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Paris - Arc de Triomphe

Paris 2
Die Erzählung des Inuit

Der Kommandeur des Grenzpostens war ein Mann von mehr Bildung als man erwarten durfte. Als man die aus der schmutzigweißen Einöde des Schnees aufgetauchte Gruppe von Inuits vor ihn brachte, als er die Erzählung des Anführers in kehlig klingendem Englisch gehört  und gesehen hatte, was der Mann im Medizin-Beutel mit sich führte, informierte er die Zentrale und forderte einen Historiker mit Kenntnissen der Kunstgeschichte an.

Der Historiker, der zwei Tage später dem Hubschrauber entstieg  („Scheußliches Gerät, warum haben diese Flugzeugbauer noch nichts besseres erfunden?“), war ein alter Herr mit heller Haut, einer Mähne weißen Haares und  lebhaften blauen Augen - eine auffällige, eine seltene Erscheinungen zwischen all den dunkelhäutigen kraushaarigen Menschen seiner Zeit. Ungeduldig drängte er auf eine Befragung des Inuit-Anführers - essen könne er später - der Tubenfraß könne nun wirklich warten.

Der Inuit war ein kleiner, untersetzter Mann, vielleicht dreißig Jahre alt, obgleich das bei seinem runden wettergegerbten Gesicht mit den Schlitzaugen schwer zu schätzen war. Der Offizier machte die beiden miteinander bekannt - ordentliche Umgangsformen waren auch im Umgang mit einem Inuit zu wahren, schließlich besaßen diese Leute den Wert alles Seltenen.... Bereitwillig begann der Inuit seine Geschichte. Der Professor, so mancherlei seltsame Entwicklungen des Englischen in versprengten Menschengruppen gewohnt, hörte sich schnell in seine Sprache ein.

„Alles was ich über die Geschichte meiner Gruppe weiß, habe ich von meinem Vater gelernt. Er hat sie mir oft erzählt, zuletzt damals als wir ihn zurücklassen mussten.....
Demnach hat es früher sehr viele Menschen gegeben, die waren reich weil die Luft warm war und das Land überall grün mit Pflanzen. Aber sie hatten immer und immer wieder Streit. Wenn sie sich gegenseitig jagten und töteten, dann nannten sie das Krieg. Sie hatten eine besonders schlimme Waffe, die hieß A-tom-bom, das war eine Keule von Feuer die in den Himmel reichte. Lange war sie nicht benutzt worden. Aber dann gab es in einem Land, das hieß Hindia, einen Menschen, der behauptete er habe von einem ganz großen Anführer über den Wolken den Befehl alle jene zu töten, die nicht an ihn glaubten. Und er schlug mit der Keule von Feuer, aber andere schlugen mit ihren Keulen dagegen. Alle die Keulen die man heimlich  bereitgehalten hatte, wurden jetzt benutzt, überall auf der Welt. Da verfinsterte sich der Himmel, der früher strahlend hell blau gewesen war, er wurde düster rot. Die wärmenden Strahlen des Himmlischen Feuers, das man Sonne nannte, und das heute nur hin und wieder schwach zu sehen ist, die wärmenden Strahlen also blieben aus, es wurde kalt auf der Welt und begann zu schneien und schneite fast unablässig. Die Menschen welche  die Feuerkeulen überlebt hatten, erfroren weil sie die Kälte nicht gewohnt waren. Die Inuit lebten in einem Land das Grünland hieß, aber dieses Land war schon immer kalt gewesen, und so kannten die Inuit die Kälte und sie überlebten.

In kleinen Gruppen, die sich nur alle paar Jahre (man führte eine Strichliste der Tage und Jahre) zufällig trafen, zogen die Inuit durch das Land - eigentlich war es gefrorenes Meer. Sie jagten Fische durch Löcher im Eis und was sich vielleicht einmal an Robben oder Eisbären zeigte. Als sie das gefrorene Meer überquert hatten, trafen sie auf hügeliges Land, aber alles war schneebedeckt. Sie fanden auch viele Reste menschlicher Ansiedlungen, kleiner und großer.

Aber alle waren sie zerstört, die Gebäude von der Feuerkeule zu Boden geworfen und verbrannt. Es rentierte sich aber genau  zu  suchen, manchmal fand man etwas  Essbares. Am meisten aber freute man sich etwas Brennbares zu finden, etwas Holz oder ein paar alte Bücher, um sich endlich einmal etwas wärmen zu können.“

Der Professor warf dem Offizier einen ungeduldigen Blick zu. Was sollte das? Solche Geschichten hatte er mehr als einmal gehört, und im Kern trafen sie ja auch die Wahrheit: der Atomkrieg, ausgelöst durch einen religiösen Fanatiker in Indien; der atomare Winter; der Rückzug der Zivilisation in die einst tropischen Gebiete Afrikas und Indonesiens, die allein ein erträgliches Klima boten; der jetzt bald hundertjährigen Kampf isolierter kleiner Menschengruppen ums Überleben.....

Der Offizier machte eine beruhigende Handbewegung und bemerkte auf Afrikaans, das sich  parallel mit der Vorherrschaft der afrikanischen Menschenrassen gegenüber dem Englischen immer mehr durchgesetzt hatte:  „Abwarten, es kommt gleich!“

Der Inuit fuhr fort:

„Alles was ich bisher erzählt habe, das habe ich viele Male von meinem Vater gehört. Aber an jenem letzten Tag, eh wir ihn zurückließen, weil er zu schwach geworden war und nicht mehr jagen konnte, da hat er ein handgroßes Stück Papier aus seinem Medizinbeutel gezogen und mir gezeigt. Dazu sagte mein Vater:

„Das Papier habe ich vor vielen Jahren  im Schutt eines großen Hauses gefunden, als wir nach Brennbarem wühlten. Siehst du die Frau mit dem schmalen Gesicht und den schmalen Händen? Sie lächelt, als ob Sie ein Geheimnis wüsste. Ich habe das Papier nicht verbrannt, ich konnte einfach nicht. Es war, als ob ein Zauber darin wohne. Ich habe es in meinen Medizinbeutel getan. Es ist ein bisschen fleckig geworden im Lauf der Zeit.....
Ich trug das Papier schon ein paar Jahre mit mir herum, als wir auf die Überreste einer großen Stadt stießen. Die meisten Bauwerke waren zerstört; eine riesige Eisenkonstruktion war angeschmolzen in sich zusammengesunken; ein gewaltiges rechteckiges Tor war umgeklappt .... Ein anderes, ganz massiv aus Stein gemacht mit einem runden Bogen,  war gut erhalten. Dort bauten wir unsere Iglus und von dort streiften wir durch die Stadt.  Manchmal überraschte einen gut Erhaltenes: als ich einer Bärenfährte folgte kam ich an einer eisernen Frau auf einem eisernen Pferd vorbei (ich glaube jedenfalls, dass es eines war, ich habe ja nie eines gesehen), die trug eine lange Harpune in der Hand.


Paris – Statue der Johanna von Orleans auf dem Place des Pyramides

Als ich zum Lager zurückkam, herrschte dort freudige Erregung: man hatte im Gewirr unterirdischer Gänge viel Brennbares gefunden, Holzplatten und Stoffreste, alles war einmal bunt bemalt gewesen. Jetzt war man dabei ein großes Feuer in Gang zu bringen, und bald genossen wir die strahlende Wärme der auflodernden Flammen. Da rutschte der brennende Stoß  - und plötzlich war sie da vor mir, die Frau von meinem kleinen Papier .... ganz ohne Zweifel .... sie lächelte uns an .... Ich wollte die Holztafel ergreifen, aber das Feuer hatte sie schon in seiner Gewalt .... sie loderte auf .... wurde schwarz...... In der Wärme dieses Feuers habe ich dich gezeugt, mein Sohn! - - --
Hier, nimm das Papier, es ist ein starker Zauber ... nein, nimm den ganzen Beutel...ich brauche ihn ja nicht mehr....“

So erzählte mein Vater. Am nächsten Tag zogen wir ohne ihn  weiter. Er hatte die Augen geschlossen, als wir gingen. Aber er sah etwas. Er lächelte....“

Der Inuit verstummte. Der Professor hielt es nicht länger aus: „Gibt es das Papier noch? Kann ich es sehen?“ Der Inuit zog es aus seinem Medizinbeutel hervor. Mit zitternden Händen griff der Professor zu. „Ja,“ flüsterte er, „das muß es sein .... Jahrzehnte hat man davon gesprochen und danach gesucht... nicht einmal eine Abbildung gab es mehr davon......“ Langsam, voll Angst und Erwartung, drehte er das Papier um und las die kaum noch erkennbare Schrift: „ Paris - Louvre:  Leonardo da Vinci -   Mona Lisa“.
 
 

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