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New York - Freiheitsstatue
 

New York
Oben und unten


 
 „Meine Damen und Herren, liebe Festgäste!“ Der Generalpräsident auf Lebenszeit  stemmte sich in seinem schwer ächzenden Sessel aus Transpirationskunstleder hoch. Der Generalpräsident mochte gut und gerne seine 120 kg wiegen, eine eindrucksvolle Persönlichkeit in der Tat.  Die goldene Amtskette von Manhattan klirrte auf seiner mächtigen Brust. Er warf einen kurzen Blick auf die anderen Staatswürdenträger neben ihm auf der Bühne, dann wandte er sich an die versammelten Ehrengäste im Saal:  „Zum 50. Jahrestages unseres großen Sieges, den mein Vater glorreich errungen und den wir immer wieder so erfolgreich verteidigen konnten, habe ich auch Professor Laxxsson eingeladen. Er war nicht nur an der Entscheidungsschlacht selbst beteiligt, er ist auch ein Historiker von hohen Graden. Ich habe ihn gebeten uns einen historischen Rückblick über die Ereignisse zu geben, die zu jener Entscheidungsschlacht geführt haben. Das soll er ganz nüchtern und fair tun - wir haben es nicht nötig Häme über einen geschlagenen Feind zu gießen. Herr Professor!“

Der alte Herr erhob sich von seinem Platz in der ersten Reihe der Versammlung, erklomm etwas mühsam die Bühne und schlurfte zum festlich geschmückten Rednerpult. An seiner Brust baumelte das „Kreuz der Helden von Manhattan“. Nach den üblichen Ergebenheitsbekundungen gegenüber dem Präsidenten kam er zum Thema:

„Am Anfang der Ereignisse steht eigentlich ein naturwissenschaftlicher Irrtum. Als im frühen 21. Jahrhundert kein Zweifel mehr bestehen konnte an der Realität des anthropogenen  - des menschengemachten Treibhauseffektes, da schätzte man natürlich auch ab um wie viel der Meeresspiegel sich anheben  werde. Man kam zum Ergebnis, dass es sich nur um wenige Meter handeln könne; das würde zwar das Ende des armen Bangladesch und einiger niedriger Inseln im Indischen und im Pazifischen Ozean bedeuten, aber für die reichen  Staaten würde das kein Problem sein, man würde eben die Deiche erhöhen und Flutmauern bauen. Also ließ man der Sache ihren Lauf und verbrannte hemmungslos alle fossilen Kohlenwasserstoffe in kurzer Zeit. Als sie zu Ende gingen, stellte man die Energieversorgung auf Solarkraftanlagen um, aber da war das Unglück schon geschehen: die Temperatursteigerung ging über die höchsten Prognosen noch hinaus, und der Meeresspiegel stieg um eine Zehnerpotenz mehr als vorhergesagt.  Davon blieb auch New York nicht unbetroffen.

Zuerst, als man die Bedrohlichkeit der Lage noch mit wissenschaftlichen Gutachten wegdiskutieren konnte, baute man um Manhattan Flutmauern, musste sie aber alle paar Jahre weiter erhöhen und natürlich auch verstärken. Das ging ein, zwei Jahrhunderte gut, man gewöhnte sich an die neue Situation, fuhr Segelregatten um die Freiheitsstatue, wettete wann der erste Hai über die Brooklin-Bridge statt untendrunter durch schwimmen werde, und genoss das Leben in der immer noch reichen Stadt. Wegen des Square-Cube-Laws wurde die Verstärkung der Flutmauern aber  immer aufwendiger und erwies sich schließlich als ein aussichtsloses Wettrennen mit der Natur. Schweren Herzens beschloss man Ende des dritten Jahrtausends, das Meer nach Manhattan hereinzulassen. Im Rahmen eines gewaltigen Notprogrammes wurden die Versorgungsanlagen (Trinkwasser, Strom) seewasserfest gemacht, dann die Stadt geflutet. Damit hatte man zwar ein großes Problem gelöst, aber viele neue geschaffen, mit denen man ganz allein fertig werden musste.
 

In der Zwischenzeit hatten sich nämlich auch die politischen Verhältnisse gründlich geändert. Während am Beginn des zweiten Jahrtausends immer größere Staaten entstanden, immer größere Industrieimperien, immer größere Organisationsformen, schlug das Pendel um die Mitte des Jahrtausends wieder zurück: während im weltweiten Maßstab sich unter dem Zwang der elektronischen Kommunikation gleiche Normen und Prozeduren durchgesetzt hatten, entstanden andererseits wieder viele kleine politische Einheiten; insbesondere erlangten die bevölkerungsreichen Metropolen politische Selbständigkeit. Seit der „Lex Mexico City“ von 2611 können sich unabhängige Stadtstaaten bilden, und New York ist seit 2632 ein solcher Stadtstaat.  Zwischen den neuen kleinen Staaten erzwingt die reformierte UNO mit brutaler Gewalt den Frieden; was in den Staaten vorgeht, interessiert keine  höhere Obrigkeit.

Die Probleme New Yorks, nachdem es erst einmal geflutet war, bestanden in dem nicht vorhergesehenen Aufwand für Systemwartung und Reparaturen im Unterwasserbereich. Unsere Wolkenkratzer wären innerhalb weniger Jahrzehnte zusammengestürzt, hätte man nicht unablässig an den Unterwasserfundamenten repariert und erneuert. Obgleich das Wasser warm war, war dies eine höchst unbeliebte Arbeit, für die es viel zu wenig geeignete Taucher gab.  Den Ausweg suchte man schließlich in der Gentechnologie: Es wurden Menschen geschaffen, bei denen sich die in der Entwicklung des Embryos ohnehin angelegten Kiemenspalten nicht zurückbildeten, sondern voll ausentwickelten. Gleichzeitig wurden aber auch Lungen gebildet, so dass die neue Menschenart zur amphibischer Lebensweise fähig war. Damit war die neue Art ideal für Unterwasserarbeiten befähigt,  - was ja schließlich der Sinn der ganzen Sache war. Die neue Art - die „Fischmenschen“ wie die anderen  sie spöttisch nannten - erwies sich als außerordentlich lebenskräftig. Dass sie einen erheblichen Teil ihres Lebens im Wasser verbrachten, war ein biologischer  Segen: die mit dem aufrechten Gang verknüpften Krankheiten an Knochen, Gelenken, Muskelapparat, Verdauungstrakt, Kreislauf usw. usf. gab es bei dieser Art nicht; lediglich bei den älteren Individuen erwies sich die Lunge als Schwachpunkt; sollten sie längere Zeit außerhalb des Wassers verweilen, kam es häufig zu Atemnot. Das Austragen der Kinder war für die Frauen im Wasser viel leichter: die neue Art erwies sich als ausgesprochen fruchtbar -  nach einigen zehn Generationen wuchs die neue Art zur zahlenmäßigen Bedrohung der alten Art an, der sie doch nur als spezialisierte Arbeitstruppe dienen sollte.  Und nicht nur zahlenmäßig wurden die Fischmenschen  zum ernsthaften Konkurrenten; sie konnten mit den Techniken der „wirklichen Menschen“ (die Fischmenschen  gebrauchten diesen Ausdruck natürlich nur ironisch) arbeiten, entwickelten aber zusätzlich viele neue Technologien für die Arbeit im Wasser. So bauten sie zum Beispiel die alten Metroschächte zu Plankton- und Fischzuchtanlagen großen Maßstabs aus. Die Fischmenschen sahen sich selbst als gleichwertig an, sie pochten schließlich sogar darauf, dass die allgemeinen Menschenrechte nach der Charta der UN auch für sie gelten sollten!

Im Laufe weniger Jahrhunderte entstand so aus dem ursprünglichen Abhängigkeitsverhältnis eine Konkurrenzsituation, aus der Konkurrenz ein Kampf um die Ressourcen, daraus schließlich ein Bürgerkrieg.  Die Fischmenschen versuchten den anderen die Versorgung mit Strom und Trinkwasser abzuschneiden; die „wirklichen Menschen“  schlugen mit Strafaktionen zurück, waren aber zu aufwändigen Investitionen gezwungen.

New York – Brooklyn -Bridge


Um sich unabhängig zu machen, mussten sie  nicht nur riesige Solarsammler errichten, sondern alle Versorgungsleitungen in luftiger Höhe auf Brücken zwischen den Wolkenkratzern verlegen. Ihr Lebensstandard sank beträchtlich, unversöhnlicher Hass gegen die „Fischmenschen“ wuchs.

Am Anfang dieses Jahrhunderts waren also die oberen Stockwerke der Wolkenkratzer von den „wirklichen Menschen“ bewohnt, die Stockwerke unter dem Wasserspiegel und die ersten darüber von den Fischmenschen. Dazwischen gab es ein Niemandsland von  ein paar Stockwerken, wo es immer wieder zu Kämpfen zwischen patrouillierenden Gruppen kam. Diese Reibereien eskalierten schließlich zum echten Bürgerkrieg.  Beide Seiten waren entschlossen, Unrecht und Aufruhr ein Ende zu machen, die Macht für ihre „gerechte Sache“ an sich zu reißen und die anderen endgültig zu vertreiben. Bei allen diesen Kämpfen musste man jedoch die Bausubstanz der Wolkenkratzer erhalten, auf die ja jede der beiden Seiten angewiesen war. Also kämpfte man vornehmlich mit Handfeuerwaffen, Giftgas, Strahlenwaffen, versuchte auch, allerdings vergeblich, den Einsatz biologischer Waffen.

Unter uns sind noch viele die diese Kämpfe miterlebt haben; mit stolz erinnere ich mich an den Endkampf vor 50 Jahren im Empire State Building, an dem ich unter der Führung Ihres verehrten Vaters“ - der alte Professor verbeugte sich steif in Richtung des Generalpräsidenten -„teilnehmen durfte. Treppe -  um Treppe, Luftschacht um -  Luftschacht, Stockwerk um  - Stockwerk haben wir -  gekämpft und - schließlich - einen - grandiosen Sieg - errungen - den - wir  -- ja --- heute-----feiern---------dürf...“

Der alte Professor hatte die letzten Sätze nur noch mühsam hervorgebracht; offensichtlich litt er unter Atemnot. Im Saal entstand Unruhe.

Der Generalpräsident erkannte als erster was los war. Er stemmte sich hoch und herrschte seine Adjutanten an: „Schnell, schnell! Ehe er uns erstickt! Hier, nehmt das Soda - Siphon und spritzt ihm Wasser hinter die Kiemen!“

 

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