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Fremder Wald "Nehmen Sie Platz, lieber Herr Professor Wolkenreich!"
Als sein Gast sitzt, lässt auch Ben sich nieder. Bedeutungsvoll augenzwinkernd warnt er seinen Gast:
"Halten Sie sich gut fest die Fahrt kann rau werden!"
Ben drückt den Startknopf. Und die Fahrt wird wirklich rau.
>>> Drive Mode
leuchtet das Status-Panel auf.
Die Fahrt führt durch einen dichten Wald. Völlig fremd bietet er sich dar und doch glaubt man bekannte Formen und Muster zu erkennen. Ist es mangelnde Phantasie die in allem Vertrautes erkennen möchte? Oder schafft die Natur allenorts, in jedem Maßstab, nach ähnlichem Mustern? Oder sehen wir nur das was unsere Sprache mit gewohnten Vokabeln zu benennen vermag ist Erkenntnisfähigkeit eine Frage der Linguistik?
Unglaublich hoch erscheinen die Bäume. Die Stämme steigen bald glatt in schwindelnde Höhe, bald verzweigen sie sich wieder und wieder zu skurril gekrümmtem Geäst. Nur hin und wieder dringt ein Strahl der noch tief stehenden Morgensonne durch das dichte Blätterdach, lässt die niedrige Vegetation aufleuchten.
Niedrige Vegetation? Von wegen! Weit über Augenhöhe schwanken bambusartige Gewächse. Noch darüber breiten sich gewaltige Palmwedel; an manchen Stellen bilden diese Pflanzen selber wieder einen "Wald unter dem Wald" undurchdringlich, auch für ein Forschungsfahrzeug auf Panzerketten.
Der Boden ist stellenweise mit abgestorbenem Pflanzenmaterial bedeckt; dort sinkt das Fahrzeug tief ein, und das lockere Verfallsmaterial wirbelt hoch auf, wenn das Fahrzeug sich hindurch wühlt. Für kurze Zeit ist jede Sicht genommen.
An anderen Stellen versperren gewaltige Steinbrocken den Weg. Die Fahrt muss zwischen ihnen hindurch gehen. Manchmal gerät man auch in eine Sackgasse und muss zurückkehren. Hier ist der Boden mit einer weichen feuchten dunkelgrünen Vegetation bedeckt, wie von (vergleichsweise) winzigen Bäumchen; daraus ragen Fruchtträger hoch, am Kopfende schmale braune Kapseln. Auch die Felsen selbst sind zum Teil mit dieser Vegetation überzogen. Ein Wald unter dem Wald unter dem Wald ......
An anderer Stelle schwanken kleine blaugraue Eier auf dünnen Stielen; die Erschütterung vom Fahrzeug scheint zu genügen, einige platzen auf und entlassen braune Wolken das werden wohl Sporen sein.
Einige Pflanzen haben auf plumpen Stielen Kugeln gebildet, die sich später schirmartig zu entfalten scheinen. Jedenfalls stehen beide Erscheinungsformen in gemischten Gruppen zusammen. Diese Pflanzen müssen wohl hauptsächlich aus Luft zu bestehen: wenn das Fahrzeuge eine anstößt, fallen sie ganz leicht um. Fährt man darüber hinweg, bleibt ein wenig glitschige Masse übrig.
Und es gibt Tiere! Durch die Luft zischen fliegende Wesen man möchte sie Vögel nennen, aber ihr Flügelschlag ist rasend schnell, und die Flügel scheinen durchsichtig zu sein, aber das kann man nur ahnen, nicht wirklich sehen.
Am Boden stakt Fremdartiges herum. Nicht vier, sondern sechs oder acht oder gar noch mehr Beine haben diese Wesen. Mit ihren vielgelenkigen Gliedmaßen sehen sie fast wie Mini-Roboter aus. Manche schillern auch genau so metallisch. Aber es gibt auch schlangenartige Tiere ohne jede Beine; erstaunlich schnell winden sie sich durch die niedrige Vegetation.
Ein walzenförmiges leuchtend orangefarbenes Tier kreuzt den Weg. Recht langsam bewegt es sich fort. Auch ihm fehlen Beine. Es hinterlässt eine silbrige Schleimspur.
Wie ein Gewirr von Lianen breiten sich an manchen Stellen dichte Gewirke aus. Ist da ein Fallensteller am Werk? Bestehen die kleinen silbrigen Kügelchen womöglich aus einem biologischen Klebstoff, bestimmt alles und jedes festzuhalten, sei es Tier oder Forschungsfahrzeug?
Jetzt eine gewaltige, etwas schräg liegende Säule. Das nahe Ende unter Pflanzenwuchs verborgen, das andere sich verzweigend: Ein umgestürzter Baum, vermodernd. Eine gelbe Zunge scheint daran hochzulecken.
Näher heran. Stop.
>>> "Long Term Observation Mode"
Die Zunge leckt langsam höher.
>>> "Drive Mode. Correcting Position."
Näher an das Gelbe heran. Plötzlich ein Ruck, ein Zittern. Dann Stillstand.
>>> "Drive System Blocked"
Pause. Das Gelbe rührt sich nicht.
>>> "Drive System Blocked.
EVA not recommended.
Request Support Action.""Was heißt EVA?" fragt der Gast.
Ben erklärt: "Das heißt 'ExtraVehicular Activity'. Der Ausdruck stammt aus der Raum-fahrt. Er meint 'das Fahrzeuges verlassen und sich damit der feindlichen Umwelt aussetzen'. Ist offensichtlich hier gefährlich."
Pause. Nichts geschieht. Dann zeigt das Status-Panel:
>>>"Waiting for Support Action.
Long Term Observation Mode"Das Gelbe steigt an dem Baumstamm empor. Wie eine große Amöbe schiebt es sich darauf entlang. Jetzt überdeckt es eine rosettenförmige Flechte - oder ist es ein Pilz? - auf der verrottenden Rinde. Schiebt sich darüber hinweg. Als es die Stelle wieder freigibt ist die Flechte verschwunden.
Das Gelbe verharrt. Wie kleine Rüssel streckt es hier und da tastende Auswüchse aus.
Das Gelbe ändert seine Bewegungsrichtung - jetzt kommt es auf den Beobachter zu. Scheint langsam zu wachsen, aber das muss täuschen, es ist nur die abnehmende Entfernung. Einzelheiten werden erkennbar. Etwas wie verzweigte Adern durchzieht die durchscheinend-gelbe Masse, aber dieses System von Adern oder Röhren scheint in ständiger Veränderung zu sein.
Das Gelbe kommt näher und näher. Unaufhaltsam kriecht es auf den Beobachter zu.
"Ok!" sagt Ben und dreht sich dem Besucher zu, der neben ihm in dem kleinen Labor vor dem Bildschirm sitzt und ihn jetzt besorgt und fragend anstarrt. Ben aber ist völlig entspannt und sagt wie beiläufig:
"Wir wollen rübergehen und nachschauen was los ist."
Sie stehen auf. Prof. Wolkenreich fragt:
"Ist das Gelbe gefährlich? Kann es das Fahrzeug fressen? Was ist das Gelbe überhaupt?"
Ben schnappt sich seinen Mobilen Vielzweck-Kommunikator. Die beiden Männer verlassen den Labor-Container am Rande des Waldes. Daneben ist Bens Schwebeauto geparkt, mit dem er den Gast vom Flughafen abgeholt hat. Die Sonne steht schon tief, bald wird sie untergehen.
Ben wirft einen Blick auf den Kommunikator. Ein Pfeil auf dem Display zeigt ihm an wo das Forschungsfahrzeug zu finden ist. Daneben steht die Entfernung.
"Es ist nicht weit vielleicht 10 Minuten. Wir können erst einmal hier entlang gehen."
Während sie auf überwachsenem Pfad in die Dämmerung des Waldes eindringen, erklärt Ben seinem Gast die Lage und beantwortet seine Fragen:
"Also, das Gelbe ist ein Schleimpilz, ein Myxomycet. Genauer: ein Physarum. Ein schönes Exemplar, aber es gibt noch größere, bis 80 cm. Die meisten Schleimpilze allerdings sind viel kleiner. Schleimpilze sind seltsame Wesen. Irgendwie stehen sie zwischen Pflanze und Tier und Pilz. Vielleicht sind sie wirklich weder noch, sondern etwas ganz Eigenes. Alle anderen größeren Lebewesen sind aus Zellen aufgebaut Schleimpilze nicht. Sie haben ein undifferenziertes Inneres, in dem Tausende von Zellkernen herumtreiben. Man kann Schleimpilze auseinander schneiden, die Teile können dann wieder zu einem - Tier? - einem Wesen zusammen fließen. Manche entwickeln sich regelmäßig durch das Zusammenfließen einer Vielzahl kleiner Exemplare, die dann als eine einzige Entität agieren. Vermehren tun die Schleimpilze sich durch Sporen, dazu bilden sie Sporenkapseln, zum Beispiel kleine Ei-förmige Gebilde, die dann aufplatzen und die Sporen freigeben haben wir vorhin gesehen! In dieser Phase sind sie wie Pflanzen. Aber das faszinierendste ist ihre Fähigkeit zur Bewegung. Wie eine Amöbe bewegen sie sich!"
"Und so schnell! Kommen wir denn noch rechtzeitig?" sorgt sich der Besucher.
Ben lacht:
"Im 'Long Term Observation Mode' sehen wir Zeitraffer Sequenzen. Wir haben die Ereignisse der letzten 12 Stunden gesehen! Auch ein großer Schleimpilz bewegt sich nur wenige Zentimeter in der Stunde. Wenn wir jetzt hinkommen wird das Ding unser Fahrzeug noch lange nicht erreicht haben. Und um Ihre Frage zu beantworten: Schleimpilze fressen nur organisches Material, keine stählernen Fahrzeuge. Aber sie könnten das Fahrzeug einhüllen, das wäre lästig genug."
Sie verlassen den Pfad, dringen durch dichte Farnfelder vor, umgehen umgestürzte Bäume, steigen über moosbewachsene Steine.
" Ah, da ist es!"
Sie klettern über den verrottenden Baumstamm und stehen vor dem Forschungs-fahrzeug. Es sieht aus wie ein ziemlich großer Spielzeugpanzer. Hat aber keinen Geschützturm, sondern oben so etwas wie eine Plexiglaskuppel. Kurz davor der Schleimpilz; eine Bewegung ist nicht wahrnehmbar.
Ein kleiner Ast hat sich unglücklich im Fahrwerk des kleinen Kettenfahrzeuges verklemmt. Ben geht auf die Knie und entfernt ihn vorsichtig. Sein Gast studiert derweil das Fahrzeug im Detail, nickt als er die Objektive der Außenkameras hinter kleinen Bulleyes entdeckt. Und erkundigt sich nach der Bedeutung der Inschrift die in gelben Buchstaben auf dem zur Tarnung graugrün bemalten Rumpf steht:
"Schon wieder eine Abkürzung! Was heißt 'IREP' "?
"Das heißt 'Interplanetar Research Exchange Programme'. ....... Siri komm mal hoch! Prof. Wolkenreich von der UNESCO würde gerne Deine Bekanntschaft ma-chen!"
Und Ben setzt mit großer Geste hinzu:
"Dr. Xalmoatl RAHI 12 Sirinaii , eminenter Biologe und Spezialist für exotische Lebensformen!"
Prof. Wolkenreich beugt sich zu dem Fahrzeug.
Unter der kleinen Plexiglaskuppel winkt eine winzige grüne Hand mit zwei Daumen. Dann erscheint ein grünes Gesicht. Große halbkugelförmige Augen schimmern in allen Farben des Regenbogens. Eine breite Mundöffnung deutet ein freundliches Grinsen an: "Hi, Prof!" scheint der Mann vom Planeten Sirius-4 zu sagen.
* * *
Anmerkung: Falls Sie das mit den Schleimpilzen nicht glauben: Schauen Sie mal im Internet nach! Einen guten Film finden Sie hier: http://www.youtube.com/watch?v=mrrCYQWosJI&feature=related