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Eisdschungel

1

"Ein seltsames Zeug hat unser Chef de Cuisine da zusammengebraut!" murrte Tom und beobachtete misstrauisch wie der matte Titanlöffel langsam in der rosafarbenen Eiscreme des Nachtisches versank, griff dann beherzt zu und führte sich eine Ladung in den Mund: "Na ja, gar nicht so übel!"

Wang stand noch an der Beobachtungsluke der kleinen Messe, konnte sich offenbar nur schwer von dem Anblick draußen losreißen: "Welch ein wunderbarer Planet! Der schönste den ich kenne. Eine große Perle, matt schillernd in einem silbrigem Grau, in dem man alle Farben des Regenbogens ahnt. Wie kann das alles nur Eis sein?!" Er setzte sich zu Tom an den Tisch und wand sich seinem Nachtisch zu.

"Ja, ein schöner, aber auch ein seltsamer Planet ist es," nahm Tom den Faden auf. "Eis, nichts als Eis zeigen unsere Instrumente. Eine feste Oberfläche aus Eis, aber darauf muss Eis wie – wie Schimmel, wie Filz wachsen – das Radarecho ist verwaschen, irgendwie sehen die Bilder unscharf aus. Und Eiswolken ziehen ganz langsam darüber hin."

"Nun, Pedro und Fatme werden sich bald melden, dann hören wir was da wirklich los ist. Schade, ich wollte eigentlich runter gehen!"

""Klar, jeder von uns wollte runtergehen. Erebus ist wirklich etwas Besonderes. Ein Planet, der  - vielleicht! – nur aus Eis besteht. Eigentlich ist das unmöglich! Er dreht sich schnell: ein Tag dauert nur neun Refernzstunden. Und er kreist um einen Stern der so veränderlich ist dass Fatmes Vorfahren ihn "Algol" nannten, das heißt: "Teufelskopf"! "

"Ist "Erebus" auch arabisch?"

"Nein. Nikolas hat mir erklärt dass der Name aus der altgriechischen Mythologie kommt: Er bezeichnet die kalte Leere der Unterwelt. Man hat den Namen wohl passend zum Teufelsstern gewählt, als man den Planeten entdeckte ...."

"...und noch nicht ahnte wie schön er ist. Man sollte –"

Das Schrillen der Alarmglocke unterbrach das Gespräch.

"Der Kommandant bittet alle Besatzungsmitglieder auf die Brücke!"

Zum Teufel, was ist jetzt wieder los?!" fluchte Tom und verließ mit den anderen Männern und Frauen der Freiwache im Laufschritt die Messe.

2

Als der Kommandant die gesamte Mannschaft versammelt sah, kam er ohne weitere Einleitung zur Sache:

"Wir haben ein Problem. Wie Ihr wisst, sind Pedro und Fatme um 08:35 RT auf Erebus gelandet.  Nach ihrer Beschreibung und nach den Bildern aus den Luken, die sie uns geschickt haben, umgibt ein Wald von riesigen Eiskristallen ringförmig den Lan-deplatz. Lander 1 scheint fest und aufrecht auf einer mehr oder minder ebenen Eis-fläche zu stehen, die wohl der heiße Bremsstrahl freigepustet hat. Pedro und Fatme haben Lander 1 durchgecheckt und sich um 09:15 RT zur Erholung von dem anstrengenden Landemanöver und in Erwartung des lokalen Sonnenaufganges zu einem vierstündigen Schlaf  gelegt. Der Lander hat zunächst einwandfrei automatisch Systemdaten übertragen, aber um 11:08 RT sind die Signale plötzlich abgefallen und ab 11:13 völlig ausgeblieben. Pedro und Fatme wurden um 13:15 automatisch geweckt. Wir haben erwartet dass sie das Problem erkennen und beseitigen werden. Es ist aber nichts geschehen, wir haben keinerlei Lebenszeichen von den beiden. Wir empfangen keinerlei Signale von Lander 1."

Automatisch warfen alle einen Blick auf die Uhr: 15:27 RT.

"Können wir den Lander nicht sehen?"

"Leider nein, unsere Bahn hat sich inzwischen verschoben. "

Der Kommandant schwieg einen Augenblick und fuhr dann entschlossen fort:

"Tom und Wang machen sich bitte im Lander 2 bereit. Um 21:10 RT haben wir ein Startfenster. Wenn wir bis dahin nichts von Pedro und Fatme gehört haben, startet Lander 2. Wir werden das Manöver so einrichten, dass Ihr einen halben Kilometer von Lander 1 aufsetzt. Einen Erholungsschlaf könnt Ihr Euch leider nicht leisten, Ihr müsst sofort los und herausfinden was passiert ist. Ihr setzt um 21:53 auf. Um 22:33 ist wieder lokaler Sonnenaufgang, das passt gut, Ihr müsst den kurzen Tag nutzen!"

"Warum landen wir dann nicht direkt neben Lander 1?"

"Ein Kompromiss mit Sicherheitsüberlegungen. Wer wissen ja eben nicht was am Landeplatz von Lander 1 los ist."

"Jetzt kommen wir doch noch runter!" murmelte Tom, aber so richtig glücklich klang es nicht.

3

Tom und Wang verließen Lander 2 um 22:12 RT, es dämmerte. Der Bremsstrahl hatte in der Tat um den Lander eine blanke Eisfläche geschaffen. Das Fahrzeug stand wie in der Mitte eines riesigen Suppentellers. Die Landebeine waren etwas eingesunken, sie standen in kleinen Wasserpfützen. Das Eis war sehr sauber und klar, man glaubte in beträchtliche Tiefe schauen zu können, aber das mochte täuschen, es war ja auch noch nicht richtig hell.

Tom und Wang hatten trotz ihrer Eisausrüstung einige Mühe, den glatten "Tellerrand" hinaufzuklettern. Jenseits des Randes fand sich ein Gewirr bizarr zusammengeschmolzener Eisblöcke, in dem das Vorankommen schwierig war.

"Wir halten dies für eine Wirkung der Hitzestrahlung des Bremsstrahles" meldete Tom zum Mutterschiff, dem er jetzt kontinuierlich ihre Beobachtungen durchsprach.

"An Stelle der Blöcke haben wir jetzt so etwas wie Stämme aus Eis, mit dicken Ästen, kreuz und quer liegend........
Immer mehr Stämme stehen jetzt.....
Die Eisstämme scheinen aus dem Boden zu wachsen, aber wir wissen nicht ob und in welcher Tiefe hier fester Boden ist, wir sinken immer wieder einmal bis zu den Knien ein.....
Jetzt sind wir zwischen großen Eiskristallen ... ein Wald von Eiskristallen.... kleine, große, riesige .... manche sind mehrere Meter hoch! Und alles ist aufs feinste gefie-dert, wie Raureif ....gigantischer Raureif......
Jetzt färben sich die Spitzen der höchsten Eiskristalle rosa – die Sonne - Quatsch! Algol! geht auf.....
Es ist wunderbar  - ich glaube nicht  dass das über den Handrekorder richtig rüberkommt.... Aladins Höhle .... ein Feenland! Der ganze Kristallwald leuchtet und glitzert .... oben mehr rosa, in den Schatten blaugrün, unten blaugrau. Farne aus Eis, Palmen aus Eis, Korallen aus Eis .... eine schimmernde, glitzernde Wunderwelt aus Eis.....
Wo wir etwas mit der Hand berühren, löst sich einen Wolke rosa Eiskristalle .... mit den Füßen wirbeln wir einen Nebel von Eis hoch ......
Sorry, wenn ich ins Schwärmen komme ..... Soll nicht mehr vorkommen!

4

Der Planetenphysiker an Bord des Mutterschiffes gab seine Erklärungshypothese durch:

"Der Planet ist schnellen Wechseln der Temperatur ausgesetzt, doch pendeln diese immer um den Gefrierpunkt des Wassers. So sublimiert immer wieder Eis, es bilden sich kalte Nebel die langsam um den Planeten driften,  und der kalte Nebel  schlägt sich zu neuen Eiskristallen nieder – als Raureif! Wenn Schicht über Schicht sich absetzt, setzt ein Verdichtungsprozess ein,  dann packen sich die Kristalle zu festem Eis zusammen – so wie sich auf unserem historischen Mutterplaneten am Südpol aus Wasserschnee Gletscher bildeten."

5

Tom und Wang brauchten mehr als  eine Stunde um durch den Eisdschungel vorzudringen bis sie wieder die Wildnis zusammengeschmolzener Eisblöcke erreicht hat-ten. Sie standen jetzt am Rande der großen Schale aus blankem Eis, die Lander 1 mit seinem Bremsstrahl freigeblasen haben musste. In der Mitte der kreisrunden Flä-che musste er aufgesetzt haben. Aber er war nicht mehr dort. Nur eine ungleichmäßige Eisfläche in der Mitte des Rundes markierte die Stelle wo er gestanden hatte.

6

Vorsichtig ließen sich Tom und Wang vom Rande des Tellers herunter und näherten sich der Mitte des Rundes, dabei ständig ihre Beobachtungen an das Mutterschiff durchgebend.

"Das Eis ist sehr glatt, nur am Rande war es vertikal kanneliert, aber hier ist es sehr glatt.... wie an unserem Landeplatz.....
Das Eis scheint ganz klar zu sein, fast wie Glas.... Das Licht von Algol scheint tief einzudringen .....
Wir nähern uns jetzt der Mitte .....
Wo der Lander stand ist das Eis unregelmäßig.... da ist ein kleiner Trichter ....
.....
Oh mein Gott! Wang, Wang, siehst Du es auch?!
.....
Unter der Mitte der Eisfläche, unter der dem Trichter, aber tief unten, können wir schemenhaft einen dunklen Körper erkennen....
Es ist Lander 1!
Das Landefahrzeug ist versunken! Es ist im Eis versunken! Wie kann das sein?!
Wie bewegen uns mit größter Vorsicht weiter, wir haben uns angeseilt..... aber das Eis scheint ganz fest und massiv zu sein.....
Nein, wir sehen keine Spuren von Pedro und Fatme.....
Wir haben den Trichter über dem versunkenen Lander jetzt fast ganz umkreist ...
....
Nein! Nein! Nein!
....
Da ist Pedro. Wir sehen Pedro. Pedro ist tot. Er ist ganz starr. Pedro ist wenige Meter unter der Oberfläche im Eis eingefroren. Wir können sein Gesicht sehen. Er scheint zu uns heraufzublicken, aber sein Blick ist ganz starr...
Hinter ihm sehen wir Schlieren im Eis. In der Hand hält er seine Laserpistole. Er muss versucht haben sich durch das Eis hoch zu kämpfen, aber er hat es nicht geschafft....
Nein, von Fatme keine Spur.....
Der Lander muss versunken sein während sie schliefen....
Wie konnte das passieren? Wie konnte der Lander im Eis versinken?"

Statt einer Antwort verkündete die Stimme aus ihren Kopfhörern:
"Anweisung des Kommandanten! Kehrt sofort um und begebt euch so schnell wie möglich zu eurem eigenen Lander. Die ist ein Befehl: Geht sofort los!"

7

"Verdammt, wie konnte das passieren? Und wieso konnte man es nicht voraussehen?!"

Wütend starrte der Kommandant den Planetenphysiker an. Der wand sich unter dem Blick seines Vorgesetzten:

"Eis unter Druck schmilzt bei höheren Temperaturen. Der Reaktor im Lander erzeugt ständig eine Menge Wärme. Sie wird vornehmlich über die seitlichen Kühlrippen abgestrahlt, aber das ganze Fahrzeug ist wärmer als die Umgebung, auch die Landebeine. Die beiden Effekte – Druck und Wärme – haben zusammen ausgereicht um die Beine versinken zu lassen. Und als der Rumpf mit den Kühlrippen die Oberfläche erreichte, war das Spiel verloren.

Wohlgemerkt – ich vermute dass es so war. Beweisen kann ich es nicht. Dies ist der erste Eisplanet. Wir haben nicht einmal die Daten im Speicher wie sich Eis unter Temperatur plus Druck verhält. Darum konnte man auch nicht vorher....."

Der Kommandant schaltete das Mikrofon ab.

"Genug! Ich werde über Konsequenzen nachdenken - später. Jetzt geht es nur um Tom und Wang – haben sie einen Chance?"

"Wenn ihr Lander genauso schnell versinkt wie Nr. 1 wird er verschwunden sein wenn sie zurückkommen. Gott sei Dank werden die beiden nicht mit dem Lander versinken!"

"Nein, das werden sie nicht, aber ihr Sauerstoffvorrat wird zu Ende sein bevor Lander 3 zur Stelle sein kann."

"Sagen wir es ihnen?"

"Nein, noch nicht!"

Der Kommandant griff zum Mikrofon und drückte die Sprechtaste.

8

Tom und Wang kletterten über den unregelmäßigen Tellerrand, begleitet von der ruhigen Stimme des Kommandanten. So schnell als möglich durchquerten sie das Feld chaotisch zusammengeschmolzenen Eises.

Sie waren schon fast dort wo der Eisdschungel anfing, blendend funkelnd unter dem Licht des hoch am Himmel stehenden Algol, als ein Grollen unter ihren Füßen sie anhalten ließ. Das Eis begann wie von unten zu leuchten. Automatisch drehten sie sich um in die Richtung, wo sie den versunkenen Lander 1 zurückgelassen hatten. In diesem Augenblick schien dort das Eis zu explodieren. Eine Fontäne aus Dampf, Wasser und Eisbrocken schoss in die Höhe, und aus diesem Ausbruch höllischer Kräfte erhob die dunkle Form von Lander 1, beschleunigte, und schwenkte in eine parabolische Aufstiegsbahn.

"Fatme!"

9

"Die Parabolantenne muss abgebrochen sein als der Lander versank während wir schliefen. "

Fatme berichtete mit müder Stimme dem atemlos lauschenden Kreis der um sie versammelten Besatzung.

"So konnten wir nicht mit euch hier im Mutterfahrzeug kommunizieren. Tom und Wang waren so nahe dass ihre Funksignale durchkamen, aber erreichen konnte ich sie nicht. So erfuhr ich dass Pedros Ausbruchversuch gescheitert war. Und als sie den Befehl zur Umkehr bestätigten war mir klar, dass nichts und niemand mir helfen würde. Sollte ich warten bis der immer tiefer sinkende Lander von dem Eis zerquetscht wurde? Ich hatte schon meine "Exitus"-Tablette in der Hand. Aber dann kam mir der verrückte Gedanke, wenn schon dann könnte ich ja auch spektakulärer sterben. Ich leitete den Startvorgang ein."

"Und der heiße Triebwerksstrahl hat den Lander aus dem aufschmelzenden Eis herausgetrieben! Hättest Du uns vorher gefragt, wir hätten es für unmöglich erklärt."

"Ich konnte ja nicht fragen........
Aber was ist mit Tom und Wang? Haben sie – sind sie - ?"

Der Kommandant schüttelte schweigend den Kopf.
 


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