<<<<  zurück zu "Willkommen"                zum Archiv der Erzählungen  >>>>

 


„Funny Face“



1 Begrüßung

Der Gründer und Aussichtsratvorsitzende der großen Puppenfabrik, Prof. Dr. Dr. Franko Steinberger, begrüßte seine Gäste.

„Wir freuen uns sehr dass Sie uns die Ehre des Besuches schenken. Wir sind stolz auf das was wir hier geschaffen haben. Wir sind uns sicher: dieser Besuch wird Sie endgültig überzeugen dass unsere Arbeit den Preis wirklich verdient der in Aussicht genommen sein soll. Wenn wirklich noch Zweifel bestehen, so werden wir sie heute ausräumen.“

Die Mitglieder der „Ethischen Prüfgruppe“ wahrten ein freundlich-neutrales Gesicht. Ihr Vorsitzender, der angesehene Erzbischof Franz Bayrhuber, versicherte man werde die Prüfung „sine ira et studio“ vornehmen.

„Bevor Sie uns Einblick in die angewandten Techniken geben, möchten wir uns – noch völlig offen und unbeeinflusst durch Ihre Worte - zuerst vom Ergebnis Ihrer Bemühungen überzeugen. Ihre Fertigungshallen, ja die gesamte geschlossene Anlage, ist doch immer noch von Geheimnissen umwittert. Da möchten wir einen ganz unmittelbaren Eindruck gewinnen!“

„Mit größtem Vergnügen! Unser CEO Marian Godwin wird die Führung übernehmen. Selbstverständlich werde ich Sie begleiten. Bitte folgen Sie uns!“

2   In der Fertigungshalle

Sie betraten die große Fertigungshalle. An langen Montagebändern wurden Puppen, Bären, Stofftiere zusammengefügt. Es herrschte ein Geräuschpegel wie auf einer riesigen Party. Musik erklang aus verschiedenen Lautsprechern, unter den Arbeitskräften gab es viele die selbstvergnügt vor sich hinsangen, sich in Rundgesängen ergingen, oder sich einfach nur angeregt plappernd unterhielten.

Als die Arbeitskräfte die Besuchergruppe bemerkten, ließen sie ihre Arbeit liegen, stürmten juchzend auf die Besucher zu, schüttelten ihre Hände, suchten sie zu umarmen,  redeten mit tiefer heiserer Stimme aufgeregt auf sie ein. Schließlich formten sie einen Kreis, fassten sich an den Händen und tanzten um die überraschten Besucher herum. Dann kehrten sie lachend, plappernd, pfeifend, singend an ihre Arbeitsplätze zurück.

Jetzt erst konnten die Besucher die Arbeitenden genauer in Augenschein nehmen. Es waren Männer und Frauen – oder musste man sagen: Knaben und Mädchen? Sie waren durchweg kleiner als die Besucher selbst, hatten kleine Köpfe, und eine besondere Gesichtsform durch die sie alle wie Mitglieder einer einzigen Familie wirkten. Viele hatten auffällig schönes lockiges Haar.  „Elfen!  ... Kobolde!“  ging es den Besuchern durch den Kopf.

Konzentration und Ausdauer bei der Arbeit schienen sie wenig zu besitzen, lenkten sich immer wieder gegenseitig ab. Herumgehende Männer und Frauen in bunten Kitteln brachten sie mit freundlichem Zwang wieder an die Arbeit, was sie sich lachend gefallen ließen. „Schauen Sie: die Aufseher - Menschen wie Gott sie schuf!“ bemerkte der emeritierte Naturphilosoph Jean Piere Schwanzl mit einem Seitenblick auf den neben ihm stehenden Erzbischof, der irritiert den Kopf zurückwarf.

Die Besucher diskutierten untereinander, Aufsichtsratvorsitzender und CEO hielten sich zurück. Nach ein paar Minuten hieß es:

„Können wir weitergehen, meine Damen und Herren? Wir werden uns jetzt die Unterkünfte und die Sozialräume anschauen!“

3  Die Kirche

Als der Gang über das Gelände schon abgeschlossen schien, fragte der Erzbischof:
“Haben Sie auch eine Kirche?“

„Ja –a“ bestätigte der CEO.

„Kann ich einen Blick hineinwerfen?“

„Ja –a!“ Der CEO hatte sich mit einem schnellen Blick zum Aufsichtsratvorsitzenden vergewissert.

Es war ein kleines schlichtes Gebäude. Innen war alles in warmen Farben gehalten – - „Endlich eine Kirche zum Wohlfühlen!“ kommentierte der Naturphilosoph.

Der Erzbischof aber erstarrte. Über dem Altar leuchtete das Hologramm eines Jungensgesichtes mit Sommersprossen, Stupsnase, Zahnlücke, Segelohren und unordentlichen roten Haaren.

„Was ist das denn?!“ keuchte er.

„Ich werde es Ihnen später erklären!“ versprach der Aufsichtsratvorsitzende.

Die Besichtigung wurde abgeschlossen mit einem Besuch im Forschungszentrum für Humangenetik und im Labor für angewandte Gentechnik.
 

4  Erläuterungen

Die kleine Gruppe sammelte sich wieder im Seminarraum.  Lachende und singende „Kobolde“ trugen einen kleinen Imbiss auf, nicht ohne immer wieder das Gespräch mit den fremden Besuchern zu suchen.

Nachdem man sich erfrischt hatte kam ein übergewichtiger, kahlköpfiger Mann asiatischen Typs in den Raum, wurde als „unser Forschungsdirektor Dr. She Li“
vorgestellt, und begann das Gesehene zu erläutern.

„Meinen Damen, meine Herren!

Es gibt viele Produktionsaufgaben die durch Roboter nur unwirtschaftlich zu erledigen sind. Zum Beispiel: Die Herstellung von Kleidung, von Stoffpuppen und ähnlichem hat sich als für Roboter erstaunlich schwierig erwiesen. Über viele Jahre hin hat man daher für solche Arbeiten  Kinder eingesetzt oder junge Frauen – das war ganz einfach billiger! Diese Menschen waren aber nicht eben glücklich bei ihrer Arbeit, und  die Fabrikbetreiber hat man deswegen angefeindet. Prof. Dr. Dr. Franko Steinberger hatte es sich zum Ziel gesetzt durch angewandte Gentechnik dafür zu sorgen dass Menschen solche Arbeit freudig und glücklich erledigen können. Ich habe die Ehre seine Arbeit fortsetzen zu dürfen.

Prof. Dr. Dr. Steinberger suchte lange nach einem Ansatz für seine Bemühungen; er  fand ihn schließlich im sogenannten Williams-Syndrom. Menschen mit Williams-Syndrom (oder Williams-Beuren-Syndrom) zeigen eine Reihe körperlicher Besonderheiten – unterdurchschnittliche Größe, charakteristische Kopfform – wir sprechen von einem „Elfengesicht“ oder – im Fachenglisch – vom „Funny Face“. Das Gehirn ist kleiner als gewöhnlich, die Intelligenz unterdurchschnittlich. Aber diese Menschen haben außergewöhnliche Freude an Musik, besitzen häufig auch hohe musikalische Begabung. Sie sind sprachbegabt, gesellig, freundlich, extrovertiert.

Die Ursache des Syndroms liegt im Verlust mehrerer benachbarter Gene des Chromosoms 7. Prof. Dr. Dr. Steinberger ist es gelungen, die genauen Zusammenhänge zwischen diesem Verlust, und seinem Zusammenwirken mit anderen Genen, auf die einzelnen Komponenten des Syndroms aufzudecken. Und damit hatte er die Möglichkeit, die positiven Komponenten des Syndroms zu fördern und die unwillkommenen (es gibt einige körperliche Defekte) zu unterbinden oder wenigstens zurückzudrängen.

Prof. Dr. Dr. Steinberger konnte Investoren von seinem Konzept einer kindlich-glücklichen Arbeiterschaft überzeugen und die Anlage schaffen, die jetzt, nach dreißig Jahren des Anlaufs, sich finanziell selbst trägt, da die Ansprüche der Arbeitenden sehr gering sind. Sie sind glücklich, sie haben ihre Geselligkeit, sie haben ihre Musik – mehr brauchen sie nicht!“

Der Erzbischof hielt es nicht länger aus: „Was soll das Bild in der Kirche?!“

Der Aufsichtsratvorsitzende erhob sich um selbst zu antworten.

„Das Bild zeigt Alfred E. Neumann, sein Motto war „What – Me Worry?“. Sie kennen ihn nicht – nicht mehr? Alfred E. Neumann war jahrzehntelang Titelfigur des Magazins „MAD“.  Es  wurde immer wieder auf seine Ähnlichkeit mit dem „Funny Face“ des Williams-Syndroms hingewiesen.

Ein Merkmal des Williams-Syndroms ist nun – ganz im Gegensatz zu Neumanns Motto! - häufig übertriebene Sorge um die Zukunft. Dieses Merkmal habe ich nie korrigieren können. Um unserer Arbeiterschaft die Sorge um die Zukunft zu nehmen haben wir beschlossen eine Religion einzuführen. Unsere Religion basiert im wesentlichen auf christlichen Grundsätzen. Wir haben aber alles Düstere und Grausame entfernt; so musste auch der Gekreuzigte verschwinden. An seiner Stelle haben wir das „Göttliche Kind“ eingeführt – erscheinend eben in Gestalt von Alfred E. Neumann. Wir können mit Fug und Recht sagen, nirgendwo auf der Welt gibt es einen fröhlichere, glücklichere Gemeinde!“

Der Erzbischof protestierte heftig.

Auf der Rückfahrt von der Werksbesichtigung aber wurde der Erzbischof nachdenklich. Konnte man so den Verfall der Kirche stoppen dass man all die düstere, blutige, grausame, ganz und gar irrationale Mythologie von mehr als zwei Jahrtausenden beiseite räumte und damit eine fröhliche Religion schuf?! Allerdings: Wie niedrig musste dafür der Intelligenzquotient der Gläubigen wohl sein? Er musste mit seinem Vorgesetzten sprechen.

 5   Preisverleihung

Zwei Monate später wurde der Weltpreis für angewandte Biotechnologie an Prof. Dr. Dr. Franko Steinberger verliehen, in Würdigung seines Lebenswerkes.

Die Laudatio hielt Erzbischof Franz Bayrhuber. Er sprach mit jener tief empfundenen Überzeugung die jederzeit abrufen zu können er als Priester früh gelernt hatte.
 
 

<<<<  zurück zu "Willkommen"                zum Archiv der Erzählungen  >>>>