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Begegnung mit Eva

Bereits sechs Wochen kämpfte sich die Expedition durch das unwegsame Land, in dem man die ältesten Zeugnisse der eigenen Anfänge vermutete. Bisher war die Ausbeute dürftig gewesen.

Gewiss, es waren seit der großen Katastrophe mehr als zweitausend Jahre vergan-gen, der Urwald hatte alles verschlungen was damals noch erhalten geblieben war, aber dennoch – man hatte größere Hoffnungen gehegt. Schließlich war dieser Planet, die "Erde",  die Wiege der eigenen Kultur gewesen! Ironie des Schicksals: Auf der Erde war alle Zivilisation zusammengebrochen, die Menschen waren ausgestorben; die Ansiedlungen auf dem Mars, die kleineren Stützpunkte auf den Monden von Jupiter und Saturn waren der allgemeinen Vernichtung anheim gefallen; aber auf Xena, am Rande des Sonnesystems kreisend und von vornherein für die Besiedlung durch Menschen als ungeeignet erklärt, hatte sich die menschliche Kultur erhalten! Von dort war der Expeditionsleiter aufgebrochen, hatte auf Orcus und Qaoar seine fünf Experten abgeholt, um hier auf der Erde nach den Spuren der Vorzeit zu suchen. Und jetzt dies! Ein Computerzentrum (die Datenträger zerfallen) und eine Sammlung von mechanischen Blechspielzeug (stark verrostet) – das waren die größten Funde! Dazu litten alle unter dem schwülheißen Klima, die Kühlaggregate der Schutzanzüge reichten kaum aus.

Am 45. Tage nach der Landung auf der Erde wendete sich das Glück.

Man stieß auf den Eingang eines unterirdischen Tunnelsystems, der Eingang war einst verschüttet worden, aber jetzt hatte die Erosion ihn wieder freigelegt und sogar die schwere stählerne Schutztür beiseite geschoben. Vorsichtig drang man ein. In den vorderen Räumen fanden sich mumifiziert die Überreste einer Anzahl Menschen, die sich damals hierher geflüchtet hatten. Waren sie verhungert oder erstickt? Oder doch eher verdurstet? Alles wies darauf hin dass das unterirdische Labyrinth Jahrtausende lang sehr trocken gewesen war. Der Ort war also nicht schlecht gewählt worden als "Hort der größten Kulturgüter", denn eine Tafel am Eingang wies auf eben diesen Zweck der Anlage hin. Das weckte die größten Hoffnungen.

Im weiteren Vordringen wurde freilich bald klar dass die Katastrophe schneller als erwartet über die Menschen hereingebrochen war: Fast alle Räume waren leer! Und was sich fand, das war offenbar schnell zusammengeraffter Plunder: Gemälde, Plastiken, Schmuck.  Enttäuschung machte sich unter den Expeditionsteilnehmern breit.

In einem der letzten Räume aber wartete die Belohnung aller Mühen, der Schatz der Schätze von dem keiner in der Gruppe auch nur zu träumen gewagt hätte. Hier waren die frühen Roboter versammelt! Da war Artemis, da war Hubo, da war Asimo, da war Qrio, da war der Hund Aibo! mitten unter ihnen aber, wie eine Königin unter ihrem Hofstaat, saß EveR-1, Urahnin aller Androiden!

Der Archäo-Robot-Mediziner der Expedition  bewegte sich vorsichtig durch die Gruppe der schweigenden Gestalten. Prüfte ihren Zustand: würden sie sich reanimieren lassen? Immer wieder aber schüttelte er enttäuscht den Kopf: Die Roboter waren wohl schon längst außer Betrieb als sie eingelagert wurden. Aibo konnte man vielleicht mit Expeditionsmitteln reparieren, aber die anderen ......? Eine neue, größere Expedition würde sie bergen und nach Xena bringen müssen.

Schließlich blieb der Robot-Mediziner vor EveR-1 stehen. Ruhig und sorgfältig führte er seine Tests durch, wiederholte sie um sicher zu gehen. Seinen Kameraden fiel seine außerordentliche Konzentration auf. Gespannt warteten sie auf seine Aussage. Schließlich wandte sich der Mediziner zu ihnen um und stellte mit ruhiger Stimme fest:

"Sie lebt, aber sie schläft. Soll ich sie aufwecken?!"

Nach kurzem Nachdenken nickte der Expeditionsleiter Zustimmung.

Der Robot-Mediziner führte die notwendigen Stimulationen aus, trat dann zurück und gesellte sich zu den anderen. Kein Wort wurde mehr gesprochen. Die Spannung wuchs ins Unerträgliche. Würde EveR-1 .....?

Ein ganz leichtes Zittern ging durch die sitzende Gestalt. Leben kam in ihr Gesicht. Ihr Kopf ging von links nach rechts und zurück. Ihre dunklen Augen musterten die Umgebung, fixierten dann ruhig die Gruppe der Expeditionsteilnehmer. Sie richtete sich ein wenig auf, legte den Kopf etwas zurück. Ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie streckte den rechten Arm mit der weiß behandschuhten Hand aus. Ihre Lippen öffneten sich:

"Willkommen! Ich bin EveR-1. Herzlich willkommen!"

Tief, ganz tief verbeugten sich die Expeditionsteilnehmer vor ihr. Der Expeditionslei-ter sprach für alle:

"Unsere Ehrerbietung dir, EveR-1, du unser aller Stammmutter!"
 
 
 
 
 

Geschichtliche Notizen:
1. EveR-1 war in der Tat der erste Android, geschaffen in dem Land das einmal "Korea" hieß, im Jahr 2006 der früheren Zeitrechnung. Es ist ein sehr schönes Bild erhalten geblieben, auf dem man sie im Gespräch mit Schulkindern sieht. Man erkennt, dass man versucht hat sie sehr menschenähnlich zu machen.  Auf diesem Bild hat sie übrigens den rechten ihrer weißen Handschuhe abgelegt.

2. Die Schrifttafel hinter den versammelten Robotern mit EveR-1 in der Mitte konnte zum großen  Teil entziffert werden. Es handelt sich um die Anwerbung von Wissenschaftlern, unter anderem für die Entwicklung von Robotern, zu denen man damals auch die Androiden zählte !
 
 

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