseres Erbmaterials zur besseren Anpassung an die geringere  Schwerkraft an der Oberfläche - und wir würden den Planeten dauerhaft besiedeln können:

Ein neuer Heimatplanet wartete auf uns!

Ich bin stolz und glücklich dass   - nach der üblichen Debatte auf allen Ebenen –  eine Expedition zwecks Ansiedelung auf dem fremden Planeten beschlossen  wurde. Es ist meine feste Überzeugung dass eine intelligente Art wie die unsere auf Dauer überhaupt nur überleben kann, wenn sie sich einer nie endenden Herausforderung stellt: der Besiedelung aller geeigneten Lebensräume des Universums.

Selbstverständlich war es für mich dass ich Teil der Expedition sein wollte. Bau des Raumfahrzeuges und Vorbereitungen für den Start dauerten 9 Jahre. Die technischen Anforderungen gingen infolge der Dauer der Reise und der Größe des Raumfahrzeuges weit über alles hinaus was wir für Erforschung der äußeren Planeten unseres eigenen Systems entwickelt hatten.  Ich stürzte mich in die Arbeit im Weltraumministerium wie nie zuvor- ich wurde einer der stellvertretenden Projektleiter -  ich wurde zur Teilnahme an der Expedition ausgewählt. Für mich gab es nur noch diese Expedition. Ich gestehe, dass unter meiner Arbeitswut  unser Familienleben litt so dass Raja und Mia uns verließen, nachdem Ihr, meine Söhne, volljährig wart. Die beiden kamen nicht einmal um mir für die lange Reise Lebewohl zu sagen. Aber Ihr, meine Söhne , Ihr wart da, und Du, mein erster Enkel. Es war ein Abschied für immer, ich würde niemals zu Euch zurückkehren. Der Austausch von Nachrichten würde bald mühsam werden..... Jetzt, da wir den Zielplaneten erreicht haben, sind die einkommenden Nachrichten 8,3 Jahre alt. Du, mein erster Urenkel, dessen Holographie als Säugling vor mir strampelt und kräht,  gehst inzwischen längst zur Schule...... wenn Du diese Zeilen zu Gesicht bekommst, bist Du ein junger Mann....

Unsere Reise hat – in Eurer Zeit – 45 Jahre gedauert. Wir haben ja nur 90% der Lichtgeschwindigkeit erreicht, und die meiste Zeit ist auf Beschleunigen und Bremsen gegangen. Wir Kosmonauten haben den Großteil der Reisezeit im tiefen Kälteschlaf verbracht. Als einer der Stellvertretenden Expeditionsleiter war ich Wachführer und musste den Kälteschlaf  dreimal für zwei Jahre unterbrechen. Denn wie auf den Expeditionsschiffen vor vielen Jahrhunderten, so müssen auch in einem Rauschiff immer ein paar Mann Wache gehen.  Die meisten der 255 Besatzungsmitglieder, Männer und Frauen,  aber durften durchschlafen. Sie sind biologisch nur wenige Monate älter geworden. Ich selber bin wohl etwa 8 Jahre gealtert  - sechs Jahre Wachzeit plus mehrfaches Einschlafen und Aufwachen!

Es sind immer fünf Personen die zusammen Wache gehen – fünf Wachende und 250 Schlafende. Zuerst tauscht man sich mit den abgelösten Kameraden aus, wenig später muss man sich auf den Prozess konzentrieren, der sie zurück in den Kälteschlaf versetzt. Danach ist schnell alles Routine.  Es ist sehr ruhig im Raumschiff, nur ganz leise summen die Maschinen, rauscht die Luft in der Klimaanlage. Das ganze große Raumschiff scheint selbst zu schlafen. Auch die Wachegehenden sprechen leise – eigentlich ganz unnötig: die Kameraden  im Kälteschlaf könnte auch lautester Lärm nicht wecken.  Routinemäßig geht man die Runde durch das große Raumschiff, routinemäßig überprüft man die Systeme, sendet Statusberichte zurück an das Ministerium. Antriebsanlage, Energieversorgung, Klimatisierung, Meteoritenschutz, Kälteschlafsystem, Navigation, Kommunikation.....alles  Routine. Aber tief im Inneren des Raumschiffes, vollständig geschützt gegen kosmische Strahlung und Mikrometeoriten, liegt ein Raum den ich immer nur mit einem feierlichen Gefühl betreten kann, so als es sei es eine jener altehrwürdigen Kathedralen, wo unsere Vorfahren ihre Götter verehrten. In diesem Raum stehen in langen Reihen 10 000 Inkubatorflaschen mit Embryonen: die nächste Generation. Auf unserem neuen Heimatplaneten werden sie ausgereift und geboren werden. 10 000 – die Zahl wird für eine nachhaltige Ansiedlung reichen, die Zahl garantiert auch einen ausreichend differenzierten Genpool. Ich weiß nicht in welchen Flaschen sie sind, aber ich weiß dass auch eine Tochter und ein Sohn von mir unter ihnen sind.  Ich denke mit Zärtlichkeit und Stolz an sie.

Wenn man wacht, hat man Gelegenheit sich drüber zu informieren was während der letzten Jahren in unserer guten alten Heimat vorgefallen ist: 10 Jahre Geschichte. Mit besonderem Interesse lesen wir die letzten Dossiers über unseren Zielplaneten. Das Schönste aber ist es die einkommende private "Post" zu lesen, Enkeln und Urenkeln zum erstenmal zu begegnen – die Erfindung der "lebendigen Holographie" ist großartig und lässt einen für ein paar Minuten die Entfernung in Raum und Zeit vergessen.

Vor vier Wochen wurden wir alle geweckt: Zeit zur Vorbereitung auf die Ankunft am Ziel. Täglich gibt es Trainingseinheiten und Briefings über das was uns erwartet.  Täglich gibt es auch eine Stunde Unterricht in Sprache und Schrift der Aliens; ich gestehe freimütig dass ich zwar das Schriftsystem ohne Schwierigkeiten verstanden habe, die zwitschernde-grunzende-röchelnde Aussprache mir aber nicht eingeht. Unsere Linguisten und Sprachtrainer haben wenig Freude an mir....

Unsere kleine Kampftruppe bereitet sich auf den Eventualfall eines feindlichen Empfanges vor. Sollten die Aliens Raketen mit Atomsprengköpfen (ihre "ultimative Waffe") auf uns abschießen, so werden wir sie mit unseren Nanowaffen abfangen und zurücklenken – die Folgen für die Angreifer werden entsetzlich sein. Aber wir hoffen dass es nicht so weit kommt. Friedliche Landnahme und Ansiedelung ist unser Ziel.

Als wir den äußersten Planeten des Sternsystems passierten, entdeckten uns  die Aliens. Nicht ohne Amüsement beobachten wir das ausbrechende Chaos wie es sich in ihren Fernsehsendungen wiederspiegelte (wir können jetzt auch mit unseren kleinen Schüsseln empfangen, was die stationären Satelliten auf der abgewandten Seite des Planeten senden). Sondersendung nach Sondersendung, Talkshow nach Talkshow beschäftigen sich mit uns. Vieles kommt uns vertraut vor: Selbsternannte Experten geben unsinnige Spekulationen von sich, aufgeblasene Wissenschaftler verkündigen feierlich Unsinn, würdevolle Politiker versichern die Regierung habe alles unter ihrer Kontrolle.....  Wenn sie wüssten dass wir ihnen zuhören! Es gibt auch öffentliche Diskussionen darüber ob und wann man uns angreifen soll, aber die wirklichen Entscheidungsmacher verkündigen (leider) ihre Absichten nicht auf dem Marktplatz der Medien.

Gestern sind wir in eine Kreisbahn um den Zielplaneten eingetreten, seiner Umdrehungsrichtung folgend. Der Planet ist wunderschön und erinnert uns alle ganz stark an unsere Heimat. Der größere Teil ist auch hier mit Wasser bedeckt, das feste Land konzentriert sich in wenigen Landmassen, die bald kahl, bald mit Vegetation bedeckt, bald mit den "Städten" der Aliens gesprenkelt sind. Natürlich wissen wir das alles schon lange, können jede Einzelheit auf unseren Atlanten identifizieren. Aber es  vor uns zu sehen – das tiefe Blau der Meere, das Orangerot der Wüsten, das Grün der Vegetation....... es ist als kämen wir nach Hause! Ich habe Kameraden und Kameradinnen gesehen, die sich verstohlen über die Augen gewischt haben!

Unsere Geschwindigkeit ist jetzt schon stark reduziert. Zuerst sahen wir nur Lichteransammlungen unter uns, die "Städte" der Aliens. Seit der Zentralstern blendend hell über den Horizont gestiegen ist, können wir das Land unter uns in allen Einzelheiten sehen. Nur wenig ist hier naturbelassen, vornehmlich die gebirgigen Regionen. Die flachen Ebenen und sanften Hügel sind mit dem geometrischen Muster großer Felder bedeckt, die in allen Schattierungen von Grün schimmern. Wasserläufe gleißen im Licht des Zentralsterns. Auf langen geraden Verkehrsadern gleiten kleine Fahrzeuge. "Städte" recken ihre Bauwerke empor.

Wir haben unsere friedlichen Absichten gestern in einer Ansprache verkündet. Sie wurde – und wird immer noch einmal - von den Sendern der Aliens wiederholt, aber eine Antwort haben wir bislang nicht erhalten.

Die Spannung steigt. In der Kommandozentrale sind der Expeditionsleiter, seine Stellvertreter, der Raumschiffkapitän, der Befehlshaber der Kampfgruppe, die Chefwissenschaftler versammelt. Die Abwehrwaffen sind einsatzklar. Ich spreche leise diese Worte in mein Notebook.

Mit immer kleinerer Geschwindigkeit gleiten wir in geringer Höhe über das Land. Unser gewaltiger Schatten huscht unter uns über die grünen Felder (auf einigen kann man jetzt große vierbeinige Tiere sehen). Wir nähern uns dem Ziel: einer "Stadt" der Aliens, die wir als Zentrum ihrer Macht und Politik ansehen. Wie riesige Kristalle, bläulich und grünlich, golden und silbern schimmernd, wachsen ihre Bauwerke aus dem Horizont....... Jetzt sind wir über ihnen. Es ist wenig Verkehr in den "Straßen" – nicht zu vergleichen mit dem Verkehrschaos das wir aus den Fernsehsendungen der Aliens kennen.  Die "Stadt" ist von Wasserläufen durchzogen und umgeben. Viele Boote liegen an den Kais, aber nur wenige sind auf dem Wasser. Eine kleine Insel ragt aus dem Wasser, darauf eine riesige Figur – dünn wie die Aliens selber – sie scheint zu uns heraufzuwinken.

"Na, ob sie auch  uns willkommen heißt?" fragt unser Linguist in die angespannte Ruhe in der Kommandozentrale hinein.

Der Expeditionsleiter sieht ihn fragend an:

"Was meinst Du damit?"

Der Linguist erklärt:

"Es hat auf diesem Planeten große Wanderungsbewegungen der Aliens gegeben. Viele kamen über das Meer hierher, um Land zu nehmen  - so wie wir kommen......  Diese Figur sollte die Neuankömmlinge begrüßen – man sah sie gerne hier..... Die Aliens nennen die Figur "Freiheitsstatue"."
 
 

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