<<<< zurück zu "Willkommen" zum Archiv der Erzählungen >>>>

Ein verhängnisvoller Fehler
Wenn ich diese Geschichte noch einmal erzähle, wo sie doch schon in allen historischen Darstellungen des Themas "Zeitreisen" behandelt wird, dann aus der Gewissheit, als "Insider" wirklich etwas Neues beitragen zu können.
Es ist erstaunlich wie eine Technik, die über Jahrtausende der Menschheitsgeschichte nur ein Traum war, sich innerhalb weniger Jahrzehnte von tastender Forschung zu einem kommerziellen Produkt entwickeln kann, wenn erst einmal ein gewisser Schlüssel gefunden ist. Im Falle der Zeitreisen war dies die J-H-Simulation des Hawkings-Chen-Theorems, die ihrerseits durch den Einsatz der neuen lateral denkenden Rechner möglich wurde. Diese neuen Rechner waren ein ungeheuer mächtiges Instrument, das auf vielen Gebieten einen Entwicklungsschub auslösten. Sie hatten – vielmehr: sie haben! – allerdings den Nachteil dass definitiv niemand mehr vollständig versteht was da passiert. Man arbeitet mit dem Rechner nicht wie mit einer Maschine, sondern wie mit einem menschlichen Kollegen, auf den man sich nach jahrelangen guten Erfahrungen völlig verlässt.
Treibende Kraft der Zeitreisen-Entwicklung war Professor Twinstone. Er hatte eine unermüdliche Energie, immer neue Ideen, ein starkes Gespür für Öffentlichkeitsarbeit. Er war geradezu genial im Auftreiben neuer Forschungsgelder. Darüber hinaus war er bis zu seinem vorzeitigen Ende stets darauf bedacht, noch selbst am Rechner zu arbeiten und Reisemissionen selber zu programmieren – "um ein Händchen darin zu behalten", wie er zu sagen pflegte.
Man wird sich erinnern, dass wir – wenn das Geld es erlaubte – der eigentlichen Sonde für die Zeitreise eine "Belegsonde" beigaben, identisch gebaut wie die erste. Diese "Belegsonde" sollte aber nicht direkt in die Gegenwart zurückspringen, sondern sozusagen "normal", in irgendeiner geologischen Formation. Dreimal war uns das gelungen unter zig Versuchen. Die anderen Sonden blieben verschollen – nach Hunderten von Jahrmillionen nicht überraschend. Weil es für die zu berichtenden Ereignisse so wichtig ist, noch einmal: Die eigentliche Sonde und die Belegsonde wurden völlig gleich programmiert mit Ausnahme des mit ein paar Maus-Klicks austauschbaren Moduls für die Art der Rückkehr in die Gegenwart. Wir haben übrigens oft und erfolglos diskutiert, ob eine Belegsonde vor dem Reiseantritt gefunden werden könne; sie musste ja die ganze Zeit im Boden stecken. Jedenfalls ist das nie passiert.
Nach den Sonden war dann noch einmal ein riesiger Schritt die Zeitreise lebender Wesen. Ich war zu der Zeit schon 1. Assistent am Institut von Professor Twinstone und erlebte die Rückkehr des leicht veränderten Institutshasen Micky mit. Wir haben den Fehler damals bald gefunden. Im Laufe dieser Affäre fand ich Gelegenheit, Betty, die hübsche Sekretärin, über den Verlust ihres kuscheligen Original-Micky hinweg zu trösten. Betty und ich wurden ein Paar und sprachen sogar von Heirat - diese seltsame rituelle Bindung war damals gerade mal wieder in Mode. Doch der Professor kam dazwischen.
Twinstone machte sich an Betty heran, und eines Tages, als ich von einer längeren Reise zum Chen-Institut auf Taiwan zurückkehrte, eröffnete Betty mir dass sie nun mit Twinstone verbunden sei........ Der Professor sei zwar wesentlich älter als sie (und ich), aber eine äußerst charmante, große, wahrhaft historische Persönlichkeit. Man konnte das nicht leugnen, aber das war kein Trost für mich, und ich erging mich bald in trüben, bald in finsteren Gedanken.
In dieser Zeit entwickelte Professor Twinstone den Plan, sich endgültig einen Platz in der Menschheitsgeschichte zu sichern. Hasen und Rhesusaffen hatte er inzwischen erfolgreich in die Vergangenheit geschickt und unversehrt zurückgeholt – jetzt wollte er selbst in die Vergangenheit reisen!
Diese Reise musste heimlich vorbereitet werden, weil die "Staatliche Regulierungsbehörde für die Freiheit der Wissenschaft" nie ihr Einverständnis gegeben hätte (der Professor hatte viele Neider ). Er konnte aber seinen Plan nicht alleine umsetzen,; so weihte er mich als seinen 1. Assistenten ein. Ich spielte mit und machte mir meinen Gedanken.
Am Abend vor seiner Reise hockte er bis spät in die Nacht am Rechner um die Mission zu programmieren. Er war nervös, was ja auch verständlich war. Ich konnte ihn im Nebenzimmer fluchen hören wenn er Fehler machte und korrigieren musste. Um Mitternacht ging er vor das Institutsgebäude um eine Zigarette zu rauchen, das war in den Institutsräumen streng verboten. Danach arbeitete er noch bis zwei Uhr morgens, schaltete mit befriedigtem Stöhnen den Rechner aus, und ging schlafen (er hatte einen kleinen Privatraum im Institut).
Am nächsten Morgen trat er in Gegenwart des Institutspersonals und eines Journalisten (natürlich!) die Reise an, verabschiedete sich von allen mit Handschlag und von der unglücklichen Betty (sie dachte wohl an ihren Hasen) mit einer langen Umarmung, betrat festen Schrittes und mit energisch vorgeschobenem Kinn die Zeitreisesonde, die Luke schloss sich hinter ihm ....... die Sonde verschwand...... weder Sonde noch Professor wurden je wieder gesehen.
Natürlich gab es eine große Untersuchung durch die Polizei, natürlich hatte ich jede Menge Schererei weil ich eine Reise vorbereitet hatte die nicht durch die Regulierungsbehörde genehmigt war. Aber letzten Endes traf die Schuld den Professor selber. Ich war ja weisungsabhängig.
Mit großer Mühe gelang es, den Iris-Check von Twinstones Rechner auszuschalten und in den Rechner einzusteigen. Der Prozess der Programmierung der Sonde, und das Ergebnis dieses Prozesses wurden sorgfältig untersucht. Um 16.35 Uhr am Nachmittag hatte der Professor sich eingeloggt und seitdem unablässig, mit nur kurzen Denkpausen, gearbeitet bis zum Ausloggen um 02.05 Uhr. Er hatte viele Fehler gemacht und sie korrigiert, hatte Module hin und her getauscht. Das Endergebnis war traurig aber wahr: Die Sonde war nicht für die direkte Rückkehr, sondern für die Rückkehr als "Belegsonde" programmiert – ein verhängnisvoller Fehler! Was vom Professor übriggeblieben war, musste jetzt in irgendeiner Kalksteinschicht warten, tief in den Felsen von Dover......... Wie bekannt, ist die Sonde bis heute nicht wieder aufgetaucht, trotz intensiver Suche.
Betty war anfangs untröstlich. Aber sie war viel zu lebenslustig um ewig zu trauern. Ein Jahr später haben wir geheiratet.
Das alles ist jetzt 15 Jahre her. Betty sieht immer noch prima aus. Aber wenn sie – wie just in diesem Moment – mit schrill-nörgeliger Stimme zum angebrannten Essen ruft, dann frage ich mich ob es nicht doch ein schwerwiegender Fehler von mir war, während des Professors Zigarettenpause den Rückkehrmodul auszutauschen.