Ein kurzer Bericht über
die
Große Jubiläumsausstellung
auf Ixtapan-4
"Hallo und "Einen schönen Sonnenaufgang!", meine liebe Freundin!
Du hast den Wunsch ausgedrückt, dass ich Dir von den Jubiläumsfeiern auf Ixtapan-3 berichte. Nun, von der großen Raumschiffparade über dem Palast des Imperators hast Du bestimmt genügend Berichte gesehen, ebenso von den diversen Sportereignissen. Was aber in unserer technologiebesessenen Medienwelt kaum Beachtung gefunden hat, hätte gerade Dir als kunsthistorischer Kennerin großes Vergnügen bereitet: die Jubiläums-Kunstausstellung auf dem ruhigen Ixtapan-4.Nachdem ich meine Verpflichtungen als Mitglied der Gruß-Delegation von Sol-3 erfüllt hatte, blieben mir bis zum Antritt des Rückfluges noch ein paar Tage, und ich habe sie zu einem Ausflug auf den Nachbarplaneten genutzt. Dort hat man eine Ausstellung zusammengetragen, die den Entwicklungsstand der bildenden Kunst in den vier galaktischen Zivilisationen zum Zeitpunkt des ersten galaktischen Kontaktes dokumentiert. Die seit jenem Ereignis vergangenen 10 000 galaktischen Standardjahre entsprechen – wie Du weißt -
15 304 Jahren auf Sol-3. Hochinteressant, zutiefst berührend ist diese Ausstellung, auch wenn die Werke von Sol-3 an die technische Raffinesse der anderen Arbeiten nicht heranreichen, doch dafür weisen sie ganz andere Qualitäten auf. Und schließlich waren wir ja auch die letzte der Zivilisationen die sich in der Galaktischen Union zusammengefunden haben.Nicht weiter verwunderlich ist, dass Achernar-5 damals in der Kunst am weitesten fortgeschritten war. Sie haben schließlich auch den "Flug" durch den Hyperraum als erste beherrscht. Auf einer der ersten Expeditionen sind sie dann auf Wega-2 gestoßen – der Beginn der Galaktischen Union und der Galaktischen Zeitrechnung. Natürlich hat sich die Kunst inzwischen weiterentwickelt, aber immerhin: Was Achernar-5 zum Stichtag zu bieten hatte, und was jetzt in der Ausstellung zu sehen ist, war doch schon recht ordentlich. In Raumkugel-hohen Installationen entwickeln sich komplexe virtuelle Welten, dargestellt in 4-D-Holografie-Projektion. Bizarre Gestalten bewegen sich schwerelos in phantastischen Biotopen die kein Oben oder Unten kennen. Natürlich sind die Installationen interaktiv: Die Summe der Besucher kann mit konzentrierter Gedankensteuerung die Vorgänge beeinflussen, sie ruhevoll oder hektisch, friedlich oder aggressiv ablaufen lassen. Besonders beeindruckt hat mich eine Installation, die ein ganzes Doppelsternsystem mit bewohnten Planeten nachbildet. Man kann sich in der Installationskugel das planetarische System als Ganzes anschauen, aber sich auch bis auf die Ebene der höchst seltsamen Planetenbewohner herunterzoomen um deren bald amüsanten, bald heroischen, bald tragischen Erlebnissen zu folgen!
Die Kunst von Wega-7-2 durchlief zur Zeit des Stichtages, als Archenar-5 den Kontakt eröffnete, eine abstrakte Phase. Bekanntlich war Wega-7-2 damals dabei die nahegelegenen Planeten und ihre Monde zu kolonisieren; man stand wohl auch kurz vor der Entdeckung des Hyperraumes. Auch in der Wega-Schau sind die Kunsträume magnetodynamisch zusammengehaltene Kugeln. In ihnen geistern künstliche Nordlichter, schwirren Kugelblitze durcheinander, pulsieren Plasma-Blasen, drehen und winden sich Plasmafäden zu komplizierten Knoten. Kommt man mit der Hand der Kugeloberfläche nahe, so reagieren die Vorgänge im Inneren, der ganze Charakter der Präsentation kann sich ändern.
Bei einigen der Kugeln hat man eine akustische Steuerung realisiert: pfeift man, singt man, oder spielt man ein Musikstück ein, so folgen die Prozesse in der Kugel diesen Vorgaben in der erstaunlichsten Weise. Ich habe es mit Bach, Beethoven, Yang Fu, Debussy versucht: die Reaktion der Kugeln war höchst erstaunlich, reichte von zart wehenden Schleiern bei Debussy zu einem überwältigenden Feuerwerk komplexester Figuren bei Bachs "Toccata und Fuge".
Musik spielte auch in der Kunst von Ixpatan-3 zum Stichtag einen große Rolle. Allerdings bewegte man sich noch auf der Ebene großer zweidimensionaler Tafelbilder. Soweit sie gegenstandslos sind, kann man sie mit Musik beeinflussen, oder aber durch atomare Prozesse zufallssteuern lassen. Die großen gegenständlichen Tafelbilder bilden teilautonome Welten ab, in denen sich virtuelle Wesen bewegen. Als Besucher kann man sich in eines dieser Wesen einkoppeln und damit direkt in den Handlungsablauf auf dem Bild eingreifen. .... Hm, das erinnert mich: Hast Du mir nicht einmal so ein uraltes Kinderspiel vorgeführt .... warte ...... "World of Warcraft" hieß es?! .... Man kann sich stundenlang in den verschiedenen Bildern bewegen. Aber ein seltsames Gefühl ist es schon, als Sol-3-Lebewesen virtuell mit einem der zwölfgliedrigen Ixpatanern zu verschmelzen! Und überraschend genug: Man bekommt damit ein spontanes Verständnis für die tiefschürfende Philosophie und Lebensweisheit der Ixpataner!
Tja, und damit komme ich endlich zur Kunst der "Erde", wie sich unser Heimatplanet Sol-3 zum Stichtag nannte. Klar, ungeheuer viel ist bei der Antimaterie-Katastrophe vom Galaktischen Jahr 3043 verloren gegangen. Daher können wir nicht ganz sicher sein, dass die bei der Wiederbesiedlung gefundenen und geretteten "Werke" den Stand der Entwicklung zum Stichtag wirklich repräsentieren.
Sol-3 ist auch eine recht kleine Kuppel gewidmet, in der nur eine Handvoll Kunstwerke ausgestellt sind. Da gibt es einen mumifizierten Knorpelfisch (ein Hai, weißt Du!) in einem großen Glasgefäß, an dem man Spuren von Formaldehyd nachweisen konnte. Den Namen des Künstlers weiß man: Damien Hirst. Dann gibt es einen ekligen grau-gelben Klumpen – es soll einmal Filz und Fett gewesen sein – der Künstler ist unbekannt. Es gibt mehrere kleine und große, wüst beschmierte Tafel"bilder"; von einem dieser Werke wird behauptet, die Künstlerin sei eine gewisse "Mama Jonana Meesi" gewesen – sagt Dir das etwas? Ein anderes wird dem Maler Congo zugeschrieben. Effektvoll angeleuchtet, in kugelblitz-sicherer Vitrine, liegt ein leeres Blatt Papier: ein gewisser Tom Friedmann hat es durch 1000 Stunden bewegungslosen Daraufstarrens in ein Kunstwerk verwandelt! Und schließlich ist da eine schlichte Blechdose, leicht angerostet; die verblichene Aufschrift wird alle 10 Minuten mit UV-Licht kurz sichtbar gemacht. Und was sagt die Aufschrift über den Inhalt der Dose? Es ist – Künstlerscheiße! Es sind die Exkremente des Künstlers Piero Manzoni!
Auch wenn die Kunstwerke der damaligen "Erde" sich nicht ganz mit der Komplexität der Arbeiten der anderen Zivilisationen zum Stichtag messen können, so konnte ich mich doch nicht eines ehrfürchtigen Schauers erwehren, als ich diesen Zeugnissen elementaren künstlerischen Gestaltungswillens unserer Vorfahren gegenüber stand. Wie jammerschade, dass Du diese Arbeiten nicht selbst sehen konntest. Sie werden auch nicht irgendwann auf Sol-3 zurückkehren, sondern werden ihren Platz in der Dauerausstellung des Großen Imperialen Zentralmuseum finden, zum ewigen Andenken an die kulturellen Hochleistungen unserer Ahnen.
In meinem Gepäck habe ich eine holografische Aufzeichnung von der Ausstellung, die Dir einen kleinen Eindruck vermitteln wird.
Ich freue mich auf unser Wiedersehen!"