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Das Schiff des Theseus




2105, den 1. November, 10:35 Weltzeit

"Wenn wir von Auferstehung oder Wiedererweckung reden, meine Damen und Herren, stellt sich natürlich die Frage nach der personalen Identität. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein damit wir sagen können, nicht eine neue Person sei entstanden, sondern eine ganz bestimmte vor langer Zeit verstorbene Person sei wieder auferstanden?"

Professor Alexander Jevgeni Lazarov  machte eine kleine Pause und ließ den Blick über seine illustren Zuhörer schweifen.

"Die materielle Identität oder auch nur Kontinuität ist jedenfalls keine Voraussetzung" fuhr er fort. Das haben schon die altgriechischen Philosophen anhand des "Schiff des Theseus" diskutiert. Die Athener – so erzählte man – bewahrten das Schiff des Theseus auf. Doch im Laufe der Zeit verrotteten diese und jene Teile und mussten ersetzt werden. Zuletzt war kein Splitter Holz von dem ursprünglichen Schiff mehr übrig. War es da noch das Schiff des Theseus? Die griechischen Philosophen sagten "ja!", denn Form und Funktion war ihnen wichtiger als das konkrete Material.

Wie ist es beim Menschen? Im Laufe eines Menschenlebens werden die meisten Atome des Körpers einmal oder mehrmals ausgetauscht, doch niemand würde deswegen behaupten dass die Identität des Menschen sich auflöst.  Entscheidend bei einem Menschen ist das Bewusstsein seiner Identität: es setzt ungebrochene Erinnerung an äußere Ereignisse voraus, aber auch an den eigenen Körper, eigene Empfindungen, Verhaltensweisen, Gedanken.

Um ein oft gebrauchtes Beispiel zu zitieren: Wenn heute ein Mensch behaupten würde er sei der wiedergeborene Napoleon – wie würden wir diese Behauptung auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen? Äußere Ähnlichkeit wäre hilfreich, aber keineswegs entscheidend. Nein, wir würden fragen, fragen, fragen. Wenn nun dieser Mann sich an alle Details aus dem Leben Napoleons erinnert, die verifiziert werden können; wenn er stets so reagiert wie Napoleon wohl reagiert hätte; wenn seine Körpersprache die Napoleons ist; wenn er alles Wissen und alle Fähigkeiten Napoleons besitzt (aber auch nicht mehr!) – müssen wir dann nicht zugeben dass dieser Mensch wirklich Napoleon ist!?

Wieder machte Professor Alexander Jevgeni Lazarov  eine kleine Pause, las Skepsis in den Gesichtern seiner Zuhörer.

"Allerdings...." fing er die Stimmung auf,  "allerdings würden wir rätseln wo denn dieser Napoleon zwischen dem 5.5.1821 (als er auf St. Helena starb) und dem Tag war, an dem er wieder auftauchte. Wenn wir dafür eine naturwissenschaftlich überzeugende Antwort finden würden, müssten wir dann nicht zu ihm sagen: "Ja, Du bist der als den Du Dich selbst siehst – Du bist Napoleon!" –?"

Jetzt sah Professor Alexander Jevgeni Lazarov zögernde Zustimmung in den Augen seiner Zuhörer. Er setzte nach:

"Wenn wir einen Menschen wieder auferstehen lassen wollen, müssen wir also folgende Leistungen erbringen:

1. Wir müssen alle Informationen über den Aufbau seines Körpers dauerhaft speichern und später auf der Basis dieser Informationen einen neuen Körper herstellen, mit welchem der fragliche Mensch sich selbst identifizieren kann;
2. Wie müssen sein vollständiges Gedächtnis und seine Verhaltensmuster abfragen, aufzeichnen, und dauerhaft speichern.
3. Wir müssen diese konservierten mentalen Funktionen in das Gehirn des neuen Körpers einspeichern.

Wie Sie wissen können dank der Arbeiten des genialen Li Zhiang  die kompletten Erbinformationen eines Individuums aufgezeichnet und damit ein biologisches Replikat – einen Klon -  hergestellt werden. Unser eigenes Unternehmen, das "Institut für Angewandte Hirntätigkeitsanalyse", hat es nach den ersten Erfolgen im Gedankenlesen vor bald hundert Jahren geschafft, komplette Gehirninhalte abzufragen und zu speichern. Einzelheiten des Vorganges wird Ihnen später mein Mitarbeiter Charlie Manston erläutern (falls gewünscht!).

Wir können ein solches Informationspaket "Individuum XYZ" auch in eine Computersystem einspeisen und dort funktionsfähig machen. Allerdings fehlt es dort an einer adäquaten Umgebung: es kommen zu wenig Reize und die Persönlichkeit degeneriert innerhalb weniger Wochen.

Was wir leider noch nicht können: Wir können das Informationspaket "Individuum XYZ" noch nicht in das Gehirn eines Klon einspielen. Noch ist es uns nicht gelungen, das Gehirn des Klons an der Ausbildung eigener Strukturen zu hindern; diese eigenen Strukturen vertragen sich nicht mit den eingespielten Informationen.

Wir sind jedoch fest davon überzeugt dass diese Schwierigkeit eines Tages überwunden wird!

Weil nun heute diese Schwierigkeit noch besteht, wollen wir deswegen –  sollen Sie deswegen – auf die fast sichere Möglichkeit einer späteren Auferstehung verzichten?! Wir meinen: Nein!!!"

Professor Alexander Jevgeni Lazarov schien jedem einzelnen seiner Zuhörer in die Augen zu blicken:

"Sie – die größten und vermögendsten Menschen der Erde aus Wirtschaft, Politik und Showgeschäft, - Sie wollen Ihr Überleben verspielen? Nein!!!"

Wieder machte Professor Alexander Jevgeni Lazarov eine kleine Pause, dann aber verkündete er mit Siegesgewissheit in der Stimme:

"Schon der heutige Stand der Technik erlaubt es unserem Institut in Zusammenarbeit mit dem Bionik-Kombinat "Li Zhian" Ihnen das folgende Angebot zu machen:

1. die kompletten Erbinformationen Ihres Körpers aufzunehmen;
2. Ihr komplettes Gedächtnis und Ihre Verhaltensmuster aufzuzeichnen;
3. diese Informationen auf unbeschränkte Zeit zu speichern;
4. einen Körperklon herzustellen und ihm Ihr komplettes Persönlichkeitsmuster einzuspielen, sobald diese Technik verfügbar ist.

Damit bieten wir Ihnen schon heute die nahezu vollständige Gewissheit eines Tages wieder aufzuerstehen.

Ich sage es noch einmal:

Wenn Sie unser Angebot annehmen, wird Ihr Tod nicht Ihr Ende sein. Nach traumlosem Schlaf werden Sie erwachen und zu neuem Leben auferstehen.

Nebenbei bemerkt: Ich selber werde mir diese Chance nicht entgehen lassen."

Professor Alexander Jevgeni Lazarov wartete bis die Erregung seiner Zuhörer etwas abgeklungen war und wandte sich den Finanzierungsmodalitäten zu.
 

2138, den 13. April,  14:15 Weltzeit

"Willkommen zur diesjährigen Hauptversammlung der Eternal Life Incorporated. Die Versammlung ist eröffnet. Das Wort zum Geschäftsbericht hat der Präsident und CEO Ronald Pennyfield."

Die Stimme aus dem Off verstummte. Vor dem großen Porträt des Firmengründers Alexander Jevgeni Lazarov erschien der Präsident und CEO. Seine scharf geprägten Gesichtszüge, sein kalter und durchdringender Blick ließen den harten Geschäftsmann ahnen.

"Meine Damen und Herren!
Selten nur kann es für meine Vorgänger eine solche Freude gewesen sein den Geschäftsbericht vorzutragen wie für mich in diesem Jahr. Die Eternal Life Incorporated hat ein außerordentlich erfolgreiches Geschäftsjahr hinter sich. Der Umsatz ist um 10%, der Gewinn um 15% gestiegen. Der Wert unserer Aktien hat um 21% zugelegt – das nennt man Ownership Value! "

Hinter dem Präsident und CEO erschienen jetzt grafische Darstellungen.

"Diese positive Entwicklung verdanken wir paradoxerweise in gleichem Maße technischem Fortschritt  wie seinem Ausbleiben.

Der technische Fortschritt hat es erlaubt, die Kosten für die Aufnahme der Genom- und der Gehirndaten noch einmal um 7% zu senken. Seit die Eternal Life Incorporated  vor 31 Jahren unter der Führung von Professor Alexander Jevgeni Lazarov aus dem "Institut für Angewandte Hirntätigkeitsanalyse" hervorging, sind diese Kosten um  den Faktor 23 gesunken! Damit konnten wir auch unsere Preise dramatisch senken. War die Auferstehung zunächst nur für wenige sehr Reiche er-"reich"-bar, so kann heute ein recht beträchtlicher Teil der Weltbevölkerung sich diese wunderbare Sache leisten. Die Zahlen beweisen es: 13 Datensätze wurden im ersten Geschäftsjahr der Eternal Life  erstellt und eingelagert; im abgelaufenen Geschäftsjahr hingegen waren es  sage und schreibe 18 555 305! Da wirkt die Economy of Scale!

Jetzt die andere Seite. Der Mangel an Fortschritt drückt sich dadurch aus, dass es immer noch nicht möglich ist, einem geklonten Körper die Gehirndaten einer anderen Person aufzuspielen.  Wir glauben fest daran dass es eines Tages möglich sein wird – sonst dürften wir ja unsere Dienste nicht weiter anbieten! Die erzielten Fortschritte stimmen uns zuversichtlich, doch ist das Ziel noch nicht erreicht. Nach den Wünschen einer ganzen Zahl von Auftraggebern hätten wir ihre Auferstehung bereits vollziehen gesollt; das war nicht möglich. Die Folge: alle eingezahlten Kapitale, aus deren laufenden Erträgen die Lagerung der Datensätze bezahlt werden, während die Kapitale selbst zur schlussendlichen Auferweckung gebraucht werden sollten, stehen uns ungeschmälert zur Verfügung. Unsere Finanzexperten haben gut damit gewirtschaftet – das Jahresergebnis beweist es!

Meine Damen und Herren, großer Erfolg kann auch Probleme mit sich bringen. Ein Problem zeichnet sich für Eternal Life Incorporated  ab: Es wird immer schwieriger und damit auch teurer geeignete Lagerstätten zu finden. Wir stehen da in direkter Konkurrenz zur Atomindustrie. Die allerersten kleinen Lager haben wir übrigens aufgegeben und die Datensätze in das neue Großlager bei Gorleben umgezogen. Auch der Datensatz unseres Firmengründers wurde dorthin umgezogen und würdevoll im Eingangsbereich aufgestellt wo sich die Besucher vor dem Rundgang sammeln."

Hinter dem Präsident und CEO erschienen dreidimensionale Bilder der Gorlebener Lagerstollen mit den langen Reihen der Stahlzylinder. Das Bild verweilte schließlich bei dem lorbeergeschmückten Stahlzylinder des Firmengründers.

"Meine Damen und Herren, ich darf Ihnen jetzt einige personelle Veränderungen bekannt geben ......."
 

2212, den 24. Juni

Unter den Wirtschaftsnachrichten des Tages findet sich die folgende Notiz:

"Alle Rettungsversuche für die Eternal Life Incorporated sind gescheitert. Der Konkursverwalter Herr Peng Li-Ling teilte dies heute auf einer Pressekonferenz in Gorleben mit.

Die Ursachen des endgültigen Zusammenbruchs bezeichnete er als "vielfältig". Nachdem mehr als 100 Jahre Forschung den Durchbruch nicht geschafft haben gibt es begründeten Zweifel ob es jemals möglich sein wird, Gedächtnis und Persönlichkeitsstruktur eines Verstorbenen in das Gehirn eines Klons einzuspielen. Diese Zweifel einerseits, esoterische Glaubensrichtungen wie das neu belebte Christentum andererseits haben zu einem stetigen Rückgang des Neugeschäftes in den letzten 20 Jahren geführt. Das Kapital von einstmals 300 Milliarden $ wurde in immer gewagteren Spekulationsgeschäften verspielt. Einsparungsmaßnahmen und drastischer Personalabbau konnten den finanziellen Zusammenbruch nicht aufhalten.

Die Möglichkeit die gespeicherten Datensätze zum Aufbau virtueller Persönlichkeiten im Internet zu nutzen, besteht weiterhin; sie wird von Experten schon lange nicht mehr bezweifelt. Doch konnte die Finanzierung der noch notwendigen Entwicklungsarbeiten nicht gesichert werden. "Offenbar haben zu wenige Menschen ein ernsthaftes Interesse daran, ihrem Ur-ur-ur-urgroßvater im Internet zu begegnen" scherzte der Konkursverwalter.

Eternal Life Incorporated wird den Geschäftsbetrieb nach Abwicklung der letzten Aufträge völlig einstellen. Alle Datensätze werden in das Endlager von Gorleben gebracht. Das Lager wird konserviert und verschlossen."

Ende der Notiz

Im Jahre 189 442

Die Existenz von Salzstöcken gilt als Beleg dafür, dass die betreffende Gegend seismologisch sehr ruhig ist – Voraussetzung für die Endlagerung gefährlicher Stoffe wie Atommüll.  Auch in Gorleben sollte einst Atommüll gelagert werden, jetzt aber warteten dort Stahlzylinder mit den Persönlichkeitsdaten längst Verstorbener auf den Tag der versprochenen Auferstehung.

Nachkommen dieser Menschen gab es nicht mehr: Die Menschheit hatte in einer atomaren Apokalypse sich selbst und die meisten anderen Lebewesen der Erde ausgerottet. Raumfahrer fremder Sternsysteme mieden den Planeten wegen seiner atomaren Verseuchung. Die erste Expedition die landete – es handelte sich um besonders widerstandsfähige insektenähnliche Wesen – fand einen ziemlich öden Planeten vor, auf dem nichts mehr wuchs außer Moosen und Flechten; ein paar Asseln krochen darin herum. Nur wenige Artefakte deuteten darauf hin, dass hier einmal intelligente Wesen gelebt hatten – die Menschen. Zu diesen Zeugnissen einer großen Vergangenheit gehörte der stark verwitterte Stumpf der Cheopspyramide und das Datenlager von Gorleben, beides Zeugnisse pathetischer Versuche den Tod zu überwinden. Das Lager von Gorleben und sein Inhalt wurden intensiv wissenschaftlich untersucht; dann wurde das Lager für die "Souvenir-Jäger" freigegeben.

Der Astronavigator des Raumschiffes sammelte in Gorleben fünf der Stahlzylinder ein. Ein Jahr später besuchte er während eines Urlaubs auf dem zweiten Planeten des Sternsystems .... in den Plejaden eine Dame, die unter Raumfahrern einen legendären Ruf genoss. Gutem Astronautenbrauch folgend übergab er ihr nicht nur eine angemessene Summe Geldes, sondern auch ein Gastgeschenk: einen der Stahlzylinder. Er erzählte ihr alles was er über die Bedeutung des Teiles wusste: es war ein Versuch ewiges Leben auf technischem Wege zu erlangen.

Die Dame stellte den Zylinder andächtig zwischen die anderen Gastgeschenke und den üblichen Raumfahrtnippes. Wenn sie später einmal nachdenklicher Stimmung war, schweifte ihr Blick oft zu dem Gegenstand auf dem so große Hoffnung geruht hatte.

Die Dame starb hochbetagt. Sie war kinderlos geblieben; ihr nicht unbeträchtliches Vermögen erbte ihr nächster Verwandter, ein Neffe, den sie kaum gekannt hatte. Dieser junge Mann löste auch ihren Haushalt auf. Mit den Gastgeschenken und Weltraumsouvenirs wusste er nichts Rechtes anzufangen. Er suchte sich die in seinen Augen kuriosesten und hübschesten Gegenstände aus. Den großen Rest warf er zum Recycling in den Müllschacht, darunter auch den matt schimmernden Stahlzylinder mit der für ihn unverständlichen Gravierung:
 


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