<<<< zurück zu "Willkommen" zum Archiv der Erzählungen >>>>

Eine Fahrt mit den Hurtigruten 1
"Willkommen an Bord der 'Midnatsol' ! Ich bin Thor Gulbrandal, Ihr Kapitän!"
Ein Seebär wie aus dem Bilderbuch, graubärtig, in makelloser Uniform, begrüß-te Mitsuko und Bob mit kräftigem Händedruck. Eine gut gewachsene Blondine drückte den beiden ihren Begrüßungsdrink in die Hand. "Bitte begeben Sie sich zur Einführung in die Panoramalounge!"2
"Mann ist das toll!"
Mitsuko und Bob betraten die dritte Ebene der Lounge. Fast rahmenlos zog sich die Verglasung um Front und Seiten der Lounge herum, gab den Blick frei auf die Stadt Bergen, ausgebreitet am Fuß grünbewaldeter Berge. Mitsuko und Bob ließen sich in weichen Sessel sinken und widmeten sich dem Genuss ihres Drinks.3
"Meine Damen und Herren! Mein Name ist Mette-Marie Johanson, ich bin Ihre Reiseleiterin!"
Die Frau, die jetzt auf die kleine Bühne der Lounge trat, war von kräftigem Wuchs, zu ihrer frischen Gesichtsfarbe passten gut die kurzgeschnittenen blonden Haare. "In wenigen Minuten werden wir zu unserer Fahrt entlang der norwegischen Küste starten. Dies ist die schönste Seereise der Welt – das be-haupten wir selbst, und das werden auch Sie am Ende der Reise sagen. Dies ist keine Kreuzfahrt im üblichen Sinne – hier gibt es kein Unterhaltungsprogramm um Sie am Einschlafen zu hindern, keinen Animateur der Sie zu albernen Spielchen antreibt, kein überlagerter Schlagersänger der ihre Ohre quält. Wir haben nur eineinziges Programm: Die Landschaft! Sie werden bizarre Felsen sehen, durch atemberaubend enge Fjorde fahren, schneebedeckte Gipfel bestaunen, ihre Hand nach dem Polarkreiszeichen ausstrecken wollen, die Romantik der Mitternachtssonne erleben, ergriffen das Spiel des Polarlichtes verfolgen ....... "
Man hörte dass die Schiffsmaschinen angelassen wurden, und spürte ein schwaches Vibrieren.4
"Hast Du Dir das so schön vorgestellt?"
Mitsuko wandte sich mit leuchtenden Augen an Bob. Der gab sich betont cool: "Na ja, man hat doch schon Bilder vom Geirangerfjord gesehen!"
Draußen glitten schier himmelhoch die steinernen Wände des Fjordes vorbei. Wasserfälle sprühten herab, ein Regenbogen spielte auf ihrem verwehenden Schleier – "Meine Damen und Herren, die Syv Søstre - die Sieben Schwestern!" erklang die Stimme der Reiseleiterin.
Der Fjord endete vor sanft ansteigenden Wiesen von fast überirdischem Grün, dahinter ragten steile Felsen in den Himmel, und ferne Berge umschlossen das Panorama.5
"Ja, das schmeckt! Da könnte ich mich glatt reinlegen!"
Mitsuko und Bob hatten sich zum Brunch in den großen Speisesaal begeben. Kopfschüttelnd beobachtete Mitsuko, wie ihr Bob seinen Teller mit eingelegtem Hering, Gravet Lachs, Rentierpastete, Rührei, Speck und braunem Käse belud. Er aber ließ sich nicht beirren, mampfte nach Herzenslust und holte sich noch eine Portion.
Mehr als er ließ Mitsuko der draußen vorüberziehenden Landschaft die gebührende Aufmerksamkeit zukommen. Da waren winzige Schären, zwischen denen sich das Schiff hindurchwand; da erhob sich eine Vogelinsel , eingehüllt in eine Wolke von Dreizehenmöven; da glänzten gletscherbedeckte Berge in der Ferne. Hin und wieder zischte eine Schnellfähre vorbei. Einmal schwamm ein Rudel Orcas mit dem Schiff um die Wette.6
"Phantastisch, einfach phantastisch!" schwärmte Mitsuko.
Das Schiff glitt an der Wand der Lofoteninseln entlang. Schwarz zeichneten sich die steil zerklüfteten Berge gegen den flammenden Abendhimmel ab. Als ebenmäßiges Dreieck erhob sich der Vaagakallen, jener mythisch verehrte Berg, "vor dem einst die Lofotenfischer ehrerbietig die Mütze zogen wenn sie zum Fang ausfuhren", wie die Reiseleiterin erwähnte. Im Osten stand ein Regenschauer, rosig überhaucht von den Strahlen der tief auf den Horizont herabsinkenden und ihn doch nicht erreichenden Sonne. Wie eine farbige Säule erhob sich der Ansatz eines Regenbogens.7
"Unser Kurs führt jetzt in die Barentsee, da kann es etwas unruhig werden! Machen Sie sich keine Sorgen, unser Schiff ist absolut sicher!" kündigte die ruhige Stimme der Reiseleiterin an.
Das gleichmäßige Summen der Maschinen, das schwache Vibrieren waren längst ins Unterbewusstsein gegangen. Jetzt aber klatschten die Seen gegen den Schiffsrumpf und ließen ihn erzittern. Das Schiff begann zu rollen und zu stampfen. Als Bob aufstand um sich an der Bar noch ein Bier zu holen, wäre er fast zu Boden gegangen – schnell ließ er sich wieder in den Sessel fallen. Durch die großen Scheiben konnte man sehen, dass Höhe und Steilheit der Seen schnell zunahmen. Von den brechenden Seen wehte Gicht ab, griff wie mit langen Fingern nach dem Schiff. "Hokusai!" flüsterte Mitsuko. Die Gicht der Bugsee lief an den Scheiben herunter. Dann setzte auch noch ein Schneeschauer ein, Himmel und See waren nicht mehr zu unterscheiden. Die Reiseleiterin ging herum und bot Tabletten gegen die Seekrankheit an; Mitsuko griff hastig zu. Gerade noch rechtzeitig!8
"Mann-oh-mann!" Jetzt war sogar Bob überwältigt.
Ruhige See, tiefe Nacht, unzählige Sterne. Und darüber das Nordlicht! Grünlich wehten die Schleier, flackerten die Girlanden und Fackeln. Sie stiegen auf und ab, leuchteten auf und verblassten, spielten kurz in rot und violett um dann wieder grün zu phosphoreszieren, zuckten und waberten unglaublich schnell über den Himmel.
Die Reiseleiterin erinnerte an den Glauben der Germanen, die im Nordlicht die Fackeln der in Walhall tafelnden Götter sahen, und sie erzählte von der besonderen Beziehung der alten Japaner zum Nordlicht. "Die Japaner glaubten, bei Nordlicht ein Kind zu zeugen garantiere diesem ein langes und glückliches Leben – ein guter Grund für junge Paare um mit Hurtigruten zu fahren!" Mitsuko kicherte, Bob drückte sie fest an sich.9
"Zum Abschluss unserer Reise gibt es ein großes norwegisches Festbüffet – Sie werden begeistert sein!" kündigte die Reiseleiterin an.
Sie versprach nicht zu viel. Das Büffet bog sich unter den aufgetürmten Leckereien. Da waren Hummer und Krabben, Räker und Muscheln, geräucherter Lachs und Gravet Lax, Meerforellen und Saiblinge. Unter den warmen Gerichten fanden sich neben Fisch, Rind, Schwein und Geflügel auch Walfleisch und Rentiersteak! Und erst der Nachtisch! Wie viele Torten! Cremes! Panna Cotta! Eis! Mitsuko ließ sich von Bobs Appetit anstecken und futterte wie seit Kinderzeiten nicht mehr. Und jetzt noch einen starken Kaffee! Und an der Bar einen Aquavit aus der riesigen Auswahl!
Wahrlich, das war ein würdiger Abschluss einer wunderbaren Fahrt.10
"Zufrieden?" – "Ja, sehr zufrieden!"
Als Mitsuko und Bob das Gebäude mit der Leuchtschrift "Terminal der Hurtigruten" verließen und den Broadway entlang bummelten, war die Nacht längst hereingebrochen. Die Luft war frisch. Mitsuko fröstelte, und Bob legte seinen Arm um ihre Schultern. Die freie Hand steckte er in die Jackentasche und stieß dabei auf den kleinen Flyer, der in ihn und Mitsuko zu der Reise veranlasst hatte; achtlos knüllte er ihn zusammen und ließ ihn fallen.
![]()