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Helgoland – "Lange Anna"

 

Helgoland
Wettlauf im Eis

Der letzte Teil des Wettrennens begann auf der alten Ölbohrplattform „Deep Diver XII“. In aller Hast stauten wir in dem altertümlichen Segelboot was uns an Ausrüstung zur Verfügung stand – es war ärmlich genug. Zur Navigation hatten wir nur einen  Kompass – wie gerne hätten wir ein GPS-Gerät gehabt, das ja eigentlich seit ein paar Jahrhunderten das Standardhilfsmittel war. Wir wussten in welcher Richtung Helgoland lag – aber zwischen „Deep Diver XII“ und der Insel – bzw. dem Rand des Eissockels – erstreckten sich 200 nm (sagte Jacques, mein Partner, der die altertümliche Karte (auf Papier!) zu lesen vermochte).  Wenigstens die verfügbaren Nahrungsmittel waren ok: hochkonzentrierte Astronautennahrung. Verhungern und verdursten würden wir nicht. Höchstens ertrinken.

Oder einem Überfall der anderen erliegen! Die anderen, wo waren sie? Sie mussten in der Nähe sein. Vor uns, hinter uns? Wir wussten es nicht.

Als wir mit dem Laden fertig waren, warfen wir los. Schlaf auf der alten Bohrinsel konnten wir uns nicht leisten. Wir würden uns beim Segeln abwechseln, einer würde immer schlafen können, hatten wir uns gedacht. Aber das stellte sich als nicht so einfach heraus. Der Seegang war gröber als wir gedacht hatten. Und wir mussten kreuzen. Wie in dieser Jahreszeit üblich stand der Wind mit Stärke 5 (auch so was altertümliches, diese Beaufort – Skala!) gegen uns. Und so blieb es die nächsten Tage. Wir versuchten die Seen elegant zu übersegeln, aber wir hatten beide nicht viel Erfahrung, immer wieder rannten wir uns fest, knallten in ein Wellental, die Gischt spritzte über uns hinweg. War man eben eingeschlafen, so wurde man fünf Minuten später wieder hochgerissen. Nur langsam gewöhnten wir uns ein. Seekrankheit? Na ja, auch das. Sprechen wir nicht darüber, mir wird heute noch übel. Ob das Boot kentersicher war? Wir wussten es nicht.

Schwierig  war die Navigation. Kein GPS. Keine Landmarken. Wir wussten dass wir ziemlich genau gegen den Wind segeln mussten; so bemühten wir uns abwechselnd gleiche Zeiten und damit hoffentlich gleiche Strecken auf dem linken und dem rechten Bug zu segeln. Einmal glaubten wir weit an Backbord das Segel der anderen zu sehen. Sollten wir uns mehr dort hinüber halten? Wir behielten unsere Taktik bei; am Ende würde die Insel mit ihrem Eispanzer nicht zu übersehen sein.

Am dritten Tag wurde es kälter, eisige Windstöße erreichten uns. Ein erste kleine Eisscholle tauchte auf, glattgeleckt von der See. Der Horizont, der Himmel recht voraus wurden weiß. Dort musste das Eis sein. Wir konnten so falsch nicht liegen.

In der Nacht zum vierten Tag wurden die Eisschollen dichter; es war jetzt schwierig ihnen auszuweichen. Und dann, ehe wir es recht hatten kommen sehen, waren wir im dichten Eisnebel. Kalt und klamm hüllte er uns ein. Große dichte Schwaden waren es, selten einmal eine Lücke. Gegen Mittag dann hörten wir ein neues Geräusch: Das fast ganz mit losen Eisschollen bedeckte Meer klatschte gegen die feste Eiskante.  Wir quälten das Boot zwischen den Schollen hindurch, alle Sinne angespannt, bis wir endlich die Eiskante auch sahen: Unmöglich hier zu landen. Wir beschlossen am Eis entlang zu segeln, jetzt in der Richtung, in der wir die anderen vermuteten.  Und richtig: nach Stunden erreichten wir eine kleine Bucht in der Eiskante, fast so etwas wie einen kleinen Hafen. Wir schoben uns mühsam hinein, mussten immer wieder mit der Eisaxt arbeiten, und erreichten schließlich eine flache Uferstelle, wo wir auf das feste Eis steigen konnten. Und hier fanden wir auch die Spuren der anderen! „Merde!“ wie Jacques so treffend sagte. Sie waren vor uns!

Aber noch war das Rennen nicht entschieden. Es galt die eingeschlossenen „Endurance“ zu finden, das Tagebuch zu bergen...... In aller Hast luden wir uns unsere längst zusammengepackte Ausrüstung auf und machten uns auf den Weg.

Pinguine verschiedener Arten bevölkerten das Eis, aber wir hatten keinen Blick für die kleinen Herren im Frack. Wir kämpften uns vorwärts so schnell es ging – und das war nicht sehr schnell.  Die Glätte des Eises, die bizarren Gebirge zu denen es sich aufgetürmt hatte... Heimtückisch verdeckte Spalten, die wir erst im letzten Augenblick sahen, die wir umgehen mussten..... Die Spuren der anderen hätten uns geholfen, aber wir hatten sie verloren. Einmal war es beinahe aus mit mir: Aus dem scheinbar so festen Eis wurde die Scholle hochgepresst auf der wir gerade waren. Jacques  konnte sich mit der Eisaxt sichern, aber ich rutschte unaufhaltsam auf jene Scholle zu, die sich immer steiler erhob und die unsere unter sich begraben wollte..... Hätte Jacques mir nicht sein Seil zugeworfen ... ich konnte es im letzten Moment greifen. Von da an gingen wir angeseilt.  Wir versuchten nach dem Kompass zu gehen um im Nebel nicht im Kreis zu laufen. Aber würden wir so nicht vielleicht an Helgoland vorbeilaufen?

Wo waren die anderen? Welche Taktik würden sie anwenden? Geradewegs auf die „Endurance“ los (wo war sie wohl?!)? Oder wussten sie dass wir hinter ihnen waren, würden im Halbkreis zurück gehen, hinter einer der vielen aufgetürmten Eisschollen auf uns warten, uns gemütlich mit den Betäubungsprojektilen abknallen, von denen jeder von uns nur eines besaß? „Um einen Eisbär zu betäuben!“ Einen Menschen konnte man damit umbringen! Wirkte in Sekunden. Wir hielten uns von den Eisgebirgen fern. Der Nebel wurde dünner, man konnte jetzt weiter sehen, das war vielleicht unser Glück.

Denn plötzlich sahen wir drei Dinge auf einmal: Über den Nebelschwaden erhob sich der rote Felsen der Insel; schemenhaft ragte das Rigg der „Endurance“ dort drüben; und kaum 200m vor uns gingen die anderen. Auch sie gingen angeseilt. Auch sie hatten die Insel und das Wrack bemerkt, beratschlagten. In diesem Augenblick erhob sich vor der ersten Person eine riesige Gestalt weiß aus dem Nebel wachsend: ein gewaltiger Eisbär. Setzte zum Angriff an. Die erste Person riss  die Betäubungspistole aus dem Hüfthalfter – da gab die zweite Person dem sie verbindenden Seil einen scharfen Ruck: der Schuss  aus der Betäubungspistole ging daneben. Der Bär stürzte sich über sein Opfer. Wir hörten einen grässlichen Schrei, es war die Stimme einer Frau.  Die zweite Person sah seelenruhig zu wie der Bär die Frau  zerfleischte. „Mord!“ stellte Jacques sachlich fest. „Aber nicht nachweisbar: Der Mörder – die Mörderin – wird immer sagen können, er wollte seine Gefährtin nur zurückreißen. Bon, zahlen wir es ihm heim!“ Wir drückten uns hinter eine Eisscholle, und als die Person, jetzt auf dem Weg zur „Endurance“; an uns vorbeikam, sprang Jaques auf und jagte ihr aus nächster Nähe sein Betäubungsgeschoss in den Leib.  Es war ein Mann, wie Jacques feststellte, als er dem Toten die unbenutzte Betäubungspistole abnahm.

Der Rest war ein Kinderspiel. Wir gingen vorsichtig hinüber zur „Endurance“, hebelten die Niedergangstür auf, stiegen hinunter in die Kajüte. Dabei hielt ich mich wohlweißlich immer hinter Jacques; ich wollte kein Betäubungsgeschoss in den Rücken bekommen, oder eine Eisaxt in den Kopf. Wir fanden mit einiger Mühe das Bordbuch – 1 Million war es wert! – oder 500 000 wenn man teilen musste! Im Buch lag die letzte Regieanweisung, ohne die man auf dem Eisfeld verloren gewesen wäre.
 



Helgoland – "Lange Anna"

So aber war es ganz einfach: An einem hochaufragenden einzelnen Felsturm vorbei (er sah freilich verdächtig nach Plastik aus) gingen wir auf das fast senkrechte Kliff zu, fanden den Einstieg, und begannen hochzuklettern. Wieder ließ ich Jacques den Vortritt. Wir waren fast oben, jetzt erleichterte eine eiserne Leiter das Klettern, schon sahen wir die Tür in den Felsen, wo das Begrüßungskomitee wartete ..... „Jacques“ rief ich. Er hielt inne im Klettern. „Jacques, wollen wir heute Nacht zusammen schlafen?!“ Er drehte sich um, sah auf mich hinunter - sah direkt in die auf ihn gerichtete Betäubungspistole. „Nicole! Was soll  -  “ Weiter kam er nicht, das Geschoss traf ihn mitten in das Gesicht. Er schwankte, seine Hände um die Eisenleiter lösten sich, er stürzte .... ich drückte mich eng an die Leiter, dass er mich nicht mitreißen konnte. Er schlug ein paar Mal auf die Felsen auf, dann unten aufs Eis. „Wunderbar! Großartig!“ hörte ich die Stimme des Spielleiters im Kopfhörer. „Und jetzt runterschauen, die Stirnkamera“ auf ihn halten!“ Es war mir nicht angenehm, wirklich nicht! aber es dauerte nicht lange bis Jacques ganz still lag. Der erstaunte Ausdruck in seinen Augen blieb.
Ich kletterte den Rest der Leiter hinauf. Der Spielleiter nahm mich in Empfang. Er war ehrlich begeistert: „Toll hast du das gemacht! Im letzten Augenblick! Unser Dramaturg hätte es nicht besser arrangieren können!“
Ein paar Gänge noch, dann eine Treppe .. wir traten ins Freie. Sonnenschein, milder Wind,  Blumenduft empfingen mich. Palmen wiegten sich im Wind. „Wir haben ein paar Minuten Zeit bis die große Show beginnt und wir dir den Scheck über eine Million überreichen. Ich erklär' dir die Anlage: Dort drüben, im Osten, siehst du die haiverseuchte Lagune  mit den Korallenriffen, wo das Spiel begonnen hat.  Das Klima ist heute zwar viel wärmer als noch vor hundert Jahren, aber im Winter müssen wir nachhelfen, das Meer aufheizen. Drüben, im Südosten, liegt das Watt, dort erkennst du schemenhaft die riesigen Windkraftanlagen. Die Energie benutzen wir um eine gigantische Wärmepumpe zu betreiben: Wir holen die Wärme aus dem Meer im Nordwesten, schaffen und erhalten so das Eisfeld, und führen die Wärme der Lagune zu..... clever nicht wahr? Ok, lass uns jetzt zum Showstudio gehen. Übrigens: Vielleicht gibt es ein paar Proteste wegen der drei Toten. Lass Dich nicht irritieren!“- „Was?“ sagte ich, „sind diese christlichen Protestler, diese moralinsauren Weicheier, immer noch aktiv?!“ „Na ja,“ meinte er, „weißt Du was ein agent provocateur ist? Wir haben ein wenig nachgeholfen – Skandale und Proteste sind gut für die Einschaltquote...“
 

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Anmerkung der Redaktion: Der vorstehende Bericht geht auf den Mitschnitt eines Interviews mit „Nicole“ zurück, die, fast achtzigjährig, immer noch eine imponierende Persönlichkeit ist. Wir haben den Bericht in dieser Ausführlichkeit abgedruckt, weil das „Journal für die jüngere Geschichte“ darin ein sehr eindrucksvolles Zeugnis der moralischen Verworfenheit sieht, welche die Abenteuerspiele des Fernsehens am Ende des vorigen Jahrhunderts erreicht hatten. Offenbar war hier ein rechtsfreier Raum entstanden, den die Staatsmacht duldete, damit die Bevölkerung ihre niedrigen Triebe wenigstens stellvertretend ausleben konnte. Heute sieht das anders aus. Wir haben Worldwide Adventure Televisions um eine Stellungnahme gegeben. Hier ist sie:

„Wir haben unsere Archive durchsucht und können bestätigen, dass der Bericht auf Tatsachen beruht. Heute allerdings wären solche Vorgänge nicht mehr möglich: Schon im Jahre 2245 haben die großen Fernsehanstalten ein Abkommen zur Selbstbeschränkungs abgeschlossen. Seitdem wird unerbittlich die Regel angewandt: Wer einen Mitspieler zu Tode bringt, wird disqualifiziert und von allen zukünftigen Abenteuerspielen ausgeschlossen.

Die Zahl der Toten ist dadurch um 80% zurückgegangen. Die verbleibende Todesrate ist für die Attraktivität der Sendungen unverzichtbar; wir werden uns allen Versuchen einer weiteren Beschränkung energisch wiedersetzen.“
 
 

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