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Schmetterlingseffekt



In der Gegenwart

"Sie haben sich für eine Zeitreise mit T³S, den Twinstone Time Travel Services entschieden. Wir freuen uns über Ihr Vertrauen!"

Die brünette junge Dame mit den etwas zu großen Schneidezähnen lächelte Noah an.

"Wie eine kleine Ratte!" dachte Noah, aber natürlich  sagte er nichts, sondern nickte nur, seinerseits lächelnd.

Die ansonsten durchaus attraktive junge Dame fuhr fort:

"Wie ich sehe, haben Sie den Psychotest bestanden, wenn auch nur mit "1B"......."

"Was heißt das?"

"Das heißt dass Sie etwas zu schnellen Reaktionen neigen. Sie sollten sich um besonnenes Handeln bemühen – Sie tun sich und uns einen Gefallen damit!"

Noah nickte ergeben.

"Die Vorschriften der Regierung verlangen von uns dass wir Ihnen die Spielregeln und Vorschriften ganz klar machen, Sie auf Risiken und Nebenwirkungen hinweisen, und Sie müssen uns das mit Ihrer Unterschrift bestätigen"

Sie schob ihm ein Formular über den Tisch.

"Zum Schutze Ihrer eigenen Person wie auch der gesamten Menschheit gelten für Zeitreisen folgende Grundregeln:

1. Die Reise muss mindestens 1 Million Jahre zurückgehen, damit sich eine eventuell in Parallelwelten aufspaltende Welt bis zu unserer Gegenwart wieder  vereinigen kann.  ----  Diese Bedingung haben Sie mit der Wahl Ihres Reisezieles erfüllt: Sie wollen das Ende der Saurier und den beginnenden Aufstieg der Säugetiere erleben – ein Schlüsselereignis in der neueren Geschichte unserer Erde. Das liegt  -  äh  - 60 Millionen Jahre zurück – das sollte wohl genügen.
2. Der Reisende muss sich möglichst passiv, also rein beobachtend verhalten. Bei Gefahr ziehe er sich in die Reisekapsel zurück. --- Die Kapsel ist in der Vergangenheit völlig unverletzlich – Rückzug dorthin also das Sicherste – auch ein Tyrannosaurier kann Ihnen nichts antun wenn Sie in der Kapsel sind.
3. Unter allen Umständen ist die Tötung von Lebewesen zu vermeiden ---  das Risiko der Weltspaltung ist hier besonders groß, das ist der Hintergrund. Das Risiko ist umso größer, je höher entwickelt das getötete Tier ist.

Haben Sie alles verstanden?"

Noah nickte.  Die junge Dame blickte ihn bedeutungsvoll an:

"Nun zu den Risiken und Nebenwirkungen.  Eine Aufspaltung der Welt in Parallelwelten ist grundsätzlich niemals auszuschließen. Zwar ist diese Welt, wie wir sie erleben, offenbar sehr stabil. Wird sie durch irgendeine Aktion des zeitreisenden Objektes (Gegenstand, Tier oder Mensch) in Parallelwelten aufgespalten, so tendiert sie dazu sich wieder zu einer – nämlich unserer – Welt zu vereinigen. Wenn die Welt tatsächlich dauerhaft aufgespalten werden sollte, dann verbleibt das zeitreisende Objekt in der anderen, neuen Welt. Aber ich kann Sie trösten: bisher sind alle Zeitreisenden zurückgekehrt, das Risiko ist also offensichtlich gering. Und dennoch: Unsere Wissenschaftler sprechen vom "Schmetterlingseffekt": der Flügelschlag eines Schmetterlings im brasilianischen Urwald kann einen Sturm in der Nordsee auslösen."

Noah dachte: "Vom brasilianischen Urwald sind nur ein paar kümmerliche Parks übriggeblieben... Wer hat das wohl ausgelöst?", aber er schwieg.

"Also," fuhr die junge Dame fort, "grundsätzlich können wir nicht ausschließen dass eine Handlung Ihrerseits, und sei sie noch so trivial, eine Weltspaltung auslöst und Sie sich nach der Rückreise in einer anderen Gegenwart wiederfinden. Wenn T³S ein Bestandteil dieser anderen Gegenwart ist, möchten wir keinen Ärger haben – dass Sie keine Ansprüche an uns stellen werden, bestätigen Sie bitte hier mit Ihrer Unterschrift."

Noah überflog das Formular und unterschrieb dann wortlos, während die junge Dame mit den Rattenzähnen ihm ausdauernd zulächelte.

"Und jetzt zu den praktischen Aspekten! ..........."
 

In der Vergangenheit

Das Flimmern der Jahreszahlen auf dem Display der Zeitreisekapsel wurde langsamer, schließlich blieb die Anzeige stehen. Eine Schrift erschien auf dem Display:

"Willkommen in der Vergangenheit! Sie haben Ihr Ziel erreicht!"

Ein kleines Feld in der Außenwand der Kapsel wurde transparent. Noah warf einen ersten Blick nach draußen: eine wilde Landschaft, in düsterrotes Licht getaucht. Durfte er schon....? Er schaute auf das Display:

"Wir haben die Umgebungsbedingungen geprüft. Sie können sich unbedenklich nach draußen begeben, wenn Sie Ihren Schutzanzug anbehalten. Denken Sie daran: bei Gefahr kommen Sie bitte zurück in die Kapsel, hier sind Sie sicher. Sie haben maximal 1 (eine) Stunde=60 Minuten Zeit für Ihre Exkursion. Achten Sie auf Meteoriteneinschläge!"

Noah tippte sich an die Stirn: Wie sollte er wohl einem Meteoriten ausweichen?

Noah begab sich durch die Schleusentüren nach draußen.  Selbst durch den Schutzanzug spürte er dass es kalt war.

Das war geschehen: Als der große Meteorit einschlug, löste er gigantische Erd- und Seebeben aus, eine Druckwelle raste mit Schallgeschwindigkeit um die Erde, der Großteil alles Lebens wurde in ein paar Stunden vernichtet. Gewaltige Mengen von Staub wurden in die Atmosphäre geschleudert.  Kein Sonnenstrahl drang mehr zu Erdoberfläche durch, die Luft kühlte drastisch ab.  Die wechselblütigen Saurier hatten keine Chance. Aus der Kältestarre glitten die Saurier hinüber in den Tod. -  Aber warum hatten die wechselblütigen Reptilien überlebt?  Da mussten wohl noch ein paar Expeditionen in die Vergangenheit gehen, bis das Geheimnis gelüftet war! Und wieso war es für die Warmblüter, die Vögel und die Säugetiere, so viel einfacher? Zumindest en paar von ihnen hatten überlebt – vielleicht nur eine Linie? – alle heutigen Warmblüter zeigen ja durch weitgehend identische Gene einen hohen Grad an Verwandtschaft an?

Stimmte das Bild das er sich gemacht hatte? Konnte er etwas entdecken, was ihm bei der Beantwortung der Fragen half? Er sah sich um.

Ja, da war der dunkelrot glühende Himmel, der die ganze Landschaft in das düstere Licht einer Dante'schen Hölle tauchte. Einzelheiten waren nur schwer zu erkennen, die Augen mussten sich an das Licht gewöhnen. Da lagen riesige Bäume, umgestürzt, die Stämme abgeknickt wie Strohhalme. Steinbrocken lagen verstreut. Einschlagtrichter taten sich auf, wo größere Brocken vom Himmel geregnet waren.

Der Boden war hart – gefroren. Flache Schneewehen bedeckten hier und da den Boden. Wenn es überall so aussah....... hier hatte nichts überlebt ...... vielleicht hätte er doch zum Äquator reisen sollen .... aber machte das überhaupt einen Unterschied unter dieser Staubwolkendecke?

Vorsichtig tat Noah ein paar Schritte weg von der Reisekapsel, bestieg eine kleine Anhöhe: überall das gleiche Bild. An einem riesigen Felsbrocken blieb sein Blick hängen. Warum lag der obenauf, er hätte doch einen riesigen Trichter schlagen müssen?! Oder war er gerollt worden? Er trat näher heran, erkannte einen zusammengebrochenen riesigen Saurier -  vielleicht ein Apatosaurier? Die Kälte musste ihn konserviert haben. Erst wenn die Temperaturen wieder stiegen, würde er verwesen.

Plötzlich bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Bewegung an dem Kadaver. Erschrocken zuckte er zusammen, schaute gebannt hin. War da etwas – etwas lebendiges? Langsam ging er darauf zu, versuchte im Dämmerlicht etwas zu erkennen. Er stand schon kurz vor dem Kadaver, als er sah was sich da bewegt hatte: ein kleines Tier saß da, erhob sich jetzt leicht auf die Hinterbeine, bleckte die langen Schneidezähne – "Wie die Brünette im Reisebüro!" dachte er noch – da schoss das Tier auf ihn zu und biss ihn in den linken Fuß – durch den Stiefel des Schutzanzuges spürte er die Zähne – reflexartig hob er den anderen Fuß und trat zu. Quiekend verendete das Tier unter seinem Stiefel.

Ja, es war so etwas wie eine Ratte. Oder eine groß geratene Spitzmaus. Warum nur war es so aggressiv? Vielleicht hatte es Junge? Hatte es sich bei dem Kadaver – in dem Kadaver?! – eine Höhle eingerichtet, wo es selbst und seine Nachkommen, lange Zeit  von dem toten Saurier leben konnte – 10 Tonnen Gefrierfleisch!  Um sich über die Erde auszubreiten wenn es wieder wärmer würde?

Noah wurde nachdenklich. "....nur 1B" fiel ihm ein. Hatte er zu schnell gehandelt? Waren nicht die Vorfahren aller Säugetiere rattenartig gewesen?

Er beschloss das tote Tier liegen zu lassen, versuchte sich den rechten Schuh von den Blutspuren zu reinigen, vorsichtig begab er sich auf den Rückzug zur Zeitreisekapsel. Nach seiner Rückkehr würde er nichts von der Geschichte erzählen ......

In der Gegenwart

"Willkommen in der Gegenwart! Steigen Sie aus, Ihre Freunde erwarten Sie!" sagte das Display.

Noah ging durch die Schleusentüren. Für einen Augenblick schwindelte ihm, sein Puls  raste. Er musste sich am kalten Metall des Türrahmens festhalten. Schloss die Augen. Öffnete sie wieder.

Da war nicht das nüchterne Zeitreiseterminal das er erwartet hatte. Er blickte in eine Garten von berauschender Blütenpracht. Betörender Duft umfing ihn. War er tot, war er im Paradies gelandet? Wellen der Panik, der Faszination, der Angst, der Neugier liefen durch ihn.  Er wollte sich zur Ruhe zwingen, atmete tief, aber das schien einen berauschenden Effekt auf ihn zu haben.  Alles schien sich vor ihm zu drehen. Verzweifelt klammerte er sich an den Türrahmen. Schloss noch einmal krampfhaft die Augen, hoffte aus einem Traum zu erwachen. Aber der Traum endete nicht.

Und so verließ er schließlich die Reisekapsel und ging hinein in diese Gegenwart die nicht die seine war.  Irgendetwas war  schiefgelaufen.  Hatte er mit der Tötung der Ratte eine Weltspaltung verursacht?  "......Risiken und Nebenwirkungen" hatte die brünette Ratte gesagt...... Oh Shit! Shit! Shit!

Seine neue Welt war zunächst und vor allem eine Welt der Blüten. In unzähligen Formen, Größen, Farben, Mustern, einzeln und in Trauben, Rispen, Schirmen, Kerzen prangten sie an Kräutern, Sträuchern, Bäumen. Sie verströmten die vielfältigsten Düfte – ein gelernter Parfümier könnte sie vielleicht benennen.  Und alles schien gleichzeitig zu blühen.  Und gleichzeitig zu fruchten; doch sah er keine saftigen Beeren oder Früchte, nur trockene Samenstände.

Sodann war seine neue Welt eine Welt der Insekten. Große Käfer in den phantastischsten Metallfarben krabbelten an den Stielen der Blüten oder steckten tief in den Kelchen.  Bienen – oder so was ähnliches? -  summten. Schmetterlinge taumelten von Blüte zu Blüte, schillernd in allen Farben des Regenbogens, die Flügel mit phantastischen Mustern geschmückt, oder durchsichtig wie Glas. Und so wie es riesige Blüten gab, so gab es riesige Schmetterlinge mit Flügeln die so weit spannten wie Noahs Arme.

Die großen Schmetterlinge schienen eine Art von Intelligenz zu besitzen und untereinander zu kommunizieren. Es schien Noah dass sie einander auf ihn aufmerksam machten. Bald umkreiste ihn mit langsamen Flügelschlägen (wie leicht mussten sie sein!) ein Dutzend der Tiere. Ihre riesigen Facettenaugen schillerten in allen Farben, ihre Fühler - groß wie Straußenfedern - vibrierten. Sie kamen näher, einer setzte sich auf seine Schulter, betastete sein Gesicht ........ Reflexartig schlug Noah zu. Zerknittert und zerbrochen fiel das filigrane Geschöpf zu Boden, zuckte noch ein paar Mal und war dann still. Die anderen Schmetterlinge flohen, und keiner kam ihm jemals wieder nahe in all den Jahren die er in dieser Welt lebte.

"1B! 1B!" ..... immer wieder machte Noah sich Vorwürfe wegen seiner Unbeherrschtheit.  Zwar hatte er unwissentlich ein Paradies geschaffen durch seinen ersten Mord, aber aus diesem Paradies hatte er sich selbst wieder ausgesperrt .... ein Mörder im Paradies........

Ja, diese Welt war ein Paradies.  Sie kannte wohl Tod und Vergehen durch Erschöpfung und Alter, aber der Tod kam sanft wie der Schlaf; es gab nicht Mord und Gewalt, nicht Fressen und Gefressenwerden. Blütenpflanzen und Insekten  gab es – die einen produzierten Blütenstaub und Nektar, die anderen besorgten die Bestäubung. Räuberische Insekten wie Spinnen und Libellen gab es nicht. Es gab keine Reptilien und keine Vögel die den Insekten nachstellten. Das ganze Ökosystem beruhte auf der Kooperation zwischen Blütenpflanzen und Insekten.

Das Klima war ausgeglichen und warm. Das mochte an anderen Teilen dieser Welt ja anders sein. Aber nachdem er einige Zeit das Land durchforscht hatte, gab er das  Herumwandern auf  und richtete sein Leben ruhiger ein.  Es regnete häufig genug dass er das Wasser trinken konnte, das sich in trichterförmigen Blättern sammelte. Nach den ersten Tagen wäre er fast verhungert, aber er lernte von Blütenstaub und Nektar zu leben wie die Insekten. Diese Art der Nahrungssuche hielt ihn den ganzen Tag über beschäftigt. Er schlief, wo immer er müde wurde, auf dem duftenden Polster niedriger Blütenpflanzen; es gab ja keine wilden Tiere.

Es gab unzählige bunte und schillernde Insekten die ihn faszinierten, aber am Spiel der Schmetterlinge konnte er sich gar nicht satt sehen. Solange er einen gewissen Abstand einhielt, ließen sie sich nicht stören. Bisweilen fanden sich Tausende von Schmetterlingen zu großen Versammlungen zusammen. Dann führten sie komplexe Flugreigen auf: Sie flogen auf der Oberfläche einer virtuellen Kugel und ließen durch synchrone Bewegungen die schönsten Muster und Farbwellen darüber laufen. Irgendwie mussten sie sich verständigen, aber Noah bekam nie heraus wie sie es machten. Vielleicht mit Gedankenübertragung? Vielleicht konnten sie zu ihren großen Flugspielen ihre Gehirne zusammenkoppeln?

"Ja, es ist ein Paradies!" dachte Noah oft. Aber er war fremd darin. Und allein. Er konnte mit niemand sprechen.  Keine Botschaft von ihm würde jemals die anderen Menschen erreichen. Keine Flaschenpost konnte das Zeitmeer zwischen parallelen Welten überbrücken.

Solange er noch jung war, sehnte er sich nach einer Frau (hätte er nur seine Freundin mitgenommen auf die Zeitreise! Sogar die Brünette mit den Rattenzähnen wäre recht gewesen.....) und träumte von Kindern. In späteren Jahren sah er dass es gut und richtig war, so wie es war: Dies war ein Paradies. Hier durften sich keine Menschen ausbreiten. Eine Welt, in der Menschen lebten, konnte kein Paradies sein.

Er lebte lange in dieser friedlichen Welt und starb einen friedlichen Tod.
 
 

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