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Cuxhaven-Kugelbake
Niederelbe
Pressekonferenz mit zwei
Flüchtlingen.
Der Presseoffizier der 4.Beobachtungsflotte der UNO warf einen wohlgefälligen Blick auf das Gedränge der Reporter im Saal. Eine altmodische Pressekonferenz fand soviel Anklang! Er räusperte sich und begann:„Bevor unsere beiden Schützlinge Ihnen berichten, lassen Sie mich etwas zum politisch-historischen Hintergrund sagen. Die komplexen Verhältnisse hier im Norden Europas sind ja nicht jedem vertraut.
Vor dreihundert Jahren sah es so aus, als werde die Welt zu einem einzigen Sozialwesen zusammenwachsen. Insbesondere das „Internet“ schien ungehinderten Informationsaustausch zu erlauben und jedem Versuch einer Abgrenzung zu spotten. Weit gefehlt! Die Erfindung des aktiven elektronischen Spiegels brachte die Wende. Vervollkommnet bis er dem Turing-Test widerstand, konnte man damit jedem Menschen vorspiegeln, dass er mit anderen, sogar höchst verständnisvollen! Menschen kommuniziere, wo doch lediglich ein Computer seine Gedankengänge erschloss und darauf reagierte. Durch konsequente Anwendung konnte man ein ganzes Land von der Kommunikation mit dem Rest der Welt abschotten und dabei der Bevölkerung eine grenzenlose Erde vortäuschen, wo die Menschen doch nur in einem elektronischen Spiegelkabinett eingesperrt waren. Das körperliche Reisen hatte man ja ohnehin zugunsten allerlei elektronischer Simulationen weitestgehend aufgegeben.
Natürlich wurde solche Einschließung nur in faschistischen und fundamentalistisch-religiösen Staaten geübt. In Europa tat sich besonders Deutschland hervor, das nach kurzer demokratischer, Europa-begeisterter Phase sich seiner Tradition in Irrationalität, Völkermord und Mauerbau erinnerte. Dort errichtete nach langen Konkurrenzkämpfen der Vogelschutzbund eine Diktatur, abgestellt auf die Verehrung der Vögel als göttlicher Wesen. Flugzeuge wurden als eine Form von Gotteslästerung verfemt, jeglicher Luftverkehr verboten. Vogeltötung wurde wie Menschenmord, der Verzehr von Vögeln wurde als Kannibalismus drakonisch bestraft. Das Land wurde elektronisch abgeschottet, die Grenze geschlossen. Jeder Fluchtversuch wurde dadurch verhindert, dass man einerseits Deutschland mit einem 50 Meilen breiten Streifen unbewohnten Landes umgab, andererseits aber jedem Bürger gleich nach der Geburt eine Kombination von Satelliten-Navigations-Empfänger und automatischem Positionssender in das Gehirn implantierte (einen sogenannten Locator), so dass ein gewaltiger Zentralcomputer nicht nur jede aktuelle Bewegung aller Personen erfuhr und überwachte, sondern aus den Bewegungsmustern sogar Schlüsse auf geplante Vorhaben ziehen konnte. Diese Überwachung hatte die erfreuliche Wirkung dass alle geplanten Verbrechen verschwanden, weil sie ja doch unfehlbar aufgedeckt würden; andererseits wurde der Amoklauf zur Volksseuche der viele Unschuldige zum Opfer fielen. Die UNO greift in solchen Fällen faschistischer Staaten, wie Sie wissen, niemals ein. Wir sorgen unerbittlich dafür dass zwischen den Staaten Ruhe und Frieden herrscht – was aber in einem bestimmten Staat vorgeht, interessiert uns nicht. Wir haben unsere Lektion in Afrika gelernt.
Nun, diesem wunderbaren Land Deutschland sind unsere beiden Schützlinge entkommen – ich übergebe das Wort. Wie habt ihr es gemacht?!“Die breitschultrige sommersprossige Frau mit dem kurzgeschorenen Haar warf einen schnellen Blick auf ihren eher schmächtigen Gefährten mit wirrem Haarschopf; der nickte bestätigend. Die Frau begann:
„Das hier ist Einstein. Es ist ein Spitzname. Aber er passt: Einstein ist ein Genie. Er hat Informatik und Psychologie studiert. Er ist der größte Computerexperte den es in Deutschland gibt – gab! Ich heiße Isabella. Ich war in Deutschland eine bekannte Zirkusartistin: Kraftsportlerin zuerst, später Kunstschützin. Warum gerade wir beide schon 15 Jahre zusammenleben –das interessiert Sie sicher, aber das geht Sie nichts an.
Wie es angefangen hat, weiß ich nicht mehr. Irgendwann irgendwie hat uns die Erkenntnis angefallen, dass wir eingesperrt waren. Wir waren in einem Gefängnis! Hält man sich an die Hausordnung, lebt man gar nicht so schlecht. Aber wenn man erst einmal realisiert, dass man in einem Gefängnis lebt, dann wird der Wunsch übermächtig ihm zu entkommen. Jahrelang haben wir gerätselt und die verrücktesten Pläne entworfen. Aber man kann Deutschland nicht so einfach entkommen! 50 Meilen Wildnis lassen sich nicht schnell überqueren, der Zentralcomputer merkt ja was man will, und nach wenigen Stunden holt einen ein Retriever, ein mechanischer Hund zurück. Ich habe einmal gesehen, wie ein Retriever so einen armen Kerl zurückschleppte. Schrecklich! In 50m Tiefe kann man eine solche Strecke auch nicht untertunneln. Wir haben auch mit Bleihelmen experimentiert um die Strahlung unserer Locatoren abzuschirmen – ging auch nicht.
Einstein fand die Lösung. Er erkannte, dass man mittels der elektronischen Spiegeltechnik auch einen einzelnen Menschen unsichtbar machen kann – ihm sozusagen eine Rüstung aus Spiegeln anziehen kann. Der Trick dabei ist, sagt Einstein, dem Locator einen - “
Der Presseoffizier stoppte sie: „Keine Einzelheiten! Die militärische Bedeutung der Erfindung dürfte ja wohl allen klar sein! Die ultimative Tarnkappe! – Fahren Sie fort!“
„Wir haben Einsteins Entwicklung erst an Kaninchen, dann an Schafen getestet. Machen Sie mal einen Turingtest mit einem Schaf! Einstein ist bald verzweifelt. Aber eines Tages haben wir kurze Tests mit uns selber gemacht. Und dann beschlossen: jetzt oder nie! Ich hatte als Kunstschützin ein paar gute Waffen. Ich habe auch unsere andere Ausrüstung besorgt – bei Zirkusleuten wundert man sich ja über nichts...
Bei Cranz, kurz hinter den Ruinen der alten Flugzeugfabrik, haben wir das Hamburger Stadtgebiet verlassen und sind in die Sperrzone eingedrungen. Ich hatte eine uralte Karte auftreiben können, so konnten wir uns orientieren. Wir wollten zur Unterelbe in der Hoffnung, in der alten Hafenstadt „Cuxhaven“ ein Schiff auftreiben und damit über See entkommen zu können. Wir hatten übrigens nie zuvor ein Schiff gesehen: Schiffe sind als potentielle Fluchtmittel in Deutschland verboten.
Die Sperrzone erwies sich als noch schlimmeres Hindernis als gedacht. Dschungel hatte sich breitgemacht. Die alten Bananenplantagen waren längst aufgegeben. Urwaldriesen hatten die fast unzerstörbaren Plastikplanen der Bananenfelder mit sich hochgezerrt, selten nur fand man ein solches Plastikdach noch an Ort und Stelle. Die Plastikplanen waren schlimmer als die vielen Lianen. Immerhin: es gab noch genug verwilderte Bananen, so dass wir nicht hungern mussten. Und es regnete häufig.... es gab also genug zu trinken.
Wir wussten dass man nach spätestens zwei, drei Tagen unsere Flucht bemerken, unsere elektronische Rüstung durchschauen würde: Einstein kannte seine Kollegen, die waren auch nicht dumm! Dann mussten wir soweit weg sein, dass die Überwachungsantennen die Funksignale unserer Locatoren nicht mehr auffassen konnten! Wir kämpften uns ohne Ruhepause durch den Urwald. Natürlich ging ich voran als die Stärkere.“
Einstein warf ihr einen bewundernden Blick zu und nickte nachdrücklich.
„Als besonderes Hindernis erwiesen sich die Flüsse. Am Fluss Lühe mussten wir warten, bis das Wasser gesunken war, der Strom stille stand. Der Tidenhub beträgt an der Unterelbe 5 Meter! Das hat uns viel Zeit gekostet.
Am dritten Tag hatte man unsere Flucht erfasst. „Dreht um, kommt zurück! Wenn Ihr jetzt umkehrt bleibt Ihr am Leben!“ begann der Locator in unserem Kopf zu sprechen. Das ist schrecklich, wenn unablässig ein Gehirnimplantat in Deinem Kopfe spricht! Wir waren kurz davor aufzugeben, nur damit die Stimme verstummte! Aber je weiter wir vordrangen, desto leiser wurde die Stimme - wir waren an der Grenze der Funkreichweite - verstummte schließlich – wir glaubten uns gerettet. Der Fluss Schwinge hielt uns auf, wir kamen zu spät, das Wasser hatte schon begonnen aufzulaufen. Wir ließen uns zur erzwungenen Rast nieder, als wir im Gebüsch ein näherkommendes Krachen hörten. „Ein Retriever!“ Das Tier brach metallglänzend durchs Gebüsch, Lianen hinter sich herschleifend, stürzte auf Einstein als den vermeintlich leichteren Gegner zu. Einstein raste ein Stück am Ufer flußab, der Retriever kam ihm unaufhaltsam näher. Einstein sprang die Uferböschung hinab in den Schlick, der Retriever sprang hinterher. Hier war das schwere Tier im Nachteil, es sank weiter ein. Aber es hatte die größere Ausdauer, kam Einstein näher und näher. Einstein erreichte das Wasser, stürzte sich hinein. Der Retriever hinterher. Knallend bliesen sich seine ballonförmigen Schwimmhilfen auf, ohne die das schwere Tier untergehen müsste. Die gurgelnde Strömung erfasste beide und trieb sie schnell stromaufwärts, an mir vorbei. „So schieß doch auf die Ballons!“ schrie Einstein. Wie dumm von mir, nicht selber daran zu denken! Ich riss das Gewehr hoch, feuerte, noch mal und noch mal. Ein Ballon platzte, das Tier kam ins Schlingern, der andere Ballon wurde schlapp, der Retriever versank wild um sich schlagend. Einstein ließ ihn vorbei, schwamm zum schlickigen Ufer. Wir warteten angespannt. Nach 5 Minuten, ein paar hundert Meter weiter, erhob sich plötzlich eine Wassersäule aus dem Fluss, eine dumpfe Detonation ertönte. „Interessant, ein Selbstzerstörungsmechanismus!“ bemerkte Einstein.
Natürlich hatten wir Angst, der Retriever könnte seine – unsere –Position gemeldet haben, und man werde einen zweiten schicken. Aber alles blieb ruhig, beim nächsten Niedrigwasser durchquerten wir den Fluss. Wir kämpften uns weiter nach Norden vor, fühlten uns von Tag zu Tag sicherer. Einstein litt sehr unter Verstopfung, weil wir doch nur von Bananen lebten.“
Der Mann warf seiner Partnerin einen gequälten Blick zu. Die fuhr unbeirrt fort:
„Ein paar Tage später erreichten wir den Fluss Oste, überquerten ihn – und entdeckten einen wunderbaren Ort, ein sagenumwobenes Heiligtum! Nahe beim Ufer, mitten im dichten Dschungel stand ein Gebäude mit der Inschrift „NATUREUM BALJE“. Von diesem geheiligten Ort war der Vogelkult ausgegangen, hier hatten
unsere Vorfahren gelernt die Vögel als göttliche Wesen zu verehren! Hier hatten die ersten Anhänger der neuen, der einzig wahren Religion gestanden und in ehrfürchtiger Scheu, aus weitem Abstand, die Wildgänse im Flusswatt beobachtet!Die Gebäude waren vorzüglich erhalten; offenbar hatte man alles aus beste konserviert als man die Sperrzone errichtete und diesen heiligen Wallfahrtsort aller Vogelgläubigen allein im aufschießenden Urwald zurückließ. Das Gebäude war verschlossen, wir brachen es mit möglichst wenig Schaden auf, und fanden uns in einer großen Halle wieder. Jetzt erst wurde uns die letzte Bestimmung des Gebäudes klar: es war eine Nekropole! In dichten Reihen standen mumifizierte Vögel und harrten der Auferstehung entgegen!
Ein Gang ums Gebäude brachte uns zu einer Werkstatt, voller vorzüglich konservierter Werkzeuge. Und das beste von allem: nahe bei dem Gebäude stand aufgepallt ein Schiff! Ein richtiges Schiff aus Holz. Auch dieses war gut konserviert. Sogar der Name war noch zu lesen: „Erna Becker“. Warum sollten wir noch weiter ziehen? Hier war was wir gesucht hatten!
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Besanewer "Erna Becker" beim Natureum NiederelbeWir ließen uns in der Werkstatt häuslich nieder. Wir räumten das Schiff von der Umklammerung der Lianen frei. Die Vogelnester die wir fanden, trugen wir vorsichtig an einen neuen Platz, die göttlichen Vögel um Vergebung bittend. Wir reinigten das Schiff, untersuchten es sorgfältig auf Lecks. Alles klar! Sogar der hölzerne Mast sah noch vertrauenerweckend aus. Nur Segel gab es keine. Wir mussten sie mühsam aus alten Plastikplanen von den Bananenplantagen herausschneiden. Wir gruben eine schiefe Ebene zum Fluss hinunter. Wir fällten Bäume und legten sie als Rollen aus. In der Werkstatt fanden wir auch hydraulische Heber. Wir hievten das Schiff hoch und schoben Baumstämme unter. Oft schienen wir vor einem unlösbaren Problem zu stehen, aber Dank Einsteins Erfindungsgabe haben wir es geschafft!“
„...und Dank Isabellas Kraft!“ flocht der ein.
„Wir brachten das Schiff mit viel Mühe zu Wasser, verproviantierten – Bananen! -, und verließen an einem sonnigen Tag den heiligen Platz, der unser Vorhaben so offenbar gesegnet hatte. Wir trieben bei schwachem Ostwind die Elbe hinab, lagen während des Flutstromes vor Anker, liefen auch mal auf und mussten bis zum nächsten Hochwasser warten. Zwei Tage später trieben wir an einer Ruinenstadt vorbei, fast im Urwald versunken: Cuxhaven. Die in alten Büchern abgebildete Kugelbake stand noch, wenn auch ein wenig schief, und davor stakten Flamingos im Wasser, diese göttlichsten aller Vögel. Noch einmal 24 Stunden später, als wir draußen auf See schon kaum noch Landsicht hatten, flog das UNO-Schiff auf uns zu und nahm uns auf.“
Jetzt übernahm der UNO-Presseoffizier wieder das Wort:
„Wir hatten schon seit Tagen Satellitenaufnahmen der „Erna Becker“ und nahmen sie gleich an der Seegrenze in Empfang. Natürlich haben wir unseren beiden neuen Schützlingen erst einmal etwas Ordentliches zu essen gegeben. Die Ärmsten hatten ja monatelang nur von Bananen gelebt! Eine kräftige Hühnerbrühe mit feinen weichen Fleischstücken gaben wir ihnen, ihren Magen nicht gleich zu überlasten. Und wissen Sie was passiert ist? Als wir den beiden erklärten was sie gerade gegessen hatten, da musste Isabella sich übergeben, und Einstein bekam einen hysterischen Anfall. Die beiden glaubten, sie glauben immer noch! mit dem Genuss der Hühnerbrühe Gotteslästerung begangen zu haben! In ihrem Spiegelkabinett ist den Deutschen verborgen geblieben, dass die Versorgung der Menschheit mit tierischem Eiweiß heute weltweit ganz überwiegend durch die gentechnische Zucht hirnloser Riesenhühner sichergestellt wird. Wo wären wir ohne unsere Bibos?!“
Im Saal hatte sich große Heiterkeit breitgemacht. Das war ja auch zu lustig!
„Widerliche Kannibalen!“ schrie Isabella wütend die Journalisten an. Die brüllten vor Lachen und begannen, an imaginären Hühnerbeinen herumzukauen.
* * *
Anmerkung:
Das "Natureum Niederelbe" in Balje ist für Naturfreunde ein höchst lohnenswertes Ziel. Die Vogelwelt der Küstenregion ist ein ganz wichtiges Thema. Die vorstehende Geschichte wurde geschrieben als der Autor dort seine Aquarelle und Zeichnungen zum Thema "Klimaveränderungen" ausstellen durfte.