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Das geisteswissenschaftliche
Quartett:
Eine Fernseh-Gesprächsrunde
über psychologische
Probleme im Zusammenhang
mit virtuellen Personen.
Das Thema interessiert Sie? Das verstehe ich voll und ganz. Sie konnten die Sen-dung nicht sehen? Schade! Soll ich Ihnen den Inhalt wiedergeben? So getreu und ausführlich wie möglich? Aber gerne!Allerdings fehlt mir der allererste Anfang. Ich war etwas zu spät dran. Als die Bildwand aufleuchtete, war die Vorstellung der Gesprächsteilnehmer wohl schon erfolgt. Jedenfalls sprach in diesem Moment der Moderator schon seine Eingangsworte. Im Laufe des Gespräches wurde dann aber schnell klar, dass zweie der Gäste Psychologen waren und der dritte ein Informatiker.
Die Diskussion lief wie folgt ab:
Moderator (ein Mann mittleren Alters, mit kleinem Knebelbart, hoher Stirn aber schulterlangem Haar):
"... entspricht das heutige Thema ganz dem Motto unserer Sendung 'Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt'.
Wir alle haben praktisch tagtäglich mit virtuellen Personen zu tun. Aber vielleicht gerade weil sie etwas Alltägliches sind über das man gar nicht mehr nachdenkt, kann es nicht schaden, wenn Sie unseren Zuschauern den technischen und historischen Hintergrund ein wenig erläutern bitte!"Informatiker (ein drahtiger jungenhafter Typ mit einem Schopf schon ergrauenden Haares, buschigen schwarzen Augenbrauen):
"Schon in vorgeschichtlicher Zeit war der Tod für die Menschen das große unbegreifliche Rätsel. Der Abschied für immer fiel auch den Hinterbliebenen schwer. Man pflegte die Erinnerung an besonderen Stätten, versuchte durch allerlei Rituale mit den Verstorbenen im Kontakt zu bleiben. Gemälde, später Fotos, dann Videos halfen die Erinnerung wach zu halten und dennoch verblasste die Erinnerung immer seltener kehrte der Verstorbene im Traum zurück ...!"Moderator:
"Ha ha! Vor zwei Monaten gestorben und noch nicht vergessen?! So ist Hoffnung dass das Andenken eines großen Mannes sein Leben ein halbes Jahr überdauern wird! Ha ha!"Informatiker:
"Ja, so kann man es sagen! Aber warum verblasste die Erinnerung? Weil selbst das beste Porträt, die besten Videos passiv waren eine Interaktion, eine Kommunikation mit dem Gestorbenen war und blieb unmöglich.
Nun gab es aber um die Jahrtausendwende bedeutsame soziale und technische Entwicklungen, die sich an einem bestimmten Punkt trafen und zu etwas ganz Neuem zusammenflossen.
Erstens: Die Menschen in den HighTech-Ländern gewöhnten sich daran, vorzugsweise über elektronische Kanäle zu kommunizieren. Zuerst kamen E-Mails, Chaträume im Web, Videokonferenzen und ähnliches. Sogar immer mehr Partnerschaften, gar Ehen, kamen durch Kontakte im Web zustande. Der endgültige Durchbruch war die Einführung des Bildtelefons mit lebensgroßem dreidimensionalem Display. Jetzt wurden viele direkte Begegnungen durch ein Bildtelefonat ersetzt. Ich nehme ein Beispiel: Man musste den alten Opa im Pflegeheim nicht mehr körperlich besuchen, sondern konnte sich guten Gewissens des Bildtelefons bedienen.
Zweitens wurde die Technik entwickelt, virtuelle Geschöpfe erstaunlich lebensecht zu animieren, zunächst Saurier , dann auch menschenähnliche Wesen in Science Fiction- und Fantasy-Filmen und in interaktiven Computerspielen.
Drittens: Die Forschungsarbeiten zur Schaffung künstlicher Intelligenz hatten schon recht früh zu Programmen geführt, die dem Rechner erlaubten ein relativ vernünftiges Gespräch führen, zum Beispiel über medizinische oder psychologische Themen. Oder als sogenannte Chatbots mit Internetnutzern zu sprechen. Mit wachsender Rechenleistung und besserem Verständnis für die menschliche Intelligenz wurde die elektronische Simulation eines kompletten menschlichen Gehirns möglich, zumindest was seine sozial und kommunikativ relevanten Äußerungen angeht, die sogenannten höheren Funktionen. Die in Wahrheit viel komplexere Steuerung der körperlichen Vorgänge versteht die Wissenschaft heute noch nicht ganz, das ist aber hier ohne Belang.
Die Verknüpfung der beschriebenen Entwicklungen das ist jetzt bald hundert Jahre her machte es schließlich möglich, eine menschliche Person virtuell darzustellen und diese Kopie mit echten Personen kommunizieren zu lassen.
Wenige Jahre später war der Prozess so weit automatisiert und damit kostengünstig, dass jedermann ich gebrauche jetzt das selbe Beispiel sich eine virtuelle Kopie seines Opas anfertigen lassen konnte. Und wenn Opa jetzt starb, dann konnten sich seine Nachkommen fortan mit Opas virtueller Kopie unterhalten Opa lebte fort!
Diese Technologie wurde so populär, dass heute praktisch für jeden lebenden Menschen eine elektronische Kopie für den Tag seines Ablebens bereitliegt."Moderator:
"Aber man hat doch auch schon vor langer Zeit verstorbene Personen virtuell wieder erstehen lassen ........?"Informatiker:
"Das ist richtig. Freilich ist die Herstellung einer virtuellen Version irgendeiner historischen Berühmtheit, sagen wir Einstein oder Hitler, sehr aufwendig, weil man alle verfügbaren Quellen mehr oder minder manuell auswerten muss. Dabei kommt einem freilich zugute, dass die Grundstruktur aller menschlichen Gehirne sehr ähnlich ist. Tatsächlich arbeitet man mit einer Art virtuellem Schauspieler, der in die verschiedensten Rollen schlüpft. Genauer mit zwei Schauspielern: mit einem männlichen und einem weiblichen, denn diese beiden Gehirntypen sind doch etwas unterschiedlich strukturiert."Moderator:
"Meinen Sie etwa 'Schwachheit, Dein Name ist Weib!'?"Informatiker:
"Ganz und gar nicht! Die Gehirnstruktur des weiblichen Schauspielers gilt unter uns Informatikern als die robustere!"Psychologe 1 (ein älterer Mann mit gepflegtem kurzem Bart, schütterem Haar und durchdringenden Augen)
"Das kann ich aus meiner Praxis nur bestätigen! Unter den virtuellen Personen wie unter den biologischen sind die Männer anfälliger für ernsthafte geistige Störungen! Virtuelle Personen freilich sind eher ein Fall für den Informatiker als für uns Psychologen!"Moderator:
"Noch eine Frage vorweg: Was machen die virtuellen Personen eigentlich wenn kein biologischer Mensch mit ihnen kommuniziert?"Informatiker:
"Dazu gab es anfangs unterschiedliche Ideen. Heute ist die Sache klar: Die virtuellen Personen führen eine Art Eigenleben eine Art! Immer im elektronischen Bereich sie verfolgen zum Beispiel die Fernsehprogramme oder Spiele im Web entsprechend den bekannten Vorlieben der dargestellten Person. Und das ist auch wichtig: Über was sollte sonst der Enkel mit dem Opa reden?! Oder sie halten sich durch das Web über ihr ehemaliges Arbeitsgebiet auf dem laufenden. Oder sie kommunizieren in Chaträumen. Alles immer im Einklang mit ihrer unveränderlichen Persönlichkeitsstruktur."Psychologe 2 (auch er ein älterer Mann; er trägt einen grauen Schnauzbart, zieht den Mund etwas schief, schiebt die Brille gerne einmal auf die Stirn hoch, spielt mit einer kalten Pfeife):
"Wir wollten doch über psychologische Probleme wirklicher Menschen sprechen, nicht über die Freizeitgestaltung virtueller Personen?!"Moderator:
"Ja, das wollen wir. Erinnern Sie sich an ihren ersten Fall eines psychologischen Problems eines biologischen Menschen im Zusammenhang mit einer virtuellen Person?"Psychologe 2:
"Natürlich! Mein Patient S. war ein junger Mann von angenehmem Äußeren und gewinnenden Umgangsformen. Er hatte ein paar Jahre auf der Mondstation Dienst getan. Viel Abwechslung in der Freizeit gab es dort nicht, so war der junge S. oft im Web, tummelte sich in vielen Chat-Räumen, und geriet dabei an eine reizvolle junge Dame mit der er bald regelmäßig und intensiv kommunizierte. Er verliebte sich in sie! Na ja, so etwas kommt ja vor. Als er zur Erde zurückkehrte, bat er die junge Dame um ein Treffen. Sie aber eröffnete ihm sie sei eine virtuelle Person, die Kopie einer Frau aus dem späten 22. Jahrhundert. Der junge Mann "Informatiker:
"Für solche Fälle ist in der Tat eine Art Notbremse eingebaut. Die virtuellen Personen können in einer solchen Situation gar nicht anders als ihre wahre Existenzform offen zu legen."Psychologe 2:
"Ja, das hat mir einer Ihrer Kollegen damals auch erklärt, ist ja auch sinnvoll. Nur: der junge S. wollte die Tatsache nicht hinnehmen, er glaubte vielmehr die junge Dame wolle ihn abwimmeln. Bald verfolgte er sie mit einer Unzahl verliebter Botschaften, bald verfiel er in Depression, bald in sinnlose Raserei. Als er mit einer Waffe in der Hand die Geschäftsräume seines Providers stürmte und die Herausgabe des vollständigen Namens und der Adresse seiner Angebeteten erzwingen wollte, konnte er unschädlich gemacht werden. Der Amtsrichter verurteilte ihn zur Zwangstherapie und wies ihn in meine Praxis ein."Moderator:
"Und? Konnten sie ihn therapieren?"Psychologe 2:
"N-ei-n eigentlich nicht. Meine Versuche waren vergeblich - gegen Verliebtheit hilft keine Psychotherapie.....Moderator, fällt ihm ins Wort:
"Verliebte und Verrückte sind beide von so brausendem Gehirn, so bildungsreicher Phantasie, die wahrnimmt, was nie die kühlere Vernunft begreift. Wahnwitzige, Poeten und Verliebte besteh'n aus Einbildung!"Psychologe 2:
" ......... Es handelt sich um eine Störung im chemischen Gleichgewicht des Gehirns wodurch das Denkvermögen stark beeinträchtigt ist und Wahnvorstellungen ausgelöst werden. Durch eine Blockierung der beteiligten Botenstoffe im Gehirn kann man die normale Funktion wieder herstellen, und genau so wurde S. geheilt. Die Symptome verschwanden schlagartig, S. konnte überhaupt nicht mehr begreifen was er an der jungen Dame eigentlich gefunden hatte."Psychologe 1:
"Eine alltägliche Sache. Bei den allermeisten Betroffenen stellt sich irgendwann eine Spontanheilung ein. "Moderator:
"Aber die Psychologie und Psychotherapie haben doch auch Erfolge?"Psychologe 1:
"Selbstverständlich. Ganz speziell die Techniken der Psychoanalyse sind geeignet manch vertrackten Fall zu klären und den Betroffenen zu helfen. In meine Web-Praxis kam nicht ganz aus freien Stücken einst M., eine junge Frau. Wann immer sie einem älteren Manne gegenübertrat, überfiel sie eine lähmende Angst, was ihr im Berufsleben große Schwierigkeiten bereitete. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste, und als sie mich sah packte die Angst sie, und sie wollte sofort wieder aussteigen, aber ihr Freund konnte sie beruhigen und zur Durchführung einer Therapie überreden. Es erwies sich dass viele Sitzungen selbstverständlich über Bildtelefon notwendig waren. Aber schließlich arbeiteten wir uns bis in ihre ersten Lebensjahre zurück und das Rätsel löste sich.
Das kleine Mädchen M. hatte tiefe Zuneigung zu seinem Großvater gefasst, der ihr am Bildtelefon regelmäßig schöne Geschichten vorlas. Eines Abends waren die Eltern kurz in die Nachbarschaft gegangen. Sie wussten die kleine M. gut aufgehoben, denn die saß vor der Bildwand und lauschte ihrem Großvater. Und da passierte das Unglück. Damals brachten Computerfreaks sogenannte Morphing-Viren in Umlauf. In "Informatiker:
"Entschuldigen Sie dass ich Ihnen ins Wort falle! Für unsere Zuschauer zur Erklärung: "Morphing" heißt bei den Computerleuten, von einer äußeren Form gleitend auf eine ganz andere überzugehen, sagen wir von Mensch zu Hund oder von Flugsaurier zu Vogel oder oder .....
Hm, mir ahnt schon was damals passiert ist .... heute wäre das nicht mehr möglich."Psychologe 1:
"Ich hoffe dass Sie recht haben! Also, diese Morphing-Viren damals drangen in die Graphikrechner auf der Empfängerseite ein und veränderten die Darstellung der gezeigten Personen gleich ob virtuelle oder biologische! in der lächerlichsten oder schrecklichsten Weise. Damals, als die kleine M. alleine vor der Bildwand saß, brach ein besonders schlimmer Virus ein. Der ehrwürdige Großvater auf der Bildwand mutierte zu den schlimmsten Horrorgestalten, den ekelhaftesten Ungeheuern, den fürchterlichsten Gerippen, und las dabei weiter eine heitere Geschichte vor! Die kleine M. hörte nichts mehr, schaute nur noch mit schreckensweiten Augen, unfähig wegzulaufen starrte sie auf die Bildwand, und dann begann sie zu schreien, und schrie und schrie und schrie! Schließlich kamen die Eltern zurück, sahen was los war, drehten das Bild ab, und versuchten M. zu trösten mit dem Hinweis auf einen schlimmen Streich. Aber M. schluchzte um so mehr: "Mein armer Opa! Mein armer Opa!", und da machten die Eltern auch noch den Fehler zu erklären, dass dem Opa ja gar nichts passieren konnte, er war ja schon lange tot! Stundenlang schluchzte M. um ihren armen toten Opa. Am nächsten Tag kam der Techniker und säuberte den Graphikrechner von dem Virus, aber niemals mehr setzte sich M. vor die Bildwand und lies sich Geschichten vorlesen ..... Mehr noch: sie weigerte sich überhaupt ihren virtuellen Großvater jemals wieder anzuschauen......Später verdrängte sie die Geschichte ins Unterbewusste, entwickelte aber im Lauf der Zeit eine unerklärliche Phobie vor alten Männern......
Nachdem wir das alles geklärt hatten, wusste meine Patientin, eine sehr intelligente Person! mit der schlimmen Erinnerungen umzugehen, und führte ein normales Leben so viel ich weiß, jedenfalls.
Ich hoffe wirklich dass so etwas heutzutage nicht mehr ........"Informatiker:
"Ich kann Sie in der Tat beruhigen. Die äußere Form der virtuellen Person ist heute absolut unzerstörbar. Allerdings: Das zu erreichen war eine harte Nuss für die Informatiker. "Der Moderator:
"Ist es wahr dass virtuelle Personen heute so komplex aufgebaut sind und sich im Detail selbst organisieren, dass sie ein nicht mehr vorhersehbares Eigenleben entwickeln?"Informatiker:
"Ganz so schlimm ist es nicht. Aber hin und wieder gibt es schon mal Überraschungen. Nehmen Sie nur die Vorgänge um den Multimillionär Donald McDonaldson, die vor ein paar Jahren durch die Regenbogenpresse geisterten..."Psychologe 2:
".... und durch die psychologische Fachliteratur! Wollen Sie die Geschichte jetzt erzählen?"Informatiker:
"Ja! Es ist schon ein paar Jahre her, aber man kann die Geschichte ruhig noch einmal erzählen. Sie hat viele sonderbare Facetten. Also gut:
Donald McDonaldson war was man einen Selfmademan nennt. Mit eiserner Energie und Willenskraft hatte er sich emporgearbeitet und hatte es zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht. Er war ein starker Charakter: Sein Wille war Gesetz, Widerspruch akzeptierte er nicht.Donald McDonaldson ließ, als er 50 Jahre alt und auf dem Höhepunkt seiner Karriere war, seine virtuelle Kopie anfertigen, auf dass im Falle seines Ablebens seine diversen Frauen wie auch seine zwei ehelichen und vier unehelichen Kinder ihn gut in Erinnerung behalten würden. Aber anders als jeder vernünftige Mensch ich habe mir von einem Provider sagen lassen dass mehr als 99% aller Kunden vernünftig sind (zumindest in dieser Beziehung) anders als jeder vernünftige Mensch bestand Donald McDonaldson darauf, dass seine Kopie unverzüglich aktiviert wurde damit er sie überprüfen könne! Die virtuelle Kopie war vorzüglich gelungen. Sie war genauso willensstark wie ihr lebendiges Vorbild, und es ereignete sich etwas erstaunliches: Das Original und die Kopie gerieten in Streit miteinander! Das Original bezweifelte die Genauigkeit der Kopie, die Kopie bestand darauf dass sie fehlerfrei sei! Wie konnte man den Streit klären? Ein Witzbold schlug einen modifizierten Turing-Test vor, aus Witz wurde Ernst, der Test wurde zehnmal zehnmal! -durchgeführt unter Einbeziehung eines Kammerdieners, einer ehemaligen Ehefrau und der zwei ehelichen Kinder - und das Ergebnis war überraschend: Bei acht der Tests also statistisch signifikant - wurde die Kopie zum Original erklärt! Die Kopie war "besser" als das Original!"
Moderator:
"Menschen deuten oft nach ihrer Weise die Dinge, weit entfernt vom wahren Sinn!"Informatiker:
"Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Informatiker waren sich ziemlich einig wie der eingetretene Effekt zu erklären sei. Der Fakten-Datenbestand in Originalperson und in der Kopie war gleich. Aber bei der Anfertigung der Kopie hatten sich Vereinfachungen in der Persönlichkeitsstruktur ergeben. Im biologischen Original vorhandene aber durch widersprüchliche Eigenschaften kaum merklich abgemilderte Charakterzüge traten in der Kopie ungebrochen in Erscheinung: das Abbild des Donald McDonaldson hatte schärfere Konturen als das Original! So war die Kopie noch willensstärker und keinesfalls zum Nachgeben bereit im Streit mit dem Original. Nicht lange, und die Kopie kämpfte um ihr "Leben": Das Original wollte die Kopie wieder vernichten lassen. Aber §124 des Gesetzes über den Schutz virtueller Personen verbietet die Vernichtung virtueller Personen nicht erst nach dem Ableben, sondern schon zu Lebzeiten des Originals. Donald McDonald ließ sich auf einen langen Rechtsstreit ein und soll ihn schließlich gewonnen haben. Der Mann ist aber seit Jahren aus der Öffentlichkeit verschwunden, ich weiß nicht einmal ob er noch lebt."Psychologe 2:
"Ich kann es Ihnen sagen: Er lebt nicht mehr. Deswegen darf man heute auch erzählen, dass der lange Streit mit seiner Kopie und um seine Kopie den starken Mann seelisch so zerrüttet hatte, dass er die letzten Lebensjahre in einer psychiatrischen Anstalt verbringen musste. Zuletzt behauptete er hartnäckig, er selber sei die Kopie und werde ewig leben, der originale Donald McDonaldson aber sei schon lange tot."Moderator:
"Bei dieser Geschichte kommt einem der Gedanke, ob die virtuellen Kopien nicht doch in ihrer besonderen Existenzform echte Personen sind und ein Bewusstsein haben."Psychologe 1:
"Eine sehr schwierige Frage! Kein Mensch kann bei einem anderen das subjektive Erlebnis des Bewusstseins direkt beobachten, schließt aber wohl mit Recht von sich auf andere."Informatiker:
"Direkt beobachtbar sind nur die Äußerungen des Bewusstseins. Wenn eine Person biologisch oder virtuell sich so verhält als habe sie Bewusstsein, und auch von sich selbst behauptet sie besitze Bewusstsein kann man es ihr dann abstreiten?! Dann allerdings besitzen auch virtuelle Personen Bewusstsein!"Der Moderator:
"Behauptung ist nicht Beweis! wir müssen diese Frage wohl offen lassen. Zumindest für heute unsere Sendezeit läuft ab, wir kommen zum Ende unseres Gesprächs.
Ich bin sicher, dass Sie alle zuhause vor der Bildwand sich nicht nur bestens unterhalten gefühlt, sondern auch viel dazugelernt haben. Das verdanken wir unseren prominenten Gesprächsteilnehmern ich will ihre Namen noch einmal nennen: es waren die Professoren Siegmund Freud und Carl Gustav Jung, Begründer der modernen Psychologie, sowie der eminente Kenner des Themenkreises "Künstliche Intelligenz", Douglas R. Hofstadter, berühmt geworden durch sein immer noch grundlegendes Buch "Gödel Escher Bach".Die Kamera zoomt auf den Moderator. Der zögert absichtlich ein bisschen, grinst dann spitzbübisch in die Kamera:
"Nun, liebe Zuschauer, vielleicht haben Sie es ja schon früher bemerkt, aber jetzt ist wohl alles klar: Wenn schon lang Verstorbene an unserer Runde teilgenommen haben, dann müssen es ja wohl virtuelle Personen gewesen sein! Wahrlich: dass ganze Web ist eine Bühne, und alle Fraun und Männer bloße Spieler!
Damit komme ich wirklich zum Ende. Ich hoffe dass Sie bei unserer nächsten Gesprächsrunde, in zwei Wochen zur gleichen Zeit, wieder dabei sind. Bis dahin verbleibe ich ich bin nicht was ich bin Ihr sehr ergebener William Shakespeare!"
Das ist der Verlauf der Gesprächsrunde, exakt Wort für Wort wiedergegeben wie Sie es gewünscht haben.
Wie? Sie meinen ich könnte mich ja wohl hier oder da auch vertan haben? Aber nein! Mein Gedächtnis ist praktisch grenzenlos und unfehlbar. Das gesamte Web steht mir als Speicher zur Verfügung. Ob ein vollkommenes Gedächtnis ein Segen ist oder ein Fluch, brauchen wir nicht zu diskutieren. Es ist eben einfach so bei uns virtuellen Personen.