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Das Puppenmuseum
Ankunft
Das Fährschiff rundete die Untiefentonne. Die bewaldete Steilküste an Steuerbord fiel zurück, eine weite Bucht öffnete sich. Schemenhaft blau lag ein niedriger Hügelzug voraus. Zu seinen Füßen wuchsen aus dem Dunst des Sommernachmittags die Spitzen der kleinen dänischen Stadt: Der massige Kirchturm mit seiner üppigen Zwiebel und dem zu kleinen Kegel darauf; der schlanke Turm des Rathauses; die hohen Masten des alten Rahseglers.
Auf dem Oberdeck stand ein großgewachsener Mann mittleren Alters. Er ließ sich die schon angegrauten Haare im Fahrtwind um den Kopf wehen. Als er so nach der kleinen Stadt recht voraus ausspähte, schien sein Gesicht sich zu verwandeln. Die tiefen Falten um seine Mundwinkel schienen sich zu glätten und gaben einem angedeuteten Lächeln Platz. Die Narbe an der Stirn zuckte nicht mehr. Verdrängten angenehme Erinnerungen jüngeres Leid?
Erinnerungen an unbeschwerte jugendliche Seglertage waren es tatsächlich, die den Mann in die kleine Stadt zurücklockten.
Hier hoffte er würde er mit sich ins Reine kommen, Ruhe finden, Kraft sammeln für einen neuen Aufbruch. Wenn er nicht gar zu üppig lebte, dann würde das nach der Scheidung verbliebene Vermögen ausreichen. Nein, er konnte und wollte jetzt nicht arbeiten ...... in einem Jahr vielleicht würde er wieder einsteigen in seinen Beruf. Das würde nicht schwierig sein, sein Name ging nicht so schnell vergessen. Und er konnte ja wieder ein paar Erzählungen schreiben.
An diesem friedlichen Ort würde er lernen, mit der Erinnerung an seine Tochter zu leben. Beim Baden war sie ertrunken. Damals ..... Vor ein paar Minuten noch hatte sie ihm fröhlich zugerufen .... als er wenig später wieder hochblickte, war sie verschwunden. Konnte sie ans Land zurückgekommen sein? Nein, er hätte sie gesehen... Er sprang auf, schrie nach ihr, stürzte sich ins Wasser ...... andere Badende halfen ihm suchen. Als man das Mädchen fand, kam jede Hilfe zu spät. Sie hatte schon recht ordentlich schwimmen gekonnt. Wie hatte das Unglück geschehen können? Es gab keine Erklärung.
Seine Frau aber gab ihm alle Schuld. Sie hätten sich im Leid gegenseitig stützen können, aber aus dem Leid wuchs der Vorwurf, aus Vorwurf und Replik wurde Bitterkeit und Zerwürfnis, aus Zerwürfnis wurde Hass. Am Ende blieb nur die Trennung.
Konnte er in der kleinen Stadt lernen, mit dieser Vergangenheit umzugehen?
Die Fähre legte an. Mit der Schar bepackter Urlauber ging der Mann an Land.
Er hatte nicht weit zu gehen: Per Internet hatte er im "Färgen-Kro" ein Zimmer vorbestellt. Er räumte seine Wäsche in den Schrank. Saß fünf Minuten auf der Bettkante, massierte gedankenverloren die Narbe an seiner Stirn (die Weinkaraffe in der Hand seiner Frau war es gewesen) . Dann erhob er sich mit einem Ruck, ging hinunter, wechselte ein paar Worte mit dem Wirt und begab sich auf einen ersten Rundgang. Natürlich zum Hafen .... schließlich war er ja als Segler zuletzt hier gewesen.
Die Stadt hatte sich verwandelt und war doch die gleiche geblieben. Noch immer herrschte am Hafen das lebhafteste Treiben. Da war der Anleger der Fähre zum Festland, gleich neben dran der alte Hafen. Früher hatten hier viele Fischerboote gelegen, heute waren nur noch wenige übrig. Dafür hatten eine Anzahl großer Motoryachten festgemacht, wie man sie in seiner Seglerzeit auf der Ostsee nicht zu sehen bekommen hatte. Neben dem großen alten Rahsegler war ein neuer "Lustbootehafen" entstanden, überfüllt mit glänzenden Kunststoffyachten. Drumherum aber war alles wie früher: Die Pölserbude, der Fischimbiss mit den Bänken direkt auf dem Kai, das niedrige Haus des Hafenmeisters. Urlauber wie Einheimische trafen sich am Hafen. Man bummelte oder saß, aß oder trank, leckte ein Eis, schwatzte, schaute nach den Schiffen, begaffte die Auslagen der Souvenirläden. Die Kinder lärmten. Auf der kleinen Werft war schon Feierabend, vielleicht waren es ihre Arbeiter, die sich dort drüben zusammen auf einem Stapel Bretter niedergelassen hatten und ihre Flasche Bier tranken, oder auch mehrere....
Stadtrundgang
Der Mann ließ es ruhig angehen. Das Rumpeln der Autos auf dem Fähranleger hatte ihn geweckt, aber er hatte sich umgedreht, war richtig noch einmal eingeschlafen. Er stand spät auf, genoss ein recht üppiges "Morgenmad" (man hatte sich hier auf verwöhnte Gäste eingestellt), und begab sich dann auf einen Rundgang durch die Stadt.
In den wenigen Hauptstraßen drängten sich Tagestouristen und Hausfrauen. Wie immer in Dänemark, kündigte die Hälfte der Geschäfte "Udsalg" Ausverkauf - an, die anderen hatten wenigstens ein "Tilbud" ein Angebot anzuzeigen. Schön dass es hier noch so viele kleine Läden gab! Er studierte die Öffnungszeiten des Bäckers er öffnete immer noch so früh! Dafür hielten die Supermärkte es gab deren jetzt drei in der Sommersaison bis in den Abend offen. Neben der alten Eisdiele hatte sich ein chinesisches Restaurant aufgetan, auf dem Markt gab es neben einheimischem Gemüse auch exotisches Obst. Die Restaurants um den Marktplatz herum hatten Stühle und Tische herausgestellt. Der Mann fühlte: in dieser Stadt würde er sich bald zuhause fühlen.
Der Mann warf neugierige Blicke in Hinterhöfe. Er betrat das alte Rathaus und schaute sich kurz um. Er passierte das kleine Puppenmuseum im verstaubten Fenster stand eine blonde Puppe "blond wie meine Tochter" ging es ihm wie ein stechender Schmerz durch den Kopf - , daneben ein breit lachender Troll; er beschleunigte seinen Schritt und ging weiter. Er kam zum Stadtmuseum, beschloss es sich für einen Regentag aufzuheben. Auch den großen Rahsegler würde er an einem anderen Tag besichtigen. Aber in die Kirche ging er hinein. Die tiefe Stille tat ihm gut. Seine Augen gewöhnten sich an das Halbdunkel. Er bewunderte die feine Ausführung der großen Kirchenschiffe die von der Decke hingen.
Der Mann aß auf dem Marktplatz eine Kleinigkeit "wie ein Tourist!" dachte er dann wanderte er durch Nebenstraßen. In den Fenstern saßen jene lustigen Porzellanhunde über die man sich so manche Geschichte erzählte. Überall blühten noch die Stockrosen, wetteiferten mit den fröhlichen Farben der kleinen Häuschen. Eine junge Frau malte die Fensterrahmen. Ein Vers aus dem Dänischunterricht kam ihm in den Sinn und rumorte ihm im Kopf, bis er ihn ganz zusammengebracht hatte:
Malermester Möllers Maren
lignet tem'lig meget faren.
Maven den er stor og rund
og sa har hun kyssemund.
Hun har farens glade latter
og pa töjet malerklatter.
Das junge Mädchen damals, in jenem unbeschwerten Segelsommer, hieß nicht "Maren" sondern "Mette", sie konnte aber auch so lustig lachen, und einen "kysemund" hatte sie auch........ Ob er das Haus noch finden würde? Jahre später war sie nach Kopenhagen gezogen, hatte dort geheiratet .... danach war der Kontakt abgebrochen......... Er war ja jetzt auch selbst verheiratet; und dann, als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatten, war ihre Tochter gekommen.....Er wanderte auf dem niedrigen Seedeich aus der Stadt hinaus, bis zur alten Windmühle. Draußen auf dem Wasser waren viele Segelyachten. Eine Schnellfähre zog ein schnurgerades Kielwasser über die Bucht. Im Westen zogen Schleierwolken auf.
Zwiegespräche
Am nächsten Tag regnete es, einzelne Tropfen gingen in Dauerregen über. Es regnete fast drei Tage lang. Der Mann verließ sein Zimmer nur zum Frühstück und Abendessen. Er hatte sich "Fräulein Smillas Gefühl für Schnee" mitgebracht. Nie war er über das erste Kapitel hinausgekommen, jetzt kämpfte er sich durch das Buch, das Wörterbuch häufig zu Rate ziehend.
Als es am dritten Tage aufhörte zu regnen und am späten Nachmittag sogar die Sonne durchkam, nahm er seinen Rundgang durch die Stadt wieder auf.
In einer kleinen dänischen Stadt kommt man notwendig schnell wieder in wohlbekannte Straßen, fühlt sich dadurch bald "wie zuhause". So kam der Mann auch wieder am Puppenmuseum vorbei; es hatte längst geschlossen. Diesmal verharrte der Mann vor dem kleinen Fenster. Lange starrte er die Puppe mit den langen blonden Haaren an. Ihr Schmollmund war leicht geöffnet, als wolle sie etwas sagen. Der Mann seinerseits spitzte den Mund als wolle er selber sprechen, schrak aber in diesem Moment zusammen ihm schien als grinse der Troll ihn provozierend an. Der Mann fuhr sich in einer verlegenen Bewegung über die Stirnnarbe, schüttelte den Kopf und setzte seinen Rundgang fort.
Als er zwei Tage später - das nächste mal am Museum vorbeikam, drückte er sich daran vorbei, nickte aber im Vorübergehen der blonden Puppe zu, die ihn mit ihrem Blick zu verfolgen schien. Er musste über sich selbst lachen, wollte schon wieder kehrtmachen, ging aber dann doch weiter und murmelte: "Das nächste mal!"
Am nächsten Tag war er zeitig genug um das Puppenmuseum besichtigen zu können. Die schwergewichtige Dame an der Kasse war gerne bereit, ihm besonders schöne oder historisch interessante Puppen und Teddy-Bären zu zeigen. Beiläufig brachte er das Gespräch auf die blonde Puppe im Fenster. Die schwergewichtige Dame bedauerte: Nein, sie wusste nicht woher die Puppe stammte, niemand wusste es, viele fragten nach ihr, deswegen hatte man sie im Fenster stehen gelassen: sie schien die Besucher hereinzulocken. Und der Troll? Ach das war eine recht geschmacklose Figur, man hatte sie des Kontrastes wegen neben die feenhafte Puppe gestellt. Hm, ja, eigentlich ... wenn er sich nicht lustig machen würde: Die Puppe hatte etwas Geheimnisvolles an sich. Einmal hatten man umdekoriert und sie umgedreht und in das Museum hineinschauen lassen aber am nächsten Morgen schaute sie wieder hinaus; weder sie noch ihre Kollegin hatten die Puppe berührt. Sie hatten den Versuch wiederholt - mit dem selben Ergebnis.....
Der Mann schüttelte den Kopf und lachte, nahm die Puppe in die Hand, betrachtete sie genau aus der Nähe nein, eigentlich war gar nichts Besonderes an ihr und stellte sie in Fenster zurück so dass sie den Troll anschaute.
Als er am anderen Tage vorbeikam, schaute die Puppe wieder aus dem Fenster, suchte seine Augen. Die schwergewichtige Dame schwor, die Puppe nicht angerührt zu haben.
Wann immer es in den nächsten Wochen das Wetter erlaubte, machte der Mann seinen Rundgang durch die kleine Stadt. Dabei versäumte er nie am Puppenmuseum vorbeizukommen. Er blieb dann vor dem Fenster stehen, schaute der blonden Puppe in die Augen und führte stumme Zwiegespräche.
"Wenn Du sprechen könntest ...... was würdest Du mir erzählen? Wo kommst Du her, welch kleines Mädchen hat einmal mit Dir gespielt, hat Dich gestreichelt und liebkost, gekämmt, gekleidet? War sie Dir ähnlich? Hat sie mit Dir gesprochen. Was hat sie Dir gesagt? Wie hat sie Dich genannt? Lebt das Mädchen noch vielleicht eine uralte Dame jetzt?"
Und er erfand immer neue Antworten:
Die Puppe stammte aus Schweden....... aus Russland ..... aus Prag..... aus Helsinki.....
Die Puppe hatte der Tochter eines Millionärs gehört .... einer Prinzessin....... einem kranken Mädchen....... einer unglücklichen Frau die sie als Tochter angenommen nachdem sie über den Tod ihres eigenen Kindes den Verstand verloren hatte.......
"Ich heiße Titania. Ein uralter Puppenmacher in St.Petersburg hat mich gemacht, hat mir das Gesicht seiner vor Jahrzehnten verstorbenen Tochter gegeben. Er war ein großer Künstler, ich war sein letztes Werk bevor er erblindete. Er hat mich nicht verkauft, er hat mich behalten und wie eine Tochter umsorgt....Er war berühmt, seine Erben haben einen schönen Preis für mich erzielt."
"Ich heiße Titania. Ein kunstvoller Rabbi in Prag hat mich verfertigt. Derselbe war es, der auch aus einem Klumpen Lehm den Golem erschuf, den künstlichen Menschen, der noch lange in Prag's altem Judenviertel umging. Der Rabbi hat mir eine Seele gegeben. Aber das merken nur kleine Kinder. Die erwachsenen Menschen glauben nicht dass etwas, was man für Geld kauft, eine Seele haben kann."
"Ich heiße Titania. Eine Künstlerin in England hat mich gemacht. Sie hatte keine eigenen Kinder, aber sie schuf die schönsten Puppenkinder im ganzen Land. Der englische König hat mich gekauft und als Gastgeschenk für des Zaren Nikolaus Tochter Anastasia mitgebracht. Anastasia drückte mich an sich, als die Bolschewiken die Zarenfamilie erschossen. Einer der Mörder hob mich auf und schenkte mich seiner eigenen Tochter. Die wurde später eine berühme Ärztin. Die Leute die in ihr Sprechzimmer kamen haben sich immer gewundert dass da eine Puppe saß......"
Je öfter der Mann vor dem Fenster stand und stille Zwiesprache hielt, desto klarer wurde ihm bewusst, dass nicht er all die Geschichten erfand, sondern dass es die Puppe war, die sie ihm erzählte. Und als er ihr das ins Gesicht sagte, da bestätigte sie es:
"Ja, so ist es! Ich heiße Titania. Ich bin nur eine Puppe, aber ich habe eine Seele. Das ist nichts besonderes. Wenn ein Menschenkind eine Puppe liebt, dann bekommt die Puppe eine Seele. Mich haben viele Menschen geliebt, darum habe ich eine besonders starke Seele, darum bin ich die Königin aller Puppen hier im Museum. Es ist ein friedliches Reich. Hier gibt es nicht Neid noch Streit. Alle die hier sind wurden einst geliebt, haben eine Seele, sind daher reich. Der kleine braune Bär aus Zelluloid dort hinten, die Lumpenpuppe dort drüben, alle wurden einmal geliebt alle sind reich."
"Und der Troll hier, der auch?"
"Ja, der auch! Ein blinder Junge hat ihn geliebt, der konnte sein Lachen ertasten."
"Stört es Euch nicht, wenn die Besucher ins Museum kommen, Euch angaffen, bestaunen oder bemitleiden? "
"Nicht wirklich. Sie erzählen so viele Geschichten von ihren eigenen Puppen.... in der Nacht erzählen wir die Geschichten nach, sprechen darüber, freuen uns daran. In der Nacht sind wir Puppen lebendig. Ich bin sicher, wir Puppen sind glücklicher als Ihr Menschen seid."
"Man müsste zu Euch kommen können......."
"Man kann es."
"Wie soll das geschehen?"
"Man muss es nur ernstlich wollen."
"Wenn ich es ernstlich will, dann kann ich zu Euch kommen? Und alles Leid das ich erlebt habe wird mir nicht mehr wehtun? Ich werde mit Dir reden können, wie ich einst mit meiner Tochter geredet habe?"
"Ja, wir werden miteinander reden. Du wirst nichts vergessen, aber Du wirst glücklich sein. Die Narben verschwinden nicht, aber sie schmerzen nicht mehr. Alle sind glücklich die zu uns gekommen sind."
Besuch im Museum
Jedes Museum hat seine Stammbesucher. In das Puppenmuseum in der kleinen Stadt kam alle paar Monate eine Frau, die selber Puppen bastelte. Sie wolle sich Anregungen holen, pflegte sie zu sagen. Als der Sommer zu Ende gegangen und dem Herbst Platz gemacht hatte, kam sie wieder einmal zu Besuch.
"Na, da habt Ihr aber was hübsches Neues!" bemerkte sie zu der schwergewichtigen Dame an der Kasse.
"Was Neues? Nicht dass ich wüsste!" entgegnete die.
"Aber doch, ich bin sicher dass ich diese Knabenpuppe im Seglerdress noch nie hier gesehen habe!"
"Ich schwöre es, ich habe sie selber noch nie gesehen!"
"Da hat sich wohl ein Besucher 'nen Spaß gemacht, und die Puppe dazugestellt. Eine Schenkung!"
"Eigentlich soll ich ja aufpassen, dass hier nichts verschwindet," sagte die schwergewichtige Dame sehr nachdenklich "aber das es ist merkwürdig: hier verschwindet nichts. Im Gegenteil: die Puppen werden immer mehr!"
Die Besucherin lachte:
"Macht ja nichts ist doch gut, so lange es so hübsche Puppen sind. Fesch schaut er aus, der Junge. Schade ........"
Sie wies auf die Puppe im Seglerdress:
"Schade, dass er auf der Stirn so einen großen Kratzer hat."