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Salas y Gomez

 


Einleitung: Was ist ein Librationspunkt?

Ob ich als Forschungsastronaut aufregende Erlebnisse hatte? Freilich, genug. Gefährliche? Ja, auch. Aber nicht unbedingt das Gefährlichste oder Aufregendste bleibt am besten in Erinnerung. Manchmal sind es ganz andere Empfindungen die einen noch nach vielen Jahren bewegen ...  Gut, ich will eine Geschichte erzählen die mir noch heute nahe geht.

Wissen Sie was ein Librationspunkt ist, manchmal auch Lagrange-Punkt genannt? Es ist wichtig für die Geschichte, ich erkläre es kurz. Streng mathematisch lösbar sind die Bewegungsgleichungen nur für zwei Körper die sich unter ihrem gegenseitigen Gravitationseinfluss bewegen – ein Stern und ein darum kreisender Planet zum Beispiel. Die Lösung, eine Ellipse, ist auch stabil.  Das gilt näherungsweise auch noch für einen Stern mit mehreren Planeten. Bei drei und mehr vergleichbaren Körpern ist im Allgemeinen keine geschlossene Lösung möglich, man muss die Bewegungen schrittweise rechnen. Es gibt aber einen Sonderfall den ein gewisser Lagrange herausgefunden hat. Wenn ein erster Körper mindestens 25 mal größer – massenreicher -  ist als ein zweiter der um ihn kreist, ein dritter aber sehr klein, dann gibt es fünf Punkte im Raum die dieser winzige dritte Körper dauerhaft einnehmen kann ... ich zeichne es Ihnen eben mal auf:

Die Punkte 1, 2 und 3 sind nicht stabil – wird der winzige Körper auch nur ein wenig aus diesen Punkten verschoben, dann wird er immer schneller und immer weiter auswandern.  Die Punkte 4 und 5 aber sind stabil. Ein sehr kleiner Körper kann sich dort lange aufhalten – wenn man ihn ein wenig anschubst, wird er um diesen Punkt herum schwingen, aber ihn nicht ganz verlassen. Bei einem Stern mit einem großen Planeten sammeln sich um die Punkte 4 und 5 im Laufe der Zeit Meteoriten und Kleinstplaneten – die ganze Konstellation läuft gemeinsam und unveränderlich um den zentralen Stern herum.

Auch bei einem Planeten und seinem Mond (er darf aber auch nicht zu klein sein!) funktioniert es, auch dort gibt es diese stabilen Punkte 4 und 5.

Genug der Vorrede!

Eine Entdeckung

Wir befanden uns auf einer Forschungsreise die sich wieder einmal der alten Frage widmete, warum in unserer Galaxis an vielen Stellen Zivilisationen intelligenter Arten entstehen, aber immer wieder schnell vergehen. Wir kennen bekanntlich drei andere Zivilisationen die gleichzeitig mit uns existieren, wissen aber von Hunderten die es früher einmal gab. Warum haben sie nicht überlebt?

Die Landung auf einem fremden Planeten kostet viel Energie und ist nicht ungefährlich. Sind wir nicht sicher dass es auf einem bestimmten Planeten überhaupt eine intelligente Zivilisation gegeben hat, und hat dieser Planet einen ordentlichen Mond, dann schauen wir gewöhnlich erst einmal in den Librationspunkten 4 und 5 nach, weil sich im Verlauf langer Zeiträume dort häufig verlorene Kleinteile aus der Raumfahrt der inzwischen untergegangenen Zivilisation angesammelt haben.

Im Sternsystem xSOL024 war einer der Planeten in jener Entfernung zum Stern die gewöhnlich die Entstehung von Leben allgemein und schließlich das Aufkommen einer intelligenten Art ermöglicht. Auch besaß er einen ordentlich großen Mond, was wegen der Gezeitenwirkung bekanntlich ebenfalls für die Entwicklung des Lebens günstig ist. Je näher wir dem Planeten aber kamen desto mehr Enttäuschung machte sich breit: Der Planet war ziemlich gleichmäßig mit Wassereis überzogen, nur einzelne schroffe Gebirgszüge ragten daraus hervor. Wir konzentrierten uns daher zunächst auf die Untersuchung der Librationspunkte und erlebten schon beim ersten angesteuerten Punkt eine große Überraschung.

Inmitten von allerlei weit verstreut dahintreibenden kleinen Teilen schwebte eine Rettungskapsel wie sie vor langer Zeit in der Raumfahrt des Planeten Astor XI in Gebrauch war. Das waren richtige kleine Raumschiffe mit einem geschlossenen Lebenserhaltungssystem, geeignet bis zu drei Raumfahrer über fast beliebige Zeit mit allem Notwendigen zu versorgen. Die Kapsel schien in gutem Zustand zu sein, nur an einem Ende zeugte ein grotesk verdrehtes Metallgerüst für einen Schaden.

Unser Kommandant beriet sich mit dem Chefwissenschaftler, dann gab er den Befehl die kleine Kapsel zu untersuchen. Mit der Raumfähre glitten wir hinüber; ich selbst war einer der drei Raumfahrer die den Fund begutachten sollten.

Sanft legten wir an der fremden Kapsel an. Als  Historiker fiel mir die Aufgabe zu die „Beschriftung“ auf der Oberfläche der Kapsel zu studieren; den anderen waren die altertümlichen Zeichen unvertraut. Ich übersetzte die Anweisungen in unsere Sprache, sagte den anderen beiden was zu tun sei, und zu unserer großen Überraschung ließen ihre Handgriffe eine Tür beiseite gleiten – einladend lag die Luftschleuse vor uns.

 In einem fremden Raumschiff

„Es kann uns also nichts Schlimmes passieren wenn wir hineingehen,“ versicherte der Astrophysiker.  „Die Atmosphäre auf Astor XI ist auch für uns verträglich, vielleicht können wir da drinnen sogar unsere Raumanzüge öffnen.“  „Und wenn sich die Tür nicht mehr von innen öffnen lässt? Dann sitzen wir in der Falle?!“ warnte ich, aber der unser kleines Prisenkommando leitende Ingenieur beruhigte mich: „Mit den Laserpistolen können wir immer eine Öffnung schneiden!“ Die Luftschleuse arbeitete einwandfrei. Wir drangen in das Innere des fremden Raumschiffes ein und betraten den kleinen Kommandoraum.

Altertümlich wirkte alles was wir zu sehen bekamen, ja, das schon, aber alles schien in gutem Zustand zu sein, war vielleicht noch funktionsfähig. Was unsere Instrumente als Schnellanalyse der Atmosphäre ergab, entsprach weitestgehend den auf Astor XI herrschenden Verhältnissen. Zumindest das Umweltkontrollsystem funktionierte also noch einwandfrei. Aber wenn niemand an Bord war wurde es auch nicht wirklich gefordert.

War tatsächlich niemand an Bord? Im Ausgabefach des Nahrungscompilers lag ein fertiges Gericht, doch  recht vertrocknet. Lag es schon Jahrhunderte so? Wann hatte man die Besatzung der Kapsel gerettet?

Ein schwaches Geräusch aus einem Nebenraum ließ uns zusammenzucken. Was war das? Wir drangen vorsichtig in den kleinen Raum ein.

Auf der für Rettungskapseln typischen Liege (worauf der Astronaut auch heftige Beschleunigungen überstehen sollte) lag lang hingestreckt eine erbarmungswürdige Gestalt. Ein Astronaut! Zweifellos ein Bewohner von Astor XI. Aber wie sah er aus! Uralt mochte er sein, lang und wir hingen ihm die Haare um den Kopf, tief lagen die Augen in den Höhlen, eingefallen fast zum Totenschädel war das Gesicht, die ganze Figur aufs entsetzlichste abgemagert und ausgetrocknet. Doch er lebte!

Mit einer schwachen Bewegung versuchte er den Kopf uns Eintretenden entgegenzudrehen. Er bemühte sich zu sprechen,  aber es kam nur ein heiseres Röcheln heraus. Unendlich mühsam hob er die zitternde Hand und wies auf eine Nische in der Stirnwand des Raumes. Dann sank er zurück, lag unbewegt.

Wir ließen unseren Bordarzt herüberkommen, aber der konnte nur noch den Tod feststellen.

In der Nische, auf die der Sterbende mit letzter Kraft hingewiesen hatte, fand ich drei Aluminiumplatten. Offenbar waren es einmal Verkleidungsteile gewesen. In ihre Oberfläche waren Zeichen gekratzt. Ich habe diese Texte erst Wochen später auf dem Rückflug entziffern und übersetzen können. Aber für den Leser wird es besser sein wenn ich die Übersetzung an dieser Stelle folgen lasse.

Der Inhalt der ersten Tafel

Ich bin ein Astronaut von Astor XI. Ich schreibe dies nieder weil ich die Hoffnung aufgegeben habe dass man mich lebend findet und ich meine Geschichte erzählen kann. Das gesamte Kommunikationsmodul funktioniert nicht, damit auch nicht die elektronische Speicherung. Daher diese Platte.

Ich wuchs zu einer Zeit auf Astor XI auf als zahlreiche  Raumexpeditionen aufbrachen um die Galaxis zu erforschen; viele kehrten mit unglaublichen Schätzen zurück die unserer Kultur eine ganz neue Richtung gegeben haben. Auch ich entschied mich für die Laufbahn des Astronauten, durchlief meine Ausbildung mit gutem Erfolg und brach in noch jugendlichem Alter zu einer großen Expedition auf. Wir überprüften zahlreiche Planeten indem wir, so möglich,  unser Raumschiff in einem Librationspunkt parkten und den Planeten von dort aus fernerkundeten. Bis lang hatten wir noch keinen Erfolg gehabt. In der Mannschaft machte sich eine gewisse Ungeduld breit. Schon zu lange hatten wir unsere Frauen alleine gelassen.

Der Planet mit dem großen Mond sah vielversprechend aus, mit tiefblauen, grünen, braunen, gelben  und weißen Bereichen über die gleißende Wolkenwirbel hinzogen. Wir parkten das Raumschiff und begannen die Beobachtungen.

Vorschriftsgemäß wollten wir die Rettungskapseln überprüfen. Meine Aufgabe war es die Kapsel Nr. 1 auf die vorgeschriebene Entfernung zu steuern und wieder zurückzuführen, auf dem Weg alle nötigen Tests ausführend. Meine Kapsel war eben im Prozess des Umkehrens zu Stillstand gekommen, als sich unser Raumschiff in einer gigantischen Explosion auflöste.  Ein heftiger Schlag ließ meine Kapsel erbeben und versetzte sie in Rotation, deren das Lagekontrollsystem aber schnell Herr wurde.

Der Inhalt der zweiten Tafel

Ich blieb in der Rettungskapsel allein zurück. Sie erwies sich als voll funktionsfähig mit Ausnahme des Kommunikationssystems. Ich war unfähig einen Notruf abzusetzen. Ich musste mich also auf eine lange Wartezeit einstellen – wenn man unsere Expedition überhaupt suchen würde. Irgendwann würde man die Rettungskapsel sicher entdecken – sie würde Hunderte oder gar Tausende von Jahren in der Nähe des Librationspunktes hin und her pendeln – aber  würde ich dann noch leben? Ich beschloss mein Leben so weit wie möglich zu verlängern. Das Umweltkontrollsystem in Kombination mit einer Palette von Medikamenten bot dazu die Möglichkeit: alle Körperfunktionen soweit herabzudämpfen bis ich in eine Art Winterschlaf verfiel, in welchem der Alterungsprozess extrem verlangsamt ablief. Diese Schlafzeit darf jedoch nicht zu lange ausgedehnt werden, es müssen immer wieder Perioden des Wachseins eingeschoben werden. Immerhin habe ich mit dieser Technik geschafft bis heute mehr als fünftausend Umläufe des Planeten um den Stern zu überleben.

Über mein elendes Schicksal, das ewige Grübeln „Warum ich?“, die jammervollen Gedanken an meine Frau und meine Kinder die ja längst tot sein müssen – ich will sie hier nicht festhalten. Meine einzige Abwechslung in den Wachzeiten war die  Beobachtung des Planeten unter mir. Meine Ausrüstung war arg beschränkt, die Auflösung des einzigen Teleskops gering. Aber es gab dennoch  einiges zu sehen. Wie auf vielen Planeten, sei es mit stark elliptischer Bahn sei es mit schrägstehender Rotationsachse (wie in diesem Falle) gab es hier starke jahreszeitliche Effekte; im Sommer grüne Bereiche wurden im Winter braun und grau -  ich deutete das als die Umstellung einer biologischen Population ; ich war mir bald sicher dass es sich um eine Art Pflanzen handeln musste. Aus tiefblauen Bereichen wurden im Winter weiße – ich deutete es als den Phasenwechsel von flüssigem Wasser zu Eis.

Ich vermutete Tierpopulationen auf dem Planeten, konnte sie aber mit meinem kümmerlichen Instrument nicht nachweisen. Eine der Tierarten muss einen großen Entwicklungssprung gemacht haben. Ich konnte abgestimmte Aktivitäten erkennen die nur mit intelligenter Steuerung möglich sind. So entstanden an mehreren Stellen gewaltige Bauwerke streng geometrischer Form, zum Beispiel ähnlich Natriumchloridkristallen, oder als langes gewundenes Band über Gebirge und Ebenen hinweg.

Nach einer meiner üblichen Tiefschlafphasen entdeckte ich den endgültigen Beweis für das Vorliegen einer intelligenten Art: Unter besonders günstigen Lichtverhältnissen konnte ich Raumfahrtvorgänge wahrnehmen. Auch begann man den Planeten umzugestalten: Große Seen wurden ausgetrocknet, andere geschaffen, die braunen Gebiete auf Kosten der grünen erweitert, und das Auftreten von Wassereis zumindest in einem der beiden Polregionen drastisch zurückgedrängt.

Der Inhalt der dritten Tafel

Auf dem Planeten haben sich dramatische Prozesse abgespielt. Innerhalb weniger Planetentage sind in mehreren Bereichen gewaltige pilzartige Formationen hochgeschossen; Vielleicht handelt es sich um atomare Explosionen? Ich kann nicht sicher sein. Innerhalb von kurzer Zeit hat sich der Planet mit einer grauen Schicht wie Schimmel überzogen.

Jetzt, wenige Jahre später, scheint sich das fast eliminierte Wassereis wieder auszubreiten. Immer häufigere Lücken in dem grauen Schimmel  lassen eine geschlossene Eisdecke erkennen. Die grüne Farbe ist fast ganz verschwunden – auch im Sommer.

Eine kurze Zeit lang konnte ich eine Welle erhöhter Raumfahrtaktivität beobachten, machte mir schon Hoffnungen man könne mich dabei vielleicht entdecken. Seit einiger Zeit schwebt ein kleiner Körper in der Nähe meiner Kapsel der seiner streng geometrischen Form nach nicht-natürlichen Ursprungs zu sein scheint: ein Artefakt der intelligenten Lebensform des Planeten? Leider kann ich meine Kapsel nur in die Nähe manövrieren, aber nicht aussteigen um das Gebilde zu untersuchen.

Ich habe wieder eine Schlafphase hinter mir. Der Planet hat sich nicht mehr verändert. Er glänzt und funkelt – eine riesige Kugel aus Eis. Fast makellos. Was ist aus dem Leben auf dem Planeten geworden?

Es geht mir nicht gut. Ich wage nicht mehr in den Tiefschlaf zu gehen – ich fürchte ich werde nicht mehr aufwachen. So bleibe ich denn  wach und warte auf den unausweichlichen Tod.

Heute habe ich m
 

Die Schrift auf der dritten Tafel brach unvermittelt ab.
 

Eine weitere Entdeckung

Wir setzten die Überprüfung des Librationspunktes fort und wanden uns jetzt den kleineren Körpern zu die unsere Sensoren anzeigten. Die meisten waren natürlichen Ursprungs: Mikrometeoriten. Einige größere Teile erwiesen sich als Raumfahrtschrott. Offenbar hatte hier die lang vergangene Zivilisation Raumfahrt ziemlich sorglos betrieben und allerhand Müll hinterlassen, von einzelnen Nieten bis zu Abdeckungsblechen, auch eine verlorene Steuerdüse primitiver Bauart fand sich darunter.

Schließlich aber entdeckten wir einen Gegenstand anderer Qualität. Ein quaderförmiges Behältnis aus hochreinem Aluminium, auf seiner Oberfläche waren neben den unvermeidlichen Kratzern und Narben von Mikrometeoriten Zeichen und Pictogramme zu erkennen. Die Bilder deuteten an wie das Behältnis zu öffnen war. Wir nahmen den Gegenstand an Bord.

Es war zweifellos jener Gegenstand von dem ich später auf der dritten Tafel des fremden Astronauten lesen sollte.

Unter den gegenüber fremden Artefakten angezeigten Vorsichtsmaßnahmen öffneten wir den Quader. Er war in der Tat hohl, jedoch fast passgenau ausgefüllt mit verschiedenartigen Gegenständen. Dazu gehörten aus feinen und hochempfindlichen Blättern geschichtete rechtwinklige Platten. Vorsichtig auseinander genommen erwies sich ein Teil als mit meist farbfrohen Abbildungen gefüllt die offenbar das Leben der Hersteller des Artefaktes beschrieben. Die anderen Blätter waren über und über mit jenen Zeichen bedeckt die wir auch auf der Außenseite des Quaders bemerkt hatten. Es war klar dass es sich um eine Art von verschlüsselten Informationen handelte, eine in Zeichen notierte Sprache. Manuell konnte ich da nichts werden. Ich erfasste die Blätter elektronisch und übergab sie dem KI-Sprachanalysator. Das System hatte größte Schwierigkeiten; tatsächlich gelang die Entschlüsselung erst als ich gleichartige Zeichen auch auf einigen der Abbildungen entdeckte und diese auch einlas.

Die ersten Blätter erwiesen sich als der Schlüssel zum Ganzen. Sie berichteten
 

  • Vom unaufhaltsamen Aufstieg einer intelligenten Art zum Alleinherrscher über den Planeten;
  • von der Veränderung des Klimas und den daraus entstehenden Konflikten;
  • von den Folgen eines mit Atomwaffen geführten Krieges,
  • von dem atomaren Winter der durch unerwartete Rückkoppelungseffekte schließlich zu einer schrittweisen Vereisung des ganzen Planeten führte,
  • vom Versuch einiger einflussreicher und wohlhabender Personen von dem Planeten in den Weltraum zu entfliehen und eine neue Heimat zu suchen;
  • von der Erkenntnis dass die Zivilisation am Ende, die herrschende Art wie die überwältigende Mehrheit der höheren Tiere und Pflanzen dem Untergang geweiht war;
  • dem Beschluss ein geeignetes Behältnis zu fertigen, es mit den Zeugnissen der stolzesten kulturellen Leistungen zu füllen und als Vermächtnis und Botschaft der Art in die Zukunft an einem der Librationspunkte zu parken.


Wir hatten es bei dem Inhalt der Schatulle also mit jenen Zeugnissen von Textkunst (der erste Stapel) und Malerei, Plastik und Architektur (der zweite Stapel) zu tun welche die untergegangene Art um dringendsten zu retten wünschte.

Aus dem Text ging auch die Funktion eines Gegenstandes hervor den  wir zunächst nicht zu deuten wussten, einer silbrigen, in vielen Farben schimmernden Scheibe:  es waren konservierte Töne. Es gelang eine Abspielmaschine zu bauen. Ich unterzog mich als verantwortungsbewusster  Wissenschaftler selbstquälerisch der Mühe den gesamten Inhalt der Scheibe anzuhören, die für meine Ohren sehr seltsam wenn auch nicht ganz unharmonisch klang. Der großen Runde in Anwesenheit des Kommandanten  spielte ich dann den letzten Abschnitt vor, in dem zu offenbar mechanischen Instrumenten die Stimmen der untergegangenen Art solistisch und chorisch einfallen. Der Sprachanalysator konnte sogar den Text dazu angeben:

„Freude schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium [?] , wir betreten feuertrunken ......
...............
Alle Menschen werden Brüder
Wo dein sanfter Flügel weilt ........“
 

„Menschen“ nannten sich offenbar die Angehörigen der untergegangenen Art. Als wunderschöne eisschimmernde Perle hing ihr Planet am Himmel über uns.
 
 
 

PS.
In dem Blätterstapel mit der Textkunst fand ich später auch einen rhythmisierten Text der von einem Mann berichtete welcher auf der einsamen Insel „Salas y Gomez“ [unübersetzbar] strandete und dort viele Jahrzehnte allein lebte; als die Mannschaft eines vorbeikommenden Schiffes ihn schließlich fand, lag der Greis im Sterben. Auf drei Steinplatten hatte er seine Geschichte eingekratzt. Auch der Name des Textverfassers war auf dem Blatt angegeben : „Adalbert von Chamisso“ [unübersetzbar].
 

                                               *   *   *
 
 

Anmerkung

Im Sonnensystem finden sich um die Librationspunkten 4 und 5 des Jupiter die beiden Scharen der „Trojaner“-Asteroiden. Auch bei Mars und Neptun wurden Trojaner gefunden, bei Saturn Trojanermonde.

In den Librationspunkten 4 und 5 des Systems Sonne-Erde finden sich Staubwolken,  zwischen den beiden Punkten pendelt der Asteroid 2002 AA29  .

Im System Erde-Mond wurden in den Librationspunkten 4 und 5 die schwach leuchtenden „Kordylewski’schen Wolken beobachtet“
 
 

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