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Unter Kunstkennern

"Und hier , mein Lieber, meine letzte Neuerwerbung, etwas ganz Besonderes. Diese Grafik ist über 500 Jahre alt!"

"Unglaublich, alter Knabe! Wie bist Du an so etwas rangekommen? Das muss Dich ja ein Vermögen gekostet haben!"

"Durchaus nicht – ich habe es nämlich selbst gefunden."

"Was?!"

"Nun ja, nicht wirklich. Aber meine Firma baut das neue "Hamburg". Und einer meiner Bauführer hat eine alte Abfallgrube entdeckt, und dort ein Bündel dünner Blätter. Die Blätter bestehen im Wesentlichen aus Zellulose, sagt unser Labor, möglicherweise von Landpflanzen.  Dies ist leider das einzige Blatt auf dem noch etwas zu erkennen ist. Schade, die anderen Blätter waren vielleicht noch größere Kunstwerke!"

"Woher willst Du wissen dass es ein Kunstwerk ist?"

"Was sollte es sonst sein? Nein, es gibt keinen Zweifel."

"Na ja, es könnte ja eine akustische Konserve sein. Ich habe einmal gehört dass es eine Zeit gab, als unsere Vorfahren akustische Inhalte – Sprache, Musik – auf körperlichen Tonträgern  festhielten: schwarze und silberne Scheiben. Das könnte doch auch so etwas sein. Die komplexe dynamische Rhythmik der einzelnen Elemente, das spricht doch sehr für eine Art von Musik."

"Mein lieber Freund mal wieder als Advocatus Diaboli! Als wenn es Rhythmus nur  im Reiche der Akustik gäbe!"

"Lässt sich das Werk kunsthistorisch einordnen und deuten?"

"Leider ist ja nur sehr wenig von der Kunst unserer Vorfahren überliefert – die Barbaren des 22. Jahrhunderts haben systematisch fast alles vernichtet, und in der euphorischen Zeit der ersten transgalaktischen Kontakte ging der Rest durch Nachlässigkeit und Desinteresse verloren. Aber denke nur an das "Kleine Rote Buch", dieses größte Kunstwerk das auf uns gekommen ist! Diese Blatt hier hat große Ähnlichkeit damit. Zwar sind die einzelnen Bildelemente einfacher, dafür sind es viel mehr Elemente die hier die komplizierten Säulen bauen, und es sind viel mehr Säulen, und das in größter Präzision!  Übrigens: das Blatt hier fast das gleiche Format wie jenes unersetzliche Erbe der Menschheit."

"Interessant .... das kann kein Zufall sein.  Aber was sagst Du zu den magentafarbenen Linien? Die gibt es im "Kleinen Roten Buch" doch nicht, wenn ich mich recht entsinne, oder?"

"Eine geniale Idee des Künstlers! Das nur handgroße Blatt suggeriert  ja, dass es ein Ausschnitt aus einem viel größeren Bildraum sei – aus einem potentiell unendlichen Raum. Mit den Magenta-Linien hat der Künstler ein Subuniversum definiert, es abgegrenzt durch einen Rahmen gegen das unendliche Universum ringsum. Aber dieser Rahmen ist nicht strenge Grenze und unvergänglich wie das Universum insgesamt, nein, diese Grenze ist dynamisch, sie vibriert gleichsam, sie greift hinaus in den größeren allgemeinen Raum - ein Symbol für die existentielle Dynamik unserer heutigen Welt. Diese Bild rührt an die tiefsten Fragen unseres Daseins."

"Genial! Wenn man bedenkt dass der Künstler vor 500 Jahren gelebt hat.... Einfach genial!...........  Was bedeutet übrigens das Wort "Buch"?"

"Da muss ich passen .... ich kenne das Wort auch nur im Zusammenhang mit jenem Kunstgegenstand."
 
 

                                                                           *    *    *

Anmerkung:
Falls der geneigte Leser einen schiefen Hals bekommen hat beim Versuch den Text auf der Grafik zu lesen, folgt hier  das Kunstwerk um 90° gegen den Urzeigersinn gedreht:


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