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Indische Legende

 

1. Sri Lanka, Sitz des Dämonenkönigs Ravana

Gott Vishnu beschloss die Erde von dem furchtbaren Dämonenkönig Ravana zu befreien. Als Fürst Rama wuchs er bei den Sterblichen auf und wurde ein kluger, tapferer und gerechter Herrscher. Er gewann die liebreizende Sita zur Frau, die ebenso schön und gebildet wie sittsam war.

Der Dämonenkönig Ravana missgönnte ihm sein Glück, raubte Sita und entführte sie nach Sri Lanka, wo er über die  schrecklichsten Ungeheuern gebot.

Rama war überaus unglücklich und zog verzweifelt durch ganz Indien um Sita zu finden. Eines Tages traf er im Wald den gewaltigen Hanuman, Sohn des Windgottes und König der Affen.

"Was fehlt Dir, dass Du so klagst?" fragte Hanuman.
"Ravana hat meine liebreizende Sita entführt, wie sollte ich nicht klagen?!"
"Ravana, der Dämonenkönig? Verflucht sei der Name des schrecklichen Zauberers .........Niemand kann gegen ihn bestehen......  "
Hanuman verstummte, es war als komme ihm eine Idee:
"Ja, keiner von uns beiden kann alleine Ravana besiegen ...aber wenn wir zusammen kämpfen .... dann können wir ihn besiegen!"

Rama war glücklich dass der mächtige Affenkönig ihm helfen wollte. Aber da es Abend war, setzten sie sich unter einen Baum und schliefen bald ein.

Am nächsten Tag zogen sie zur Küste, wo jenseits des Meeres,  fern am Horizont, Sri Lanka zu sehen war.

"Dort muss meine Sita sein! Wenn ich wenigstens sehen könnte, ob sie gesund ist!"

Wieder hatte Hanuman eine gute Idee:
"Setz Dich auf meinen Rücken!" befahl er Rama, und dann sprang der gewaltige Affenkönig  hoch in die Luft, so hoch, dass er die Wolken berührte, und Rama konnte seine Sita sehen. Sie war gesund aber unendlich traurig, weinend saß sie Garten des Dämonenkönigs. Hohen Mauern umgaben den Garten, und schreckliche Dämonen mit Hunde- und Schweineköpfen hielten Wache am Tor.

Hanuman, der Sohn des Windgottes, füllte seine Lungen tief mit Seewind, und in einem einzigen Satz sprang er hinüber nach Sri Lanka um die Lage auszukundschaften.  Es war nicht einfach: er musste gegen die Riesin Surasa kämpfen, die ihn verschlingen wollte, und gegen die Drachenfrau Sinhika, aber er besiegte sie beide. Schließlich konnte er zu Sita vordringen und ihr die nahende Hilfe ankündigen. Aber er konnte alleine nichts gegen den Dämonenkönig ausrichten und musste den Rückzug antreten. Indrajit, des Dämonenkönigs Sohn, zündete ihm mit einem magischen Pfeil den Schweif an. Hanuman aber schlug mit dem brennenden Schwanz um sich und setzte viele Häuser auf Sri Lanka in Brand. Schließlich gelang es ihm mit gewaltigem Sprung  zurück nach Indien zu springen. Wie ein Schauer von Sternschnuppen regneten die Funken seines brennenden Schwanzes über den Nachthimmel.

Als er neben dem wartenden Rama landete, sagte der:
"Nie hat sich meinen Augen ein solches Schauspiel geboten, ich traf Dich ja erst gestern, aber dennoch ist mir, als hätte ich Dich schon einmal so springen gesehen.....vielleicht in einem früheren Leben?!"
Aber Hanuman war müde von seiner Unternehmung, und so verschoben sie die Planung der Rettungsaktion auf den nächsten Tag und legten sich schlafen.
 

2. Mumbai, Sitz der Firma Computer-Games-Consolidated (CGC)

"Rahul, Du sollst sofort zum Chef kommen!" hatte die Sekretärin am frühen Abend verkündigt.

Rahul der Progammierer,  hatte sogleich den Testlauf  unterbrochen und ging jetzt  schnellen Schrittes zum Chefzimmer im 28. Stock.  Der Blick durch die Panoramascheiben auf das Lichtermeer von Mumbai war berauschend, aber Rahul blieb keine Sekunde Zeit es zu bewundern.

"Fünf Monate lang hast Du an einem neuen "Ramayana"-Computer-Spiel gearbeitet?!  Da muss es ja etwas ganz Besonderes sein! Erzähl, Rahul!  – fünf  Minuten gebe ich Dir dafür!"

Der Chefprogrammierer , Herr über Wohl und Wehe von fast dreihundert Programmierern der CGC, lehnte sich im Sessel zurück. Seine wippenden Füße ließen nervöse Ungeduld erkennen.

Rahul holte tief Atem und legte los:

"Die Legende kennt jedes Kind: Rama's Frau Sita wird von dem Dämonenkönig Ravana nach Sri Lanka entführt. Rama macht sich auf den Weg sie zu befreien, gewinnt die Unterstützung des Affenkönigs Hanuman und ....."

"Bekannt!" führ der Chefprogrammierer  dazwischen.  "Die Geschichte gibt es schon lange als Spiel, auch von CGC, sogar in verschiedenen Versionen. Wieso also noch einmal neu?!"

"Alle bisherigen Spiele beruhten darauf, dass ein Spieler die Person des Rama führt. Der Spieler steuert jede seiner Bewegungen, jedes seiner Worte, mit Maus und Tastatur und Joystick. Das Ganze ist dann ein Hit-and-Run-Spektakel. Kein intelligenter Mensch kann an so etwas lange Spaß haben.

In meinem neuen Spiel sind alle handelnden Personen genau dies: richtige Personen. Sie haben einen eigenen Charakter, handeln aus eigenem Antrieb. Man kann dem Spiel zuschauen wie einem Kinofilm. Und jedes Mal läuft die Handlung anders ab. Nur die Grundzüge sind festgelegt – Hanuman und Rama sind am Ende immer die Sieger und befreien Sita.

Wenn nun ein Spieler eingreifen will, dann führt er "seiner" Person nicht die Hand – dann gibt er der Person nur eine  "Idee" in den Kopf. Und die Person muss dann zusehen wie sie diese Idee realisiert. Auf diese Weise kann man das Spiel auch als Wettkampf zwischen zwei Spielern spielen; zum Beispiel, indem ein Spieler dem Rama und der andere dem Dämonenkönig  Ideen gibt. Es können sogar fast beliebig viele Spieler mitmachen, indem jeder einer anderen Figur die Ideen gibt. Aber am Ende gewinnen immer Rama und Hanuman. Doch das wissen die beiden Figuren während des Spieles nicht – für sie geht es wirklich um Leben und Tod."

Jetzt war der Chefprogrammierer doch interessiert:

"Da steckt aber  'ne Menge Philosophie drin. Das Ende ist prädestiniert .... da kann der Mensch sich noch so viel bemühen.... gab es so eine Lehre nicht einmal im Christentum? Und die Ideen kommen aus einer höheren Realität in die Köpfe .... so wie die altgriechischen Götter Homer's  in den Köpfen "ihrer" Helden sprachen und sie vorantrieben...... und gegeneinander.... Der Spieler in der Rolle eines Gottes...

Wie hast Du die Figuren programmiert? Sind es Maxwell-Pseudo-Personen?  Haben sie Bewusstsein? Haben sie eine Grundausstattung an Wissen über die Welt und die Götter? Bestehen sie den Turing-Test? "

Rahul bejahte die Fragen, gab Einzelheiten. Das Gespräch drehte sich ein paar Minuten um technische Details. Dann fragte der Chefprogrammierer:

"Wenn man nun das Spiel mehrmals hintereinander spielt - lernen die Figuren daraus, oder ist jedes Spiel wie ein neues Leben für sie? Oder .... sammeln sie vielleicht sogar gutes oder schlechtes Karma?"

Rahul zögerte einen Augenblick mit der Antwort:

"Eine Spielunterbrechung ist wie ein Schlaf ... die Personen legen sich schlafen. Wenn die Personen aufwachen weil man das Spiel irgendwann weiterspielt erinnern sie sich natürlich an ihr bisheriges Schicksal.  Aber ein neues  Spiel ist eigentlich  wie ein neues Leben......."

"Eigentlich?! Was heißt das?"

"Die Personen selber  sprechen manchmal von einem Deja-vu-Effekt. Er ist nicht vorgesehen, ich habe ihn nicht eingebaut. Ich kann ihn nicht erklären."

"Wie im richtigen Leben! Es gibt ja auch für unseren eigenen Deja-vu-Effekt keine überzeugende Erklärung. Und woher wir unsere Ideen bekommen, das wissen wir letztlich auch nicht.... Vielleicht sind wir ja auch nur Figuren in einem Spiel!"

Der Chefprogrammierer lachte über seinen eigenen Scherz, und Rahul stimmte ein.
 

3. Himalaya, Sitz der Götter

Auf den Höhen des Himalaya saß Parwati, Gemahlin des Gottes Shiva, in ihren Armen  ihre Kindern Ganesha und Skanda. Die Kinder spielten das Spiel das ihnen ihr Vater Shiva geschenkt hatte:

Sie beobachteten die Menschen in den Tälern und Ebenen, gaben ihnen Gedanken und Ideen ein, versuchten so das Schicksal einzelner Personen wie auch ganzer Völker zu lenken. Ganesha der Hilfreiche versuchte alle Schicksale ins Gute  zu wenden; drunten in Indien verehrte man ihn an vielen Orten als elefantenköpfigen Glücksbringer. Skanda der Vielgesichtige aber gab den Menschen Gedanken an Krieg und Gewalt.

Mit List und Witz kämpften Ganesha und Skanda gegeneinander, als Waffen die Gedanken und Ideen gebrauchend die sie den Menschen eingaben. Lange schien das Spiel unentschieden.

Als nun Gott Shiva aus seiner  Meditation erwachte, sah er sich den Stand des Spieles an, und was er sah machte ihn zornig.

"Oh ihr Menschen!" rief er, "wir Götter – Brahma und Vishnu und ich selber – wir haben euch geschaffen als vollständige Personen, nach unserem eigenen Bilde, und wir haben Euch Verstand und Freiheit des Willens gegeben und die Fähigkeit zur Liebe. Wozu aber nützt ihr unsere Gaben? Religionen und Doktrine habt ihr euch gemacht und ein jeder glaubt daran und verachtet andere Menschen als besäße er alleine die Wahrheit! Hunger und Elend habt ihr gebracht in die reiche Welt die wir euch zu Nutzen gegeben; ausgeplündert habt ihr die Natur und verschmutzt habt ihr unsere Gaben! Statt Euren Verstand zum Wohle aller Menschen zu nutzen, erfindet ihr Unnützes und Gefährliches! Vor dem Fernseher sitzt ihr und glotzt statt euch in euer eigenes Ich zu versenken! Computer habt ihr erfunden und Spiele dazu, künstliche Menschen schafft ihr darin und gebärdet euch als seiet ihr Götter über sie! Ihr lauft hinter Politikern her die euren Neid stacheln nur um die eigene Macht zu mästen. Ihr lauscht  religiösen Führern  die Hass predigen an Stelle von Liebe und Verzeihen! Statt den Hungernden Speise zu geben baut ihr immer neue und  immer schrecklichere Waffen.  Wollt ihr denn wirklich Krieg führen gegen eure Nachbarn?

Redet euch nicht heraus dass mein Sohn Skanda euch verführt hat – er hat euch geprüft und ihr habt versagt. Wir haben euch Verstand und Urteil genug gegeben zu unterscheiden zwischen Gut und Böse.  Wie könnt ihr euch von kindischen Allmachtträumen benebeln lassen?

Skanda, mein Sohn, ich stelle fest: heute hast Du das Spiel gewonnen. Ich will den Menschen geben was sie haben wollen – sie sollen ihren Krieg bekommen! Daraus werden sie vielleicht lernen, und morgen gewinnt dann Ganesha!"

Furchtbar war Shiva's Zorn, und die Berge des Himalaya erbebten als er zu tanzen begann. Ein Ring  von Feuer umsprühte ihn, und der Sturm trug die Funken rund um die Welt. Die schreckliche Kali aber tanzte an seiner Seite.
 

4. Mumbai, Sitz der Firma Computer-Games-Consolidated (CGC)

Am 5.Mai des Jahre 2... begann der Krieg zwischen den Staaten südlich des Himalaya, ausgelöst durch den Anschlag eines religiösen Fanatikers auf einen Computer-Spiele-Salon, in dem ein paar Halbwüchsige Rahul's neues Ramayana-Spiel probierten (sie fanden es ziemlich langweilig).   Weitere Staaten sahen die Gelegenheit gekommen ihre Macht zu erweitern, auch solche von jenseits des großen Meeres. Bald  überzog das Feuer des Krieges die ganze Erde.

Am 3. Juni des Jahres 2... fiel die erste Atombombe auf Mumbai.
 
 
 

Nachwort des Verfassers:
Einer wunderbaren Reise durch den Norden Indiens verdanke ich die Bekanntschaft mit der hinduistischen Glaubenswelt.  Vornehmlich auf das Buch "Götter-Mythen-Kulturen  - Das alte Indien" (Neuer Honos Verlag) geht meine  Version des Ramayana und der Vorgänge im Himalaya zurück.

Wer mir die Idee für diese Erzählung in den Kopf gegeben hat, weiß ich allerdings nicht. Die Idee war einfach plötzlich da.
 
 

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