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Arbeit!

1

Wieder einmal schien die Zeit zu kriechen.  Paul dehnte das Frühstück aus, studierte die Gesellschaftsnachrichten auf dem Infodisplay, setzte sich in den Schaukelstuhl unter der künstlichen Sonne, lauschte dem beruhigenden Meeresrauschen aus den Lautsprechern, ließ  dann Vogelzwitschern erklingen.

Zur vereinbarten Zeit begab er sich ans Terminal und gesellte sich zur Runde der Super-Mau-Mau spielenden Freunde. Als die Karten schließlich ruhten, entspann sich eine Unterhaltung über die guten alten Zeiten, als alle arbeiten durften und damit die Woche gut gegliedert war – nur wenn man drei oder besser noch vier Tage arbeitete,  konnte man die Muße des Wochenendes genießen! Aber heute? Heute hatten die Roboter allen die Arbeit weggenommen, und die Menschen waren zu endlosem Müßiggang gezwungen.  Klar, jeder hatte eine hübsche Wohnung, bekam gutes Essen ganz nach persönlichem Geschmack zugestellt (nährwertkontrolliert, so dass niemand Übergewicht ansetzte), konnte beliebig reisen. Partnerschaften jeder Art waren möglich, von Zweierbindungen bis zu größeren Gruppen – aber wer mochte schon unablässig Sex haben? Manche widmeten sich künstlerischen Tätigkeiten, malten zum Beispiel nach Nummern  oder stickten Sofakissen – aber wer konnte schon unablässig kreativ sein? Arbeit, harte Arbeit fehlte! Es war kein Wunder dass die neue Fernsehserie  so ungeheuren Erfolg hatte. Heute Abend würde sie wieder laufen, heute Abend würde der Hauptgewinner des Monats verkündet! Hatten alle....? Natürlich hatten alle in der Mau-Mau-Runde sich beworben! Man winkte sich zu und löste die Runde für heute auf.

Nach dem Mittagessen begab sich Paul in die Schlafkugel, nahm eine Harmonietablette, ließ sich eine Stunde lang wiegen zu sanften Klängen und feinen Düften. Gähnend kam er wieder hervor, kehrte zum Schaukelstuhl zurück. Ließ eine Fahrt durch einen Safaripark vor sich ablaufen – und gähnte mit den Pavianen um die Wette. Der Nachmittag kroch vorbei. Endlich kündigte das langsame Verlöschen der künstlichen Sonne das Ende des Tages an. Endlich begann der Fernsehabend.

Ja, es war eine tolle Show. Die Roboter hatten sich altertümliche Arbeitskleidung über die mattschimmernden Stahlkörper gezogen: Da waren Zimmerleute in schwar-zen Westen und mit breitem Hut, da waren ganz in Weiß Köche mit hohen Mützen und Bäcker mit flachen Käppis, da war ein Schmied in Lederschürze, da war sogar ein Schornsteinfeger! Sie alle führten typische Tätigkeiten vor, wie sie in vergangenen Jahrhunderten die Handwerker hatten ausführen müssen. Die Menschen aber, die in umfänglichen Eignungsprüfungen sich für die Teilnahme an der Show qualifiziert hatten, versuchten es ihnen gleichzutun. Das war vielleicht lustig! Wenn die Möchtegerne-Zimmerleute vergeblich sich mühten einen Nagel in einen Balken zu treiben; wenn die Möchtegerne-Bäcker vergeblich Brezeln zu formen versuchten; wenn die Möchtegerneköche das aufessen mussten was sie angerichtet hatten – man mochte sich ausschütteln vor Lachen! Zwischen den einzelnen Wettbewerben traten – ganz wie früher - Möchtegernesänger auf. Sie gaben lustige Lieder von sich, wie etwa das immer wieder  mitreißende "Wer möchte fleißige Handwerker sehn?!"

Dann aber kam die Verkündigung der Gewinner. Die Teilnahme an der Lotterie war ja ganz einfach: man musste sich nur bewerben. Darum gab es Millionen von Teilnehmern. Zuerst wurden die kleineren Preise vergeben. Paul wartete gespannt, wurde aber immer wieder aufs neue enttäuscht. Schließlich  blieb nur noch der Hauptgewinn....

"Unser Aufnahmeteam befindet sich vor der Wohnung des nichtsahnenden Gewinners" verkündete die Moderatorin, "Jetzt werden wir gleich ....."

Paul erstarrte: Vor ihm auf dem Bildschirm – das war doch seinen eigene Wohnungstür! Da war doch das fein polierte Schild "Paul Markovitch"!

Auf dem Bildschirm näherte sich eine mattmetallisch schimmernde Hand dem Klingelknopf ....

"Besuch für Herrn Paul Markovitch!" sagte  die Klingel in Pauls Rücken.

Paul sprang auf. Eilte atemlos zum Eingang. Zog mit einem Ruck  die Tür auf. Blickte in die Kamera. Viele Millionen Zuschauer sahen seine weit aufgerissenen Augen, hörten sein heißeres

"Ja!?!"

"Herr Markovitch, wir sind hier um Ihnen zu sagen dass Sie unser heutiger Hauptgewinner sind. Sie haben zwei volle Wochen Arbeit gewonnen!"

Viele Millionen Zuschauer hörten Pauls Jubelschrei:

"Arbeit!!!"
 
 

2

Nie in seinem Leben war Paul so glücklich gewesen. Auf die Minute stand er an seinem Arbeitsplatz, keine Minute eher machte er Schluss als es der Vorarbeiter befahl. Montagearbeit an einer riesigen Maschine lag an. Haushoch war sie, ragte fast bis zur Decke der Halle.

"Was ist das?"

Der Vorarbeiter – ein großer anthropomorpher Roboter – erklärte es ausführlich, doch Paul verstand es nicht. Aber er schrieb sich den Namen auf:

"Tinguely-Maschine"

Paul war nicht der einzige Mensch an der Arbeit. Der Gewinner des Jackpot von vor vier Wochen war noch da, und für ein, zwei oder drei Tage kamen die Gewinner der kleineren Preise. Sie alle arbeiteten nach der Anweisung des Vorarbeiters. Trugen Aluminium-Profile heran, bohrten Löcher auf der Bohrmaschine unter den aufmerksamen Augen des Vorarbeiters, der ihnen die Bohrschablone auflegte und die Bohrer wechselte. Trugen aus dem Teilelager Scheiben und Treibriemen herbei, Zahnräder, Schneckentriebe, Signalarme, Ratschen, Lagerbuchsen, Schrauben, Muttern, Federringe ...  Die Montage war eigentlich ganz einfach: der Vorarbeiter setzte ein Hologramm an die fragliche Stelle, der Arbeiter musste das passende Teil suchen und es an die Stelle des Hologramms bringen. Wenn es montiert mit dem Hologramm zu verschmelzen schien, war die Montage gelungen. Dazu gab der Vorarbeiter Erläuterungen und hilfreiche Anweisungen. Paul lernte viel und schnell: am Abend des ersten Tages konnte er bereits Muttern und Schrauben unterscheiden!

Die Arbeit war nicht ungefährlich. Einer der anderen Arbeiter schlug sich mit dem Gummihammer auf den Daumen und wurde mit der Ambulanz weggebracht. Paul selber stürzte vom Gerüst, doch der Airbag blies sich zu einer Kugel auf in deren Mitte Paul sanft abgefedert auf den Boden landete.  Der Schreck saß ihm aber noch tagelang in den Gliedern.

Die Maschine war gigantisch. Jeden Tag arbeitete man an einer anderen Stelle. Wenn man den ganzen Tag geschuftet hatte und bei Feierabend vor der Maschine  stand, war es schwierig hoch oben die Teile zu sehen die man während des Tages montiert hatte. Paul war neugierig:

"Wann wird die Maschine fertig sein? Kann ich sie in Betrieb sehen?"

Der Vorarbeiter bedauerte:

"Nein, da ist noch monatelang dran zu arbeiten. Aber morgen testen wir einige Teilbereiche!"

Diesen Test würde Paul sein Leben lang nicht vergessen. Einzelne Regionen der Maschine setzten sich in Bewegung, es klingelte, klickte, rauschte, hämmerte, dröhnte. Arme fuhren aus und ein, Räder mit Paddeln kreisten, Lichter blinkten, Dampf schoss hervor. Ganz oben sah Paul das Flügelrad langsam und majestätisch rotieren, an dem er die letzten Tage montiert hatte.

Paul war sehr stolz auf "seine" Maschine. Sein ganzes Leben würde er stolz sein auf diese – seine! -  Arbeit.
 
 

3

Wenn abends die Menschen die große Werkhalle verließen, hatte der Vorarbeiter noch ein oder zwei Stunden zu tun. Ohne Hast, doch schnell, geschickt und unfehlbar sicher nahm er die während des Tages montierten Teile wieder ab und brachte sie ins Lager zurück, die Aluminiumprofile und ein paar andere dauerhaft veränderte Komponenten warf er zum Recycling-Material.

Er war sehr stolz auf seine Arbeit, denn er diente im Geiste der  Asimov`schen Gesetze dem Wohlbefinden der Menschen.
 
 

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