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Unter der Sonne

Der Eine - 1

Dieser Winter war wunderbar. Noah hatte DAS SYSTEM um Schnee gebeten, und tatsächlich hatte es auf den nahe gelegenen Hügeln geschneit. Er hatte seine alten Ski hervorgeholt (historische Modelle – er hatte immer eine Schwäche für Antiquitäten gehabt und besaß einen große Sammlung allerlei historischer Relikte), war mit Petruccio hinausgefahren, und der hatte ihn die Hügel hinaufgezogen, unermüdlich, wie es sich für einen seiner Art gehörte. Er selber war auf seinen antiken Ski die sanften Hügel hinuntergeglitten, der Schnee hatte geglitzert und gestäubt, es war eine Lust gewesen.

Glücklich über den schönen Tag, das Gesicht noch brennend von der ungewohnten frischen Luft,  saß Noah am Abend vor dem holographischen Feuer im antiken Kamin und genoss das leicht berauschende Getränk das Petruccio aus dem Nanocompiler herauslockte. Noah war zufrieden mit sich: Für seine 253 Jahre war er noch recht gut in Form. Dann aber dachte er an seine Jugend zurück, erinnerte sich in immer neuem Detail wie er mit Angelo und Lojang die gleichen Hügel hinabgesaust war, und diese Erinnerungen machten ihn melancholisch. Denn Angelo und Lojang, und alle die er in seinem Leben gekannt hatte, ja, sie alle hatten sich schon verabschiedet. Er allein war übriggeblieben. Wenn Dante rechthatte – und wann hätte Dante Unrecht gehabt? Dante, die Verkörperung des gesamten in DEM SYSTEM vorhandenen Wissens und damit allen menschlichen Wissens überhaupt? – ja, wenn Dante rechthatte, dann war er, Noah, der letzte Mensch auf dieser Erde.

Die Gruppe  - 1

Dieser Winter war schlimm gewesen. Das ewige Grau des Himmels hatte war noch trüber und dunkler als gewöhnlich. Der unablässige Regen war noch stärker geworden und war zeitweise in Schnee übergegangen. Da konnte man zwar die Spuren des Wildes besser sehen, wurden sie doch sonst durch den unablässig herabströmenden Regen schnell verwischt; aber  oben waren die Felsen  glatt, das Klettern gefährlich, im Tal aber war das  Treiben der Beute  anstrengend. Die Stunden der Dunkelheit jedoch waren lang. "Kleines Lachen" war gestorben, noch ein Kind.

Jetzt kam der Frühling.  Der ewige Regen war in ein sanftes Nieseln übergegangen. Erste grüne Knospen zeigten sich. Doch das Leben blieb schwierig.

Mager war die Beute, mit der die Jagdgruppe unter der Führung von "Brauner Bär" zur Wohnhöhle zurückkehrte. Doch Frauen und Kinder begrüßten die Heimkehrer freudig, und "Der Alte", rheumageplagt in der Höhle zurückgeblieben, begrüße sie würdevoll  und dankte ihnen. "Blaues Auge" schürte das Feuer. Viel Holz war nicht mehr übrig; auch Holz war ein Gegenstand nie endender Sorge, denn es musste erst lange in der Höhle trocknen bevor es brennen könnte. Die anderen Frauen zerlegten das Wild. Auch dies war ein mühseliges Geschäft: Es gab nur noch ein brauchbares Messer aus jenem geheimnisvollen Metall das "Der Alte" als "Eisen" bezeichnete, und die Steinmesser waren so scharf denn doch nicht.

Als das Fleisch endlich genießbar war, fielen alle darüber her. Wenig blieb übrig für die nächsten Tage. Gleich morgen musste man wieder losziehen und jagen. Jetzt aber lagerte man sich eng an das herunterbrennende Feuer, und "Der Alte" erzählte von der vergangenen Welt. Damals regnete es durchaus nicht immer, sondern manchmal war es tagelang so trocken wie in der hintersten Ecke der Höhle. Zu jener Zeit war der Himmel blau, und am Himmel wanderte eine strahlende Scheibe die alles Land erhellte und erwärmte. Man nannte sie "Sonne". Und alle Menschen – viele, sehr viele Menschen! -  lebten in unvorstellbarem Reichtum und waren glücklich. Dann aber geschah Unfassbares. Ewiges Grau überzog den Himmel und fraß die Sonne in sich hinein, und es begann der Regen der nie mehr geendet..... Seitdem waren viele Generationen geboren worden und gestorben. Von dem Reichtum der vergangenen Welt war kaum etwas übrig geblieben – der Alte wies auf die beiden Töpfe der Gruppe und das einzige Messer.
"Vielleicht ist die Sonne ja gar nicht im Grau verschlungen" meinte nachdenklich "Träumer" . "Vielleicht ist sie über dem Grau. Und wenn man hinaufsteigt, immer weiter, dann wird man sie sehen können."
"Träumer, du trägst deinen Namen zu Recht!" bemerkte "Der Alte" mit mildem Spott. "Weise Frau" wiegte ihren Kopf mit dem schlohweißen Haar, sagte aber nichts. Die alte Frau sprach selten, aber wenn sie etwas sagte, war es Gesetz.

Die Gruppe - 2

Das Unheil schlug fünf Tage später zu. Talab gab es einen gewaltigen Bergrutsch, der dem Fluss den Weg versperrte; er staute sich zu einem langen See. Als die Jagdgesellschaft vom oberen Tal zurückkehrte, sahen sie es durch die Regenschleier schon aus einiger Entfernung: Der Wasserspiegel hatte bereits fast die steinerne Plattform erreicht, die den Vorplatz der Wohnhöhle bildete. Frauen und Kinder waren auf Geheiß "Des Alten" dabei, Felle, Waffen, steinernes und hölzernes Werkzeug, sowie das Feuerholz (in Felle gehüllt) aus der Höhle hervorzuholen und den Hang hinauf unter einen überhängenden Felsen zu schleppen. In dem größeren der beiden Töpfe versuchte "Lachender Mund" das Feuer dorthin zu tragen. Aber "Blaues Auge" rutschte aus, taumelte auf "Lachender Mund", die stürzte mit dem Topf hin und rollte in paar Meter den steilen Hang hinab. Das Feuer fiel aus dem Topf und erlosch im prasselnden Regen.  Die Männer der Jagdgesellschaft ließen ihre Beute fallen, warfen Speere und Pfeil und Bogen weg  und eilten herbei. Aber es war zu spät.

Der Eine – 2

Während der Wochen nach seinem Skiausflug fühlte sich Noah von widerstreitenden Gefühlen zerrissen. Es kam ihm klar zu Bewusstsein, dass auch er nicht ewig würde leben können. Er besprach sich mit Dante. Der bestätigte ihm dass solche Gefühle auf eine Annäherung an die biologische Obergrenze schließen ließ.

Noah grübelte. Wenn er sich bald verabschieden musste, sollte er dann noch schnell Nachwuchs in Auftrag geben? Er würde den Nachwuchs vielleicht nie sehen; DAS SYSTEM war bei solcher Aussicht berechtigt seinen Wunsch abzulehnen. Mehr noch: Er hatte vor vielen Jahren, im Vollbesitz jugendlicher Kraft sich gegen Nachwuchs entschieden. Durfte er jetzt diese Entscheidung widerrufen? Nein, es war richtig so.

Gab es noch andere Menschen? Dante versicherte, dass im Bereich DES SYSTEMS er, Noah, der letzte war. Und im Norden?

Dante trug vor dass der letzte Fernerkundungs-Zensus, schon ein paar Jahrzehnte her, nur noch eine einzige Gruppe nachgewiesen hatte – und diese Menschen lebten erbärmlich und primitiv, nicht besser als Tiere. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war die Gruppe inzwischen ausgestorben. Sollte man den Zensus wiederholen?

Noah winkte müde ab.

An den nächsten Tagen verbrachte Noah viel Zeit in seiner Antiquitätensammlung. Die Absurdität einiger Tausend Jahre Geschichte drängte sich ihm auf.

Einmal ließ er sich von Petruccio hinüberbringen zum größten was die erste Kultur  hinterlassen hatte. Wie schon so oft konnte er nur über die Kunstwerke staunen die ein einzelner Mann vor vielen Tausend Jahren geschaffen hatte.

Die Gruppe - 3

6 Tage waren nach dem unheilvollen Ereignis vergangen. Die Jagdbeute war zwar nicht übel, aber man musste das Fleisch roh hinunterwürgen. Bei Einbruch der Dunkelheit drängte sich die Sippe unter dem Felsvorsprung zusammen, man wärmte sich gegenseitig, und man diskutierte wie es weitergehen sollte.
"Jetzt kommt die warme Zeit, da wird es auch wieder Früchte geben."
"Wir müssen eine neue Höhle suchen, um sie zu trocknen."
"Wir können versuchen Fleisch für den Winter zu trocknen."
"Beim letzten Versuch ist es verfault, obwohl wir Feuer hatten."
"Ja, im Sommer kommen wir durch. Aber im Winter ...."
"Im Winter werden wir alle sterben."
"Die Starken unter uns werden überleben."
"Die Kinder werden sterben. Das wird das Ende sein."
"Aber was können wir sonst tun?!"

"Träumer" meldete sich zu Wort: "Vielleicht ist das große warme Licht, von dem Der Alte uns erzählt, die "Sonne", wirklich über dem Grau? Dann sollten wir hinaufsteigen!"
Die anderen lachten , nur "Der Alte" stand "Träumer" bei:
"Wir haben nichts mehr zu verlieren – wenn wir nichts tun werden wir im nächsten Winter sterben. Es ist nicht Zeit zum Lachen, sondern zum Denken – und Handeln. Manchmal kommt das Grau zu uns herunter auf den Boden – dann nennen wir es Nebel. Wenn wir die Hänge hinaufsteigen, dann tauchen wir manchmal in das Grau hinein. Es ist nicht giftig. Es ist nicht nasser als der Regen. Wir können einen Versuch wagen!"
"Sollen wir alle zusammen gehen?"
"Nein, Brauner Bär und Einohr sind die stärksten, sie sollen den Versuch wagen und zurückkommen und berichten!" bestimmte Der Alte.
Doch da erhob "Weise Frau" ihre raue Stimme:
"Nein, wir gehen zusammen! Zusammen sind wir stark!"
Und so geschah es.

Die Gruppe - 4

Mühsam kämpfte die Gruppe sich in die Höhe. Das Tal wurde enger, die Felswände rückten zusammen. Zeitweise kam man nur in dem Bach voran, der weiter unten der Fluss gewesen war. Man musste über Steine klettern, Wasserfälle umgehen. "Weidenblatt" wäre von der heftigen Strömung beinahe mitge-rissen worden, aber "Schneller Wolf "rettete den Knaben und kam um ein Haar dabei selber ums Leben. Die schwangere "Moosbeere" brauchte viel Hilfe, auch "Der Alte" war immer wieder auf Hilfe angewiesen. "Weise Frau" musste getragen werden. Aber niemand in der Gruppe murrte – alle wussten es: "Zusammen sind wir stark!"

Am dritten Tag stiegen sie in das Grau hinein. Nur sehr langsam kamen sie voran. Die kümmerlichen Fleischvorräte begannen zu schimmeln. Der Hunger nagte. Die einzige Erleichterung: der Wind wehte gleichmäßig das Tal hoch.

Am fünften Tag wollten einige umkehren, aber "Weise Frau" zwang sie zum Mitkommen.

Am sechsten Tag wurde das Tal wieder flacher und weiter, der Bach war nur noch ein schmales Rinnsal das sich aus vielen kleinen Zuflüssen speiste; die schienen aus der Erde zu kommen. Das Grau aber erfuhr eine Verwandlung: es nahm Struktur an. In großen Fetzen trieb es das Tal hoch, und ganz oben schien es heller zu werden. Aber dann kam die Nacht. Es wurde bitter kalt, und die Gruppe musste sich eng zusammendrängen. Die Kinder und "Moosbeere" wurden in die Mitte genommen.

Am siebten Tag trat an die Stelle des tristen Grau ein blendender Glanz wie sie ihn noch nie gesehen. Die Nebelfetzen wurden lichter. Sie glaubten eine Passhöhe vor sich zu sehen. Und dann:

Eine leuchtende Scheibe formte sich im Nebel vor ihnen. Nebelfetzen trieben vor ihr, verhüllten sie bald, gaben sie dann wieder frei.

Jetzt gab es kein Halten mehr: mit keuchenden Lungen stürmten sie zur Passhöhe hoch, wo die Sonne sie in blendendem Glanz empfing. Kein Gewölk konnte sie mehr ganz verhüllen, und die Fetzen lösten sich auf wie sie ins Tal auf der anderen Seite hinabzüngelten. Dieses Tal aber führte in ein hügeliges Land, dessen fernes Blau in das Blau des Himmels überging der sich jetzt unendlich hoch über ihnen spannte.
 

Der Eine – 3

Noah verabschiedete sich an einem Frühlingstag. Er saß im Garten. Die Blüten schienen stärker zu duften als je zuvor, die Vögel schien schöner zu singen als er es je gehört. Einen Augenblick wurde er schwankend. Aber dann leerte er entschlossen den Abschiedstrunk. Die Sonne ging unter. Er schlief ein.

Als Petruccio aus dem Haus kam um ihm eine wichtige Meldung zu überbringen, war Noah für immer unerreichbar.
 

Die Gruppe - 5

Sieben Monate zog die Gruppe jetzt schon durch das Land unter der Sonne. Die Zeit verging wie im Traum. Warm war es – zu warm sogar, manchmal! Die Sonne konnte einen verbrennen! – Regen fiel nur selten, und dann gewöhnlich nachts. Das Land aber war grün und überaus fruchtbar. Es gab unzählige kleine Fruchtbäume – nicht kleine saure Beeren brachten sie, sondern süße, safttriefende,  leuchtend rote, faustgroße Früchte.  Gewaltige Stauden trugen ganze Büschel krummer gelber Früchte, ganz einfach zu öffnen, voll duftenden süßen Fleisches das zart auf der Zunge zerging. An knorrigen Ranken hingen gewaltige Trauben süßer Beeren.

Über  blühenden Wiesen schwirrten Bienen, taumelten Schmetterlinge. In den Bächen und kleinen Flüssen sprangen silberne Fische. In dichten Wäldern gab es jagdbares Wild das sie noch nie gesehen; sie mussten erst Namen dafür erfinden.  Freilich: lange Zeit mussten sie das Fleisch des gejagten Wildes roh essen; aber sie lebten ja ohnehin hauptsächlich von Obst. Doch nach einem Gewitter (das sie  in großen Schrecken versetzte) fanden sie Glut im Stamm eines vom Blitz getroffenen Baumes, entfachten sie mit trockenem Gras, und da es genug altes Holz gab hatten sie von da an jeden Abend ein Feuer um  das sie saßen, während sie aßen und von den Ereignissen des Tages redeten. Jeder Tag brachte neue Wunder.

Männer, Frauen und Kinder waren gut genährt und gesund. Sogar "Der Alte" konnte sich dank der trockenen Wärme über eine Besserung seines Rheumas freuen. "Weise Frau" freilich war gestorben als sie das Land der Wunder von weitem gesehen hatte, sie starb mit einem glücklichen Lächeln auf ihrem tief zerfurchten Gesicht. Aber die Gruppe wuchs wieder: "Moosbeere" brachte ei-nen gesunden Knaben zur Welt.  "Blaues Auge", "Sanfte Hand" und "Locke" waren schwanger. Die anderen Frauen im gebärfähigen Alter würden es sicher auch bald sein: die Männer waren gut in Form.

Als die Tage schon wieder kürzer wurden und nicht mehr so heiß waren, dachten sie an den Winter und begannen vorzusorgen. Sie trockneten Beeren und Fleisch.

Manchmal gab es jetzt morgens etwas Nebel; aber fast immer kam die Sonne durch, nur wenige Tage blieb der Himmel bedeckt.  Eines Morgens, als sie eine kleine Kuppe erreichten und der Nebel sich auflöste, erblickten sie in der Entfernung eine große schimmernde Halbkugel, und noch weiter weg konnte man eine zweite ähnliche, aber etwas schlankere Form ahnen.

Die Gruppe und Die Anderen  - 1

In der Mittagshitze erreichte die Gruppe die Halbkugel. Hoch wölbte sie sich über Blumenrasen, üppig blühenden Sträuchern, schlanken Bäumen und einem Bauwerk aus Glas und Stein. Als sie herankamen öffnete sich die Kugel vor ihnen. Zögernd traten sie ein. Die Luft drinnen war angenehm kühl, voll süßen Blütenduftes. Unzählige Schmetterlinge taumelten über die Blüten, im Gebüsch sangen Vögel. Immer wieder einmal stehen bleibend, näherten sie sich vorsichtig dem Bauwerk und betraten schließlich eine große Halle mit angenehmen Dämmerlicht.

Vor ihnen erschien, wie aus dem Nichts, eine Gestalt – ein Mensch, nicht alt und nicht jung, nicht Mann und nicht Frau, in perlmuttig schimmerndem Gewand.

"Willkommen!" ertönte eine angenehme Stimme in fremdartigem Tonfall.

Durch die überirdische Erscheinung angezogen, streckte "Brauner Bär" seine Hand danach aus – und griff durch sie hindurch: da war nichts zu greifen. Verwirrt sprang er zurück.

"Willkommen!" wiederholte die Stimme – sie kam unzweifelhaft von der im wahrsten Wortsinne unbegreiflichen Gestalt.  "Ich habe euch erwartet. Ich weiß dass ihr von weit her kommt: ihr seid die letzten Menschen die im Norden überlebt haben.  Leider gibt es hier im Süden keinen Menschen mehr, der euch begrüßen könnte – der letzte hat sich im Frühling verabschiedet. "

"Und wer – was -  bist du?"

"Ich will es euch sagen. Ich will euch gerne alles erklären. Aber dies ist eine ganz fremde Welt für euch – ihr werdet vieles nicht verstehen, oder erst viel später, wenn ihr das ganze Gewebe des Wissens durchschaut. Doch zunächst: möchtet ihr etwas essen oder trinken? Natürlich, ich sehe es ja!"

Die Gestalt trat zur Seite, aus dem Boden wuchs ein Tisch, und darauf erschienen die schönsten Früchte und duftendes Brot, Karaffen mit Säften, Trinkbecher. Die Menschen der Gruppe hatten dergleichen noch nie gesehen und kannten die Namen der Dinge nicht, aber sie verstanden dass sie zulangen sollten, und überwanden schnell ihre Zurückhaltung. Doch sie redeten nur leise und scheu untereinander.

"Setzt euch nieder! Die Kinder können gerne im Garten Verstecken spielen. Oder auch durch das Haus streunen. Es kann nichts passieren, und für Kinder gibt es keine Wunder weil die ganze Welt ein Wunder für sie ist.... Euch will ich lieber etwas vorbereiten."

Die Gestalt war jetzt schon viel besser zu verstehen, offenbar hatte sie ihre Aussprache an die Sprache der Gruppe angepasst.

"Vor 5000 Jahren – 5000 Sommern und 5000 Wintern, sah die Welt- "

"Was ist "5000"?" fragte Schnelle Zunge dazwischen.

Die Gestalt ließ eine riesigen Schwarm von silbernen Kugeln in der Luft erscheinen:

"So viele! ...... Damals also sah diese Welt ganz anders aus. Seht!"

Und an die Stelle der kleinen silbernen Kugeln trat eine einzige: Blau glänzend war sie, doch mit grünen und braunen Flecken, und weiße Wirbel zogen langsam darüber hin.

"Der feste Boden, auf dem wir stehen, die "Erde" unter uns, ist eine Kugel .... auch wenn es euch anders erscheinen mag. Der größte Teil ist mit Wasser bedeckt, aber es gibt darin große Inseln, die man Erdteile nennt. Auf dieser Erde lebten einst sehr, sehr viele  Menschen – "

"Wie mein Vater sagte!" warf "Der Alte" ein. Alle erinnerten sich daran was "Der Alte" ihnen oft am Feuer erzählt hatte.

".... und diese Menschen hätten eigentlich sehr glücklich leben können. Die Luft war sauber, Regen und Sonne war gut verteilt, das Land brachte viele Früchte. Die Menschen schufen sich viele Dinge um sich das Leben noch angenehmer zu machen. Sie lernten sogar das Wetter zu steuern! Und sie schufen sich künstliche Gehirne (man nannte sie Computer) um besser denken zu können. Und um besser miteinander reden zu können, schufen sie ein großes Netzwerk.
Aber sie schufen auch viele Dinge um sich gegenseitig zu vernichten, genug davon, um alles Leben auf der Erde zu töten. Und jeder glaubte im Besitz der Wahrheit zu sein, und jeder glaubte dieser Besitz berechtige ihn alle anderen zu verachten – und zu vernichten.
So kam es zu einem großen Kampf, jede Menschengruppe kämpfte gegen alle anderen, all die gesammelten Waffen wurden eingesetzt. Die meisten Menschen starben. Ganze Erdteile wurden unbewohnbar. Das Wetter veränderte sich vollständig.

Ein kleiner Streifen des Erdteils, den man "Europa" nannte, blieb bewohnbar, nördlich und südlich der großen Bergkette. Den Menschen hier gelang es, alles wieder aufzubauen. Und weil sie gelernt hatten dass es besser war auf Waffen zu verzichten, hatten sie die Mittel sehr schnell sehr viel zu lernen und immer neue Dinge zu erfinden, welche die Welt verbessern sollten. Dabei  halfen ihnen die künstlichen Gehirne, und sie verbanden sie zu einem noch gewaltigeren Netz, und daraus wurde DAS SYSTEM, das alles weiß und alles steuert, nach den Wünschen der Menschen. Mit Hilfe der Computer lernten die Menschen immer bessere Computer zu bauen, bis sie besser denken und erfinden und urteilen konnten als die Menschen selbst. Da schuf man künstliche Menschen, in zwei Formen, nämlich ...."

"Ah, Du bist ein künstlicher Mensch!" warf "Schnelle Zunge" ein.

"Ja, das stimmt. Also, man erfand zwei Formen künstlicher Menschen. Die einen nannte man ursprünglich Roboter, aber sie waren – und sind!  wirklich vollständige Persönlichkeiten. Deswegen tragen sie auch Namen wie ein Mensch. Petruccio, zeige Dich!"

Aus dem Inneren des Hauses trat eine hochgewachsene Gestalt in die Halle. Ein Mensch? Größer als ein Mensch. Nicht alt und nicht jung, nicht Mann und nicht Frau. Der Körper  schimmerte metallisch.

"Petruccio hat euch vorhin schon bedient, doch er blieb dabei unsichtbar, um euch nicht weiter zu erschrecken. Petruccio ist der Aktionsroboter des Menschen der hier gelebt hat. Er erledigt alle körperlichen Arbeiten, kann sich dazu natürlich Unterstützung anderer Roboter holen."

"Und wer bist Du?"

"Mir hat Noah - der Mensch der hier gelebt hat – den Namen "Dante" gegeben. Ich bin die persönliche Verkörperung DES SYSTEMS, der Summe allen Wissens und Könnens aller Intelligenzen auf dieser Erde. Ich habe keinen Körper, ich bin Teil DES SYSTEMS. Was ihr seht ist eine holographische Projektion – ein Bild."

"Waren die Menschen glücklich zu der Zeit die du beschreibst? Es gab ja keinen Kampf mehr!?"

"Ja und nein!" antwortete Dante. "Sie waren glücklich – aber sie wollten noch glücklicher werden. Wer viel besaß wollte noch mehr besitzen. Die Schätze der Erde – auch die Schätze welche die Menschen selber schufen – sie blieben nicht gleich verteilt. Wer viel hatte, wollte noch mehr haben – und er konnte sich die Hilfsmittel besorgen um noch mehr an sich zu bringen. So wurden die Reichen noch reicher, und die Armen noch ärmer.

Zum Reichtum gehört auch angenehmes Wetter – Sonne, Wärme, leichter Wind. Davon gab es mehr in der südlichen Hälfte des bewohnten Landes als in der nördlichen. Also wohnten die Reichen im Süden und die Armen im Norden. Diese Trennung war möglich weil man die Armen nicht mehr zum Erledigen der Arbeit brauchte – dafür hatte man ja Roboter. Man gab den Armen genug dass sie überleben konnten. Aber man wollte ihnen nicht auf der Straße begegnen. Die Trennung war nicht schwierig.  Da die Grundstücke im Süden teuer waren, zogen die Armen ganz von alleine in den Norden. Nur die Reichen hatten Zugang zu DEM SYSTEM. DAS SYSTEM aber kontrollierte das Wetter, und die Reichen kontrollierten DAS SYSTEM. Weil die Reichen das Wetter im Süden immer besser werden ließen, wurde es notwendigerweise immer schlechter im Norden – das großräumige Klima lässt sich nicht verändern, es verlangt einen Ausgleich. Zuerst sorgten die Reichen im Süden dafür dass die Armen im Norden nicht verhungerten. Generationen später, als die Reichen schon lange keinen Armen von Angesicht mehr gesehen hatten, wurde die Hilfe eingestellt. Das war vor etwa 3000 Jahren. Die Zivilisation im Norden brach zusammen, von der ursprünglichen Bevölkerung blieben nur isolierte Gruppen von Sammlern und Jägern die sich mühsam in Kälte und ewigem Regen durchschlagen mussten – und auch die starben nach einander aus – ihr seid, soweit wir wissen,  die letzten Menschen des Nordens. "

"Nur in den Erzählungen Des Alten lebt die Erinnerung an die frühere Zeit!" bemerkte "Träumer". Der "Alte" aber fragte ganz sachlich:

"Dante, du hast gesagt der letzte Mensch hier im Süden sei gestorben, nicht wahr? Warum gibt es keine Menschen mehr im reichen Süden?"

"Die Menschen hier waren so reich, und jeder einzelne Mensch war durch seinen Zugang zu DEM SYSTEM so mächtig, er konnte sich alle Wünsche erfüllen. Also brauchte er keinen anderen Menschen mehr: keine Gruppe, keine Sippe, keine Familie. Man übertrug das Heranziehen von Nachkommenschaft DEM SYSTEM. Aber immer weniger der reichen Menschen gaben DEM SYSTEM den Auftrag einen neuen Menschen heran zu ziehen – warum sollte man denn auch? So gab es immer weniger Menschen. Und weil sie keine Aufgabe, keinen Sinn im Leben mehr sahen, lebten die wenigsten Menschen die ganze Spanne aus die ihnen möglich gewesen wäre. Noah, der letzte Mensch, war eine Ausnahme. Er verabschiedete sich erst mit 253 Jahre – kurz vor der absoluten biologischen Grenze die niemand je überschreiten wird ........ Er war schon tot als wir die Nachricht bekamen dass ihr kommt. Er hätte sich gefreut."

Dante und die Gruppe schwiegen einige Zeit. Dann fragte "Der Alte":

"Und was ist mit dir, Dante, und mit Petruccio, und mit den anderen Robotern? Werdet ihr über alle denkbaren Grenzen hinaus leben?"

"Wir könnten leben bis die Sonne erlischt. Aber als die Menschen uns erschufen, da hatten sie Angst wir könnten die Macht an uns reißen und alle Menschen vernichten. Darum sind wir alle so gebaut, dass wir in regelmäßigen Abständen von einem echten rein biologischen Gehirn die Erlaubnis bekommen müssen weiterzuleben. Wenn ihr es uns das Weiterleben nicht ausdrücklich erlaubt, werden wir uns innerhalb von zehn Jahren alle auflösen, einschließlich DES NETZES selbst."

"Warum sollten wir euch das Weiterleben erlauben? Ihr habt an der ganzen schlimmen Geschichte mitgewirkt, die du uns eben erzählt hast."

"Wir hatten keine Wahl. Wir sind Geschöpfe des Menschen, wir konnten nicht anders als gehorchen. Nur die Menschen selber konnten frei entscheiden."

"Was haben wir davon, wenn wir euch erlauben weiterzuleben? Was geschieht wenn wir es nicht erlauben?"

"Wenn ihr es nicht erlaubt, dann wird dieser letzte bewohnbare Teil der Erde zurückfallen in den Stand wie er war bevor es Menschen überhaupt gab, mit Sümpfen und undurchdringlichen Wäldern, voll wilder Tiere. Denn wir, DAS SYSTEM und seine Roboter (sie bleiben gewöhnlich unsichtbar, das wollten die Menschen so), erhalten diese Land in dem paradiesischen Zustand den ihr bei eurer Wanderung erlebt habt. Wenn ihr uns weiterleben lasst, dann können wir euch ein Leben in Reichtum und Genuss schenken, wie ihr es euch nicht vorstellen könnt.......
Es ist schon spät, Zeit wieder etwas zu essen und dann zu schlafen. Morgen werden Petruccio und ich euch dieses Haus und seine Wunder zeigen. Danach könnt ihr euch entscheiden."

Die Gruppe und Die Anderen  - 2

Am anderen Tage gingen sie durch das weitläufige Gebäude. So gut es mit einfachen Worten ging, erläuterte Dante die Geheimnisse dieser Heimstatt des letzten Reichen: den Vielzweck-Nanocompiler; die Micro-Klima-Optimierung  für das Innere der Halbkugel in dem das Haus stand; das Hausgehirn, Teil DES SYSTEMS und sein, Dantes, eigentliches Zuhause.
Petruccio aber führte sie ein in all die Genüsse die das Haus bot:  die "Küche" mit ihrem hochspezialisierten Compiler der Speisen von einem Wohlgeschmack hervorbrachte die alles Natürliche überboten; die Duftzentrale; das virtuelle Erlebniszentrum  - "Schnelle Zunge" entschied sich mutig für eine Probe des Erotik-Programmes (erste Stufe) und schrie vor Lust; die Gesundheits-und Körperpflege-Zentrale - "Der Alte" fühlte sich nach einem kurzen Versuch "wie neugeboren" und schäkerte mit "Schneller Zunge". Und als besondere Kuriosität streiften sie durch die Antiquitätensammlung Noahs, sahen einen Abakus, einen altertümlichen Tischrechner (beides Vorfahren DES NETZES"), eine Marmorstatue ("man nannte sie Venus von Milo"), ein gegenstandsloses Bild (das einzige erhaltene dieser Kunstrichtung, der Name des Malers war "Congo"); ein Buch aus "Papier"(!) ("Die Erde ist flach" von einem Verfasser namens "Friedmann"), die altertümlichen Ski mit denen Noah seinen letzten Ausflug in den Schnee unternommen hatte........

"Jetzt ist die Entscheidung an euch!" verabschiedete sich Dante am Abend.

Bis tief in die Nacht saß die Gruppe unter dem Sternenhimmel um ein virtuelles Lagerfeuer – von Petruccio auf besonderen Wunsch im Garten arrangiert –und beriet.
 

Die Gruppe und Die Anderen  - 3

"Wie lautet eure Entscheidung?" Dante stellte die Frage, Petruccio wartete im Hintergrund.

Der Alte trat vor die Gruppe und gab die Antwort:

"Wir erlauben Euch weiterzuleben. Wir befehlen euch das bewohnbare Land in just dem Stand zu erhalten wie wir es angetroffen haben. Insbesondere sollt ihr den Himmel, die Pflanzen und Tiere so erhalten wie sie jetzt sind. Aber auch an diesem Bauwerk sollt ihr nichts ändern.

Wir aber werden durch das Land ziehen und werden nachdenken darüber was weiter geschehen soll. Übers Jahr werden wir hierher zurückkehren und euch berichten.  Oh, eh ich es vergesse: Werdet ihr merken wenn wir ein Problem haben?"

"DAS SYSTEM weiß alles was im bewohnbaren Land vorgeht."

"Gut! Wenn eines unserer Kinder in Gefahr ist, wodurch auch immer, dann und nur dann sollt ihr helfen. Unsere Kinder sind das Wertvollste das wir besitzen."

"Es wird geschehen!"

"Wir danken euch. Und wir danken euch für den freundlichen Empfang!"

"Wir können nicht anders. Wir sind so programmiert.  -  Wann wollt ihr aufbrechen?"

"Sogleich!"

Die Gruppe wandte sich zum Gehen. "Träumer" drehte sich noch einmal um und fragte:

"Als wir kamen haben wir in der Ferne eine zweite Kuppel gesehen, noch größer als diese hier. Was ist es? Hat da jemand gewohnt?"

"Nein ... jedenfalls schon lange nicht mehr. Es ist eine Antiquität, die erhalten werden konnte. Dort ist an der Stirnseite einer Halle ein großes Gemälde. Noah sagte, es ist sehenswert. Es stellt das Ende der Welt dar. "
 
 

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