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Rede des toten Christus vom Weltgebäude
dass man Gott nicht verleumden dürfe.

1     Im neurologischen Institut

Der Vertreter des Justizministeriums betrat als letzter den Beobachter-Raum. Der Institutsdirektor begrüßte den Neuankömmling.

„Wir sind jetzt vollständig und können den Heilungsversuch beginnen. Wir sind uns alle im klaren dass dies ein letzter und damit entscheidender Versuch ist, die Vorgänge im Gehirn des Kranken zu normalisieren. Misslingt der Versuch, dann wird wohl nichts weiter übrigbleiben als – äh - Maßnahmen im Interesse der Allgemeinheit zu treffen?“

Der Direktor wandte sich fragend an den Justizbeamten, der nickte bestätigend:

„So ist es. Das Urteil ist rechtskräftig.  Erklären sie bitte für das Protokoll noch einmal kurz was das Problem des Kranken ist und wie Sie vorgehen wollen.“

Der Direktor gab dem Oberarzt das Wort.

„Der Kranke leidet unter hartnäckigen Wahnvorstellungen. Er glaubt im Kontakt mit einem nicht existierenden Wesen zu sein das er als „Gott“ oder „Heilige Dreieinigkeit“ bezeichnet. Offenbar sind in ihm Vorstellungen virulent geworden die wir mit dem Verschwinden der Religionen im allgemeinen und der „christlich“ genannten Religion im besonderen für ausgestorben gehalten haben.
Nun ist nach den allgemeinen Menschenrechten jeder berechtigt seine eigenen Wahnvorstellungen zu pflegen  - so lange er damit keinen Schaden in der Gesellschaft anrichtet. Genau dies ist hier aber leider der Fall – wie es das vorliegende Urteil bestätigt .
Der Kranke pflegt nämlich seine Wahnvorstellungen nicht als Teil seiner legitimen Privatsphäre, sondern besteht hartnäckig darauf seine „Erlösungslehre“ zu verbreiten, und zwar versucht er insbesondere minderjährige Kinder damit zu indoktrinieren. Auf diesem Wege stört, ja zerstört er deren angeborenen Verstandesfunktionen.
Alle Versuche ihn durch psychotherapeutisches Gespräch oder durch Medikation von seinen Wahnvorstellungen zu befreien sind bisher gescheitert. Als letztes Mittel werden wir heute in seine Träume eingreifen, wobei wir uns natürlich seiner eigenen Gedankenwelt und seiner eigenen Bildersprache bedienen müssen. Eine gewöhnlich wirkungsvolle Methode, doch nicht ganz ohne Risiken. Sie darf daher nur bei Vorliegen eines rechtskräftigen Urteils angewandt werden.

Können wir beginnen?“

„Beginnen Sie!“

Die Aufmerksamkeit der kleinen Beobachtergruppe richtete sich auf den Kranken, der hinter der großen Glasscheibe, scheinbar friedlich schlummernd, auf einem Operationstisch  ruhte. Er war bereits an mehreren Körperstellen verkabelt. Jetzt senkte sich die Haube des Traumkopplers über seinen Kopf.

Der Institutsdirektor gab dem Oberarzt das Zeichen zum Einschalten.

2     Traum

Die Himmel öffneten sich über den Toten. Die Erzengel traten hervor und bliesen die gewaltigen Posaunen dass die Erde zitterte und wankte und ihre Toten freigab.

In gleißendem Gewand trat eine Gestalt aus dem Himmel, ihre Füße ruhten auf der Erde und ihr Haupt war im Himmel und im unendlichen Glanze konnte man ihr Gesicht nicht  sehen.

Die Stimme der Gestalt dröhnte:

„Ich bin Christus der Herr. Ich bin nicht und ich bin doch, denn ich bin dein Gott!

Der Tag des Gerichtes ist gekommen. Ich werde über deine Verbrechen urteilen.

Zittere nicht wegen des Geldes das du armen alten Frauen aus der Tasche gezogen hast für deine „Mission“. Zittere nicht wegen der kleinen Chorknaben die du angefasst hast. Solche Ärmlichkeiten kümmern mich nicht.

Zittere weil Du das größte aller Verbrechen begangen hast, immer wieder, bis zu deinem letzten Tag: Du hast Gott verleumdet!

Was du als Heilige Schrift bezeichnest ist voller Verleumdungen. Dort steht

Gott straft ungerecht hart einen Obstdiebstahl, und das noch in Sippenhaft über zahllose Generationen.
Gott foltert einen Vater mit der Forderung er solle seinen eigenen Sohn umbringen, und er foltert das Kind durch eine Scheinhinrichtung.
Gott lässt Menschen töten nur weil sie an einem willkürlich bestimmten Tag kleine nützliche Arbeiten verrichten zum Beispiel Holz sammeln.
Gott begeht Massenmord an den Kindern eines ganzen Landes.
Gott verbrennt die Bewohner einer ganzen Stadt.
Gott ertränkt Millionen Menschen und Tiere.
Gott lässt sich ein junges Mädchen als Menschenopfer darbringen.
Gott ruft zum Völkermord auf und er beteiligt sich selbst daran.
Gott lädt sein Lieblingsvolk dazu ein alles Lebendige in einer eroberten Stadt zu töten, nur die Jungfrauen zum beliebigen Gebrauch übrig zu lassen.

Kennst du diese Texte? Ja? Ja! Was sagst du dazu?

Ach so, das ist nur das "Alte Testament"? Aber du nennst dieses Buch voll übelster Verleumdungen doch „Heilige Schrift“?! Wie, nur das "Neue Testament" soll gelten?  Warum hast du das nie gesagt? Warum hast du kleinen Kindern Schauergeschichten über Gott erzählt?

Aber was ist nun mit dem Neuen Testament?

Was der große  Jehoschua aus Nazareth lehrte, das hast du in deiner Heiligen Schrift nicht nur verzerrt niedergeschrieben. Du hast daraus eine widerwärtige Mythologie entwickelt die mit Jehoschuas Lehren rein gar nichts zu tun hat:

Euer  neuer Gott hat eine verheiratete Frau geschwängert, somit entweder Ehebruch oder eine Vergewaltigung begangen.
Euer neuer Gott hat seinen eigenen Sohn, den großen Jehoschua, bestialisch foltern und zu Tode bringen lassen.
Euer neuer Gott hat die ehernen Gesetze der Welt, die er doch selbst geschaffen, durch Jehoschuas angebliche Wunder und Auferstehung außer Kraft setzen lassen.
Euer neuer Gott ist nicht mehr der Eine, sondern eine Dreiheit, und weil alle drei Teile männlich sind – welch lächerliches Attribut für Gott! -  habt ihr aus der Mutter Jehoshuas eine Göttin gemacht. Aber eure Frauen habt ihr immer als mindere Wesen betrachtet, als Hexen habt ihr sie verbrannt.
Wer nicht an euren neuen Gott glauben wollte, den habt ihr gefoltert und gemordet.
Über zwei Jahrtausende habt ihr Jehoshuas Volk im Namen eures neuen Gottes verfolgt und es schließlich zu Millionen tot geschlagen wie Ratten, vergast wie Ungeziefer.

Sag: Ist in deiner Sicht Gott nicht allmächtig? Wer die Macht hat, trägt die Verantwortung. Ist also - in Deiner Sicht - Gott  als der Allmächtige nicht notwendig verantwortlich für alles was sich in der Welt ereignet? Welche Untaten hast du Gott damit nicht angehängt? Alle! Alles Böse, alles Schreckliche, alles Grausame was geschieht!

Oh grenzenlose, unendliche Verleumdung!

Willst du weiterhin die Verantwortung für alles Übel der Welt auf den „unerforschlichen Willen“ Gottes schieben? Und zum Ausgleich versprechen dass Gott am Ende aller Tage für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen werde – so dass du dich selber nicht darum sorgen musst? So dass du über Armut und Ungerechtigkeit und Leiden in der Welt hinwegsehen kannst?

Willst du auch weiterhin all diese Ungeheuerlichkeiten verbreiten? Willst du weiterhin kleinen Kindern deine absurden Lehren einträufeln? Willst du sie weiterhin lehren zu glauben statt zu denken?

Willst du nicht endlich erkennen dass Gott das große Geheimnis ist über das man nichts sagen kann?!

Wirst du demütig - schweigen?!“

3   Erwachen

Die kleine Gruppe hatte durch die große Glasscheibe beobachtet, wie sich der Kranke unter der Gewalt seines Traumes wand, den sie auf dem Monitor verfolgen konnten. Wie sein Gesicht von Schweiß troff, wie seine zitternd erhobenen Hände das Ungeheuerliche von sich wegzuschieben suchten. Sein unartikuliertes Stöhnen und Stammeln kam über den Lautsprecher.

Als der Oberarzt endlich den Traumkoppler ausschaltete und der Kranke erschöpft  zurücksank, ging ein Aufatmen durch die kleine Gruppe. Der Traumkoppler fuhr zur Decke des Raumes zurück. Ein Helfer begann die Verkabelung des Kranken zu lösen. Die Gruppe nahm in einem Nebenraum ohne rechten Appetit einen kleinen Imbiss ein, kehrte aber bald wieder zurück um das Aufwachen des Kranken nicht zu verpassen. Man musste nicht lange warten.

Der Kranke wälzte sich ein paar mal hin und her, dann fuhr er mit einem Ruck hoch. Er zitterte am ganzen Leibe. Er ließ sich von dem Operationstisch auf den Boden gleiten, kniete nieder, faltete die Hände und begann laut zu stammeln:

„Herr, erlöse mich vom Bösen ...... Satan weiche von mir dass du mich nicht versuchest! ....  Oh Herr, ich habe gesündigt dass ich solche Gedanken in meinen Traum ließ ....  Herr gib mir die Kraft dir zu dienen und deine Botschaft weiterzutragen ....  Dein Heiliges Wort will ich allen Menschen verkünden ....Alle Kinder zumal sollen deine Wahrheit erfahren ....   Oh Herr Gott, oh Jesus, oh Heiliger Geist ... steht mir bei ....Maria hilf! .... “

Unkontrolliert zuckend sank er in sich zusammen. Ein Helfer kam mit einer Beruhigungsspritze.
 

4     Entscheidung

„Scheiße!“

Der Institutsdirektor stieß es halblaut zwischen den Zähnen hervor. Nach einer kurzen Zeit allgemeinen peinlichen Schweigens gewann er seine Fassung zurück und stellte fest:

„Meine Damen und Herren! Es wäre sinnlos zu leugnen: Der Heilungsversuch ist fehlgeschlagen. Wenn auch selten, so gibt es eben doch Fälle wo die Wahnvorstellungen das Gehirn des Patienten irreversibel  in Besitz genommen haben. Wo unser Verfahren versagt, hat allerdings auch kein anderes Verfahren Erfolge erzielen können....  Als Fachmann .... nun, ich befürchte, es gibt keine Hoffnung mehr .....“

„In diesem Falle“ nahm der Vertreter des Justizministeriums das Wort, „in diesem Falle tritt das vorliegende Urteil in Kraft:

Zum Schutze der Gesellschaft, insbesondere der Kinder, vor Infektion mit den religiösen Wahnvorstellungen des Kranken wird für ihn Sicherungsverwahrung angeordnet.“
 
 
 

                                                                *    *    *
 
 
 
 
 
 

Anmerkung: Der Titel der Geschichte ist ein bewusstes Zitat des großartigen Textes von Jean Paul „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“. Jean Paul freilich beschwört darin wortgewaltig den Schrecken des Nicht – Glaubens.
 
 

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