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Schwer und Leicht.
Zwei Interviews mit einem Forschungskosmonauten.



1

"Sie haben in Ihrer Laufbahn als Forschungskosmonaut viele fremde Planeten betreten  – wie viele? "

"Insgesamt waren es 38 verschiedene. Davon habe ich einige mehrfach besucht."

"Ich habe mir immer vorgestellt, dass die Erforschung solcher Planeten besonders schwierig sein muss, an deren Oberfläche der Astronaut mehr als gewohnt wiegt. Ist das so?"

"Ja. Eine hohe Schwerkraft an der Planetenoberfläche – eine hohe Fallbeschleunigung - bedeutet in der Tat eine besondere Komplikation. Der Kreislauf ist stärker belastet.  Jede Fortbewegung ist anstrengender als gewohnt, besonders wenn es bergauf geht, und es ist schwerer einen Gegenstand, ein Werkzeug oder eine Waffe,  anzuheben. Zum anderen ist jeder Sturz gefährlicher. Man muss aufpassen, dass man sich nicht vertut und aus einer zu großen Höhe, sagen wir von einem Felsen, herabspringt. Was auf unserem Heimatplaneten ganz harmlos wäre, könnte bei mehrfacher Fallbeschleunigung einen tödlichen Unfall bedeuten!"

"Gibt es nicht besondere Hilfsmittel zur Erforschung von Planeten hoher Schwerkraft?"

"Ja, die gibt es, und wir setzen sie immer ein, wenn die Schwerkraft die gewohnte um mehr als 20% überschreitet. Dann benutzen wir Exoskelette."

"Exoskelette? Was ist das?"

"Ein Exoskelett ist eine Art Panzer, der den Körper, oder Teile davon, umgibt. Jeder Teil des Panzers kann durch hydraulische Aktuatoren bewegt werden.
Exoskelette können dazu dienen, einem Gelähmten neue Beweglichkeit zu geben, oder die Kraft eines Gesunden zu verstärken, so dass er z.B. im Katastrophenfall riesige Steinbrocken bewegen kann. Die Steuerung kann als simple Kraftverstärkung erfolgen, oder durch Abnahme von Nervenimpulsen am fraglichen Muskel, oder durch Abnahme von Gehirnströmen mittels eines Schädelimplantats oder einer Schädelkappe – das letzte ist die heute übliche Lösung."

"Und damit sind Sie 10mal stärker als zuvor?"

"Die durch die Hydraulik des Exoskelettes erreichte Kraftverstärkung ist in der Tat erstaunlich – ja, 10mal ist möglich."

"Haben Sie einmal ein besonderes Abenteuer mit einem Exoskelett erlebt, das Sie unseren Zuschauern erzählen könnten?"

"Ja ...... wir haben damals zwei gute Männer verloren ... und beinahe das komplette Landefahrzeug."

"Bitte erzählen Sie!"

"Wir waren auf dem Planeten eines Sterns der Spektralgruppe G gelandet, an dessen Oberfläche das zweifache der gewohnten Schwerkraft wirkte.  Natürlich wirkte diese Schwerkraft auch innerhalb des gelandeten Fahrzeuges. Es war daher schon eine schlimme Quälerei überhaupt in die Exoskelette einzusteigen. Übrigens benutzten wir einen Typ, der auch fernsteuerbar war – eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall, dass ein Forscher innerhalb des Exoskelettes zusammenbrach - sein Kreislauf unterlag ja weiterhin der hohen Schwerkraft!

Ich war Landerpilot und blieb an Bord, meine Kameraden Luc und Hamoto begaben sich in ihren Exoskeletten nach draußen. Alle unsere Aktionen wurden automatisch an die Zentrale des in einer hohen Umlaufbahn den Planeten umkreisenden Raumschiffes übermittelt."

"Konnte man draußen denn normal atmen?"

"Nein, die Atmosphäre war, gelinde gesagt, unbekömmlich. Drei Minuten ungeschützte Exposition konnten zum Tod führen.  Also dienten die Exoskelette in der gewohnten Weise gleichzeitig als Raumanzüge."

"Wie sah die Planetenoberfläche aus?"

"Wie gewöhnlich bei hoher Schwerkraft war die Oberfläche recht eben, ohne steile Klippen oder ähnliches. Alles wirkte flach und rund geschliffen – der Planet war wohl auch sehr alt und schon lange ohne seismische Tätigkeit.  Der Boden war fest, wie zusammengebackener Sand, insofern war das Gehen für meine Männer einfach."

"Gab es Spuren von Leben?"

"Genau dies wollten wir untersuchen. Auf der Planetenoberfläche erhoben sich in großen Feldern in außerordentlich gleichmäßigen Abständen flache, sehr regelmäßige Kegel, etwa mannshoch und an der Basis dreimal so weit. Wir hatten an ihnen eine geringe Temperaturerhöhung gegenüber der Umgebung gemessen, sonst aber keinerlei Aktivität bemerkt. Vom Raumschiff aus hatten wir ein verstärktes Rauschen im UKW-Bereich festzustellen geglaubt, aber jetzt war nichts mehr zu messen. Wir waren in der Nähe eines solchen Kegelfeldes gelandet, und meine Männer gingen, wie in solchen Fällen üblich, in gewissem Abstand schräg hintereinander her und auf die nächsten Kegel zu."

"Sie gebrauchen immer wieder die Vokabeln "Wie gewohnt", "gewöhnlich", "üblich" – das klingt als sei alles Routine gewesen."

"War es bis dahin auch!"

"Aber dann?"

"Luc ging voran, er steckte im Exoskelett EXO1. Hamoto im Exoskelett EXO2  sicherte ihn. Im Intercom hörten wir die ruhige Stimme von Luc, der berichtete:
'Ich bin jetzt nur noch wenige Meter vom ersten Kegel entfernt. Der Kegel kommt wohl der reinen Geometrieform recht nahe, aber es gibt schwache umlaufende Ringe, so als sei er scheibenweise gewachsen oder aufgebaut worden. Die Oberfläche ist außerordentlich glatt, die Farbe ist dunkelbraun, aber ein schwacher Perlmuttglanz liegt darauf. Ich werde jetzt den Kegel berühren.'

Ich sah auf dem Monitor wie EXO1 die Hand ausstreckte, sein Zeigefinger berührte eben die Oberfläche – da ging ein Zittern durch die ganze Gestalt, eine unkontrollierte Bewegung – EXO1 strauchelte – fing sich wieder – drehte sich um – begann auf EXO2 zu zu marschieren.  Aus dem Intercom kam Lucs erregte Stimme:
'Nein! Nein! Ich will das nicht! Hilfe! Er ist außer Kontrolle, er bewegt sich von selbst! Nein! Nein!'

EXO1 erreichte EXO2, der wie gebannt dastand. EXO1 packte einen Arm von EXO2, drehte ihn mit ungeheurer Gewalt um und um – und riss in ab. Riss ihn ab! Hamotos Arm musste darin stecken. Ein Schwall von Blut ergoss sich aus der entstandenen Öffnung. Im Intercom ertönte ein schrecklicher Schrei – das erste und letzte was ich von Hamoto hörte. Er starb wohl auf der Stelle.
EXO1 ließ von der niedersinkenden Gestalt des EXO2 ab und setzte sich in Richtung auf das Landefahrzeug in Bewegung.

Lucs hysterische Stimme kam aus dem Intercom:
"Nein! Nein! Das wollte ich nicht! Irgendetwas steuert EXO1 gegen meinen Willlen!'

Ich versuchte die für Notfälle vorgesehene Fernsteuerung über EXO1 zu übernehmen, aber der fremde Einfluss war stärker. EXO1 erreichte das Landefahrzeug und kletterte eines der Beine hinauf. Ich konnte ihn im Monitor für die Antriebs- und Steuerdüsen sehen. EXO1 schwang sich zu Steuerdüse 3 und begann mit ungeheurer Kraft an der kardanischen Aufhängung zu biegen. Der hilflose Luc im Inneren des zum Monster mutierten Exoskelettes hatte völlig die Nerven verloren, er wimmerte vor sich hin.

'Notstart!'
Es war die Stimme des Raumschiffkommandanten, die durch den Raum dröhnte.
'Aber was wird aus Hamoto?' stammelte ich.

'Notstart. Sofort. Dies ist ein Befehl.'
Die Stimme des Kommandanten ließ keinen Zweifel, erlaubte kein Zögern. Heute weiß ich natürlich, dass Notstart die einzige Chance war, aus dem Bereich der unheilvollen fremden Macht zu entkommen, die EXO1 kontrollierte.

'Steuerdüse 3 nicht funktionsfähig!'
meldete das Warnpanel. Ich sah auf dem Monitor dass EXO1 sich der Steuerdüse 2 zuwand.
Ich entriegelte die Sicherung und hieb mit der flachen Hand auf den roten Notstartknopf........."

"Und Sie haben es geschafft?"

"Ja. Ich erreichte das Raumschiff. Dockte an. Zwei Monteure gingen raus und untersuchten den völlig unbeweglichen EXO1, immer noch mit großer Kraft an der Aufhängung der Steuerdüse 2 festgeklammert.  Luc war schon beim Notstart verstummt. Es gelang die Hydraulik von EXO1 auszuschalten, das Gerät wurde gelöst und in die Quarantänestation gebracht. Luc wurde hervorgezogen."

"Hat er überlebt?"

"Ja, Luc hat überlebt. Aber er war ein nervliches Wrack, zitterte unablässig. Als Frühinvalide musste er den Dienst quittieren."

 "Und die Erklärung für das Ganze?"

"Diese Kegel müssen eine sehr alte Form des Lebens auf Silikatbasis sein, dabei mit großer Intelligenz begabt und zu technologischen Höchstleistungen fähig. Wir hatten keinerlei Sinnesorgane an ihnen bemerkt, und doch hatten sie unsere Schwachstellen identifiziert und erbarmungslos angegriffen."

"Hat man den Planeten denn später noch einmal besucht, um das Rätsel um die Kegel gelöst?"

"Nein. Es bestand kein wirklicher Anreiz zu solch offenbar höchst gefährlichem Unternehmen. Wir haben Warnbojen in die Librationspunkte gesetzt. Das war's."
 

2

"Sie haben von den tragischen Ereignissen bei der Landung auf einem Planeten mit hoher Oberflächenschwerkraft berichtet. Dagegen muss doch das Erforschen eines Planeten mit geringer Schwerkraft ein reines Vergnügen sein? Wenn man nicht gerade feindliche 'Eingeborene' trifft?"

"Richtig: Wenn. Aber im Prinzip haben Sie schon recht. Die Erforschung von Planeten geringer Schwerkraft ist in der Regel eher ein Vergnügen. Alles fällt einem leicht, an Kraft ist man einheimischen Geschöpfen überlegen, man kann weit und hoch springen, man kommt sich seltsam angeheitert vor  .... da muss man schon Acht geben dass man sich nicht in einer Stimmung des Leichtsinns und der Leichtfertigkeit hineinsteigert."

"Das könnte gefährlich sein? Kann man die Gefahren denn nicht voraussehen und leicht vermeiden?"

"Auf fremden Planeten kann man nicht alle Gefahren voraussehen. Sehen Sie die große Narbe über mein Gesicht? Sieht ziemlich scheußlich aus? Das ist ein Souvenir von einem Planeten mit geringer Schwerkraft!"

"Wollen Sie uns die Geschichte erzählen?"

"Sonst wäre ich ja wohl nicht zum Interview bereit? Also denn.

Wir waren auf einem Planeten mit sehr niedriger Schwerkraft gelandet. Wie der überhaupt seine dichte Atmosphäre festhielt, hat unsere Wissenschaftler lange rätseln lassen. Vereinfacht gesagt: Der Planet ist jung, chemische Prozesse in der Planetenrinde sorgen für Ersatz dessen, was an atmosphärischen Gasen durch die geringe Schwerkraft verloren geht.

Die Oberfläche des Planeten ist dicht mit Vegetation bedeckt. Wir hatten Mühe eine Lichtung zu finden wo wir landen konnten. Als meine beiden Männer von den ersten Exkursionen zurückkehrten, schwärmten sie in den höchsten Tönen – es schien ein reines Paradies zu sein durch das sie gewandert waren. Ich beschloss selber auf Exkursion zu gehen. Mein alter Kumpel Ben begleitete mich, Alberto blieb als Bordwache im Landefahrzeug.

Als Sicherheitsmaßnahme trugen wir einen Raumanzug, auch wenn die Atmosphäre problemlos zu atmen war. Wir gingen daher mit offenem Visier, konnten es aber im Gefahrenfall blitzschnell herunterklappen.

Es war wirklich ein Paradies durch das wir schritten, freilich ein sehr fremdartiges. Stellen Sie sich Ameisen in einem Blumenbeet vor .... das trifft es in etwa, so kamen wir uns vor. Die geringe Schwerkraft bei offenbar optimalen atmosphärischen Bedingungen hatte für einen Riesenwuchs aller Pflanzen gesorgt (wenn denn unsere Nomenklatur "Pflanze" anwendbar war, das ist ja keineswegs selbstverständlich). Hunderte vom Metern hoch ragte eine Art von Bäumen in den purpurnen Himmel, die Kronen verschwimmend in rosig dahinziehenden Wolken. Darunter schwankten auf gigantischen Stängeln, wie viel zu hohem Bambus, riesige Blüten der unwahrscheinlichsten Form, in den wunderbarsten Farbe. Eine Art glitzernder Insekten schwirrte dazwischen herum. Der Boden war mit einem weichen Polster von Moos und gefallenen  Pflanzenteilen bedeckt. Grünlich und purpurviolett spielte darauf das Licht. Ein unglaublich süßer Duft lag in der Luft, machte sie schwer wie die Luft in der Parfümabteilung eines Kaufhauses.

Wie berauscht zogen wir dahin. Tollten wie die Kinder. Sprangen um die Wette in die Höhe: es dauerte viele Sekunden bis man zurückkam auf das weiche Polster. Es war wie das Fliegen im Traum.....

Eine besonders schöne Blüte zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Der hohe Stängel neigte sich zurück zum Boden, so dass die Blüte – sie mochte mehrere Meter Durchmesser haben! – ihr "Gesicht" als vielfarbige Rosette dem staunenden Auge des Mannes am Boden zeigte. Das die glitzernden Insekten einen weiten Bogen um die Blüte flogen, hätte mich misstrauisch machen müssen, aber die paradiesische Stimmung ließ mich leichtfertig werden.

Ich sprang mit aller Kraft in die Höhe um mir das Wunder näher anzusehen. Wie im Traum flog ich zu ihrem farbigen Schirm auf. In ihrer Mitte bemerkte ich eine unscheinbare Kapsel, die Kapsel öffnete sich, heraus drang mit einem kleinen Knall eine bläuliche Wolke, und aus der Wolke ergoss sich ein Feuerwerk von Fangfäden in allen Farben, die sich als Netz um mich schlossen wie die Stäbe eines Käfigs – aber diese Stäbe waren lebendig, sie vibrierten und schlängelten sich, und sie kamen immer näher."

"Warum sind Sie nicht schnell auf den Boden zurückgekehrt?"

"Können vor Lachen! Durch meinen Sprung befand ich mich auf einer steilen Wurfparabel, noch im Aufstieg, und nichts auf der Welt konnte mich zurückbringen auf den Boden als die Schwerkraft – und die wirkte nur schwach.  Schon berührte der erste Fangfaden brennend wie Feuer mein Gesicht, da gelang es mir noch das Visier zu schließen, dann verlor ich unter dem Einfluss der bläulichen Gaswolke das Bewusstsein."

"Und dann?"

"Als ich das Bewusstsein wiedererlangte, lag ich im Landefahrzeug, Albertos  angespanntes Gesicht beugte sich über mich, und wie aus weiter Ferne hörte ich die Stimme Bens: 'Er lebt! Gott sei gelobt!' "

"Wie warenSie entkommen?"

"Ben hatte mit der Laserpistole das Fangnetz von der "Blume" getrennt, eben bevor ich im Schlund des Blütenzentrums verschwand. Ich fiel aus zig Metern Höhe auf den Boden, aber die geringe Schwerkraft und das weiche Moospolster sorgten für eine sanfte Landung. Mit der Laserpistole entfernte Ben die Fangfäden – praktisch musste er mir den Raumanzug vom Leib schneiden. Er öffnete das Visier, brannte den Fangfaden auf meinem Gesicht mit niedriger Laserleistung weg, stellte fest dass ich noch schwach atmete, und schleppte mich zurück zum Landefahrzeug. Wenn die Schwerkraft nicht so niedrig gewesen wäre, hätte er es nie geschafft.

Mehrere Wochen litt ich an Schwindelanfällen, und noch heute wache ich bisweilen schweißgebadet auf, nachdem ich im Traum zu einer  wunderschöne Blume hochgeflogen bin ......"

"Konnten Sie denn Ihre Karriere als Forschungskosmonaut fortsetzen?"

"Auf eigenen Wunsch – wie man so schön sagt – wurde ich auf die permanente Forschungsstation auf Atair-12 versetzt."

"Und mit was beschäftigen Sie sich dort?"

"Wir züchten Blumen von allen Enden der Galaxis. Stellen fest ob sie sich als Zierblume in den Gärten des Präsidenten eignet.  Wenn sie zu groß sind, bringen wir sie durch genetische Manipulation auf eine handliche Größe."

"In den äquatorialen Zonen von  Atair 12 soll es sehr lästige Fliegen geben. Könnten Sie "Ihre" Blume nicht so weit verkleinern, dass man sie dort als Fliegenfänger einsetzen kann?!"

"Niemals würde ich das tun! Ich weiß, wie sich eine Fliege im Netz fühlt!"
 
 

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