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Ein Leben voller Abenteuer

1

Ein Mensch vom Beginn des 21.Jahrhunderts hätte die Frau vielleicht für Anfang 60 bei sehr schlechtem körperlichen Zustand eingeschätzt. Sie war offenbar mangelernährt, ihre Haut fahl, die Haare struppig. Um die Augen hatte sie tiefe Schatten. Ihre Wangen waren eingefallen. Seit einem kleinen Unfall fehlten die mittleren Schneidezähne – jemand wie sie konnte sich Zahnersatz nicht leisten.

Der Chip hinter der Schläfe der Frau wies sie allerdings als "Erna 32007041612722" aus, sie war also eine Zentraleuropäerin  Anfang 40 ohne besondere Schul- oder Berufsbildung.

Die Frau schlürfte die Kohlsuppe, die der Versorgungsdienst heute angeliefert hatte, und kaute ein Stück Brot dazu, das bereits leicht säuerlich roch. Als sie sich von dem Tisch mit der Plastikdecke erhob, konnte sie ein Stöhnen nicht unterdrücken – diese verdammte Arbeit in der Fabrik! Sie durchquerte den kärglich möblierten Raum und ließ sich in die einzig bequeme Sitzgelegenheit sinken, den Sessel vor dem großen Bildschirm. Sie hüllte sich in eine Decke. "Diana Aurora" meldete sie sich bei dem Computer an. Die Irisprüfung signalisierte Zustimmung: "Zugang erlaubt!"

Die Frau weckte ihren Avatar aus dem Schlaf.

2

Die Nachtelfe Diana Aurora stieg behände von dem Baum herunter, auf dem sie den Tag verbracht hatte. "Baumkuschlerin" nannte man ihresgleichen ja auch. Sie legte ihren Jagdanzug an, wählte das Breitschwert und die magische Keule als Waffen, und machte sich auf den Weg.

Der nächtliche Wald war voll geheimnisvollen Lebens. Sie musste auf der Hut sein: Jedes Knacken konnte einen anschleichenden Ork ankündigen, jedes Winseln einen Gnoll, oder gar eine Meute. Mit denen konnte eine Nachtelfe ihres Levels fertig werden .... sie durfte sich nur nicht überraschen lassen! Die Schwärme der Feuerzwerge waren nur lästig – mit einem Kreuzschwung der Keule hielt sie sich die Biester vom Leibe.  Auch die Unterirdischen waren heute sehr aktiv, versuchten immer wieder ihr Baumwurzeln zwischen die Füße zu werfen. Elegant tanzte sie darüber hinweg.

Am Waldrand konnte sie eine Jagdgruppe Nachtelfen erkennen. Sie schlichen den Hang hoch, über dessen Kante soeben der Mond aufging. Diana Aurora jagte lieber alleine. Sie wendete sich dem Sumpf zu. Volle Konzentration: Vorsichtig von Bulte zu Bulte auf den Köpfen der Flammkrokodile springend, kam sie hinüber und vermied so einen langen Umweg. Sie stieg den Hang hinauf. Auf dem Kamm spähte sie nach der Jagdgruppe aus – und hörte hinter sich das Grunzen eines Oger. Mit einem weiten Sprung seitwärts entwischte sie gerade noch seiner Keule. Mit blitzschnellen Manövern konnte sie den plumpen Giganten verwirren, mit der magischen Keule seinen Blick nach oben lenken – mit einem Satz brachte sie sich in Angriffsposition und stieß dem Ungeheuer von unten das Breitschwert in den fetten Bauch. Der Kerl sank in sich zusammen. Sie durchsuchte seine Kleidung, aber der Bursche führte nichts mit sich als widerliches Fischöl! Kein guter Anfang für die Nacht. Nun gut, sie hatte auch ein anderes Ziel: sie wollte heute einen der roten Diamanten erobern, das würde ihr einen ganzen Level bringen. Das war noch ein weiter Weg.....

Die Bahn des Mondes hatte ihren höchsten Punkt schon überschritten, als sie die große Ebene betrat. Bizarre Felsskulpturen warfen scharfe Schatten. Der Tempel der Roten Diamanten leuchtete in der Ferne. Vorsichtig schlich Diana Aurora vorwärts. Und da geschah es:

Einer der phantastischen Felsen vor ihr begann sich zu bewegen...richtete sich auf ...... wurde zum Ork! Hinter sich hörte sie leises Rascheln, wirbelte herum: da waren noch zwei weitere Ork. Drohend rissen sie die breiten Mäuler im grünen Gesicht auf  ...... ihre Hauer leuchteten im Mondschein. Ganz langsam rückten die drei auf sie zu.

Auch eine sehr geschickte und kampferprobte Nachtelfe hat kaum eine Chance gegen drei Orks. Sie konnte nur ihre Haut so teuer wie möglich verkaufen. Sie begann, blitzschnelle Scheinangriffe auszuführen. Ihrem scharfen Breitschwert mussten sie ausweichen, aber sie kam so auch in die Reichweite ihrer Keulen. Aus ihrem Dreieck ausbrechen konnte sie nicht. Wie lange konnte sie sich halten?

Buff! Sie fühlte wie ihr neue Kräfte zuwuchsen. Es musste ein Verbündeter in der Nähe sein! Da – zwischen den Felsen erschien ein Jägerelfe. Mit wirbelndem Schwert rückte er gegen die Orks vor – und sprang hinein in das Dreieck um ihr beizustehen! Zu zweit hatten sie eine Chance! Beide waren sie erfahrene Kämpfer. Wortlos stimmten sie ihre Finten auf einander ab, brachten die Orks in Verwirrung, deren Keule immer wieder ins Leere schlugen, tanzen mit den eleganten Schwüngen um sie herum. Die Orks rückten näher zusammen. Der fremde Jägerelfe sprang einen der drei an, ein zweiter lenkte seine Keule auf ihn, der Jägerelfe schnellte zur Seite – die Keule des Ork traf seinen Kumpan! Der taumelte ...... der Jägerelfe gelangte mit einem schnellen Dreher in seinen Rücken...... sein schweres Schwert spaltete den Riesen: er brach zusammen.

Einem Zuschauer hätte es wohl wie ein Ballett erschienen, was folgte: elegant tanzten die beiden Elfen die Orks aus, Diana Aurora fand Gelegenheit ihre magische Keule zu aktivieren und die Orks zu lähmen, der Fremde erledigte mit seinem gewaltigen Schwert die schmutzige Arbeit.

Noch atemlos vom Kampf standen sie sich gegenüber.

"Wie schön du bist, Nachtelfe! Wie heißt Du?"

"Ich bin Diana Aurora. Und wie nennst du dich, Kämpfer?"

"Ich habe mir den Namen Hubertus Nimrod gewählt."

"Wie passend! Du bist so groß und stark!"

"Und du bist die schönste Nachtelfe die ich seit langem gesehen habe!"

Er streckte seine Hand aus um ihre schimmernden Brüste unter dem filigranen Jagdanzug zu berühren, aber sie wich lachend zurück:

"Nicht so schnell! Ich muss jetzt zurück in den  Wald. Das Sonnenlicht ist gefährlich für mich!"

"Soll ich dich begleiten? Nein, schade. So leb wohl, guten Weg!  ..... Sehen wir uns wieder?"

"Vielleicht!" Sie wiegte ihren Kopf hin und her, lächelte. Ihre mandelförmigen Augen wurden zu Schlitzen. "Vielleicht! Si-ju!!" Und verschwand im Gewirr der Fel-sen.

Er stand einen Augenblick still, trat dann selber den Rückweg an. Ganz ohne Abenteuer ging es nicht ab: Er musste einen Untoten aus dem Weg räumen. Mit seinem Freund, dem Gnom-Schurken Rumpelstilzchen, hielt er einen kleinen Schnack, dann eilte er in seinen Höhle zurück und überließ sich Wachträumen. Würde er die Nachtelfe wieder sehen? Er dämmerte in den Schlaf, bis ein schriller Vogelschrei ihn weckte.

3

"Hubertus Nimrod meldet sich ab!"

"Geht in Ordnung, du hast  alle Regeln der "Wahren Welt" eingehalten. Gehe beruhigt an Deine Tagesarbeit!" beschied ihn der Computer.

Hubert 320080510135331 wuchtete sich aus dem Sessel hoch. Er war stark übergewichtig - wie wurde man das eigentlich wenn es jeden zweiten Tag Kohlsuppe gab? Eigentlich war er ja hundemüde, und die Arbeit kam ihm manchmal reichlich sinnlos vor. Aber er durfte nicht zu spät kommen oder sogar fehlen ...... das würde ihn in der "Wahren Welt" ein paar Level kosten!  Seine Chancen, seinen Aufstieg dort wollte er keinesfalls verspielen ...... das nächtliche Leben in  der  "Wahren Welt" war es, was den trübsinnigen Tag vergessen ließ.

Er braute sich einen dünnen Gerstenkaffee und schlürfte das heiße Zeug. Er zog sein schmutzstarrendes Arbeitszeug über und machte sich auf den Weg zur nahen Fabrik.  Das nächtliche Abenteuer kam ihm wieder in den Kopf. Würde er die Nachtelfe wieder sehen? Zumindest hatte er etwas, woran er bei der Arbeit denken konnte.

4

"Hier ist der Jahresbericht über die Lage der Welt unter besonderer Berücksichtigung der Kontinente!" Der Hofmarschall überreichte dem Präsidenten das Werk.

Der Präsident blätterte darin, bat dann um eine kurze Zusammenfassung.

"Ahem! ..... Der Bericht lässt sich wie folgt zusammenfassen:

· Die Aufspaltung der bewohnten Erde in zwei Reiche hat sich auch im 36. Jahr bewährt.
· Die Zusammenfassung der menschlichen Elite auf unserer paradiesischen Insel hat uns nie gekannten Reichtum und Wohlergehen gebracht.
· Aber auch die  Menschen auf den Kontinenten kann man als glücklich bezeichnen. Die Personen dort, die sich an die früheren Zustände erinnern konnten, sind praktisch ausgestorben, seit drei Jahren hat es keine Unruhen mehr gegeben.
· Die Menschen auf den Kontinenten empfinden es heute als normal, dass ihr praktischer Alltag mit stupider Arbeit gefüllt ist, die Ernährung mangelhaft, der Gesundheitszustand schlecht, das Leben entsprechend kurz. Sie fühlen sich reichlich belohnt durch die fantastischen Abenteuer der Nacht, wo sie sich unsterblich fühlen dürfen und zu den höchsten Rängen und Weihen aufsteigen können. Sie identifizieren sich vollständig mit ihren Avataren.

Soweit die Hauptpunkte des Berichtes.  Darf ich noch eine Anmerkung hinzufügen: Im abgelaufenen Jahr, am 22. November, feierte der Mann seinen 95. Geburtstag, der die "Wahre Welt" auf Basis des uralten Internetspiels "World of Warcraft" geschaffen hat: John Kawasaki.  Insbesondere die Sprach- und Gedankensteuerung ist sein Verdienst."

"Warum ist die so wichtig?"

"Weil damit die Notwendigkeit entfällt, die Benutzer das Schreiben und Lesen lernen zu lassen. Die De-Alphabetisierung der Kontinente hat fast 95% erreicht."

"Gut! Auch das beugt Unruhen vor. Wie geht es dem alten Herrn?"

"Er ist sehr hinfällig. Es heißt dass er die meiste Zeit des Tages in der "Wahren Welt" verbringt, wo er sich den Avatar eines Großen Zauberers zugelegt hat. "
 
 

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