<<<<  zurück zu "Willkommen"                zum Archiv der Erzählungen  >>>>

 



Moskau -  St. Basilius-Kathedrale


Moskau
Ein schöner Sommerabend

Teil 1: Auszüge aus dem Tagebuch des Astronavigators A.Y., seiner Witwe übergeben durch den Kommandanten S.T. des Rettungsraumkreuzers „Sirius“

„Liebe, geliebte Frau!

        Tagebuchschreiben war gewiss nicht meine Leidenschaft bisher, aber heute sind Umstände eingetreten.... wer weiß ob ich Dich wiedersehen werde, aber wenn wenigstens diese Seiten Dich erreichen!
Heute ist eingetreten, was wir alle immer heimlich gefürchtet und nie ausgesprochen haben: Der Hauptreaktor ist ausgefallen weil die Steuerung kein drittes Back-up hat – eingespart von diesen Erbsenzählern und Sesselfurzern im Ministerium! Und wir müssen jetzt vielleicht dafür sterben....
Unser Cheftechniker – der Kerl mit den großen Ohren, erinnerst Du Dich? - er hat gesagt: Null Chance zu reparieren- keiner überlebt im Reaktorbereich lang genug um etwas sinnvolles zu tun, und einen Robotmechaniker haben wir nicht an Bord: eingespart von diesen Arschlöchern im Ministerium..... weil ein paar Wissenschaftler, die es eigentlich besser wissen müssten, ihnen per Gefälligkeitsgutachten bestätigt haben dass ein Bedarf dafür niemals eintreten kann. Wie man ja nun sieht.
Ich habe die mit dem Rettungsboot erreichbaren Sonnensysteme überprüft. Gottseidank ist eines dabei, dessen Planeten akzeptable Überlebensbedingungen bieten könnten dürften sollten. Ich werde jetzt die automatische Anflugbahn programmieren. Erst ganz am Ende werden wir von Hand etwas korrigieren können.“

„Wir sind gelandet! Wir sind gelandet! Wir sind gelandet! Beim Anflug auf den einzigen Planeten der erträgliche Temperaturen versprach, mussten wir feststellen dass er im wesentlichen mit Wasser bedeckt ist! Es gelang uns aber, unter Einsatz unseres ganzen Korrekturtreibstoffes in die Mitte einer der wenigen Landmassen zu zielen und sicher zu landen. Wenn ich mich jetzt mit dem Periskop umschaue, bietet sich meinen Augen eine phantastische Welt:
Rings um uns herum ragen gigantische, nach dem Fraktalprinzip konfigurierte ortsfeste „Pflanzen“ in den Himmel (jedenfalls sagt unser Astrobiologe es seien welche!), und jenseits dieser gigantischen „Pflanzen“ ragen Gebilde auf – soll ich schon sagen: „Bauwerke“?, deren teils streng geometrisch-kristalline teils filigrane Formen den Gedanken an intelligenzbegabte Schöpfer nahe legen. In der Luft zwischen den „Pflanzen“ bewegen sich Tiere (sagt unser Astrobiologe) von erstaunlicher Größe. Wir werden verdammt vorsichtig sein müssen, wenn wir morgen unser Rettungsboot verlassen (die Radioaktivität steigt schon – der Reaktor ist nur leicht gekapselt – sonst wäre das Boot zu schwer – und teuer?! geworden...) . Jetzt wird es dunkel, denn es gibt eben hier nur eine Sonne.“

„Auch das ist gut gegangen! Wir haben unser Boot verlassen, es gut verborgen unter allerlei toten Überresten die wohl von den „Pflanzen“ abgestoßen worden sind, und auch unsere ganze Ausrüstung geborgen. Die „Pflanzen“ reflektieren im grünen Bereich des Spektrums, und das gibt uns guten Schutz. Den haben wir nötig, denn immer wieder kommen „Tiere“ durchaus unterschiedlicher, immer aber erschreckender Größe vorbei. Sie bewegen sich teils nur am Boden, teils aber auch in der Luft. Es besteht strenge Anweisung, dass immer drei von uns zusammenbleiben, damit wir uns gegenseitig Laserschutz geben können.

 Die „Pflanzen“, so fremdartig sie erscheinen, haben eine hochwillkommene und vertraute Eigenschaft: Sie enthalten große Mengen von Zellulose! So war es uns möglich, in den letzen drei Tagen eine Wohnkugel zu errichten, wohlverborgen und schwingungsgedämpft aufgehängt in den  fraktalen  Verzweigungen der „Pflanzen“ (ich kann mich nur schwer daran gewöhnen, die Anführungszeichen wegzulassen, so fremd sind diese Lebewesen). Du kennst die Bauart: als Du noch mitflogst, haben wir sie einmal auf Atair 13 benutzt: Eine hohle Kugel; ganz im Innern, im wärmsten Teil, die Innenkugel mit unseren individuellen Schlafzellen (ja, wir haben Komfort!); drum herum an der Wand der Kugel die Verkehrswege und das Gerät; ständig bewachter Ein- und Ausgang nach unten!“

  „ Heute ist etwas Schlimmes passiert: Wir haben einen unseren Kameraden verloren! Wir waren zu dritt auf Streife, als eines der riesigen fliegenden Tiere auf ihn herabstieß. Wir zwei anderen  haben sofort mit den Lasergewehren geschossen, und das Vieh fiel wie ein Stein zu Boden – aber für den armen Kerl war es zu spät. Wir konnten ihn nur noch tot aus dem Maul des Ungeheuers ziehen und ihm ein schlichtes aber ehrenvolles Begräbnis zuteil werden lassen.“

„Das Unglück gestern hat die Diskussion um die Tiere hier angeheizt. Unser Astrobiologe unterscheidet drei Klassen:
Erstens solche von verschiedener (zumeist gewaltiger) Größe, das seien biologisch fest programmierte Tiere mit nur geringer Verhaltensvariation;
Zweitens solche von ganz gewaltigen Maßen, der hohen Massenträgheit entsprechend nur langsam und sehr plump sich bewegende Tiere; diese haben einen zumindest rudimentären Verstand und sind die Schöpfer der gigantischen mineralisch-metallischen Bauwerke die in der Umgebung herumstehen;
Drittens äußerlich ähnliche Tiere aber nicht biologischer, sondern metallisch-technischer Natur; sie sehen der zweiten Kategorie sehr ähnlich. Vielleicht ist es eine primitive Art von Robotern.
Wir haben lange darüber diskutiert ob wir Kontaktaufnahme mit der zweiten Kategorie versuchen sollen oder ganz unauffällig warten bis der alarmierte Rettungskreuzer kommt (wir haben ihm unsere genauen Koordinaten geschickt, sie müssten in ein paar Tagen hier sein). Beschluss: Wir wollen es morgen versuchen. Schließlich sind wir ein Forschungsteam! Wir werden einen guten Bericht schreiben.“

„Auch der neuerliche Versuch hat nichts gebracht, so wenig wie die Versuche in den letzten Tagen. Oder wenigstens: kein brauchbares Ergebnis.  Als eines der Tiere der zweiten Kategorie in die Nähe unserer Wohnkugel kam – Zufall? Ich weiß es nicht! – da haben wir diesmal versucht im Chor zu ihm zu sprechen; es muss wohl etwas gespürt haben, wurde unruhig und zog sich hastig zurück. Unser Astrobiologe meint dass diese Tiere sich vielleicht mittels Luftdruckschwingungen verständigen,  ohne dass dieser  Prozess durch irgendwelche Gedanken begeleitet wird; dann können sie uns natürlich nicht wahrnehmen.
Jetzt wird die Sonne bald verschwinden, alle sind wir zurück in unserer wohltemperierten Wohnkugel, und wir wollen die Ereignisse des Tages in aller Ruhe diskutieren.
Verdammt, was ist das? Ala    "

An dieser Stelle bricht das Tagebuch unvermittelt ab. Das letzte Wort soll wohl „Alarm!“ heißen.


Moskau – Erlöserturm des Kreml

Teil 2: Gespräch zwischen vier Damen auf der Terrasse einer Datscha. Die Sonne ist untergegangen und es wird langsam dunkel. Die Sterne kommen heraus.

Die drei Gäste trafen fast gleichzeitig ein: Irina, Inna, und Nina; die Begrüßung mit der Gastgeberin Olga war so herzlich, reich an Umarmungen und Wangenküssen, als habe man sich seit Jahren nicht gesehen; dabei lag das letzte gemeinsame Sekt-Frühstück erst drei Tage zurück. Man gruppierte sich bequem auf den Liegestühlen der Terrasse. Ivan R., der Serviceroboter,  füllte die großen Vodkagläser und platzierte feine Häppchen auf dem Tisch in der Mitte der Gruppe: Kaviar, geräucherter Stör, fette Wurst.

Das lebhafte Gespräch der Damen drehte sich zunächst, wie bei solchen Gelegenheiten im 24. Jahrhundert  üblich, um die neuste Mode, Schmuck,  die besten Boutiquen, Gallenleiden, die letzte Party, das unmoralische Leben gemeinsamer Bekannter, das unendliche Elend mit den verständnislosen Ehemännern, Ärger mit den Dienstboten. Man bewunderte die wohlgepflegte exotische Blütenpracht des Gartens, Werk des recht anstelligen Jevgeni R., eines Gartenroboters der neuen Technologie.  Das gab Inna die Gelegenheit zur  Frage: „Erzähle uns doch noch einmal, liebste Olga, wie es eigentlich kam, dass Dein Ur-ur-ur- Vorfahre einen großen Teil des roten Platzes kaufen und hier diese herrliche Datscha einrichten konnte.“ (Sie hatte die Geschichte vielfach gehört, aber Olga erzählte sie gerne, und es war auch zu lustig zu hören wie Russland den kapitalistischen Westen hereingelegt hatte).

Olga begann auch zugleich: „Das geht auf das einundzwanzigste Jahrhundert zurück. Damals stand mein Vorfahr an der Spitze der GASPROM, die schon zu dieser Zeit der Welt größter Lieferant von Naturgas war. Damals war man im Westen sehr besorgt um den sogenannten Treibhauseffekt, das heißt die Aufheizung des Klimas durch die Emission von Kohlendi-  Kohlendi-“ – „ Kohlendioxid!“ warf die gebildete  Irina ein. „.....Kohlendioxid, wie es bei der Verbrennung von Kohle und Erdöl  und eben Erdgas entsteht. Der Westen wollte den Verbrauch dieser Brennstoffe drosseln. Mein Urahn aber finanzierte einen der führenden Männer unserer Akademie der Wissenschaften. Der wies nach, das der Treibhauseffekt für Russland sich äußerst günstig auswirken würde! Man zog vor das Weltgericht in Den Haag und verklagte die westlichen Staaten auf Unterlassung der auf die Minderung des Treibhauseffektes gerichteten Maßnahmen, widrigenfalls das Zahlen von Schadensersatz an Russland wegen des entgangenen Vorteils. Russland bekam Recht vor dem Gericht, und da die Entschädigung astronomische Summen verlangt hätte, war dies das Ende aller Bemühungen um die Eindämmung des Treibhauseffektes. Mit zwei wunderbaren Folgen: Russland profitierte tatsächlich durch die zunehmende Erwärmung, so dass Sibirien jetzt die Kornkammer der Welt ist und wir Hilfslieferungen an Weizen in die USA schicken können, die sich in eine unfruchtbare Steppen- und Wüstenlandschaft verwandelt haben!“

Die Damen wollten sich ausschütteln vor Lachen, und gleich mehrere Trinksprüche wurden ausgebracht. Ivan R. füllte eifrig die Vodkagläser nach.

Als wieder Ruhe eintrat, fuhr Olga fort: „Und der zweite Vorteil war eben der, dass das Geschäft mit dem Naturgas blühte wie nie zuvor, mein Urahn wurde der reichste Mann Russlands, und im hohen Alter gelang es ihm, einen Teil des roten Platzes zu kaufen...“ – „Da hat er wohl zuerst den Staatspräsidenten gekauft!“ flocht eine aus der Runde ein.   „........hier, direkt neben der alten St. Basilius-Kathedrale; hier wo er diesen herrlichen Park anlegen ließ; hier, wo heute alle die  exotischen Blüten und Früchte gedeihen. Ja, es hat sich viel geändert seit damals!“

„Finde ich nicht“ warf Irina ein, murmelte einen Trinkspruch und leerte ihr Vodkaglas.

„Doch doch!“ widersprach Olga. „Das Klima vor allem! Früher war es in Moskau im Winter kälter als heute am Südpol! Glaubt ihr damals gab es hier diese Blumen, diese immergrünen Baumriesen?“

„Aber es gab auch nicht diese widerlichen fliegenden Hunde, all diese verschiedenen Fledermäuse, die überall in den Bäumen hängen und um die Kremltürme toben!“

„Richtig!“ setzte Inna nach. „ Gestern lag ein solches Vieh tot bei mir im Garten (Sie hatte eine kleine Datscha ganz in der Nähe). Das Biest hatte zwei Brandlöcher im Bauch, wie von Laserpistolen. Seltsam – die Knallerchen  sind ja streng verboten, und ich kann mir nicht recht vorstellen, dass jemand die Entdeckung riskiert indem er auf einen dieser blödsinnigen fliegenden Hunde schießt. Gibt ja Tausende davon!“

„Ich habe auch so ein Ungeziefer entdeckt bei mir im Park!“ spann Olga das Thema weiter. „Irgendwelche ekelhaften schillernden Fliegen oder Wespen oder was es ist. Sie flitzen wie irre hin und her. Und summen ganz widerlich. Sie haben sich ein kugelförmiges Nest drüben im alten Affenbrotbaum gebaut. Als ich heute in ihre Nähe kam, da wurde das Gesumm so laut, dass ich es im Kopf nicht mehr aushalten konnte. Aber jetzt ist Schluss mit lustig! Jevgeni!“ Jevgeni R. trat aus dem dunklen Schatten der Bananenstauden. „Jevgeni, hast Du sie erledigen können? Was hast Du unternommen?“

„Ich habe drüben im GUM Insektengift gekauft! An der Sprayflasche ist ein kleiner Schlauch, den habe ich von unten in das Nest gehalten – und pffft! Jetzt rührt sich nichts mehr, Sie können ganz beruhigt sein.“

In das befriedigte Schweigen hinein ließ sich die träumerische Stimme von Nina vernehmen, die sich in ihrem Liegestuhl bequem ausgestreckt hatte und unverwandt in den sternenübersäten Himmel schaute: „Ist er nicht schön, der Stern?!“

Ohne den Kopf zu heben fragte Olga zurück: „Welcher? Der auf dem Kremlturm?  Der ist doch seit ewigen Zeiten drauf. Ivan der Schreckliche soll ihn draufgesetzt haben, oder Stalin, oder was weiß ich wer es war!“

„Nein, der da oben! Seht hin! Ich glaube er wird immer heller und schöner!“

Jetzt hoben auch die anderen die Köpfe, und wirklich, da war ein violett leuchtender Stern, der wurde größer und größer,  und heller und heller, und schien immer näher zu kommen.

„Ich glaube es ist ein Raumschiff!“ flüsterte Nina hingerissen. „Und es kommt hierher! Es will hier landen, bei Dir im Garten! Oh Olga, ist das nicht wunderbar?!“

In Olga begann Panik aufzusteigen.
 
 

<<<<  zurück zu "Willkommen"                zum Archiv der Erzählungen  >>>>