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Eldena - Die Klosterruine

Eldena
Yachtromantik

Kleine Ursache, große Wirkung. Meine Frau wollte nur einen alten Notenständer vom Speicher holen - und jetzt besitze ich ein neues größeres Schiff, und habe im Sommer einen mehrwöchigen Törn entlang der alten deutschen Ostseeküste gemacht. Da staunt ihr, Leute, was?!

Beim Kramen auf dem Speicher fiel meiner Frau ein uralter Koffer in die Hände, den sie von ihrer Mutter geerbt und niemals zuvor geöffnet hatte. In dem Koffer fanden sich Papiere, Fotoalben, Zeichnungen, die  von einem Ur-ur-ur-Ahn stammen. Der hat Ende des 20. Jahrhunderts mit einem winzigen Segelboot einige Segeltörns auf der Ostsee gemacht. Die alten vergilbten Fotos von Stralsund, Greifswald, vor allem aber von der Klosterruine Eldena, haben meine Frau in einen Zustand nostalgischer Begeisterung versetzt. Sie schwärmt für den Maler Caspar David Friedrich der in dieser Gegend gearbeitet hat. So stand es spontan für sie fest: „Wir müssen diesen Törn wiederholen! Für dich als Ingenieur ist es bestimmt interessant zu sehen, was der gestiegene Meeresspiegel inzwischen verändert hat, mit welchen Bauwerken man sich dagegen schützt.“ - Was sollte ich dagegen sagen? Mir fiel nur ein: „Aber unser Schiff ist ja so klein, kaum 15 m, das langt für die Elbe. In unserem Alter mit so einem kleinen Schiff auf die Ostsee...?!“ Uns so bekam ich zum 100.Geburtstag einen Gutschein für ein neues Schiff geschenkt!  Da Ihr im australischen Busch von Fortschritt und Technik kaum viel hören werdet, lasst mich das Schiff kurz schildern.

Das Schiff ist ein Cruiser/Racer von 20m Länge, in Segeltechnik und Ausrüstung auf modernstem Stand, einiges will ich während meines Berichtes an passender Stelle erwähnen. Natürlich habe ich das Schiff im www. gekauft. Ich habe mir die Werften angeschaut, und was sie anbieten, und dann bei C&C interaktiv mein Schiff definiert. Mit der Rundum-Darstellung im Virtual-Reality-Raum unseres Hauses war es ein leichtes, die Einrichtung wie auch das Deckslayout, die Anordnung der Druckknöpfe, Schalter und Joysticks realistisch zu planen. Als das Schiff im März ausgeliefert wurde, fühlte ich mich gleich zu Hause!

Eine besondere Freude konnte ich meiner Frau dadurch bereiten, dass ich einen Musikraum eingeplant hatte, groß genug für einen kleinen Steinway & Sons! Die Wände des Raums sind mit Virtual Reality Displays bedeckt; so kann meine Frau sich fast wie zu Hause mit ihren Freundinnen zum Kammermusik-Spiel zusammenfinden! Und einen Spieltisch für ihre Bridge-Runde gibt es dort auch!

Ende Mai, als der Hochsommer begann der uns sechs Monate ungetrübten Sonnenscheins bringen würde, gingen wir auf Fahrt. Wir verließen den Stadthafen Hamburgs bei leichtem Ostwind, so dass wir schon vor St. Pauli die Segel setzen konnten; das geht natürlich per Knopfdruck mit Hydraulikmotoren. Deren Energieversorgung ist kein Problem: Das Deck und der Überwasserrumpf sind mit Solarzellen überzogen - das ganze Schiff scheint zu schillern -  was an Strom nicht direkt verwendet wird dient zum Nachladen der Metallhydrid-Wasserstoffsammler unten im Kiel. Was dort an Energie gespeichert ist, würde ausreichen, via Brennstoffzelle und Elektromotor das Schiff 200 nm voranzutreiben - bei Nacht und Nebel! Bei Tag ist die Reichweite unter Motor praktisch unbegrenzt. Und für den Antrieb der Fall-, Schot- und Ankerwinschen steht immer genug Energie zur Verfügung, die in hydraulischen Akkumulatoren gesammelt wird um Spitzenleistungen abzudecken.

Wir glitten an den großen Werken der Worldwide Aerospace in Finkenwerder vorüber, wo demnächst das neue 2000-sitzige Flugzeug montiert werden soll (die großen Flugzeuge werden ja immer noch in Frankreich montiert). Der Strom setzte mit zwei Knoten auslaufend, er wird ja heute durch das große Sperrwerk an der Elbmündung geregelt; man hat es Anfang des Jahrhunderts errichtet, als man das immer und immer wieder notwendige Erhöhen der Flussdeiche leid war. (Der Schiffsverkehr nach Hamburg hat allerdings dadurch stark nachgelassen, dem Wohlstand Hamburgs war das nicht zuträglich. Andererseits konnte man nach dem Peitscheneffekt-Tidenverstärker-Prinzip ein großes Gezeitenkraftwerk bauen.)  Hinter dem Pagensand gingen wir vor Anker, ließen uns ein paar Snacks vom Küchenautomaten zubereiten, und machten es uns mit einem Campari-Soda im Cockpit bequem. Die Dämmerung fiel, über uns leuchteten Myriaden von Sternen in der reinen Luft, und wir hingen dem Gedanken nach wie viel sich inzwischen geändert, dass aber der Anblick des Sternenhimmels für uns noch genau der selbe sei wie für den Ur-ur-ur-Ahn, der vor 200 Jahren hier geankert hatte. (Was nicht ganz stimmt: damals wurden noch Kohle und Erdöl in großen Mengen verbrannt, die Atmosphäre muss schmutzig-trüb von Ruß und Schwefelsäure gewesen sein.)

Am nächsten Tag erreichten wir ohne Schwierigkeiten das alte Brunsbüttel, wo früher der Kanal zur Ostsee begonnen hat; für Yachten ist dieser Teil immer noch befahrbar, nach etwa 25 nm kommt man dann in den neuen großen Kanal. Auf alten Fotos sieht man dass auch der alte Kanal einmal schnurgrade gewesen sein muss; heute ist viel flaches Land zu beiden Seiten zu Seenflächen  geworden, denn der Kanal hat schon das Niveau der Ostsee.

A propos Fotos:  Wir hatten die alten Fotoalben mitgenommen und verglichen immer wieder die alten Bilder mit der heutigen Situation. Manchmal hat sich wenig geändert, zum Beispiel an der Kieler Förde mit ihren hohen und steilen Geestufern; manchmal scheint sich nichts geändert zu haben, zum Beispiel bei Fehmarn, das man in seiner ganzen Größe mit einem Flutdeich umgeben hat (wasserbauerisch kein Problem im Vergleich zu dem was an der Nordseeküste notwendig war), manchmal aber hat man es hingenommen dass die ganze Landkarte sich bis zur Unkenntlichkeit  geändert hat.

Ich hatte mir vom „Deutschen Seefahrtmuseum Tamm“ alte Seekarten auf CD  ziehen lassen und konnte sie im großen Navigationsdisplay mit der heutigen Karte überlagern. Wie groß war mein Staunen als ich feststellen musste, dass zur Zeit des Ur-ur-ur-Ahns die Bottengewässer nur bei Strahlsund erreichbar waren, wo sie doch heute nur durch eine Inselkette mit vielen Seegatts gegen die offene Ostsee geschützt sind; so friedlich die Ostsee im Sommer ist, so fürchterlich kann sie im Winter wüten! Vielleicht werden die Inseln einmal ganz verschwinden? Der mittlere  Wasserstand steigt zwar kaum noch, aber die Stürme müssen ganz schön an den Sandbänken nagen! In dieser ruhigen Jahreszeit überließen wir die flachen Botten den Seelöwen und Pelikanschwärmen, das heißt wir blieben auf der Seeseite; die einzige Gefahr sind dann dort die mit 150 Knoten dahinjagenden  Bodeneffekt-Fähren.  Die neuen Anti-Kollisions-Systeme sollen aber sehr gut sein; angeblich erheben sich die Fähren im Notfall 100m über den Wasserspiegel, fast wie ein Flugzeug.


Eldena - Klosterruine

Zwischen dem gegen früher auf seine halbe Länge geschrumpften Hiddensee und der Insel Bock liefen wir in den Strelasund und besuchten die alte Hansestadt Strahlsund. Die Kai-Linie ist viel näher an die alte Stadt herangerückt, die historischen Speicher stehen im Wasser (!), aber die Stadt selbst mit ihren vielen Kirchtürmen liegt auf einer kleinen Anhöhe und ist insofern nie bedroht gewesen.

In den nächsten Tagen erkundeten wir die Botten Rügens, um dann um den Norden der Insel herumzulaufen.  Kap Arkona’s Leuchttürme  auf hohem Felsen - an diesem großartigen Anblick hat sich seit Jahrhunderten nichts geändert, die 5 m Anhebung des Meeresspiegels merkt man hier gar nicht. („Von dort drüben hat Friedrich gemalt!“ bemerkte meine Frau). Und ebenso sehen Rügen’s weiß leuchtende Kreidefelsen von See aus sicher unverändert aus. Allerdings: im 20. Jahrhundert konnte man am Fuß der Felsen entlang laufen; seitdem ist der Wasserspiegel schneller gestiegen als der Schuttkegel wachsen konnte, und heute kann man bei ruhigem Wetter mit einem nicht zu großen Boot direkt an die Felsen heranfahren. „Schau, dort oben den Felsen hat Friedrich gemalt!“ rief meine Frau ganz aufgeregt; aber der Vergleich der alten und der neuen Seekarte zeigte, dass die Küstenlinie um etliche Meter zurückverlegt ist - es bricht doch wohl viel von den weichen Felsen herunter in den schweren Stürmen des Winters.

Auf dem Greifswalder Botten sahen wir eine schöne Luftspiegelung: Greifswald’s Türme schienen sich direkt aus dem Wasser zu heben. Dabei ist die Stadt gar nicht versunken, der große Deich zieht sich ein paar km vor der Stadt an der Küste entlang. Vor dem Deich liegt der ehemalige Fischerort Wiek, dort heben sich einige Gebäude direkt aus dem Wasser, und will man das Fahrwasser nach Greifswald passieren (es endet in einem kleinen Hafen am Deich), so fährt man zwischen  den steil aus dem Wasser aufragenden Fahrbahnhälften der alten Klappbrücke durch!

Wir ankerten in der Nähe, und besuchten am anderen Morgen die im Wasser halb versunkene Klosterruine Eldena mit dem Beiboot. Die muss der Inbegriff der Romantik sein: Von den draußen vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffen kamen die Ausflugsboote mit Touristen, die in gebrochenem Deutsch „Warum ist es am Rhein so schön...“ grölten; und meine Frau versicherte, ihr verehrter Friedrich habe die Ruine schon vielfach gemalt, sie sogar vor dem Wasser zu retten versucht, indem er sie (malerisch) ins Riesengebirge versetzte! Na ja. Esoterik ist nicht mein Fall.

Der Touristentrubel war uns schnell zu viel, wir kehrten zum Schiff zurück, ich „inspizierte den Weinkeller“, und wir verbrachten den Tag unter dem Sonnensegel, nur das tumbe Blöken der Touristen störte den Frieden. In der Dämmerung aber fuhren wir noch einmal die kurze Strecke hinüber zur Ruine, und Leute, ob Ihr es glaubt oder nicht: jetzt strahlten die alten Mauern einen unglaublichen Zauber aus. Weißgolden  spiegelte sich der aufgehende Mond. Geräuschlos und wie im Traum glitten wir durch die Bögen und Gewölbe. Nur flüsternd gedachten wir der Mönche die hier einst gewandelt, deren Gebeine unter den Fußbodenplatten der alten Klosterkirche ruhen mochten. Ein Schnaufen, ein leichtes Plätschern ließ uns herumfahren - nichts.  Ganz langsam, die Riemen geräuschlos einsetzend, angespannt in die dunklen Winkel und Nischen spähend, bewegten wir uns weiter ....... als sich plötzlich vor uns schwarze glatte Köpfe aus dem Wasser hoben. Meine Frau schrie entsetzt auf, und - ich gebe es zu - auch mir rutschte das Herz ganz tief in die Hose!  Es  waren aber bloß Seelöwen, die hier ihr Nachtlager  aufschlagen wollten.

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