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Fürst der Armen
"Bitte sehr, Statthalter!"
Der Gardist trat einen Schritt zurück. Alfonso Aguirre nahm seinen Platz in der Reihe der Lehnsmänner ein – Bereichsleiter zumeist wie er selbst. Während sein Blick über die berühmten Wand- und Deckengemälde schweifte, erfüllte ihn zugleich Ehrfurcht und Stolz – Ehrfurcht vor dem Milden Imperator dem er in wenigen Minuten gegenüberstehen sollte; Stolz darauf, den Aufstieg in diese erlauchte Versammlung geschafft zu haben.
Es war ein langer und schwieriger Weg gewesen, und nur ein Mann seiner Härte konnte ihn gehen. Wie Millionen andere hatte er in einer Filiale des großen Unternehmens angefangen, hatte Waren in die Regale geräumt, hatte an der automatischen Kasse gewacht, hatte nach Feierabend den großen schmucklosen Geschäftsraum gefegt. Aber er war besser gewesen als die anderen, entschlossener, kühner. Er hatte mehr Diebstähle aufgedeckt als die anderen, und wenn es nicht genügend wirkliche Diebe gab, dann hatte er gewusst wie man einen Diebstahl "arrangieren" konnte. Dass es Unschuldige traf – was machte es? Mit dieser Technik hatte er auch den eigenen Filialleiter zu Fall gebracht – seine Stelle war die erste Stufe eines unaufhaltsamen Aufstieges, der ihn schließlich zum Lehnsherren für den Bereich Süditalien gemacht hatte. Oh, er hatte hart sein müssen, hart gegen sich selbst! Als er die ausgemergelten alten Weiber vertrieb, die sich vor der Filiale keifend um die herausgekippten abgelaufenen Lebensmittel stritten, da hatte er einen Augenblick an seine eigene Urgroßmutter denken müssen, die lieber verhungert war als dass ihre Nachkommen Mangel litten . Aber war es denn sein Problem dass die Alten auf die Barmherzigkeit der Jungen angewiesen waren um nicht zu verhungern? Nein, seine Verantwortung war es die Waren zum niedrigst möglichen Preis zu verkaufen, das war er sich, der Filiale, dem Unternehmen schuldig – sonst nichts. Dass er für seine Leistungen im Dienste mit persönlichem Wohlstand belohnt wurde – war das nicht nur gerecht?
Ein Raunen ging durch den Raum. Der Milde Imperator schritt inmitten der höchsten Würdenträger zwischen seinen Lehnsleuten hindurch und nahm auf dem Podium Platz. Ganz bescheiden, fast schon schäbig war er gekleidet, wie es einem "König der Armen" wohl anstand, der noch an sich selber sparte um die niedrigst möglichen Preise in den Geschäften des Imperiums zu sichern. Wahrlich zu Recht verehrte ihn die ganze Menschheit! Wahrlich zu Recht wurde ihm heute der Ehrentitel verliehen!
Der Bischof der Stadt sprach die Laudatio. In seinen Ausführungen zeichnete er die Entwicklung des Imperiums nach: Wie die Urväter im späten 20. Jahrhundert die ersten Discountketten gegründet und ausgebaut hatten, bis schließlich kein Lebensmittel, kein Gegenstand des täglichen Bedarfs auf dieser Erde mehr durch andere Hände ging. Wie es damit möglich wurde die Kosten für die Herstellung all dieser Dinge (und das hieß natürlich auch: die Löhne aller Arbeitenden) immer weiter herunterzudrücken, um immer billiger verkaufen zu können. Wie damit eine inverse Kaufkraftschraube, ein wahrer circulus economicus, immer weiter gedreht und durchlaufen wurde bis schließlich auf der Welt die größtmögliche Gerechtigkeit erreicht war weil alle Menschen arm waren.
"Lehnsherren und Hofleute ausgenommen...." dachte Alfonso Aguirre bei sich, und ein kleines Lächeln spielte um seinen harten Mund.
Der Bischof rief in Erinnerung zurück wie die großen Discounter sich zusammenschlossen zu einem weltumfassenden, alles beherrschenden Konzern. Aus der wirtschaftlichen Herrschaft wurde ein politisches System – das Imperium. Weil sich immer mehr Menschen in Schuldknechtschaft verkaufen mussten, war schließlich das heutige System der Leibeigenschaft und Lehnsherrschaft entstanden: das Imperium, geführt von klugen und barmherzigen Fürsten, die an nichts anderes dachten als an Gerechtigkeit und niedrigste Preise für alle – "Milder Imperator" war ihr wohlverdienter Titel!. Da war die symbiotische Allianz mit der allumfassenden Kirche naheliegend und für beide Seiten vorteilhaft. Gewiss, es hatte auch Schwierigkeiten gegeben, Zweifler und Aufrührer hatten die friedliche Entwicklung sabotiert, sogar den Aufstand von 2087 angezettelt! Aber mutige Visionäre an der Spitze des Imperiums hatten immer wieder der menschlichen Gesellschaft neue Lebenskraft gegeben.
Der Bischof nannte ein Beispiel: Weil einerseits die Menschen immer älter wurden, andererseits die Fortpflanzungsrate sank, war das altehrwürdige Altersrentensystem in Schwierigkeiten gekommen. Da hatte der große Fürst an der Spitze des Imperiums den gordischen Knoten kühn durchschlagen: Die Altersrente wurde abgeschafft, Kinder mussten wieder für ihre Eltern sorgen, und das erwies sich als außerordentlicher Anreiz wieder mehr und mehr Kinder zu zeugen!
Ein anderes Beispiel: Harte Arbeit aller Menschen unter den Bedingungen fortschrittlicher Technologie würde zu einer Überproduktion von Gütern bei gleichzeitiger Belastung der Umwelt führen. Ein weitsichtiger Fürst fand die Lösung: übermäßige Produktionskapazitäten werden zur umweltschonenden Herstellung von Energieträgern genutzt, sei es durch Anbau von Energiepflanzen anstelle von Nahrungsmitteln, sei es durch den Betrieb von Tretmühlen zur Stromerzeugung (womit sich nebenbei das drückende Problem der Arbeitslosigkeit beseitigen ließ).
Doch die Fürsten hatten nicht nur sozialpolitische Kompetenz bewiesen, sie förderten auch die Hochkultur. An ihrem Hof, wie auch an den Höfen der Lehnsherren, gab es unter den Leibeigenen viele Künstler und Künstlerinnen – Literatur, Theater, Malerei, Erotik – ja, die Künste blühten....
Die Gedanken Alfonso Aguirres schweiften wieder ab. Andere in seiner Position hielten sich schwarze Sklavinnen oder Lustknaben oder Gaukler und Hofnarren; er selbst aber war ein großer Anhänger der Zauberkunst. Der weltbeste Taschenspieler und ein hervorragender Hypnotiseur gehörten ihm und waren schon bei mancherlei Aktion gegen Mitarbeiter und Konkurrenten nützlich eingesetzt worden.
Der Bischof der Stadt kam schließlich auf die Leistungen und Wohltaten des heutigen Milden Imperators zu sprechen, pries insbesondere seine Menschenliebe und brüderliche Fürsorge : "Als bei dem großen Brand in der Schuhfabrik in China 95 Arbeiterinnen zu Tode kamen, da habt Ihr, Milder Imperator, großzügig Discountsärge bester Qualität zur Verfügung gestellt, die Sicherheitskräfte aber väterlich getadelt, die in Sorge um mögliche Diebstähle bei Ausbruch des Feuers die Notausgänge verschlossen hatten.
Und dann: Als die mittlere Überlebenszeit der Näherinnen in den großen Kleidungsmanufakturen Bangladeshs unter 7 Jahre fiel, da habt Ihr, erlauchter Fürst, eingegriffen und sie wieder auf 10 Jahre gebracht!" rief der Bischof emphatisch aus, und der Milde Imperator wehrte mit der ihm eigenen Bescheidenheit das Kompliment ab.Alfonso Aguirre wusste über die Bangladesh-Affäre mehr als viel seiner Kollegen. Er hatte sich bereits einen Ruf für unkonventionelles Handeln erarbeitet und war damals in das arme Land abkommandiert worden um das peinliche Problem aus der Welt zu schaffen. Die Lösung erwies sich als überraschend einfach: Zunächst wurde das Personal drastisch ausgekämmt, dann wurden für die Neueinstellungen strenge Gesundheitstests eingeführt und nur noch die stärksten und gesündesten Bewerberinnen angenommen! Die Statistik bewies bald den Fortschritt, und Alfonso Aguirre bekam die Lehnsherrschaft über Süditalien.
Der Bischof kam endlich zum Schluss seiner langatmigen Ausführungen und verlieh dem Fürsten den neuen Ehrentitel mit den feierlichen Worten: "Karl Theodor von ..... und zu ..... [ der geneigte Leser mag hier die Namen einsetzen die ihm einfallen], ich verleihe Euch im Namen des von mir unfehlbar vertretenen Allerhöchsten den Ehrentitel "Benedictus"! "
Der Beifall der Lehnsherren brauste auf.
Nach einem bewusst kargen Imbiss begaben sich die Lehnsherren in geschlossenem Zug auf den großen Platz vor dem Palast wo sich schon einige hunderttausend Menschen versammelt hatten. Als sich Benedictus schließlich am Fenster seiner Privatgemächer zeigte, mit wenigen Worten ankündigte dass er auch weiterhin für die niedrigst möglichen Preise kämpfen werde, und sich bescheiden winkend wieder zurückzog, da kannte der Jubel auf dem Platz kein Ende.
Alfonso Aguirre aber, im Innern zutiefst bewegt, richtete seinen Blick hinauf zur gewaltigen Kuppel des Petersdoms, auf dessen höchster Spitze sich feierlich langsam das große Firmenzeichen des Imperiums drehte.
* * *
Anmerkung:
Das zitierte Feuer in China hatte einen Vorgänger. Im Februar 2006 meldeten die Zeitungen: "Nach dem Ausbruch eines Feuers ist eine Textilfabrik im Südosten von Bangladesh für 51 Menschen zur Todesfalle geworden. Zu der größten Industriekatastrophe in der Geschichte Bangladeshs trug maßgeblich bei, dass Wachmänner die Fabrikausgänge versperrten – aus Angst, Arbeiter und Arbeiterinnen könnten im dem Tumult Textilien stehlen....... zahlreiche Menschen [werden] noch vermisst .... "