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Der große Theaterskandal in Mars-City

"Dass ich nicht lache! Sie glauben in Mars-City ist nichts los? Da täuschen Sie sich aber! Kennen Sie sich aus in der Geschichte Ihres eigenen Planeten? Bei Ihnen auf der Erde, vor dreihundert Jahren, da gab es in – wie hieß das Land noch? – Amazonien? – ne, Brasilien! – da gab es in Brasilien den Kautschuk-Boom, da tobte das Leben in der Hauptstadt Manaus. Alkohol und Weiber und Spielhöllen! Genauso müssen Sie sich Mars-City vorstellen, seit vor sechszehn Jahren nahebei  reines Uran entdeckt wurde. Hatte keiner gedacht dass es überhaupt so etwas hier gibt! Ich sag Ihnen:  In Mars –City da steppt der Bär! Spielhöllen und Kneipen und Haschisch-Höhlen und Bordelle an jeder Straßenecke! Und eine richtige Oper haben wir, so wie ihr damals in Manaus!"

Mein Nebenmann an der Bar war schon nicht mehr ganz nüchtern. Er sprudelte nur so über in seiner Begeisterung für Mars-City. Na gut, ich kämpfte immer noch mit der Zeitumstellung von dem langen Raumflug, aber es war noch zu früh ins Bett zu gehen, also ließ ich den Mann reden, ermunterte ihn gar hin und wieder mit einem Einwurf.

"Wie, Sie haben eine richtige Oper? Haben Sie ein festes Ensemble?"

"Ne, ein festes Ensemble haben wir nicht. Wozu? Ihr habt ja auch keines mehr, stimmts?! Zu uns kommen die besten Operntruppen des Sonnensystems. Die reißen sich alle um Gastspiele in Mars-City! Kommen hierher für ne Woche oder zwei oder drei, spielen vor ausverkauftem Haus bis auch der letzte Minenarbeiter und der letzte Roboter die Show gesehen hat, und ziehen dann weiter. Ich bin nur ein schlichter Prospector, aber bin ein großer Opernfan, ich verpasse keine Vorstellung, manches Stück habe ich ein Dutzend mal gesehen. Ich weiß viel über Theater und Oper, und ihre Geschichte . Oper ist am besten, das ist Liebe und Leidenschaft und Mord und Totschlag und..."

"Hm, ja. ... Habe ich Sie richtig verstanden: Ihre Roboter gehen in die Oper?!"

"Warum nicht? Sex können sie mit einander nicht haben, da interessieren sie sich halt für Kultur! Bei Ihnen nicht?"

"Ja doch, nach der Lex Asimov 13 haben sie alle Rechte einer biologischen Person, Teilhabe an der Kultur gehört ausdrücklich dazu! ...... Haben Sie denn auch mal 'nen richtigen Theaterskandal?"

"Jawohl der Herr! Damit können wir dienen! Letztes Jahr war ne Truppe hier, die führte "Les Contes de Hoffmann" auf von einem Franzosen namens Offenbach -  der französische Titel sagt es schon: Ein ganz versautes Stück! Aber toll! Ich habs acht mal gesehen. Kennen Sie es?"

Ich musste passen.

"Also, der Held – so ein Dichter mit Namen Hoffmann -  will ne Sängerin rumkriegen, aber die Erinnerung an andere Weiber kommt ihm dazwischen, lang und breit schwärmt er von dreien mit denen er es hatte, und eine war sogar ein Roboter!"

"Was? Ich dachte das geht gar nicht!"

"Haben Sie eine Ahnung, Mann! Sie sind ja ein richtiger Chorknabe! Die Unschuld von der Erde!  Haha!"

"Und was war der Skandal? Der Roboter?"

"Ja und nein!"

"Wollen Sie mir nicht einfach die ganze Sache erzählen?"

Nichts tat mein Gegenüber lieber, er holte weit aus und erzählte die Geschichte in allen Einzelheiten.

Also, im vergangenen Jahr, als die Jahreszeit der großen Sandstürme anfing und die Arbeit im Freien eingestellt werden musste, da wurde die Opernsaison von einer Truppe eröffnet, die sich die E.T.A.s nannten, nach E.T.A. Hoffmann, "irgend so einem Dichter vom Planeten Erde aus dem vergangenen Jahrtausend", der hatte wohl das Libretto geschrieben, oder jedenfalls den Plot. Die E.T.A.s hatten nur eine Oper im Programm, eben die "Contes", was so viel wie die "Erzählungen" heißt. Die Musik kam vom Dynamischen  Orchestersimulator. Die Truppe bestand nur aus wenigen Leuten. Aber welche Könner! Unglaublich! Noch nie hatte man in Mars-City so singen gehört, so spielen gesehen.

Da war Hoffmann, ein Tenor, welch ein wunderbarer Held! Leidenschaftlich und verträumt zugleich! Vow! Ihm flogen die Herzen aller Marsweiberr zu; hätte er gewollt, er hätte jeden Abend mit einer anderen unserer Schönheiten ins Bett gehen können! Da war der Teufel, der unter den verschiedensten Namen auftrat: Lindorf, Coppelius, Dapertutto, Mirakel – nie hatte man einen solchen Bass gehört – ein Bass mit Oberstimmen – das machte ihn so unglaublich teuflisch!  Da war Spalanzani, der verrückte Erfinder, komisch war der! Da war der alte Crespel -  erschütternd, dieser angsterfüllte, gebrochene Vater. Und die Frauen! Die Hure Giulietta – in jedem Bordell auf dem Mars wäre sie der Star gewesen! Alle Playboys des Planeten waren hinter ihr her, aber sie ließ niemand an sich herankommen. Die arme zarte Antonia, dieser wunderbare Sopran, der auch Alt singen konnte, und das verhängnisvolle Duett mit ihrer toten Mutter alleine sang! Und schließlich Olympia, der schöne Roboter. Wenn Hoffmann die Zauberbrille aufsetzte, dann glitten die Farbschleier von Olympia ab, sie war die tollste Frau die man sich vorstellen konnte! Ihr Gesang war vollkommen, klang aber etwas mechanisch; ihr Tanz hingegen ging über alles hinaus was man auf dem Mars an Ballett gesehen hatte (oder in den Bars an Striptease), ein erotischer Taumel ohnegleichen. Unglaublich – unmenschlich – nur ein Roboter konnte so tanzen!

"Sie tanzte wie ein Roboter ... war das nun der Skandal? Oder .... dass sie einem Roboter Erotik verlieh?"

"Warten Sie doch ab! Weil diese Olympia  so phantastisch tanzte, und weil sie nun einmal einen Roboter vorstellte, kam das Gerücht auf, die Sängerin/Tänzerin sei tatsächlich ein Roboter! Unsere Opernkritiker diskutierten die Frage mit feinsinniger Expertise; an den Stammtischen klopfte man sich auf die Schenkel  und schlug unter dröhnendem Lachen allerlei Tests vor, die Frage zu entscheiden – jeder wollte sich als Tester zur Verfügung stellen! Die eifersüchtigen Ehefrauen trösteten sich mit dem Gedanken: Sie ist ein Roboter, sie kann ja nicht wirklich ....  Also, nach wenigen Tagen gab es in Mars-City niemand mehr der nicht überzeugt war, dass es sich bei Olympia tatsächlich um einen Roboter handelte. Und dann –"

"Und dann?!"

"Und dann ist unser Kulturminister mit ihr ins Bett gestiegen! Er hat sie zu einem Privatempfang eingeladen, einer unserer Paparazi hat sich eingeschmuggelt, und am nächsten Tag war in "Marsbild"  eine Serie von Fotos – Junge, Junge! Was die zusammen angestellt haben!"

"War das der Skandal? Ich dachte auf dem Mars ist man etwas großzügiger  als auf den meisten Planeten und Monden ....?"

"War es ja auch nicht! Alle Männer auf dem Mars hätten den Kulturminister beneidet und bewundert, aber Olympia war doch ..."

"... ein Roboter! War das der Skandal – Mensch – Politiker! - und Roboter?"

"Das ... ja, unsere Medien wollten das gleich zum Skandal aufbauschen ..... war aber dann doch nichts!"

"Wieso nicht?!"  Langsam wurde ich ungeduldig.

"Weil – also, als das Geschrei in den Medien am größten war, da hat Olympia bei einer Aufführung ihren Tanz noch ein Stück weiter geführt als sonst, und sie hat dem Publikum alles – aber auch wirklich alles – gezeigt, und hat sogar noch den Paparazzi auf die Bühne geholt, und er durfte sie -  äh, er durfte sich überzeugen dass sie wirklich ein Mensch war und kein Roboter!"

"Auf der Bühne – während der Aufführung! Ja, das muss ein Skandal gewesen sein!"

"Ja – oder besser nein, das war es eigentlich nicht!"

"Bei den Abgründen von Orkus! Was war denn nun der Skandal?!"

"Der Skandal ?  Die anderen Schauspieler haben sich auch alle nackt ausgezogen ....."

"Unglaublich! Auf der Bühne!"

"So unglaublich nun auch wieder nicht! Anfang des 21. Jahrhunderts galt das auf der Erde als ein Merkmal wahrer Schauspielkunst! Aber ...."

"Aber?!!!!"

"Nun, diese  Schauspieler – also, sie waren alle Roboter – Olympia war der einzige Mensch in der Truppe!"
 

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