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Amiens - Kathedrale
 

Amiens
Die Wale


 
 
Liebe Mercedes, meine teure Freundin!

Dein Brief hat mich sehr gefreut. Es ist schön zu hören, dass Ihr den Ausbruch des Popocatepetl ohne Schaden überstanden habt. Traurig stimmt mich allerdings die Nachricht dass Ihr Xochimilco ganz aufgeben wollt; jetzt wird jede Erinnerung an den großen See schwinden, in dem Deine stolze Heimatstadt einst lag. Ein See, ein Fluss, das nahe Meer trägt viel zum Charakter einer Stadt bei.  Das wird es bei Euch nie mehr geben - zu Euch wird das ständig steigende Meer bestimmt nicht kommen!

Gerne folge ich Deiner Bitte etwas ausführlicher über meinen Tauchbooturlaub, und insbesondere über die singenden Wale, zu erzählen, die ich in meinem letzen Brief nur nebenbei erwähnt habe. Und ich will auch gerne Deinem nostalgisch-romantischen Wunsch folgen, meinen Bericht von Hand zu schreiben. Es stimmt, wenige können das noch, da wir uns doch alle an Spracheingabe in unsere PCs gewöhnt haben.

Nun denn: Ich hatte für meinen vergangenen Jahresurlaub eine Tauchfahrt „Höhepunkte des submarinen Europa“ gebucht, es wurden wirklich erlebnisreiche vier Wochen. Unser Boot war die „Nautilus“, das Flaggschiff der EUROPEAN SUBMARINE TOURISM. Ein schönes, großes, schnelles  Boot mit einem ganz neuartigen Atomantrieb; sehr komfortabel: wir waren 53 Touristen  und fühlten uns nie beengt! Wir haben die ganze Zeit in dem Boot gelebt und uns überwiegend von Meeresprodukten ernährt, die wir selbst auf unseren Tauchgängen geerntet, gesammelt, gefangen haben - das war Teil des Programmes und gewährte uns tiefe Einblicke in das submarine Leben.

Die singenden Wale waren sicher ein Highlight unserer Fahrt. Amiens heißt die versunkene Stadt wo wir sie gesehen haben, in der ehemaligen europäischen Provinz Frankreich. Die Stadt ist nicht ganz leicht zu erreichen, einmal mussten wir sogar auftauchen, weil das Wasser so flach war - das einzige Mal in diesen Wochen dass wir Bäume sahen! Wir kamen am Abend an, droben tobte das übliche Tropengewitter des späten Nachmittags, so dass wir es vorzogen uns den Annehmlichkeiten des Bordlebens hinzugeben (Blitze können auch einen Taucher im flachen Wasser gefährden, sagt man). Unser Boot schwebte auf dem Marktplatz der Stadt vor der großen Kathedrale;  neben uns zwei weitere Boote der Konkurrenz. Jegliches Sammeln ist hier verboten, so daß wir von den Vorräten leben mußten: es gab Kammschnecken am Spieß und Seetanggemüse.  Es ist erstaunlich wieviel verschiedene Pflanzen und Tiere es da unten gibt. Natürlich gilt auch hier das allgemeine Verbot des Verzehrs von Wirbeltieren; also isst man nur Seesterne, Seeigel, Krabben, Kraken, Seegurken, Polypen, Würmer, Muscheln, Schnecken .... .

Am Morgen, nach dem Frühstück, gab unser Reiseleiter uns erst einmal einen kleinen historischen Überblick, „damit er die feierliche Stimmung in der Kathedrale nicht stören müsse“.  Seinen Ausführungen nach verdanken wir die Singenden Wale in der Kathedrale einem  - Unfall: Um den Touristen den Tauchgang in der Kathedrale noch feierlicher zu gestalten, hatte man Orgelmusik eingeführt, die über Unterwasserlautsprecher ausgestrahlt wurde. Eines Tages lief ein großes Tauchboot (der Konkurrenz natürlich!) aus dem Ruder, brach in die große Fensterrosette und zerstörte sie völlig. Natürlich wollte man sie wieder herstellen.

Aber ehe es dazu kam hatten sich die Grauwale und Delfine der Gegend angewöhnt, in die Kathedrale zu kommen und der Musik nicht nur zu lauschen, sondern selber mit ihrem Gesang dazu beizutragen! Natürlich hatte man später ganz spezielle Orgelmusik entwickelt, die sich mit dem Gesang der Wale zu einer wunderbaren Harmonie fügte ... wir würden es ja hören!

Beim  Frühstück gab es eine lebhafte Diskussion darüber warum die Gesellschaft ihr Flaggschiff wohl immer „Nautilus“ nannte, das wusste keiner, auch der Kapitän konnte uns nicht helfen. Es war eine unerklärliche Tradition.

Wir legten wir unsere Taucheranzüge an und verließen das Boot. Wir tauchten kurz auf, aber der Rundblick droben war nicht sehr aufregend: Nur der Dachreiter der Kathedrale stach spitz wie eine Nadel durch die ruhige Wasseroberfläche; ein paar Ruinen in einiger Entfernung vermochten kein Interesse zu wecken. Wir tauchten wieder ab und umschwammen die Kathedrale, glitten ihr Maßwerk entlang, durch die Strebebögen. Vieles war mit Algen, Seeanemonen und anderem Gewächs bedeckt, in dem es von kleinen bunten Fischen und vielerlei Getier wimmelte. An einer Stelle gab es sogar eine neue Korallenkolonie! Man glaubte diese Tiere nach dem Tod des großen Barrierriffs vor Australien schon ausgestorben! Die Frontseite allerdings hatte man sauber gehalten, nur die verschwundene Rosette gähnte als großes schwarzes Loch. Wir bewunderten den reichen Figurenschmuck der Front, des Tympanons und der Archivolten, und glitten durch eines der Nebenportale in das Innere.

Es ist ein ganz wunderbarer Kirchenraum, Gotik in Vollendung mit den schlanken Säulen und den Sterngewölben der drei Schiffe. Lichtbündel fielen durch das Filigran der Fenster, hier und da bunt schillernd wo eine farbige Scheibe erhalten geblieben ist. Wem da nicht feierlich zu Mute wird dem muss jedes Gefühl für das Erhabene abgehen; jemand so romantisch veranlagt wie Du müsste wie betäubt sein von solcher Schönheit. Schade dass man nicht weiß wer all dies geschaffen hat!

Amiens – "Der weinende Engel" in der Kathedrale

Wir ließen den Raum ein paar Minuten auf uns wirken und schauten uns dann genauer um. Der Boden der Kirchenschiffe wird offenbar von Bewuchs und Sand sauber gehalten, er zeigt in weißem und schwarzem Stein die schönsten geometrischen Muster.  Gleich beim Eingang findet sich ein ganz kompliziertes Labyrinth. Ein wunderbares Kunstwerk findet sich im Chor: der „weinende Engel“, ein hübsches pummeliges geflügeltes Knäblein, das über einen Totenschädel weint ... die Hinfälligkeit allen Lebens und allen Ruhmes beklagend. Der Name des Künstlers ist unbekannt.

Jetzt klangen die ersten Orgeltöne auf, füllten den Raum mit schwebenden Klängen  so wie er mit Licht durchflutet war. Auf ein Zeichen unseres Reiseleiters zogen wir uns in ein Seitenschiff zurück; die Touristengruppen aus den beiden anderen Booten hielten sich drüben. Ein Schatten schien an der großen kreisförmigen Öffnung  der Rosette vorbei zu gleiten, verschwand , kam wieder vorbei. Dann plötzlich drängten eine Schule Delfine durch die Öffnung herein, und dahinter folgten vier große Buckelwale - ein unglaublicher, ein atemberaubender Anblick! Für ein paar Minuten schwebten sie mit majestätischen Bewegungen durch das große Kirchenschiff.

Dann änderte die Musik ihren Charakter, und die Wale und Delfine begannen zu singen. Ich kann das nicht beschreiben. Ich kann nicht einmal das uns vertraute Spiel der Orgel beschreiben, deren Klangfluten bald majestätisch dahinzogen, bald im schaurigsten Bas dröhnten, bald im Pianissimo wisperten, um dann jubelnd aufzubrausen bis in die sphärischen Höhen der Vox Celesta.

Und die Wale und Delfine sangen mit! Ihr Grunzen und Brummen, Pfeifen und Grollen, Quarzen und Quietschen, Klicken und Zwitschern - nein, das kann ich wirklich nicht beschreiben! Es war eine wunderbare, eine großartige, gewaltige Musik! „Und Gott schuf einen großen Fisch ... “  kam mir in den Sinn - steht das in der Bibel?

Später, wieder draußen, wies uns der Reiseleiter auf eine zerbrochene Gedenktafel hin; sie sah etwa so aus:



Das muss einer der größten Touristen gewesen sein,“ meinte unser Reiseleiter. „Leider wissen wir nicht wer er wirklich war. Den angedeuteten Reisen nach kann er frühestens im 21. Jahrhundert gelebt haben, aber wir wissen es nicht genau. Die Tafel kann auch viel jünger sein. Wenn man wenigstens den Namen des Tauchbootes noch lesen könnte!“

„Vielleicht hieß es ja Nautilus, und unser Boot ist danach benannt!“ schlug einer aus unserer Gruppe vor, und erntete dafür schallendes Gelächter (so weit man unter Wasser lachen kann). Aber der Reiseleiter machte die hübsche Idee zunichte: „Nein, unsere Passagierlisten sind seit der allerersten Fahrt der Gesellschaft vollständig erhalten, da steht kein Jules Verne drin, das haben wir längst geprüft.“

Jetzt aber, meine liebe Freundin, zu einem ganz anderen Thema: ......
 

*    *    *

 

Anmerkung:
Jules Verne (1842-1905) starb in Amiens.
 
 

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