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Mission

Im Jahre 1350 v.Chr. übernahm Amenophis, ein Sohn von Amenhotep III. und seiner Großen Königlichen Gemahlin Teje, als Pharao Amenhotep IV. die Macht in Ägypten.  Er führte den ersten Monotheismus in der Geschichte der Menschheit ein, wobei die Sonne "Aton" als allschaffende und allerhaltende  Gottheit verehrt wurde; dementsprechend nahm der Pharao einen neuen Namen an:  Ach-en-Aton ("Echnaton").  Der Pharao selbst  und seine Große Königliche Gemahlin Nofrete dienten als höchste Priester der Verbindung zwischen göttlicher Sonne und irdischer Welt. In Achet-aton (heute el-Amarna) ließ der Pharao eine neue Hauptstadt bauen, der Verehrung Atons gewidmet. Es gelang ihm jedoch nicht den alten Glauben an die zahllosen alten,  zumeist lokalen Gottheiten und den bisherigen "Reichsgott" Amun ganz zu unterdrücken.

Gleichzeitig wurde die darstellende Kunst  revolutioniert. Menschen, Pflanzen und Tiere wurden höchst lebensecht gezeigt. Die Darstellung des Pharaos selber und seiner Familie hat zu vielerlei Diskussionen und Hypothesen Anlass gegeben: Der Pharao  wird als ein  eigenartig geschlechtlos anmutendes Wesen mit dicken Oberschenkeln, schlaffem Bauch, eingefallenem Brustkorb, langem Hals und langem, dreieckigen  Gesicht mit dicken Lippen und schrägen Schlitzaugen dargestellt. Sein Hinterkopf, wie der seiner drei Töchter, erscheint seltsam lang gezogen.

Als ein literarisches Werk ersten Ranges gilt der "Sonnengesang", vom Pharao selbst verfasst und im Grab eines seiner Beamten überliefert.

Über das Ende des Pharaonenpaares ist nichts Sicheres bekannt.  Gräber und Mumien konnten nicht einwandfrei identifiziert werden. Ab 1334 v.Chr. regierte für nur drei Jahre Semenchkare, danach übernahm der noch kindliche Tut-ench-aton  die Regentschaft, vermutlich ein Sohn Echnatons mit einer Nebenfrau. Unter dem Einfluss der Hofleute setzte er die alten Götter wieder ein  - und änderte seinen Namen in Tut-ench-amun; er starb im Alter von nur 18 Jahren. Seine Nachfolger für ein paar Jahre Eje, dann Haremhab in langer erfolgreicher Herschaft  vollendeten die Restauration. Achet-aton wurde dem Erdboden gleichgemacht. Der Name des Ketzers Echnaton wurde aus den Annalen getilgt, aus allen Bauwerken herausgemeißelt.
 
 

Achet-Aton, im Jahre 1340 vor Christi Geburt

Von stahlblauem Himmel brannte die Sonne auf Achet-Aton, die neue Hauptstadt Ägyptens. In wenigen Jahren war die Stadt aus dem Boden gestampft worden Paläste, Gärten, Quartiere für die Handwerker und Beamte, im Zentrum der große Aton-Tempel.  Heute war ein Festtag, der Tag der großen Prozession. Jedermann war auf den Beinen, wartete am Rand der breiten Prozessionsstraße. Am dichtesten war das Gedränge vor dem Portal des Tempels, wo der Pharao den Sonnengesang anstimmen würde.

Die Menge der einfachen Handwerker war nur mit einem weißen Lendenschurz bekleidet. Zum Schutz vor dem sonnendurchglühten Boden trugen einige Sandalen geflochten aus Palmblättern oder gar feinem Papyrus. Die höher gestellten Männer - Schreiber, Verwaltungsbeamte, Tempeldiener, Aufseher, Baumeister und Künstler hatten sich in weiße Faltengewänder gekleidet und trugen  den Usech - Kragen aus bunten Perlen um den Hals. Männer und Frauen hatten sich sorgfältig die Augen geschminkt.

Die Frauen hatten sich mit langen plissierten Kleidern herausgeputzt.  Einige der vornehmen Damen folgten der neuen Mode und nutzten hauchdünne durchscheinende Stoffe.  Wer es sich leisten konnte, trug eine der teuren, großen, gelockten Perücken aus Menschenhaar. Die wohlhabenderen Frauen hatten sich gegen Schweißgeruch mit einer Mischung aus Weihrauch, Myrrhen und Alaun eingerieben,  und hier und da verbreiteten sogar schon jetzt um die Mittagsstunde Parfümkegel im Haar ihren süßen Blumenduft.

Ganz langsam kam die Große Prozession heran.

Voran schritt eine Gruppe Aton-Priester, in lange weiße Gewänder gehüllt, in ihrer Mitte der Hohepriester Meri-re. Dahinter trugen acht Nubier  die schwere Sänfte, ihre schwarzen Körper glänzten von Schweiß.  Auf der Sänfte ruhte das  Sonnentabernakel, von Lapislazuli leuchtend blau wie der Himmel, geschmückt mit goldenen Ankh-Zeichen:  Symbol  der irdischen Präsenz des Gottes.  Hinter der Sänfte folgte der Streitwagen des Pharao; der Oberstallmeister selbst und sein Stellvertreter führten die beiden tänzelnden Pferde. Der Pharao aber ging hinter dem Wagen zu Fuß, Aton auf diese Art seine Ergebenheit zeigend, die schon sein bescheidener Name ausdrückte: "Dient dem Aton". Er trug einen einfachen weißen Lendenschurz,  über den nackten Oberkörper hatte er trotz der Hitze ein Leopardenfell geworfen. Dem festlichen  Charakter des Tages entsprechend hatte den zeremoniellen Bart angelegt, auf dem Kopf trug er das Nemes-Tuch mit der Uräus-Schlange.  An seiner Seite schritt die Große Königliche Gemahlin: "Die Schöne kommt" sie trug ihren Namen wahrlich zu Recht!   Unmittelbar hinter ihnen kamen Ramose, der Wesir, und Haremhab, der Feldherr des Pharaos, eben erst von einem jahrelangen Feldzug zurückgekehrt, sowie alte Berater Eje und der junge Prinz Semenchkare. Auch Moses, ein Höfling aus einem der Stämme von der Nordgrenze des Reiches und ein besonders eifriger Verfechter des neuen Glaubens, war dabei. Den offiziellen Schluss des Zuges machte wieder eine zweite Gruppe von Aton-Priestern, doch lief allerlei Volk hinterher, darunter Musikanten, Sängerinnen, nackte Tänzerinnen.

Vor dem hohen Portal des Aton-Tempels hielt der Zug an. Musiker und Sänger ver-stummten, die Tänzerinnen verharrten. Die versammelte Volksmenge wartete gespannt.

Die Pferde schnaubten als jetzt der Pharao den Streitwagen bestieg, konnten kaum am Losstürmen gehindert werden. Der Pharao ließ sich nicht beirren. Er kreuzte Krummstab und Geißel über der Brust und begann seine große Hymne an Aton, die göttliche Sonne:

"Schön erscheinst du
im Horizont des Himmels,
du lebendige Sonne,
die das Leben bestimmt!
Du bist aufgegangen im Osthorizont
und hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt.
Schön bis du, groß und strahlend,
hoch über allem Land................"


Die Menschen lauschten dem langen Sonnengesang schweigend. Erst als der Pharao geendet hatte und von dem Wagen herabstieg, den man alsbald beiseite führte; als die Prozession durch das Tor in das Innere des Tempels verschwand; als die Musikanten das Spiel wieder aufnahmen und die Tänzerinnen sich in Bewegung setzten; da kam wieder Leben in die Menge, und man ging lachend und schwatzend zum heiteren Teil des Festes über, stürzte sich auf die Leckereien und den Wein, die der Pharao gespendet hatte.

Drinnen im Tempel gelangte die Prozession durch mehrere Vorhöfe endlich vor das Allerheiligste, das niemand außer dem Pharao und seiner Großen Königlichen Gemahlin betreten durfte, nicht einmal der Hohe Priester Meri-re. Die Träger setzten die Sänfte ab. Der Pharao selbst hob das blau-goldenene Sonnentabernakel von der Sänfte und trug es ins Allerheiligste. Die Große Königliche Gemahlin folgte ihm in den Raum, den man nicht einsehen konnte, der aber so viel wusste man durch die Bauleute zum Himmel, zu Sonne hin, offen war.

Die führenden Männer des Reiches warteten gespannt vor dem Allerheiligsten.

"Jetzt wird der Pharao Gott Aton anrufen, und der Gott wird ihm antworten!" flüsterte Eje dem Feldherrn Haremhab zu, der zum erstenmal der Zeremonie beiwohnte.

"Und was sagt Aton zu ihm?" fragte mit erhobenen Augenbrauen Haremhab zurück.

"Niemand weiß es! Sie sprechen in einer Sprache miteinander die keiner versteht!" flüsterte Eje.

Im Inneren des Allerheiligsten setzte der Pharao das Tabernakel auf einen reich verzierten Steinsockel. Er öffnete den Deckel und klappte die Seitenteile herunter, so dass ein im Inneren verborgener metallener Quader sichtbar wurde. Der Pharao drückte auf einen kleinen roten Knopf. Displays leuchteten auf, elektronische Anzeigen   wurden erkennbar, eine Tastatur klappte aus. Eine Eingabe mit flinken Fingern:  aus dem Quader wuchs ein spindelförmiger Körper und entfaltete sich ähnlich einer Blume zu einer Parabolantenne; mit einer schnellen Bewegung richtete sich auf ein unsichtbares Ziel am Himmel aus. Noch ein Tastendruck, und ein Mikrophon wuchs aus dem Quader. Der Pharao drückte auf die Sprechtaste und begann:

"Raumschiff Missio Galactica, bitte melden. Hier sind die Echnaton und Nofretete von der Missionsstation Solis 3 zur Verbreitung des Glaubens an einen einzigen universalen Gott mit dem Fortschrittsbericht. Wie ist der Empfang?"

"Solis 3, hier ist Raumschiff  Missio Galactica.  Der Empfang ist ausgezeichnet. Eure Missionsbrüder sind im Kontrollraum versammelt und warten schon. Bitte gebt uns euren Bericht! "
 

*    *    *


Anmerkung:
Den Sonnengesang Echnatons gibt es im Internet in verschiedenen Versionen, zum Beispiel hier.
Interessant ist ein Vergleich mit dem Sonnengesang des Franz von Assisi.
 
 

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