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Chrononauten
1Ja, gewiss, Sie haben recht: das uralte Haldanische Prinzip gilt immer noch: "Das Universum ist nicht nur seltsamer als wir es uns vorstellen, es ist seltsamer als das was wir uns überhaupt vorstellen können. " Aber nur zu oft erweist sich dass dies an der bloßen Trägheit unserer Phantasie liegt – haben wir eine Sache dann erst einmal begriffen, erscheint sie uns trivial wie Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie.
Mir fällt da ein kleines Erlebnis ein ....... Gut, ich will es erzählen, obgleich ich in der Geschichte keine rühmliche Rolle spiele.
2
Es war auf Sol-3. Dort ist die Quarantänestation für alle die aus Raumsektor 15 zurückkehren. Ein Jahr muss jeder Rückkehrer dort verbringen, bevor er in den galaktischen Kernbereich einreisen darf. Was? Warum? Erinnern Sie sich nicht an die große Norma-Epedemie, die beinahe innerhalb weniger Jahrzehnte die gesamte galaktische Zivilisation vernichtet hätte? Oh, entschuldigen Sie; ich weiß ja, Sie haben damals gerade geschlafen. Aber welch eine Ironie des Schicksals! Eine der fünf Wiegen der galaktischen Zivilisation herabgesunken zur Quarantänestation!
Dorthin hatte man den Chrononauten Gunnar Jonsson noch während der Bremsphase seines Fahrzeuges umdirigiert. Er hatte zwar sein Fahrzeug nie verlassen, aber Gesetz ist Gesetz! Gunnar hatte – von Sol-3 aus gesehen – in 15363 Standardjahren fast 15000 Lichtjahre zurückgelegt und war , weil er sich mit nahezu Lichtgeschwindigkeit bewegte, dabei nur um 7 Jahre gealtert. Seine hochgewachsene schlaksige Gestalt, sein jungenhaftes Gesicht war auf allen Nachrichtenkanälen von So-3 zu sehen gewesen, seine Rückkehr war eine Sensation. Man pries ihn als einen wahren Nachfahren der sagenumwobenen Wikinger der Vorzeit. Faszinierend erzählte er von der Welt vor 15000 Jahren.
Ich selber hatte auf Sol-3 eine ziemlich öde Inventur durchzuführen. Die paar verbliebenen Reste der Vorzeit, allen voran die Pyramiden unter ihrem Schutzdach, waren bald abgeklappert. Ich langweilte mich ziemlich und gewöhnte mir an, die Abende in der Bar "Zum taumelnden Sputnik" (nein, keinen Ahnung was das heißt) zu verbringen. Sol-3 produziert in seinem fruchtbaren Landstrichen am Südpol einen vorzüglichen Wein!
Als ich an jenem Abend die Bar betrat, sah ich ihn gleich: Gunnar Jonsson! Er saß da in einer gemütlichen Ecke, vertieft ins Gespräch mit einem sehr alten Mann, so wie man ihn heute nur selten sieht. Auch er war wohl einmal von überdurchschnittlicher Größe gewesen, jetzt aber gebeugt von den Jahren seines langen Lebens. Die Augen lagen tief in den Höhlen, gleichwohl funkelten sie; seine Stimme war brüchig, doch voll unterliegender Begeisterung; sein Haar war silberweiß, vielleicht ein Implantat, jedenfalls war er zu stolz es modisch grün zu färben. Irgendwie sah er dem Chronnauten sogar etwas ähnlich.
Es war nicht gerade die feine Art, aber ich platzierte mich so dass ich die beiden Männer aus dem Augenwinkeln beobachten und ihr Gespräch verfolgen konnte. Sie sprachen Galactica A, das einzig Brauchbare für Personen aus verschiedenen Zeitaltern, da sich der einmal vorhandene Bestand nie ändert, sondern nur ergänzt werden darf. Um eine solche Ergänzung ging es gerade.
"Man hat mir schon kurz erklärt was "diasparen" bedeutet, " fragte der junge Chrononaut seinen greisen Gesprächspartner, "aber du kannst es mir aus der eigenen Anschauung erklären, schließlich hast Du es damit geschafft, dass wir uns hier und heute treffen können!"
Der Alte nickte. Seine Augen leuchteten auf, ruhten mit - Wohlgefallen? Zuneigung? auf seinem Gegenüber, als er sprach:
"Ja, das ist für mich das schönste Geschenk.
Also, wie schon zu deiner Startzeit bekannt, ist unser Leben – und übrigens auch das der anderen vier galaktischen Populationen – streng begrenzt. Bei uns Menschen sind es 120 Jahre – Punktum! Alle Bemühungen diese Grenze hinauszuschieben, waren vergeblich, auch in den 15 000 Jahren Deiner Abwesenheit hat es da keinen Fortschritt gegeben. Wir wissen nicht warum es so ist, aber es ist so.
Was wir aber gelernt haben in der Zwischenzeit: Die Geschwindigkeit unseres Lebens zu ändern. Es gibt viele Menschen (bei den anderen Populationen ist es genauso), die mit Super-Crystal-Methamphetamin ihr Leben maximal beschleunigen: ein paar wenige Jahre leben sie mit größter Intensität, verbrennen ihre Lebenskraft wie in einer Stichflamme – und verlöschen schnell. Und gerade bei der Forschung nach einem Gegenmittel gegen verbrecherisch eingeflößtes S-C-Methamphetamin wurde die Möglichkeit entdeckt, die Lebensvorgänge zu verlangsamen, bis zum fast völligen Stillstand. Der Durchbruch gelang wenige Jahre nach deinem Abflug. Mit der neuen Technik ist es möglich, sein Leben durch lange Schlafphasen zu unterbrechen, seine 120 Jahre zum Beispiel in vier Abschnitten zu 30 Jahren zu leben, unterbrochen durch praktisch beliebig lange Schlafphasen – Jahrhunderte, Jahrtausende des Schlafes. Das Wort "diasparen" für diesen Vorgang geht auf eine Geschichte eines gewissen Arter Sih Klahk1) zurück, der eine nach diesem Prinzip funktionierende Stadt Diaspar beschrieb."
"Kann man denn auf diese Art so etwas wie ewiges Leben erreichen – immer nur kurz wach sein – lange schlafen – kurz wach sein .....?" fragte der Junge, offenbar von der Idee fasziniert.
"Nein, leider nicht," entgegnete der Alte, "bei jeder neuerlichen Diasparphase geht etwas an Gesamtlebenszeit verloren .... von mal zu mal mehr .... Mehr als drei Schlafphasen macht gewöhnlich keinen Sinn."
"Und das wurde kurz nach meinem Abflug erfunden?"
"Das Prinzip – ja. Aber es brauchte ein paar Jahrzehnte bis die Technik erprobt war und ein Mensch es wagen konnte in eine Schlafphase zu gehen."
"Du warst einer der Ersten?"
"Ja, ich war unter den ersten hundert. Als ich biologische siebzig war und schon daran denken musste meine akademische Historikerarbeit an der Hochschule von Prokyon 15 zu beenden; als mein Opus Magnum, die synoptische Geschichte der fünf galaktischen Zivilisationen bis zu Einstein´schen Gegenwart Prokyons ja auch fertiggestellt war; da kam mir die Idee nach entsprechenden Schlafperioden jeweils Fortsetzungen zu schreiben."
"Ist es nicht schwierig nach ein paar hundert oder tausend Jahren den Anschluss zu finden? Ändert sich die Denk- und Redeweise nicht in der Zwischenzeit?" fragte der Junge.
Der Alte zuckte die Achseln: "Es geht – du kommst ja nach 15000 Jahren auch zurecht. Dank Galaktika A! Aber es stimmt schon, es hat immer wieder Fälle gegeben, dass ein Diasparer nicht mit seiner neuen Lebensphase klar kam. Keine alten Freunde ..... die Welt verändert .... neue Techniken .... ganz neue Kunst .... neue Sexualpraktiken .... Es hat ein paar Selbstmorde gegeben! Häufiger aber entscheiden sich solche Menschen für eine große Dosis Super-Crystal-Methamphetamin und verbrennen den Rest ihrer Lebensspanne in einem einzigen Rausch."
"Aber du ......?"
"Ich hatte eine Aufgabe: meine synoptische Historie fortzuschreiben. Und dann hatte ich noch ein Ziel – zuerst irgendwie im Hinterkopf, dann offen ausgesprochen: dich wieder zu treffen!"
Der Alte strich mit seiner runzligen Rechten zärtlich über die kräftige Hand seines Gegenüber.
"Und ich habe es geschafft! Aber es war knapp: die Einführung der Quarantänestation zwang mich zu einer weiten Reise. Hier auf Sol-3 erfuhr ich dann die neusten Daten zu deiner erwarteten Ankunft ..... musste noch einmal 50 Jahre schlafen (was nicht eingeplant war und mich sicher zehn Jahre an der Gesamt-Lebenszeit kostet) ...... aber jetzt –"
Die Stimme des Alten stockte,
" - aber jetzt sind wir hier zusammen."
Der Junge nickte, schwieg einen Augenblick, und sagte dann mit einem gewissen Stolz in der Stimme:
"Ja, hier sind wir wieder zusammen. Ich, der ein bisschen verrückte Chrononaut, der auszog um den Menschen einer fernen Zukunft von der Vergangenheit zu berichten .... du, der du mutig die Chance des Diasparens ergriffen hast um die Geschichte der galaktischen Kulturen bis zu diesem Augenblick zu schreiben ..... Chrononauten, Zeitreisende wir beide, Vater und Sohn!"
In diesem Augenblick fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Vater und Sohn! Daher die Ähnlichkeit! Schon etwas emotionalisiert vom zwischenzeitlich genossenen Sol-3-Wein, sprang ich auf, ging hinüber zu den beiden.
"Gestatten, Francesco Varese .... ich habe ich ihr Gespräch ganz unabsichtlich mitbekommen .... ich bin hingerissen!"
Die beiden stellten sich vor: "Gunnar Jonsson" – "Erik Gunnarson!"
Ich wandte mich zuerst an den Alten:
"Phantastisch! Ich bewundere Sie aufs höchste! Einer unser größten Wissenschaftler, ein mutiger Pionier des Diasparens, ein wahrer Zeitreisender selbst, der mit kühner Planung und mutigem Einsatz von Lebenszeit jetzt hier auf Sol-3 weilt um seinen Sohn zu begrüßen, den größten aller Chrononauten!"
Die beiden schauten sich einen Moment verblüfft an, dann brachen sie in schallendes Gelächter aus, so dass ich schon Angst hatte der Alte könnte ersticken.
Der Junge fasste sich als erster wieder:
"Sie irren, mein Herr! Ich bin der Vater, dies hier ist mein lieber Sohn!" Und er schloss den Alten in die Arme.
3
Wie? Sie meinen ich hätte diese Möglichkeit schon vorher in Betracht ziehen müssen? Und spätestens bei der Vorstellung hätte ich Bescheid wissen können? Hinterher, mein Lieber, hinterher sind wir alle schlauer!
1) Anmerkung des Herausgebers: Der Sprecher meint wohl Arthur C. Clarke
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