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Schlaraffenland "Ich bin tief beeindruckt!" stellte der hochrangige Besucher von Prokyon-7 fest. "Wohin man blickt, glückliche Menschen! Wir haben sie bei allen erdenklichen Kinderspielen gesehen, wir haben ihnen bei Boule und Krocket zugeschaut, wir haben sie beim Seilhüpfen und beim Nachlauf beobachtet, wir haben sie singen und juchzen gehört. Wir haben erlebt wie sie beim Picknick von Servicerobotern mit den größten Leckereien verwöhnt werden. Das alles in einer herrlichen Umgebung: Am Himmel der wärmende Zentralstern, sanft fächelnder Wind, üppige und farbenfrohe Vegetation, kleine fliegende Tiere die abwechslungsreich zwitschern ...... Und hier vor uns am Strand: Mit welcher Hingabe bauen die Menschen Sandburgen und kleine Wasserkanäle ..... da drüben spritzt eine ganze Gruppe sich gegenseitig nass – hören Sie nur ihr vergnügtes Kreischen! Sind die Menschen hier wirklich so glücklich?!"
Sein Führer bei der Besichtigung – niemand anderes als der Gouverneur des Planeten - nahm das Kompliment des hohen Gastes mit einem bescheidenen Neigen des Kopfes zur Kenntnis: "Ja! Es mag Ihnen als eine kühne Behauptung erscheinen, aber es stimmt dennoch: Alle Menschen hier auf Sol 3 sind glücklich – alle!"
"Sie haben es vorhin nur angedeutet... erzählen Sie doch noch einmal etwas ausführlicher wie dieser wunderbare Zustand erreicht wurde."
"Eine lange Geschichte! Sie müssen zunächst wissen dass hier auf Sol-3 der Übergang in eine mittel-technologische Gesellschaft im 21.Jahrhundert der hiesigen Zeitrechnung begann (zur Orientierung: Nach dieser Zählung sind wir jetzt im 25. Jahrhundert). Dieser Durchbruch war von schweren Krisen begleitet. Zum einen hingen viele Menschen irrationalen Glaubenslehren an, und es gab immer wieder blutige Konflikte zwischen den Anhängern der verschiedenen Lehren. Zum zweiten sorgte der technische Fortschritt dafür dass viele Menschen nicht mehr arbeiten mussten, sie empfanden das aber als eine soziale Ächtung, stürzten auch wirklich, selbst in eigentlich reichen Gesellschaften, in Armut und sorgten für Aufruhr. Zum dritten verursachte die schnelle Verbrennung kohlenstoffhaltiger Fossilien für einen starken Treibhauseffekt mit verheerenden Folgen.
Am Ende des 22. Jahrhunderts war die Bevölkerung stark dezimiert; große vorher dicht besiedelte Landstriche waren im Meer versunken; ein Gutteil der verbleibenden Landoberfläche war zur Wüste geworden.
Aber die Zivilisation von Sol 3 erholte sich und erreichte eine neue technologische Blüte mit weitestgehend automatisierter Bereitstellung aller Güter und Dienstleistungen – das alte Problem fehlender Arbeit wurde wieder aktuell. Man kam auf eine Idee zurück die in den reichsten Regionen von Sol 3 schon im 21. Jahrhundert entwickelt worden war: Das "Bedingungsfreie Grundeinkommen". Es sollte für ein bescheidenes aber notfreies Überleben all jener sorgen, die keine Arbeit fanden oder keine Arbeit aufnehmen wollten. Die Erfinder des Systems erwarteten dass es immer reichlich Personen geben werde, die ganz ohne wirtschaftlichen Zwang arbeiten und so die Gesellschaft "am Laufen" halten würden. Vielleicht hätte das im 21.Jahrhundert funktioniert. Die Menschen im 23.Jahrhundert aber vergaßen das Arbeitsethos früherer Zeiten, es genügte ihnen, ihre Kreativität und ihren Ehrgeiz spielerisch-künstlerisch auszuleben. Das war möglich – die Gesellschaft konnte ganz ohne menschliche Arbeit auskommen – weil inzwischen die Robotertechnik das Stadium der nachhaltigen Autarkie erreicht hatte."
Der hohe Besucher warf ein: "Die Bewohner dieses Planeten hatten – so hat man mich informiert – immer einen starken Trieb sich in verschiedengeschlechtlichen Paaren zusammenzufinden, gemeinsam Nachkommenschaft herzustellen und aufzuziehen. Ich habe heute keine Kinder gesehen. Gab es in diesem Punkt Änderungen? "
"Und wie! Schon in den reichen Zivilisationen des 21.Jahrhunderts wurden Kinder als eine Belastung empfunden, die Bevölkerungszahl dieser Gesellschaften ging zurück, was allerdings mehr als ausgeglichen wurde durch den Zuwachs in den zurückgebliebenen Regionen (auch dies eine der Ursachen für die Krisen des 21.Jahrhunderts, insbesondere die Völkerwanderungen). Die Menschen des 23.Jahrhunderts, gewohnt an ein heiteres Leben ohne Verpflichtungen, gaben die Zeugung in vitro, das Austragen im künstlichen Uterus und die Aufzucht der Kleinkinder gerne in die Obhut der Roboter. Was den großen Vorteil hatte, dass die Zahl der Nachkommen nach rationalen Ge-sichtspunkten gewählt werden konnte. Das hat dazu geführt dass die Zahl der Menschen stetig zurückgegangen ist, was wiederum es ermöglichte immer größere Landstriche in einen natürlichen Zustand zurückzuversetzen und die Spuren der indigenen Zivilisation zu tilgen."
Der hohe Besucher nickte nachdenklich. "Gut, sehr gut. Ich glaube ich sehe worauf es hinaus läuft....... "
Der Gouverneur wartete einen kurzen Moment, nahm dann seinen Bericht wieder auf: "Noch ein wichtiger Punkt. Ich habe bei den Problemen des 21.Jahrhunderts irrationale Glaubenslehren erwähnt. Diese beruhten zum Gutteil auf der Hoffnung auf ein "Jenseits" – ein Paradies - , in dem alle Leiden der wirklichen Welt ausgeglichen werden sollten. Da nun hier das Diesseits bereits ein Paradies ist, ein Schlaraffenland das keine Mängel mehr kennt, da auch die Krankheiten (bis auf einige Degenerationsformen) besiegt sind, gehen die Menschen in den Tod wie vom Spielen müde Kinder in den Schlaf – es gibt keinen Bedarf mehr für die ausgleichende Gerechtigkeit eines Jenseits. Das Problem der diversen Glaubenslehren hat sich erledigt."
"Haben Sie – Ihre Vorgänger - in diesen ganzen Prozess eingegriffen?"
"Es war kaum notwendig. Wir haben natürliche Trends gefördert, ja, das schon. Wir haben zum Beispiel dafür gesorgt dass Schreiben und Lesen völlig aufgegeben wurden. Wir haben bei der Ausrottung einiger Krankheiten geholfen. Wir haben mit der Einführung von Thanatol 3 den Tod zu einem rauschhaften Fest gemacht. Wir haben bei der Festlegung der Zielzahlen für die Bevölkerung mit ein paar Empfehlungen an die Roboter mitgewirkt – "
"Dachte ich es mir doch!" lachte der hohe Besucher. "Und auf diese Art und Weise haben Sie unter Wahrung höchster moralischer Prinzipien – nämlich unter Sicherung maximalen Lebensglücks für jeden einzelnen Menschen – dafür gesorgt dass dieser Planet demnächst jungfräulich zur Besiedelung durch Prokyon-7 bereitsteht! Wann, glauben Sie, können wir mit der Transmigration beginnen?"
" Es ist nur noch eine Frage weniger Jahre." Der Gouverneur machte eine umfassende Handbewegung: " Gran Canaria ist die letzte Region mit einer Menschenpopulation."