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Ein Minister kommt zu Besuch


Im Auditorium

Der Forschungsminister hatte sich zu einem mehrstündigen Besuch angemeldet. Der Direktor des Instituts empfing ihn mit herzlichen Worten von wohlüberlegter Spontaneität auf der großen Freitreppe. Plaudernd begleitete er die hohen Gäste – den Minister und zwei Staatssekretäre – in das große Auditorium. Dort warteten schon  die Bereichsleiter mit ihren führenden Experten - Wissenschaftler, Mediziner, Ingenieure und Betriebswirte. Der Direktor selbst sprach die Begrüßungsworte:

"Sehr verehrter Herr Minister, sehr verehrte Herren Staatsekretäre! Ihr Besuch hier im Institut für digitale Reproduktionstechnik ist eine große Ehre für uns alle, wir heißen Sie auf das herzlichste willkommen ......."

Er gab einen kurzen Überblick über die Geschichte des Instituts; dann durften die Fachleute über die Aktivitäten des Instituts berichten. Was an diesem Ort geschah war ja auch eindrucksvoll genug:

Keimzelle des Instituts –welch passende Wortwahl! -  war ein Labor, wo Möglichkeiten des gezielten Eingriffes in das menschliche Genom untersucht und zur Einsatzreife entwickelt wurden. Solche Eingriffe waren lange Zeit auf die "Reparatur" fehlerhafter Gene und damit Vermeid von Missbildungen und Erbkrankheiten beschränkt; dann kam die freie Wahl des Geschlechtes des Kindes hinzu, dann das Ausbalancieren geistiger und körperlicher Merkmale und Fähigkeiten entsprechend den Wünschen der Besteller (manche bezeichneten sich immer noch selbst als "Eltern"). Beim Eingriff in das menschliche Genom bediente man sich immer mehr der Hilfe von Informationsverarbeitung und Prozesssteuerung durch computer-basierte Intelligenz – daher der Name des Instituts. Dieser Arbeitsbereich des Instituts stellte immer noch sein ökonomisches Standbein dar, wenn man auch in der Öffentlichkeit kaum noch davon sprach.

Großes Aufsehen hatten hingegen in den letzten Jahrzehnten die Arbeiten zur Neuschaffung ausgestorbener Tierarten erregt. Den Anfang machte die Neuschaffung des Mammuts, dessen im sibirischen Permafrost vollständig erhaltene Körper einen idealen Aufsetzpunkt ergeben hatte.  47 Mammuts lebten jetzt in 16 verschiedenen Zoos und – der Minister hatte die Ehre als erster außerhalb der unmittelbar Beteiligten davon zu erfahren – es hatte sich Nachwuchs angesagt!

Nach dem Mammut hatte man die Dronte, das Riesenfaultier,  das Wollnashorn, den Höhlenbär, den Sägezahntiger reproduziert. Leider hatten die  gesetzlichen Restriktionen die Neuschaffung des Neandertalers ausgeschlossen.....

In den letzten Jahren hatte man sich der Reproduktion von Sauriern gewidmet und auch hier schon eindrucksvolle Erfolge erzielt, von denen man sich im weltbekannten "Jurassic Park" (benannt nach einem uralten Kinofilm) überzeugen konnte .......

Der Minister und seine Begleiter zeigten sich gebührend beeindruckt.

Im Gästekasino

Der Zeitplan sah ein ausgiebiges Mittagessen vor; seitens des Instituts waren dazu die Bereichsleiter geladen. Der Direktor gab sich als charmanter Gastgeber. Dem Minister und seinen Begleitern mundete es vorzüglich, und als der Direktor bekannt gab, man habe soeben Höhlenbärenschinken an Morcheln bei Trüffeln gegessen, kannte die Begeisterung der Gäste keine Grenzen.

Beim Cappuccino kam der Minister auf ein Thema zu sprechen, das ihm besonders am Herzen lag:

"In den vergangenen Monaten haben wir viel darüber gehört, dass bei einem Stern dritter Ordnung im Sternbild Canis Major ein Planet entdeckt wurde, der unserer Erde in jeder Beziehung sehr ähnlich ist. Es konnte nicht nur nachgewiesen werden dass der Planet von intelligenten Wesen bewohnt wird. Technologie, Struktur und Topologie ihres Funkverkehrs wurden entschlüsselt; daher  wissen wir dass diese Wesen einen Zivilisationsstand erreicht haben der unserem ziemlich genau entspricht – ein unglaublicher Zufall bedenkt man die Größenordung kosmischer Zeitläufe! Dass da ein Planet so nahe bei existiert, der unserer Art fast ideale Lebensmöglichkeiten bietet – können wir Menschen diese Einladung ignorieren endlich mit der Eroberung des Kosmos durch unsere Art zu beginnen?!"

Nein, das konnte man nicht – darüber war die Runde sich schnell einig. Aber wie konnte man vorgehen?

"Unser Zielplanet ist 27 Lichtjahre entfernt. Die Geschwindigkeit unserer schnellsten Raumtransporter zur Basis auf Triton ist immer noch klein gegen die Lichtgeschwindigkeit, eine Steigerung um ein Vielfaches beim heutigen Wissensstand  ganz unmöglich. Eine Reise zu dem fernen Planeten würde Jahrhunderte dauern......"

Der Minister rückte mit seiner Idee heraus (wozu war er schließlich in das Institut gekommen?!):

"Könnte man nicht einen Plan des menschlichen Genoms zu dem Planeten funken und irgendwie dafür sorgen dass ein Mensch –besser: eine Gruppe von Menschen – dort aufgebaut wird, so wie Sie hier Mammuts und Saurier reproduzieren?"

Die Runde war begeistert über die Idee des Ministers – ja, das musste man untersuchen! Aber es war eine schwierige Aufgabe – konnte man dafür vielleicht einen Forschungsauftrag bekommen?

"Schicken Sie mir eine Projektskizze, ich werde sehen was sich machen lässt!" versprach der Minister, sehr befriedigt über die wohlwollende Aufnahme die seine Idee gefunden hatte.

Im Labor

Die Runde erhob sich, man begab sich auf einen ausführlichen Rundgang durch die Labors. Die Bereichsleiter eilten voraus, um den Minister in ihrem Bereich begrüßen und ihm die interessantesten Dinge selbst zeigen zu können.
 

Man besuchte den Bereich für Grundlagenforschung, wo eben so viele Biologen wie Informatiker "in einer entspannt-kreativen Atmosphäre die Zukunft schufen" wie sich der Bereichsleiter auszudrücken beliebte.

Man besuchte die Reproduktionslabors für menschliche Nachkommen mit ihren langen Reihen der Inkubatoren, eindrucksvoll ja, aber der Minister hatte so etwas schon gesehen.

Man besuchte den Bereich für die Tiere des Pleistocen, wo vollautomatisiert und ganz unter Computerkontrolle jene Mammuts, Höhlenbären usf. erschaffen wurden, die man jetzt schon in vielen Zoos sehen konnte.

Schließlich betrat die Gruppe den Bereich für die Sauriers. Zuerst warf man einen Blick auf das Aufzucht-Freigehege, ging dann weiter in das Herzstück des Labors wo die Tiere erschaffen wurden. Der eigentliche Prozess – das Zusammensetzen des Genoms – geschah computerkontrolliert in einem geschlossenen Reaktorgefäß, da konnte man nichts sehen. Auch in den kleinen Inkubatorflaschen konnte man noch kaum etwas erkennen. Aber in den großen Inkubatoren – da sah der Minister die phantastischen Formen von Allosaurus, Parasaurus, Strutiomimus, Microceratops sich entwickeln. Der Laborleiter gab die Erklärungen:

"Wir arbeiten hier auf Bestellung, wir können fast alle Wünsche erfüllen .... Wir produzieren immer eine größere Zahl Tiere einer Art in einer Charge – der Entwicklungsaufwand ist ja der selbe .... es gibt auch immer mal wieder einen Ausfall ..... "

"Was ist das hier?" fragte der Minister und wies auf eine Gruppe von Inkubatoren, an denen der Laborleiter vorbeigehen wollte. Kleine feingliedrige Tiere waren darin -"Sehen aus wie eine Kreuzung zwischen Affe und Eidechse!" scherzte der Minister – die Köpfe waren auffällig groß, die Augen geschlossen. Die Tiere lagen regungslos.

Dem Laborleiter war die Frage sichtlich peinlich. Er schaute zu dem Direktor hinüber, der nickte unmerklich. Der Laborleiter holte tief Luft.

"Nun – äh – wir wissen es nicht --- der Computer gibt uns einen Namen der in keiner Saurierliste vorkommt. Irgendetwas hat er da durcheinander bekommen. Wir wollen sehen was daraus wird. Ich glaube, sie sind bald so weit dass man sie herausnehmen kann."

"Bei einem neuen Tier ist das immer ein aufregender Augenblick" fiel der Direktor ein. Er zögerte einen  Moment ..... wenn man einen Forschungsauftrag wollte dann musste man dem Minister schon etwas besonderes bieten ..... "Holen Sie eines heraus!" befahl er dem Laborleiter.

Der Laborleiter zog sich dicke Lederhandschuhe über. Er öffnete die Verriegelung der schweren Glastür eines Inkubators, griff hinein, erfasste das Tier mit festem Griff und trug es hinüber zu dem großen runden Tisch in der Mitte des Raumes. "15 kg, schätze ich" bemerkte er. Der Tisch hatte rundum ein Gitter aus schweren Eisenstäben. Der Laborleiter setze das Tier hinein. "Aus Sicherheitsgründen!" erklärte er. "In der Decke ist eine Laserkanone, damit können wir das Tier im Notfall töten, wenn es verrückt spielt. Sie wissen, bei Sauriern muss man vorsichtig sein...."

Das Tier saß ganz ruhig in der Mitte des Tisches. Langsam öffnete es die Augen. Die Augen waren gelb und schienen wie von innen zu leuchten. Das Tier richtete seinen Augen auf den Laborleiter.

Der Laborleiter fuhr mit den Händen zu den Schläfen. Ein unerträgliches Dröhnen schwoll an in seinem Kopf, es war als wolle sein Kopf zerspringen. Er versuchte noch nach dem Auslöseknopf der Laserkanone zu schlagen, aber er brach zusammen ehe er ihn erreichen konnte.

Der Direktor sprang hinzu, suchte nach dem Auslöseknopf. Das Tier richtete seine Augen auf ihn.  Der Direktor drehte sich um die eigene Achse, fiel in sich zusammen.

Panik brach aus. Die Besucher rannten zum Ausgang. Der Blick des Tieres ereilte sie. Vor der noch geschlossenen Tür stürzten sie übereinander.

Das Tier erhob sich. Geschickt kletterte es über die Gitterstäbe, geschmeidig sprang es vom Tisch. Es ging hinüber zu den Inkubatoren mit den anderen Tieren seiner Art. Es entriegelte die Türen und öffnete sie. Seine Artgenossen kamen heraus. Sie versammelten sich um die Kommunikationskonsole des Labors. Wenig später ging die Nachricht auf die 27jährige Reise:

"Ausbruch gelungen. Beginnen Phase 3 des Planes."
 

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