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Mahabharata




1

"Acht Standardjahre sollen wir hier warten?!"

Kampfsternkommandant 18-CYG-21 ließ sein Missfallen deutlich erkennen, und auch sein Kollege 18-CYG-26 starrte unlustig vor sich hin. Die anderen bewahrten ein militärisch-gleichmütiges Gesicht.

"Sie haben recht verstanden! " bestätigte 18-CYG-03, der Admiral der kleinen Raum-flotte. "Wir werden acht Standardjahre warten bis die Kampfsterne 372, 379, 510 und 801 zu uns stoßen; gemeinsam nehmen wir dann Kurs auf  Sektor Beta-25-3 und führen auf dem zweiten Planeten des Sternes 321/142/026 eine Strafexpedition durch."

"Acht Standardjahre! Das sind fünf Kreise um diesen mickrigen Stern hier, immer im Kreis um den Mond der im Kreis um den Planeten läuft! Die Erforschung des Plane-ten S-03 ist abgeschlossen, wir wissen sehr genau was da unten vor sich geht; mit einem Wort: Ungefährlich! Die anderen Planeten sind nicht bewohnbar, das haben unsere Erkundungsflüge eindeutig ergeben. Was sollen wir so lange hier tun?! Wir können doch nicht acht Standardjahre lang Hologramm-Schach spielen!" murrte 18-CYG-21.

"Nein, das müssen wir nicht und das sollen wir auch nicht! Wir werden ein viel nützlicheres Spiel spielen: Wir werden unsere Waffen erproben!" erklärte der Admiral.

"Sollen wir uns gegenseitig abschießen?"

"Nein, wir werden einen kleinen Stellvertreterkrieg inszenieren. 11-TAK-02, erläutern Sie die Lage!"

Der Chefstratege der Raumflotte nahm das Wort:

"Unter uns sehen Sie einen näherungsweise dreieckigen Subkontinent in das äqua-toriale Meer hineinragen. Dort ist die Entwicklung der führenden Intelligenzen am weitesten fortgeschritten. Übrigens: Diese Lebewesen nennen sich selbst "Menschen", und der Einfachheit halber will ich diesen Ausdruck übernehmen. Also, es gibt praktisch auf dem ganzen Planeten Menschen, aber hier unten sind sie am wei-testen fortgeschritten, was Zivilisation und Bildung größerer Gemeinschaftsstrukturen angeht.  Primitiverweise richten sich diese Strukturen nach erbbiologischen Gesichtspunkten, will sagen, an der Spitze stehen Führer die ausschließlich durch ihr biologisches Herkommen qualifiziert sind. Es gibt nun da unten zwei solche Einheiten die sich aus unerfindlichen Gründen erbittert bekämpfen; der Kampf dauert offenbar schon Jahre.

Unser Vorschlag lautet dass wir die beiden Anführer einweisen und nach Bedarf der-art mit immer stärkeren Waffen versorgen, dass keine Seite vorzeitig einen vollstän-digen Sieg erringt. Zwei unserer Kommandanten sollen als persönliche Mentoren für die beiden Anführer in Erscheinung treten ..."

"... und zwar 18-CYG-21 und 18-CYG-26, die sich ja offenbar am stärksten langweilen!" fiel der Admiral ein. "Die anderen Kommandanten werden die Vorgänge beobachten und analysieren, so dass wir alle etwas daraus lernen. Ich selbst werde als Schiedsrichter agieren. Angesichts meiner eventuellen Eingriffe in das Spiel betone ich ausdrücklich, dass das Endergebnis keine Abwertung des "unterliegenden" Mentors bedeuten wird. Vergessen Sie nicht: es ist alles nur ein Spiel!"

"Eine Frage: In welcher Gestalt sollen wir den –äh – Menschen gegenübertreten? In unserer natürlichen Gestalt, oder ...?"

"Soweit es ohne cyborg-operative  Maßnahmen, geht treten wir in menschlicher  Gestalt auf. Die Menschen werden uns für Götter halten – denken Sie hübsche Namen aus! - und sie erwarten dass die Götter menschenähnlich sind!

Ah, und noch etwas: Schützten Sie die Anführer der beiden Parteien so gut es geht – mit Gravitationsschild und allem – sie sollen das Ende erleben!"
 

2

Schon neun Jahre dauerte der Kampf zwischen der Kauravas-Sippe und dem Pandavas-Clan. Was als Streit um das Erbe des gemeinsamen Ahnen Kuru begonnen hatte, das hatte sich zu einem richtigen Krieg ausgeweitet der große Teile Indiens einbezog. Schwert, Pfeil, Lanze, Speer hatten viele Opfer gefordert, ohne dass eine Entscheidung gefallen war.

Und dann stiegen die Götter vom Himmel herunter.

Sie kamen in riesigen Fluggeräten, für die sich bald der Name "Vinema" einbürgerte. Ein Vinema landete bei dem Hauptquartier der Kauravas, das andere bei den Pandavas. Die Landung – und ebenso später der Start – erfolgte unter riesigem Getöse, das Bäume und Gebäude erzittern ließ.

Aus den Vinemas stiegen die Götter. Hätten sie nicht vier Arme gehabt, hätte man sie für übergroße Menschen halten können. Der eine Gott stellte sich den Kauravas als "Agni" vor, der andere machte sich den Pandavas als "Shiwa" bekannt. Sie erzählten dass sie von den Sternen kamen, die um den Mond kreisten, und dass sie den Kauravas – bzw. den Pandavas – helfen wollten den Sieg zu erringen. Um die Hilfe der Götter hatten die Menschen schon lange gefleht, so nahmen sie das großherzige Angebot freudig an.

Die Kauravas benannten Asudeva als ihren Anführer und Repräsentanten, die Pandavas den Arjuna. Die Götter baten die beiden Anführer an Bord ihrer Vinemas und flogen mit ihnen "zu den Sternen, wo wir Götter wohnen."

Gott Agni zeigte dem Vasudeva seinen Stern, Shiwa führte den Arjuna auf dem seinen herum. Diese Sterne waren riesige Kugeln, vielschalig aufgebaut, mit herrlichen Bereichen wo die Götter lebten; mit Bereichen voll gänzlich unverständlicher Einrichtungen zur Konzentration und Verteilung von Energie; mit Hallen wo unzählige Vinemas auf ihren Einsatz warteten, mit Arsenalen voll unerhörter Waffen. Agni und Shiwa erläuterten ihren Schützlingen wie die Waffen wirkten – wie sie funktionierten das musste man ja nicht wissen, Hauptsache sie würden den Gegner vernichten.

Ein Obergott namens Indra, dem auch Agni und Shiwa Respekt zollten, empfing die beiden irdischen Helden und wünschte ihnen Kriegsglück.
 

3

Es war ein schöner, sonniger, nicht zu heißer Tag im ausgewählten Kampfgebiet als der Admiral in seiner Rolle als Schiedsrichter das Spiel freigab.

Entsprechend dem vorgesehenen Spielverlauf – eine stetige Eskalation ohne vorzeitigen Entscheid – begannen die Kämpfe mit mehr oder weniger konventionellen Waf-fen. Als erste Neuerung kamen eine Art Speere zum Einsatz die man ihm Flug lenken konnte, so dass sie präzise trafen. Nach wochenlangen Kämpfen, Rückzügen, Vorstößen, Finten und Fallen (Agni und Shiwa gaben ihren Schützlingen so manche gute Tipps) schien sich der Sieg den Pandavas zuzuneigen. Vasudeva erbat sich einen stärkere Waffe aus dem Arsenal seiner Mentors Agni und erhielt sogenannte "Charkas". Das waren Wurfwaffen ähnlich scharfen Scheiben, die den Gegnern die Köpfe absäbelten und dann harmlos in die Hand zurückkehrten, bereit zu neuem Wurf, eine praktisch unerschöpfliche Waffe. Als nun die Kauravas die Oberhand zu gewinnen drohten, drang Arjuna endlich bei seinem Gott Shiwa durch und erhielt die gleiche Waffe, aber in weiterentwickelter Version, zur Verfügung.

Nach diesem Prinzip wurde das Spiel mehrere Jahre fortgesetzt. Wann immer eine Seite zu unterliegen drohte, erhielt sie eine neue Waffe (manchmal auch nur ein unfehlbares Abwehrmittel). Zu den eingesetzten Waffensystemen gehörten unter anderem:

· eine Waffe die Sonnenenergie mit einer Art Spiegel konzentrierte und künstliche Blitze schleuderte;

· eine Schallkanone um mit unerhört lautem Knall Gegner zu betäuben oder im günstigen Falle sogar zu töten;

· Sprengkörper die große Krater in die Erde rissen, sowie die zu ihrem Abwurf aus der Luft notwendigen Vinemas,

· Sprengkörper die Seen und Flüsse verdampfen ließen und das Land in einen tödlichen Nebel hüllten;

· eine Art lenkbarer Speere zur Abwehr der feindlichen Vinemas;

· Illusions- und Hypnosewaffen die unter den Gegnern völlige Verwirrung und mörderische Kämpfe im eigenen Lager auslösten;

· Strahlenwaffen mit denen man verheerende Schäden anrichten konnte;

· Waffen die wie Feuerpfeile vom Himmel fielen und viele Kämpfer töteten aber jene verschonten die flohen (die Götter waren besonders stolz auf diese humane Waffe);

· schließlich Explosionswaffen von ungeheuerer Wirkung und mit fürchterlichen Folgen.
 

4

Der Krieg zwischen den Kauravas und den Pandavas wird in dem altindischen Epos "Mahabharata" ausführlich aus der Sicht der kämpfenden Parteien geschildert; die oben genannten Waffen sind dort beschrieben.

Im Mahabharata heißt es zum Beispiel:

"Die Sonne schien sich im Kreise zu drehen. Von der Glut der Waffe versengt, taumelte die Erde vor Hitze.....Das Toben des Feuers ließ die Bäume wie bei einem Waldbrand reihenweise stürzen.... Pferde und Streitwagen wurden vernichtet, es sah aus wie nach einem fürchterlichen Brand; Tausende von Wagen wurden vernichtet....Die Leichen der Gefallenen waren von der fürchterlichen Hitze verstümmelt, sie sahen nicht mehr wie Menschen aus. Niemals zuvor haben wir eine derart grauenvolle Waffe gesehen, und niemals zuvor haben wir von einer derartigen Waffe gehört.... Sie ist wie ein strahlender Blitz, ein verheerender Todesbote, der alle Angehörigen der Vrischni und der Andhaka zu Asche zerfallen ließ. Die verglühten Körper waren unkenntlich. Den Davongekommenen fielen Haare und Nägel aus ...... Die überlebenden Vögel wurden weiß....In kurzer Zeit wurde die Nahrung giftig. Der Blitz senkte sich und wurde feiner Staub....Um dem Feuer zu entgehen warfen sich die Krieger in die Bäche und Seen, denn alles war vom tödlichen Hauch des Gottes belegt. Auch noch die ungeborenen Kinder im Mutterleib starben......."
 

5
 

"Achtung-Achtung! Der Admiral und Schiedsrichter  gibt bekannt:
Mit dem Signalton ist die Spielzeit abgelaufen! Dann neutralisieren Sie bitte alle Waffen! Achtung: Minus 10 .....minus 5 ... Null!  ......
Gut! Da unten kehrt Ruhe ein.... Alle Kampfsternkommandanten kommen bitte um 28,40 Uhr ins Lagezentrum zur Besprechung!"
 

6

Der Admiral sah sich mit ruhigem Blick im Kreise seiner Kommandanten um. Auch 18-CYG-21 und 18-CYG-26 waren anwesend; sie hatten ihre Gestalt als Agni und Shiwa abgelegt, in der sie bis vor wenigen Stunden ihren Schützlingen gegenüber getreten waren.

"Ihre Bewertung, meine Herren? Hat es denn Spaß gemacht?"

18-CYG-21 konnte seine Begeisterung kaum zügeln:

"Ja, es hat unheimlich Spaß gemacht! Ein tolles Spiel! Ich kann es nur jedem empfehlen!"

Der eher zurückhaltende 18-CYG-26 stimmte ihm zu:

"In der Tat, es war außerordentlich lehrreich; sowohl was optimalen Einsatz und Wirkung der Waffen angeht, als auch hinsichtlich des Verhaltens primitiver Intelligenzen unter Extrembedingungen."

"Und was sagt der Chefstratege dazu? Wie ist überhaupt das Ergebnis?!"

11-TAK-02 fasste zusammen:

"Auf unserer eigenen Seite haben wir keine Verluste an Leben. Wir haben allerdings fünf Vinemas wegen zu starker Beschädigungen verschrotten und rezyklieren müssen. Den Verbrauch an Waffen haben wir durch laufende Produktion ersetzt, so dass die Arsenale praktisch so gut gefüllt sind wie zu Beginn des Spiels. Nur bei den Hypnosewaffen haben wir noch einen kleinen Rückstand."

"Und was ist mit denen da unten, den – Menschen?"

"Es sind insgesamt 3 455 972 Menschen getötet worden. Eine nicht näher bekannte, jedenfalls große Zahl wurde verstümmelt. Die materiellen Schäden sind immens, stellen aber die wirtschaftliche Erholung des Landes nicht in Frage."

"Und wer hat gewonnen? Gibt es einen Sieger?" fragte der Admiral, der die Antwort natürlich längst kannte – schließlich war er Schiedsrichter gewesen!

"Von der Sippe der Kauravas sind noch drei Personen am Leben, von den Pandavas noch sechs. Insbesondere sind die Anführer noch am Leben, wie gewünscht. Man muss also sagen: der Kampf ist nicht entschieden."

Kampfsternkommandant  18-CYG-33, der bisher geschwiegen hatte, meldete sich zu Wort:

"Sollten wir die Sache nicht zu Ende bringen und für einen klaren Sieger sorgen? Sonst geht das da unten womöglich noch weiter!"

Der Admiral durchbohrt ihn fast mit seinen Blicken:

"18-CYG-33, wie kommen Sie auf eine solche Idee? Sie kennen doch §531 der Intergalaktischen Gesetze: nämlich dass wir uns – einerlei ob schlichtend oder entscheidend -  nicht in lokale Streitigkeiten einzumischen haben! Nein, ihre Probleme müssen die da unten schon selber klären!"
 


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Anmerkung:
"Mahabharata" geht auf Erich von Dänicken's "Die Götter waren Astronauten!" zurück und zitiert das Buch bei der Beschreibung der Waffen.
 


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