
Der GROSSE FÜHRER
Ein Plan
"Wir müssen ihn ermorden. Es gibt keine andere Lösung!"
Nr.3 im Kreise der kleinen Widerstandsgruppe stieß den Satz hervor. Die anderen nickten:
"Er führt ganz Eurasien in die Sklaverei! Er muss sterben!"
"Ist ja richtig! Aber wie?" meldete sich Nr. 7. "Wir haben doch überhaupt keine Chance. Das Material für eine Fernlenkrakete bekommen wir nie zusammen ohne dass der Staatsschutz es bemerkt. Und wenn wir eine Rakete hätten, wüssten wir doch nicht in welchem seiner Paläste der GROSSE FÜHRER gerade schläft.... Er zeigt sich ja nie in der Öffentlichkeit........"
"Das stimmt nicht. Einmal im Jahr, beim großen "Führertag", immer an einem anderen Ort, lässt er sich feiern. Im nächsten Jahr wird es in der EURASIA-Halle sein, in Paris. 250 000 Menschen gehen da rein."
"........wovon 249 990 fanatische Anhänger sein werden. Die vorderen 50 Reihen sind ohnehin für Schutztruppen und Kader reserviert. Wenn man uns "gewöhnliche Menschen" rein lässt, dann bekommen wir doch höchstens Plätze in den hinteren 150 Reihen, oder auf der Galerie!"
"Und wie soll man da ein Gewehr mit Zielfernrohr hineinschmuggeln?! Jeder wird doch dreimal durchsucht."
"Es gibt einen Weg – zumindest im Prinzip."
"Haha - Radio Eriwan!"
"Was soll das Prinzip denn sein?"
"Man muss die Waffe in Teilen hineinschmuggeln und in der EURASIA-Halle zusammensetzen."
"Glaubst Du die Kontrolleure am Eingang wissen nicht wie ein Zielfernrohr aussieht?!"
"Sie erlauben aber Ferngläser mitzunehmen .... ein halbes Fernglas kann ohne weiteres die Aufgabe eines Zielfernrohrs übernehmen."
"Der Lauf der Waffe?!"
"Nie den Schakal gelesen? Teil einer Krücke!"
"Die Treibladung? Die Spürunde schnüffeln doch nach Sprengstoffen!"
"Richtig. Aber die Hochdruck-Sauerstoff-Flasche eines Asthmatikers geht durch! Das muss das Prinzip sein: Viele kleine und kleinste Teile, die einzeln völlig harmlos und jeweils ein funktionsfähiges Teil eines ebenfalls harmlosen Gerätes sind. Erst wenn 10 oder 15 Teile – wir sind 15 Leute! – zusammenkommen, wird eine Waffe daraus."
"Haben wir genug Zeit zum Zusammenbauen?"
"Ich denke schon. Das ist wie ein großes Pop-Konzert. Nach Öffnung der EURASIA-Halle vergehen drei Stunden, bis alle eingelassen sind. Und dann sind zwei Stunden Vorprogramm, da laufen die meisten Leute noch herum, drängen sich an den Schaschlik- und Döner-Ständen, trinken noch ein Bier oder zwei. Es soll ja auch wirklich ein Volksfest sein!
Natürlich können wir nicht als geschlossener Verein reinkommen oder stundenlang als Gruppe zusammenstehen und herumbasteln. Nein, wir müssen einzeln reinkommen und in einer Art Kaskade die Teile der Waffe zusammenfügen. Das Ding ist doch eine tolle Aufgabe für Nummer 14! Was meinst Du, kannst Du so was bauen?"
Nummer 14, der Feinmechaniker, wiegte bedächtig den Kopf:
"Man muss mal darüber nachdenken....."
"Also ja!"
"Und wer schießt?"
"Ich bin bereit!" meldete sich Nr. 9. "Ich bin der beste Schütze....."
"Dann lasst uns die Einzelheiten durchdenken!"
Die Aktion
Aus allen Teilen der Provinz Westeuropa strömten die Menschen zusammen. Magnetbahn und Rohrexpress spieen die Massen vor der EURASIA-Halle aus. Langsam nur rückten die Schlangen an den Waffenkontrollen vor. Was immer als Waffe verwendet werden konnte, wurde einbehalten: ein paar größere Taschenmesser wurden eingezogen. Offensichtlich harmlose Gegenstände wie Ferngläser, Hörhilfen, medizinische Sauerstoffflaschen, Videokameras, Krücken, Mobiltelefone, metallene Kugelschreiber und ähnliches wurden auf ihre Funktionsfähigkeit kontrolliert und durchleuchtet. Selbst große Jubeltransparente wurden argwöhnisch geprüft. Schließlich wurde jeder Besucher auf etwa verschluckte oder im After versteckte Waffen hin durchleuchtet.
Langsam füllte sich die Halle. Für die überzeugten Anhänger des GROSSEN FÜHRERS war dies der höchste Feiertag: viele Jahre waren vergangen, seit der GROSSE FÜHRER sich zuletzt in Westeuropa gezeigt hatte. Kein Wunder, dass man heute alle Dialekte Westeuropas hören konnte, selbst Deutsch und Dänisch! Frohgestimmt trieben die Menschen, oft in kleinen Gruppen, durch die Nebenräume und Gänge. Viele gönnten sich einen kleinen Imbiss (verdammt teuer!), kippten ein Bier oder zwei, warfen ein paar Glückspillen ein oder schmauchten eine Haschischzigarette. Nur wenige strebten gleich zu ihrem Sitz. Auf der Galerie gab es ohnehin nur Stehplätze.
Vorne, auf der Bühne, hinter der Balustrade, hatten die Sicherheitstruppen bereits Stellung bezogen. Durch Ferngläser beobachteten sie die Menge auf verdächtige Bewegungen oder gar Zusammenrottungen.
Scheinbar ziellos, aber tatsächlich einem präzisen und wochenlang eingeübten Plan folgend, bewegten sich 15 Menschen durch die Menge, zerlegten harmlose Gegenstände, trafen sich, übergaben im Vorbeigehen Teile: die Waffe wuchs zusammen. Das alles musste im Gehen, zwischen den anderen Menschen, erfolgen, denn die Toiletten wurden sicherlich mit versteckten Kameras überwacht. Brauchte einer zum Zusammenbauen zweier Teile etwas mehr Zeit und beide Hände, schirmten ein oder zwei andere aus der Gruppe ihn ab. Als die Lautsprecher die festlich-frohe Musik unterbrachen "Nehmen Sie bitte alle ihre Plätze ein! Das Vorprogramm ist beendet, der GROSSE FÜHRER wird bald erscheinen!", da hatte Nr. 9 eine funktionsfähige Druckgaswaffe mit Präzisionszielfernrohr unter dem Mantel. Die Gruppe der 15 traf sich scheinbar zufällig auf der Galerie. Nr. 4 und Nr. 7 entrollten das riesige Transparent:
![]()
Auf der Bühne priesen jetzt Hofpoeten die Verdienste, die Weisheit, die Stärke des GROSSEN FÜHRERS. Der Westeuropa-Statthalter hielt eine Begrüßungsrede. Und dann kam ER.
Alte Leute im Volk munkelten, der GROSSE FÜHRER müsse über 100 Jahre alt sein, er habe ja schon in ihrer eigenen Jugend an der Spitze des eurasischen Staates gestanden. Aber als der GROSSE FÜHRER jetzt mit elastischen Schritten an das in die Balustrade der Bühne eingefügte Rednerpult ging, konnte an seiner jugendlichen Kraft kein Zweifel bestehen. 250000 Menschen im Saal tobten. Mit einer gebieterischen Geste musste der GROSSE FÜHRER die Ovationen dämpfen, um mit seiner Rede beginnen zu können. Er sprach mit klarer und kräftiger Stimme, seine Gesten waren knapp und bestimmt. Um sein Mienespiel erkennen zu können, waren alle im Saal zu weit weg, ausgenommen die ausgewählten Kader in den ersten Reihen. Aber auf dem riesigen Display über ihm konnte jeder ihn sehen als stehe er vor ihm. Die kleine Warze auf der Stirn, von der die Chinesen im Staate glaubten dass sie die besondere Genialität des Mannes bezeuge (wie einst bei Mao), war deutlich zu erkennen. Der mächtige Schnurrbart betonte die Bewegungen des Mundes. Seine großen dunklen Augen schienen jeden Einzelnen direkt anzuschauen, zwangen jeden in seinen Bann. Jeden Satz des GROSSEN FÜHRERS quittierte die Halle jetzt mit ohrenbetäubenden Jubel.
Auf der Galerie schirmte die Gruppe Nr. 9 nach hinten gegen Beobachter ab. Nr. 9 ließ sich auf die Knie nieder, war jetzt – hinter dem Transparent - auch für die Schutztruppen auf der Bühne unsichtbar. Nr. 9 schob Zielfernrohr und Lauf der Waffe hinter den Doppelpunkt des Transparents. Nr. 6 gab die beiden Öffnungen frei. Nr. 9 zielte auf die Stirn des GROSSEN FÜHRERS. Das "Plop" des Schusses ging im Jubelgeschrei der Menge unter.
Wer in einer der vordersten Reihen saß oder den GROSSEN FÜHRER im Fernglas verfolgte, sah dass auf seiner Stirn an der Stelle der Warze plötzlich ein roter Fleck erschien. Er warf den Kopf zurück, schien hinter dem Rednerpult zusammenzusinken. Aber wenige Sekunden später richtete er sich wieder auf. Nichts war auf seiner Stirn mehr zu sehen – wenn der rote Fleck Farbe gewesen war, musste er sie schnell weggewischt haben. Unbeirrt sprach er weiter.
Mehr noch: er hatte seine Rede für keinen Moment unterbrochen. Wer auf das große Display schaute – und das taten fast alle im Saal die etwas weiter weg saßen oder standen – konnte überhaupt nichts bemerken. Es gab da keinen roten Fleck, kein Zurückwerfen des Kopfes, kein Wegsinken. Das alles musste wohl eine Täuschung gewesen sein.
Die Analyse
Die große Schau in der Halle war in festlicher Stimmung zu Ende gegangen. Nicht enden wollende Ovationen dankten dem GROSSEN FÜHRER. Weder Fernsehen noch Printmedien meldeten ein ungewöhnliches Ereignis.
Erregt diskutierte die Gruppe der 15 Verschwörer die Ereignisse des Tages. Drei von ihnen hatten mit dem Fernglas den GROSSEN FÜHRER beobachtet; einer mit einem Monokolar das einmal ein Fernglas gewesen war; Nr. 9 durch das Zielfernrohr. Man war sich einig: der Schuss hatte getroffen, er musste tödlich gewesen sein. Wer da hinter dem Rednerpult wieder hochgekommen war, das musste ein Schauspieler gewesen sein. Oder der Redner war ein Schauspieler gewesen. Oder beide? Das war wohl die Lösung. Es waren Schauspieler gewesen, die im Playback-Verfahren die Rede des GROSSEN FÜHRERS mimten. Nur auf dem großen Display hatte man den echten GROSSEN FÜHRER gesehen, der hielt die Rede in einem sicheren Raum wo ihn kein Attentäter erreichen konnte, oder vielleicht war die Rede schon Tage vorher aufgenommen worden, das hätte die Aufgabe der Schauspieler erleichtert.......
Nach langer Debatte musste die Verschwörer einsehen: Nur jemand aus der engeren Umgebung konnte den GROSSEN FÜHRER ermorden, ein Außenstehender hatte keine Chance.
Stolzer Rückblick
Der zwanzigköpfige Staatsrat des Eurasischen Reiches hatte sich versammelt. Man diskutierte die Ereignisse des Tages. Der Leiter der Schutztruppen genoss die Glückwünsche der anderen Mitglieder des Staatsrates. Die Arbeit mit mehreren Schauspielern hatte sich endlich ausgezahlt, nach vielen Jahren. Jeder der sieben jahrelang trainierten Schauspieler konnte höchst überzeugend eine Rede des GROSSEN FÜHRERS vortragen. Jeder von ihnen konnte sie dann im Playback-Verfahren aufführen, damit auf dem großen Bildschirm auch wirklich das Gesicht des GROSSEN FÜHRERS erscheinen konnte. Darum mussten die Schauspieler dem GROSSEN FÜHRER auch gar nicht besonders ähnlich sehen - das elektronische Modell des GROSSEN FÜHRERS war ja phantastisch. Die Programmierer hatten ganze Arbeit geleistet. Jede kleine Falte, jeder Muskel, jede Pore, und selbstverständlich auch die kleine Warze auf der Stirn, waren auf das genauste wiedergegeben. Das elektronische Modell war einsatzbereit gewesen an jenem Tag vor fast 30 Jahren, als der Leiter der Schutztruppen im Auftrag des Staatsrat des Eurasischen Reiches den GROSSEN FÜHRER ermordet hatte.