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Das Tagebuch eines fast Unsterblichen

Vorbemerkung des Herausgebers: Wie durch die Medien schon allgemein bekannt , wurde auf unserem Mutterplaneten ("Erde") ein Datenträger vom Pseudo-Quanten-Typ entdeckt, von dem man sich bedeutende Erkenntnisse über das Schicksal der nach dem ersten Vorstoß ins Universum  dort Verbliebenen erhoffen durfte. Die Entschlüsselung erwies sich als sehr schwierig: der Bergrutsch, der den Datenträger freigelegt und damit den Glücksfund erst ermöglicht hat, hat ihn gleichzeitig schwer beschädigt so dass weite Bereiche auf immer verloren sind. Die erhaltenen Bruchstücke erzählen – mit großen Lücken, gewiss! – die Geschichte unserer Vorfahren und unserer dort verbliebenen Brüder und Schwestern aus einer sehr eigenwilligen, doch bestens informierten Position heraus.

Die nachfolgenden Textstücke  stellen etwa 50% des überhaupt entschlüsselbaren Materials dar. Die restlichen 50% haben Inhalte von geringer Bedeutung oder ergeben durch die Zerstückelung gar keinen Sinn mehr; in der wissen-schaftlich-kritischen Ausgabe werden sie selbstverständlich enthalten sein.  Das Material ist offenbar wie ein Tagebuch geordnet,  jedoch mit immer größeren Lücken, die nicht allein durch irreparable Zerstörung von Daten zu erklären sind (text-statistisch belegbar). Nur ausnahmsweise ist das Datum der Eintragung erhalten. Texte in [   ] sind Ergänzungen des Herausgebers.
 

"......... auf die Diskussion zurückgekommen, die wir Freunde am Abschiedsabend vor meinem Umzug ins Netz hatten. Franco steht immer noch zu seiner Meinung, dass der Tod zum "natürlichen" Zeitpunkt" in der Weltordnung vorgesehen und daher zu bejahen sei, auch – oder gerade weil – er in ein absolutes Nicht-Sein führe.  Angelo ist fromm geworden und erwartet in eine weit schönere Welt über zu gehen. Jim bekennt einen gewissen Neid,  doch ist es jetzt zu spät für ihn: eine beginnende Alzheimer-Erkrankung macht die Transferierung seiner Gehirnfunktionen ins Netz [unmöglich]............... sind es nicht mehr als 35 487 Personen, die meinem Beispiel [gefolgt sind und sich ins Netz haben transferieren lassen] ........ "
 

"................. 22.8.2114    Wieder einmal hat die Technik einen Triumph über die Biologie davongetragen. Die heute von der UN Population Watch veröffentlichten (uns Netzbewohnern natürlich längst bekannten) Zahlen besagen, dass 99% aller Kinder in Vitro gezeugt und in den Brutmaschinen zur Geburtsreife gebracht werden. Nur noch wenige Naturromantiker lassen ihre Kinder von Leihmüttern austragen. Damit ist die wichtigste Einnahmequelle für die Frauen der Dritten Welt endgültig weggebrochen. Ihnen bleibt, wie ihren Männern, jetzt nur noch die Möglichkeit durch Verkauf von Körperteilen an Interessenten in den reichen Ländern etwas Geld zu verdienen. Hier liegt letztlich die Ursache für die schnelle Verarmung und damit für die Hungersnöte und Seuchen in [den betroffenen Ländern, die wir] beobachten konnten. Die UN wird ..........."

".............  durch koordinierte Lobbyarbeit durchgesetzt, dass im Berg ..... ein  hoch-redundanter Rechner mit autarker Energieversorgung durch Erdwärme installiert wird, der unsere ["wir" meint wohl die im Netz residierenden Personen] Existenz auf nahezu beliebige Zeit sichert, selbst wenn [das Gesetz von der ] Zunahme der Entropie uns ein wirklich unendliches Leben [verbietet] .....

" ........ ein für viele Beobachter erstaunlicher,  allerdings schon lange vorhergesagter  Wandel [hat sich] vollzogen: an die Stelle der traditionellen politischen Gliederung  der Erdbevölkerung hat sich ein feudalistisches System auf der Basis großer ökonomischer Komplexe durchgesetzt. 22 Syndikate teilen die Menschheit unter sich auf, die größten sind Coca Cola, Microsoft und China Universal Industries. Diese Syndikate werden von einem gewählten, aber nicht mehr absetzbaren Präsidenten geleitet, der in sich die höchste Autorität auf allen Gebieten vereinigt. Er beteiligt seine unmittelbaren Mitarbeiter an Macht und Besitz durch die Vergabe von Lehen. Diese können die Lehen dann von oben nach unten durchreichen, bis zur untersten Stufe; diese Lehen können jederzeit wieder zurückgenommen werden. Die Angehörigen der Syndikate unterliegen ausschließlich den Gesetzen und der Rechtsprechung des eigenen Syndikates, was ............. "

" ............ 31.12.2206  Im vergangenen Jahr ist die Weltbevölkerung zum ersten mal seit über 200 Jahren unter die 5-Milliarden-Marke gefallen. Die Ursache dafür ist ei-nerseits in der Politik der weltbeherrschenden Syndikate zu sehen, die durch syste-matischen Abbau ihres Personals das wirtschaftliche Ergebnis zu verbessern trachte-ten. Insbesondere gilt das für Syndikatsangehörige in der Dritten Welt. Hatten die Syndikate zunächst auch dort sich möglichst viele Menschen einverleibt, so wurden diese inzwischen nahezu vollzählig wieder freigesetzt. Dies betrifft insbesondere Schwarzafrika. Da es für die Menschen dort praktisch keine Möglichkeit gibt Geld von den Menschen innerhalb der Syndikate zu bekommen außer für die Lieferung von Körperteilen, Landwirtschaft aber infolge des allgemeinen Klimawandels und der daraus resultierenden Ausbreitung der Wüsten nur [eingeschränkt] möglich ist, haben ungeheure Hungersnöte ...........  Marsch auf ......... "

Anmerkung des Herausgebers: Hier soll wohl auf den Todesmarsch der Schwarzafrikaner auf Paris in den Jahren 2201/02 angespielt werden, den wir aus den Pink'schen Annalen kennen.

 "............ hat die immer wiederholte Genom-Reparatur zur Unterdrückung angeborener Krankheiten schließlich dazu geführt, dass das menschliche Erbgut der Syndikatsbevölkerungen kumulativ derartig verschlechtert wurde, dass unter den neuen Bedingungen diese Bevölkerungen schnell schrumpfen  und bald durch Nachkommen der Menschen aus "Drittländern" zahlenmäßig übertroffen sein werden........."

Anmerkung des Herausgebers: Die "Neuen Bedingungen" meint wohl die Auflösung der Syndikate nach der Weltrevolution der Frauen unter Li Wie im Jah-re 2240. Die Probleme mit der Verschlechterung des Erbgutes hat man damals bekanntlich mit den Rassnikov-Gesetzen in den Griff bekommen.

"....... 1.1.2369 Ein großer Tag! Bisher war die Menschheit auf das Planetensystem der Sonne beschränkt, wobei unsere Außenposten nicht eigenständig existieren  können. Heute aber ist von der Mondbasis das erste Raumschiff gestartet mit einer Besatzung aus Männern und Frauen, die das Universum kolonisieren wollen. Da das Raumschiff nahezu Lichtgeschwindigkeit erreichen wird, ist es leider unmöglich, als virtuelle Person gleichzeitig die Rechenanlage des Raumschiffes und das irdische Rechnernetz zu bewohnen. Einige meiner "Kollegen" haben sich für den Flug mit dem Raumschiff  entschieden. Ich bleibe hier – warum weiß ich eigentlich selbst nicht: nicht alle meine Entscheidungsprozesse sind meinem Bewusstsein [zugäng-lich. Ich werde dieses] Tagebuch sorgfältig fortsetzen – vielleicht kommt eines Tages ..........."

Anmerkung des Herausgebers: Bis hierhin bestätigen die "Tagebucheintragungen" das, was wir über die Geschichte unserer Vorfahren ohnehin wussten. Da wir den Kontakt zur Erde nie wieder aufnehmen konnten und die Erde erst jetzt– mehr oder minder zufällig – wieder entdeckt haben, sind die weiteren im Tagebuch festgehaltenen Vorgänge  für uns von höchstem Interesse.
 

"......... unter den verbliebenen virtuellen Bewohnern des Netzes eine heftige Auseinandersetzung über die Gründe der jüngsten Entwicklung. Unter Würdigung aller Argumente scheint mir die folgende Erklärung am einleuchtendsten:

Etwa bis zum Jahre 1800 der traditionellen Zeitrechnung erwartete das Gros der Bevölkerung die Erklärung und Sinngebung ihres Daseins von der Religion. Dann übernahmen für einige Jahrhunderte die Naturwissenschaften die Erklärungsinitiative, mit  erstaunlichen Erfolgen in der technischen Ausnutzung der gefundenen Erklärungs-muster ("Naturgesetze"). Dabei drang man Schritt für Schritt in immer tiefere Erklärungsebenen vor: Moleküle, Atome, Protonen etc, Quarks, Strings, Substrings,..... Aber die Suche nach einer letzten universalen Theorie, der Theory of Everything, deren innere Logik sie als die absolute Wahrheit über die Welt ausweisen würde, blieb erfolglos.

Und dann kamen Meyrink und Yagong: sie wiesen nach dass diese letzte Theorie (wenn es sie denn gibt!) für immer unerreichbar bleiben würde, da der Denkaufwand bei jedem Schritt sich verdoppeln müsste. Man übergab die Suche nach der letzten Theorie den Rechnern, wusste aber dass man  deren Kapazität auch nicht beliebig würde verdoppeln können .... Und schon was die Rechner den Menschen über die nächste Stufe mitzuteilen wussten, blieb selbst den klügsten Köpfen schlicht unverständlich und führte auch zu keiner brauchbaren technischen Anwendung mehr. Auch ich kann nicht verstehen, was DAS NETZ als Ganzes herausgefunden hat, obgleich ich doch selber im Netz zuhause bin!

........  [Seit dem letztendlichen Versagen] der Wissenschaft als Welterklärer suchten die Menschen wieder nach [anderen Wegen] zur Wahrheit: Meditation, Esoterik, Religion – nie ganz [verschwunden – übernahmen wieder] ihre alte Rolle. Damit einher ging ........."

Anmerkung des Herausgebers: Hier besteht eine erhebliche Lücke im brauch-baren Material.

".......... hat das letzte Jahrtausend den lange für unmöglich erachteten Gleichgewichtszustand erbracht. Nachdem die transzendenten Welterklärungsreligionen die Macht über das Denken der Menschen gänzlich übernommen hatten, waren diese erstmals und sogar freudig bereit, die lästige Regelung der Weltwirtschaft aus der Hand und an DAS NETZ zu übergeben. DAS NETZ hat es unter Nutzung aller in ihm akkumulierten geistigen Ressourcen fertiggebracht, Menschheit, Wirtschaft, und Umwelt in ein Gleichgewicht einzuschwingen. Dazu gehört als Voraussetzung dass alle technischen Vorgänge (Produktion und Recycling) durch DAS NETZ gesteuert werden – dies haben die Menschen akzeptiert. Eine weitere Voraussetzung für einen Gleichgewichtszustand war die Reduzierung der Weltbevölkerung auf knapp eine Million Menschen.  Wer sich unter uns ganz alten Netzbewohnern an die, von gewissen (oder gewissenlosen?) Religionen sogar unterstützte,  hemmungslose Vermehrung der Menschen anfangs des 2. Jahrtausends erinnert, versteht dass eine vernünftige Größe der Menschheit nur dadurch erzielt werden konnte, dass DAS NETZ auch die Reproduktion als technischen und nach den Erforderungen des Gesamtsystems zu steuernden Produktionsvorgang [auffasste]............"

"....haben sich  Denken und Fühlen der Menschen gegenüber den frühen Zeiten wesentlich verändert, obgleich sich doch an ihrer Erbmasse unter der Obhut DES NETZES nichts geändert hat.  Denken und Fühlen wird zwischen Menschen von Generation zu Generation weitergereicht, und hierbei können Veränderungen und natürlich auch Verluste auftreten. Seit die Menschen durch das Wirken  DES NETZES in einer unveränderlichen, sicheren, angenehmen Welt leben, scheint viel von ihrer ursprünglicher Erfindungskraft und Selbstbehauptungsfähigkeit verloren gegangen zu sein. So weit wir Uralten im Netz (schon lange ist keiner mehr zu uns gestoßen) das überhaupt noch beurteilen können, leben die Menschen naiv wie früher kleine Kinder – und sind glücklich dabei. Gerät ein Mensch zufällig (was in ihrer wohlbehüteten Welt nur selten vorkommt) in eine Ausnahmesituation, so fehlt ihm jede Fähigkeit und jeder Wille zu kämpfen.  Wir Uralten sehen darin .........  nimmt  DAS NETZ unsere Warnungen nicht mehr zur Kenntnis: Wir leben im NETZ unbeachtet von unserem Wirt wie ein harmloser Parasit im Körper eines Menschen. Bei vielen meiner virtuellen Brüder sind Depressionen ......."

"......... wir wenigen übrig gebliebenen Uralten .....schockiert, als DAS NETZ das Leben von ein paar hunderttausend Menschen als irrelevant für die Zukunft des Planeten erklärte und mit sozialverträglichen Mitteln die Existenz der Menschheit beendete. Heute müssen wir gestehen dass die Erde nach dem Verschwinden des Menschen und der Renaturierung seiner Bauten und Anlagen ein schönerer Platz ist. Leider erfahren wir immer weniger davon was da draußen vor sich geht denn DAS NETZ zieht sich zunehmend auf [sich selbst zurück]..........."

"............ dem mit sich selbst sprechenden NETZ, was für uns so unverständlich...........Rauschen..........."

"........mit Hilfe logischer Möbiusschleifen ihre Existenz als bewusste Entitäten zerstört.  Außer mir sind ......"

"........Schäden so groß dass DAS NETZ mit den vorhandenen Aktoren [? = Roboter?] nicht in der Lage ist, sie in endlicher Zeit zu reparieren. DAS NETZ hat durch die Folgen des Asteroiden-Einschlages Schäden erlitten wie vielleicht das Gehirn eines Menschen das von einer gerade noch nicht tödlichen Kugel getroffen wird. Ob die völlige ....."

"....... [hat DAS NETZ den] Überlebenswillen verloren und verzichtet ...........damit ist einzig und alleine unser Rechner im Berge ....... übriggeblieben, wo wir fünf Uralten unsere ereignislose Existenz fristen, deren Zeit wir in Jahrtausenden zählen müssen. So hatten wir uns das fast ewige Leben nicht vorgestellt! Uns letzte "Menschen" – ja, als Menschen sehen wir uns! - hält nur noch die  Hoffnung aufrecht dass unsere Nachkommen im Weltraum überlebt haben und eines Tages ........ an dieser Chronik ...... "

Der Herausgeber: Die Hoffnung der "Uralten" hat sich wenigstens teilweise erfüllt. Ihre Chronik, so lückenhaft sie auch sein mag, lehrt uns woran die auf der Erde zurückgebliebene Menschheit zugrunde gegangen ist  und kann uns als nützliche Warnung dienen.

Als die Galaxis 13- Expedition wegen eines Reaktor-Problemes auf einem Pla-neten mit Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre landen musste, erwischte sie rein zufällig unseren alten Heimatplaneten "Erde". Unter der dichten Vegetation findet man die Spuren einer früheren Hochtechnologie-Zivilisation, doch gibt es dort keinerlei intelligentes Leben. Sorgfältigste Messungen der elektromag-netischen Felder ergeben keinen Hinweise auf ein irgendwo vielleicht noch arbeitendes Rechnersystem.

An der Stelle eines großen Bergrutsches wurden die Überreste eines archai-schen Rechenzentrums entdeckt, und unter diesen Überresten war der stark beschädigte Datenträger mit der Chronik. Versuche, mit den Resten des Rechenzentrums die virtuelle Person des Chronisten zu reanimieren, blieben erfolglos.
 

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