<<<<  zurück zu "Willkommen"               zum Archiv der Erzählungen  >>>>

 


 
 

Die große Reise

1

"John, Sie haben in ihrem Leben als Forschungsastronaut viele aufregende Dinge erlebt. Die Menschheit hat Sie in Gedanken begleitet als  Sie das große Schwarze Loch umflogen und mit knapper Not seinen Ereignishorizont vermeiden konnten; selbst  wir Presseleute haben mitgefiebert, als Sie in den Kern von Orkus 2 vorstießen ......  Gibt es überhaupt etwas was Sie noch reizen könnte? Was wäre das ultimative Abenteuer für Sie?"

"Meine aktive Neugier – was Sie als Abenteuerlust bezeichnen – hat in keiner Weise nachgelassen. Ja, es gibt etwas was mich noch reizen könnte: Der Flug durch ein Wurmloch!"

"Ein – äh! - ich habe davon gehört, aber erklären Sie doch unseren Zuschauern noch einmal warum es geht."

"Schon zu Zeiten von Stephen Hawking wurde darüber diskutiert, ob ein Schwarzes Loch  eine  Verbindung, einen Tunnel - zu einem anderen Universum, zu einer anderen Zeit darstellen könnte – man nannte und nennt das ein Wurmloch. Seit Liu Ban's Forschungen wissen wir dass es in der Tat so ist. Eine solche Reise, ja das würde mich reizen! "

"Darf ich zwei Einwände gegen eine solche Reise machen, John? Erstens: Nichts und niemand kann den Sturz in ein Schwarzes Loch überstehen, das Gravitationsdifferential würde jeden – äh - Besucher zu Spaghetti auseinanderreißen. Und zweitens: Zeitreisen sind unmöglich: sie führen zu logischen Unverträglichkeiten."

"Stimmt – fast! Nach der Schwarzschild 2 - Erweiterung der Einstein-Ban'schen Gleichungen muss es technisch möglich sein, die Raumzeit in der Umgebung eines Besuchers so zu beeinflussen, dass seine Integrität beim Flug durch den Raum-Zeit-Tunnel gewahrt bleibt – glauben wir jedenfalls. Und Zeitreisen sind wegen logischer Unverträglichkeit nur dann unmöglich, wenn sie in den eigenen Vergangenheitskegel führen. Nebenbei bemerkt: Besucht man irgendeine Vergangenheit außerhalb des eigenen Kegels, ist eine Rückkehr in die eigene Gegenwart unmöglich! Überhaupt kein logisches Problem entsteht bei einer Reise in die Zukunft."

"Und sie würden es wirklich wagen, eine solche Reise anzutreten? Womöglich ganz allein?"

"Warum nicht allein? Irgendwann reist jeder allein."

2

Eine ungeheure Last presst seine Brust zusammen. Die Welt um ihn herum zieht sich zurück. Es wird dunkel.

Ein kratzendes, klirrendendes Rauschen setzt ein.

Er sieht seinen Körper von außen, von oben, wie einen Fremden. Schläuche und Kabelbündel, verbinden ihn mit den Geräten um ihn herum, mit Pumpen, Flaschen, Registriergeräten, Displays.  Einer der Bildschirme zeigt eine gerade Linie.

Ist er tot?!

Dunkel. Ein schwarzer Nebel hüllt ihn ein. Er gleitet hindurch, rasend schnell, wie durch einen engen Tunnel. Am Ende ein Licht, wird größer und immer heller bis da nur noch sein Leuchten ist. Heller strahlt alles als was er kannte, aber das Licht blendet nicht. Es verbrennt ihn nicht, es umfängt ihn mit Wärme.

Szenen aus seinem Leben laufen vor ihm ab. Lange Vergessenes darunter. Kindheit. Liebe. Abenteuer: Orkus 2. Da ist ja Frankie, sein Kumpel der auf Orkus starb!  Der winkt ihm zu: Komm, – komm herüber!

Da ist eine Linie. Er überschreitet sie.
Strahlendes Licht und Dunkel und Stille werden eins.
Aus Zeit wird Ewigkeit.

Kein Denken.
Kein Fühlen.
Kein Sein.
Nichts.

3

Nichts.
Kein Sein.
Kein Fühlen.
Kein Denken.

Aus dem Nichts wird Dunkel und Stille.

Die Stille bekommt Struktur. Wieder und wieder und wieder ein gleichmäßiges Pochen. Das Pochen markiert Zeit.

Nein, es ist nicht gleichmäßig: Mal stärker und schneller, mal ganz ruhig und gleichmäßig.

Kein Reiz berührt die Haut. Gleichmäßige Wärme umhüllt ihn. Ihn? Wer ist er? Er weiß nichts von sich. Es wird noch lange dauern bis er sich selbst erkennt.

Er scheint zu schwimmen. Er schmeckt die Flüssigkeit.  Gravitationskräfte zeigen nur einen geringen Einfluss. Wenn er sich dreht, sendet das Innenohr Signale an das Gehirn. Sein Gesicht, sein Mund, seine Fingerspitzen melden erste Tastempfindungen. Er sucht sich eine angenehme Position.

Neben dem Pochen gibt es noch andere, ähnliche Reize: Rauschen, Kollern. Aus weiter Ferne dringen andere Schwingungen an sein Ohr. Viel stärker veränderlich sind sie als das Pochen. Mit feinen und feinsten Strukturen. Irgendwann wird er diese Signale als Sprache und Musik erkennen – Mozart!

Zieht sich sein Universum zusammen? Oder wächst er über alle Grenzen? Wenn er sich bewegt, stößt er an.

Ungeheuerliches geschieht. Unwiderstehliche Kräfte wirken auf ihn ein, pressen ihn, treiben ihn voran. Immer gewaltiger werden sie. Widerstand ist zwecklos. Die Kräfte tragen ihn fort, treiben ihn in einen engen Tunnel. Sein Kopf wird gepresst und gedrückt und geschoben.

Und dann: der Sturz ins Bodenlose. Die Kälte eines fremden Mediums umfängt ihn. Gravitationskräfte zerren an ihm. Es gibt unten und oben: Sein Kopf zeigt nach unten. Licht blendet seine Augen, bildet Muster ohne Bedeutung. Seine Lungen entleeren sich. Eiskalt zischt der fremde Stoff in sie ein. Er schreit.

4

"Herzlichen Glückwunsch, Eva-Maria! Sie haben einen gesunden Jungen geboren! Wir nabeln ihn jetzt ab, dann  bekommen sie ihn."

"Welch ein schöner Junge, Eva-Maria! ...... Ich glaube, er sieht seinem Urgroßvater ähnlich!"

"Welchem von den vieren?"

"Dem großen John, dem Forschungsastronauten!"

"Wir wollen den Jungen John nennen."

 

<<<<  zurück zu "Willkommen"               zum Archiv der Erzählungen  >>>>