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Un mundo mejor es posible Diese Geschichte ist dem kubanischen Volk gewidmet.
Möge es einen guten Weg in die Zukunft finden.
31. August 2117
Im Lagezentrum des Präsidenten des westlichen Imperiums„Nickel wird knapp!“ stellte der Minister für die wirtschaftliche Wohlfahrt des westlichen Imperiums fest. „Unsere Industrie braucht Nickel! Die ganze Welt schreit nach Nickel!“
„Sind die Lager erschöpft?“
„Ja, so ziemlich. Allerdings: Auf der Insel im Süden – Sie wissen was ich meine?“
- er machte eine vage Handbewegung zur großen Weltkarte hin -
„– gibt es noch große Vorkommen. Aber wir haben schon lange keine Handelsbeziehungen mehr zu diesen Leuten. Zuerst haben wir die Insel abgeschnitten, und dann haben sie sich selbst isoliert.“
„Es kann nicht schwierig sein ein solch kleines Volk zur Besinnung zu bringen. Unsere Raketenwaffen .... unsere neue Generation von Kampfrobotern ...“ meldete sich der Minister für den Gerechten Krieg.
„Die Menschen dort sind stolz, sie würden wohl lieber sterben als sich beugen. Und wenn sie wissen dass sie sterben müssen, dann werden sie uns nur verbrannte Erde übriglassen.“
„Dafür braucht es Zeit. Wenn sie schon sterben müssen .... wir könnten die große Neutronenbombe Mark 15 einsetzen. Ein, zwei Dutzend davon zur gleichen Zeit gezündet - und niemand wird auf der Insel überleben.“
„Wirken Neutronenbomben nicht langsam ... die Leute sterben erst im Verlauf von Wochen?“
„So wäre das bei den ersten Bomben gewesen die noch im 20.Jahrhundert gebaut aber nie eingesetzt wurden. Schon die Mark 9 hat uns im Südafrika-Konflikt gute Dienste geleistet, die Überlebenszeit betrug durchschnittlich nur 2,4 Tage. Mark 15 tötet innerhalb Minuten -ja, Herr Kollege, das ist wahrer Fortschritt!“
„Wirklich eine interessante Idee!“ schaltete sich der Präsident des Imperiums in die Diskussion ein. „Aber wie steht es mit den Menschenrechten? Ist eine solche Maßnahme vertretbar? Gewiss – 10 Millionen Menschen auf dieser Insel - was ist das gegen 10 Milliarden auf der Erde? Und dennoch ... leicht sollten wir uns die Entscheidung nicht machen. Das will gut überlegt und gut vorbereitet sein!“
31.August 2117
Auf einer Ausfallstraße der HauptstadtMit fast 130 miles per hour schoss das Fahrzeug über die Ausfallstraße nach Süden, sicher gelenkt von der mehrfach dissimilar-redundanten Steuerautomatik. Es war ein großer schwer gepanzerter Wagen wie ihn nur Angehörige der oberen Elite sich leisten konnten. Robert F. Myers gehörte ohne Zweifel zur Elite, auch wenn man ihn heute wegen seiner freizügigen Äußerungen aus seinem offiziellen Amt entlassen hatte; den Loyalitäts- Gehirnscan hatte er nicht bestanden. Die Privilegien blieben ihm: Sein Bezugsrecht für Luxusgüter, der Zugang zum gesamten Internet, das Anrecht auf Klasse-A-Medizin, sein Haus unten auf der Halbinsel am Golf wohin er jetzt wollte. Die Genehmigung zum Samenspenden hatte man ihm allerdings entzogen, sein Erbgut war als „Weniger erwünscht“ eingestuft worden.
Der Wagen verließ die Elitestadt durch das südliche Tor; die Wachroboter ließen ihn anstandslos passieren. Wie jedes Mal wenn der Wagen an der hohen Umfassungsmauer der Favela entlang schoss, spürte Robert ein Kribbeln im Bauch. Gewiss, der Wagen war schwer gepanzert, aber was mochte diesen aufmüpfigen Unterschichtlern alles einfallen? Saßen da gemütlich hinter ihren Mauern, glotzten Fernsehen, ergötzten sich in virtuellen Welten, zogen sich auf Staatskosten die besten Drogen rein, und wenn sie es für ihre Sinngebung wünschten bekamen sie sogar eine Placebo-Arbeit .... Und doch, irgendwie konnte er verstehen wenn sie murrten ... dass er dieses Verständnis geäußert hatte war sein Verhängnis gewesen. Aber andererseits: Er war jetzt frei! Er konnte fischen und segeln und die alten Bücher lesen die er sich dank seiner Privilegien in der National-Bibliothek hatte besorgen können. Auf Disk natürlich, im Faksimile – er hatte darauf bestanden, schließlich konnte er die alte Schrift lesen die man aus gutem Grund Mitte des 21.Jahrhunderts ersetzt hatte. Aus gutem Grund? Klar, niemand sollte mehr all die verwirrenden Ideen der Vorzeit in sich aufnehmen können.
Robert entspannte sich. Fuhr den Sitz in die Liegeposition zurück. Nickte ein.
28. September 2117
Am Ufer des GolfesVier Wochen nur – und Robert hatte sich an das Leben als Müßiggänger gewöhnt. Er genoss es im Haus an der See alleine zu leben. Sicherheitsbedenken musste er keine haben: der riesige Compound wurde von einer kleinen Armee Kampfroboter bewacht. Die hatten sogar den Luftraum unter Kontrolle.
Eigentlich konnte ihm sein Nano-Assembler alle notwendige Nahrung in kurzer Zeit aufbauen. Aber er fand zunehmend Gefallen daran sich selbst etwas auf dem altertümlichen Herd zu kochen auf dessen Einbau er damals bestanden hatte; Margret – er konnte sich ihr hartes Gesicht mit dem immer perfekt frisierten platinblonden Haar kaum noch vorstellen, was mochte sie jetzt treiben? – Margret konnte das nie verstehen.
Wenn er zum Kochen echte frische Lebensmittel haben wollte konnte er seine Bestellung über das Netz abschicken und wurde prompt beliefert. Am meisten Gefallen aber fand er daran sich einen selbstgefangenen Fisch in der Pfanne zu brutzeln.Bald würde die Hurrikan-Saison beginnen, da würde er die große Jolle an Land und in den sicheren Hangar ziehen. Von Hurrikanen hatte er in diesem Hause wirklich nichts zu befürchten. Dann würde er es sich gemütlich machen und die mitgebrachten Bücher studieren.
13. Oktober 2117
Im Haus am GolfJa, die Bücher! Es war eine Welt für sich in die er da eintauchte. Ein paar Exemplare erwiesen sich freilich als Fehlgriff, da hatte er sich vom Titel irreleiten lassen. Andere boten tollen Lesegenuss. Einige gaben ihm viel Stoff zum Nachdenken – war die Welt wirklich besser geworden in den letzten 150 Jahren?
Klar, die Medizin hatte ungeheure Fortschritte gemacht – er selbst war 50 aber hatte, dank regelmäßiger Wartung, Aussehen und Konstitution eines Zwanzigjährigen bewahrt. Ebenso begrüßenswert: es gab keine Kriege mehr – die großen Mächte hatten die Welt unter sich aufgeteilt – nun gut, eigentlich wurde sie von den großen Industrie- und Finanzimperien beherrscht, aber machte das wirklich einen Unterschied? Arm und Reich waren weit auseinander gedriftet – Elite und Unterschicht lebten wie in verschiedenen Welten – aber was war schlimm daran? Niemand musste doch mehr hungern! Angst vor der Überbevölkerung? Gab es nicht mehr – bei der Elite sorgten strenge Gesetze, bei der Unterschicht das nach Bedarf dosierbare Anti-Baby-Hormon im Trinkwasser dafür. Der Meeresspiegel war mehr gestiegen als Anfang des 21.Jahrhunderts vorhergesagt, ein paar Länder waren von der Landkarte verschwunden, ok, das war vielleicht bedauerlich, aber die Leute waren wo anders untergekommen. Die mittlere Temperatur in den nördlichen Ländern war höher gestiegen als vorhergesagt – war es nicht herrlich unter Palmen zu sitzen wo es früher nur eintönige Fichtenwälder gab? Die Bilanz war eher positiv. Doch konnte man wirklich einschätzen was man an dem verloren hatte das man nie hatte kennen gelernt?
A propos verschwundene Länder. Da war etwas was er nicht verstand. Unter seinen Büchern war ein alter Atlas. Und dort fand sich, südlich von ihm aus gesehen, nur ein paar hundert Meilen entfernt, eine große Insel, die größte im ganzen großen Golf. Wenn er aber im Internet nachschaute (eingeführt um die vorige Jahrhundertwende), da war an dieser Stelle auf den Karten nur eine weite leere Wasserfläche, versehen mit der Bemerkung „Gefährliche Unterwasser-Methanquellen – Gesperrt für allen Schiffsverkehr!“. Genauso war es auch auf der großen Karte im Lagezentrum gewesen, er erinnerte sich genau. Einmal war er als Experte dorthin gerufen worden – überflüssigerweise, die Entscheidungsmacher wussten ja ohnehin alles besser. Gelangweit hatte er sich damals, hatte verstohlen nach der Stelle auf der Halbinsel gesucht wo er sein Haus wusste. Auch die Satellitenaufnahmen im Netz zeigten nur eine riesige leere Wasserfläche. Aber diese Insel war 1250 km - 800 Meilen! lang gewesen, ihre Berge 6000 ft ! hoch – so eine Insel konnte doch gar nicht verschwinden?!
Die Sache ließ ihm keine Ruhe. „Vielleicht hätte ich Detektiv werden sollen, oder Forscher?“ versuchte er über sich selbst zu lachen. Aber dann fuhr doch noch einmal nach Norden in die Hauptstadt und holte sich aus der Staatsbibliothek gezielt eine Reihe von Büchern von denen er Aufschluss erhoffte, Bücher aus ganz verschiedenen Erscheinungsjahren. Und siehe da: Es gab ein System. Man hatte die Insel ein Jahrhundert lang unter Quarantäne gestellt – die Menschen dort waren eigensinnig, wollten einen eigenen Weg gehen. Mit der Neuordnung der Welt in den 2050er Jahren verschwand die Insel aus allen Handbüchern, Landkarten und dergleichen als habe es sie nie gegeben. Andererseits gab es keinerlei Hinweis auf ihren Untergang. Sie war also nicht physikalisch verschwunden, sondern die Herren dieser Welt hatten sie aus dem Bewusstsein der Menschen getilgt.
Mit anderen Worten: es gab die Insel noch! Welchen eigenen Weg zum Leben hatten die Menschen dort wohl gefunden - wenn sie denn nicht im Gefolge ihrer Isolation ausgestorben waren?
12. Dezember 2117
Im Haus am GolfDie Sache mit der verschwundenen Insel ließ ihm keine Ruhe. Ging ihm ständig im Kopf herum. Wurde zu fixen Idee. Wenn sie noch da war, musste man sie erreichen können!
Von seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort aus gesehen fast genau im Süden, an der Nordküste der Insel, war die Hauptstadt eingezeichnet. Die Entfernung las er als rund 300 km ab, das waren rund 200 Meilen, oder rund 160 nautische Meilen (er lernte mit den alten Einheiten zu jonglieren). Seine große Jolle würde bei günstigen Verhältnissen 7 nautische Meilen in der Stunde schaffen – theoretisch konnte man die Überfahrt in einem Tag schaffen. Günstige Verhältnisse? Je weiter südlich man kam, desto sicherer traf man die Ausläufer des Nordost-Passats- wenn man allerdings Pech hatte, musste man sich mit Flauten und wechselnden Windrichtungen herumärgern. Sturm? Außerhalb der Hurrikansaison kaum; man konnte eine stabile Wetterlage abpassen. Andererseits: Flaute - was würde der Strom tun der aus dem Golf in den Nordatlantik floss? Er würde einen nach Osten versetzen – nicht so schlimm, da würde man eben weiter im Osten ankommen - die Insel war ja lang genug.
Und wenn einem nicht passte wie es auf der Insel aussah? Wenn es vielleicht gar keine Menschen mehr gab? Der Nordostpassat sollte es ermöglichen zurückzukehren. Aber was wenn die Menschen dort ihn nicht willkommen hießen? Ihn vielmehr als einen eindringenden Feind betrachteten? Konnte jemand, der auf einer Jolle ankam, Angst auslösen?
Es blieben Risiken, sie ließen sich nicht ausräumen. Lange schwankte er. Am 12. Dezember fiel der Beschluss: Im neuen Jahr, gegen Ende des Winters, würde er es wagen.
Er begann das Wetter zu verfolgen- welche Lagen waren stabil, welche veränderlich? Die Satellitenaufnahmen zeigten glaubhafte Wolkenformationen über dem leeren Wasser (Wie machten die Kerle das? Viele Leute mussten von dem großen Bluff wissen! Wie konnte man so etwas geheim halten?) Die gezeichneten Wetterkarten gaben plausible Isobaren über dem Golf. Das würde ihm Sicherheit bei der Wahl des Abfahrttages geben.
Er begann geeignete Vorräte anzulegen. Das Wichtigste war Trinkwasser. Hungern konnte man lange, aber Trinken musste man.
Er las alles was er über Segeltechnik und Navigation finden konnte. Über die Navigation grübelte er lange. Früher hatte es da unten an der Spitze der Halbinsel nach Westen hin eine Kette von Inseln gegeben, die waren im ansteigenden Meeresspiegel versunken. Aber würde über den Flachs nicht unangenehme Kabelsee stehen?
Er bastelte an der Jolle. Baute einen Sonnenschutz. Versuchte allerlei damit das Boot sich selber steuern sollte, aber so richtig funktionierte es nur hoch am Wind, und eigentlich hoffte er ja auf halben oder gar achterlichen Wind. Vielleicht musste er die Segel wegnehmen um schlafen zu können. Wenn das Boot in einer Bö kenterte, würde er es aufrichten können? Wenn es vollschlug, würden es sinken? Wie viele Vorräte konnte er mitnehmen dass es nicht sinken würde?Er versuchte an alles zu denken.
10.Februar 2118
Auf dem GolfRobert hatte sich eine saubere Checkliste gemacht welche Voraussetzungen für den Start erfüllt sein müssten. Wenn an allen Punkten der Liste ein Häkchen stand, würde er starten. Er wollte sich keine Ausreden erlauben. Die Checkliste stand auf einem Stück alten Papier, das würde er vernichten. Er wollte keine elektronischen Spuren hinterlassen – vielleicht würde man ihn an der Abfahrt hindern, oder ihn verfolgen? Es gab da Gerüchte .... Nach drei Tagen, wenn er sich nicht beim CENTCOMP meldete, würde man jedenfalls bemerken dass er verschwunden war. Der große Zentralcomputer, eingeführt zum Anfang des vorigen Jahrhunderts „zur Bekämpfung des Terrorismus“, erfasste die Bewegungen aller Bürger. Niemand durfte ohne Genehmigung in das Land einreisen oder es verlassen. Und wenn man ihn verfolgte und abfing? Würde er alle Privilegien verlieren? In eine Favela gebracht werden? Einem Gehirrn-RESET unterzogen, nach dem man entweder naiv-loyal-glücklich war, oder schwachsinnig (wo war da letztlich der Unterschied?)!
Am 10.Februar war es so weit: Nichts als Häkchen auf dem Zettel. Robert warf die Leinen los, setzte die Segel. Machte die Checkliste nass, formte sie zu einem kleinen Ball, warf sie über Bord. Sie versank im Kielwasser.
Ihm war arg flau im Magen – er hatte vor Aufregung nichts essen können. Er schalt sich selbst: „Und du wolltest Elite sein?“
Langsam beruhigten sich seine Nerven. Eine leichte Brise stand günstig. Mit halbem Wind machte er flotte Fahrt. Die See war ruhig, das Land im Osten gab noch Schutz. Er entfernte sich nicht weit von der Küste – das war weniger verdächtig. Erst wenn er über die Spitze der Halbinsel hinaus fuhr, würde sein Vorhaben erkennbar werden. Er war am Morgen gestartet, und es wurde schon dunkel als er in die heikle Gegend kam. Er hatte sich historisierend-dunkle Segel besorgt, die setzte er jetzt. Er suchte den Polarstern, fand ihn. Steuerte Kurs Süd so gut es ging. Der Wind wurde schwächer im Laufe der Nacht, Robert hoffte auf den Morgen, aber da setzte Flaute ein.
Den ganzen Tag hielt die Flaute an. Ein paar Mal sah Robert große Frachter am Horizont vorbeiziehen – würde er auf ihrem Radar erscheinen? Würde der Kapitän, oder wer auch immer das Sagen hatte, etwas unternehmen? Er hatte immer gehofft dass die Schiffe unter Autopilot laufen und der Wachhabende dösen würde .... Vielleicht wollten sich die Wachhabenden auch nicht den lästigen Formalismus einer Meldung anziehen.
Er schien recht zu behalten, es geschah nichts. Aber es waren verdammt mehr Schiffe als er erwartet hatte! Mit viel Zittern trieb er den ganzen Tag zwischen den Frachtern, offenbar am Rand einer Hauptschifffahrtsroute. Erst mit dem Abend kam der Wind wieder. Der Seegang nahm zu, wurde bald lästig. Da stand wohl ein starker Strom gegen den Wind? Sollte er vorhalten? Er hielt geschätzte 10° vor. War totmüde. Als der Wind endlich etwas nachließ und der Seegang sich beruhigte, nahm er die Segel weg und schlief ein paar Stunden bis die Sonne ihn weckte.
An diesem Tag nervten ihn schwache wechselnde Winde, dann kam wieder Flaute. Robert fühlte sich elend. Er verfluchte diese ganze wahnsinnige Idee einer Fahrt ins Leere. Wenn es nun die Insel doch nicht gab? Aber dafür tatsächlich Methanausbrüche?
Erst am fünften Tag kam der Nordostpassat zurück. Mit guter Fahrt lief die Jolle Kurs Süden.
14. Februar 2118
Eine Stadt im Osten der Insel„El Yunque!“
Er schrie es heraus als sich schwach-blau ein Tafelberg aus der See erhob.
„El Yunque! Der Ambos!“
In den alten Büchern über die Insel hatte er es gelesen: Christoph Columbus selbst hatte den Berg so getauft, immer war er ein unverkennbares Seezeichen gewesen.
„El Yunque!“
Euphorie erfasste Robert. Er war kurz vor dem Ziel! Ungeduldig wartete er darauf dass weitere Berge auftauchten, dann hügeliges Vorland.
Am späten Nachmittag lief er in eine kleine Bucht ein. Linkerhand ragten die Reste eines Kirchturms aus dem Wasser, da musste die alte Stadt liegen. Wie hieß sie doch? Bara- Baracoa! Auf einem Hügel thronten Gebäudereste. Eine große Treppe führte hinunter zum Wasser. Er sah Menschen die Treppe heruntereilen, sie sprangen in ein Boot, machten es los, und beeilten sich hinter ihm her zu rudern; seine Jolle war schneller. Geradewegs hielt er in die kleine Bucht hinein, ließ sein Boot knirschend auf den Strand auflaufen. Einen Augeblick blieb er unbewegt, dann taumelte er an Land – es schien sich unter seinen Füßen auf und ab zu bewegen – er musste sich hinsetzen sonst wäre er gefallen.
Lachende Kinder – weiße, schwarze, braune – stürzten aus den kleinen Häusern einer Ansiedlung die sich den Hang hochzog, umtanzten ihn. Das Verfolgerboot lief neben dem seinen auf den Strand. Kräftige Gestalten mit Macheten in der Hand bauten sich um ihn auf. Als sie sahen dass Robert ganz unbewaffnet war, entspannten sie sich.
„Vamos a buscar Caridad!“ rief einer den Kindern zu, und gleich drei rannten den Strand hinauf.
14. Februar 2118
Eine Stadt im Osten der InselCaridad erwies sich als eine junge Frau, eine bildschöne Mulattin mit feurigen Augen. Sie trug eine olivefarbene Kampfuniform, hatte irgendeine Feuerwaffe umgehängt, Robert kannte sich da nicht aus, er brachte nur „Vow!“ heraus. Die Frau beachtete es nicht.
„Caridad Gonzales Forte, Kommandeurin der örtlichen Truppen zur Verteidigung der Revolution“ stellte sie sich in einem fast akzentfreien Englisch vor.
„Wer bist Du? Wo kommst Du her? Warum kommst Du hierher?“Robert gab Auskunft nach bestem Wissen und Gewissen. Caridad schien seine Aussagen überzeugend zu finden, ihr zuerst schroffes Verhalten wich einer distanzierten Höflichkeit.
„Ich werde dich zum Ayuntamiento führen. Der Bürgermeister soll entscheiden was mit Dir geschieht ... Stützt ihn! Ihr seht doch dass er schwach ist – Ruy, lauf voraus und mische ihm einen Mojito sonst fällt uns der Bursche noch um!“
Ein Halbwüchsiger rannte davon. Caridad musterte schweigend den Fremden. Ein wirklich gut aussehender Mann, fand sie. Musste ein kühner Bursche sein wenn er wirklich mit dem kleinen Boot von dem großen Land des Bösen im Norden gekommen war. Oder war vielleicht doch ein Spion?!
Der Halbwüchsige kam mit dem Mojito zurück, Robert stürzte das eiskalte Getränk hastig in sich hinein, fühlte sich gleich viel besser, ganz leicht im Kopf.
Ein kleiner Zug mit ihm in der Mitte setzte sich in Bewegung. Als sie die ersten Häuser erreichten, standen die Menschen neugierig vor den Türen. Aus einem Haus mit der etwas unbeholfen geschriebenen Tafel „Casa di Trova“ kam eine Gruppe Musiker und begrüßte sie mit einem flotten Lied. Robert verstand zwar nichts, aber es musste einen lustigen Inhalt haben.„Was singen sie?“ fragte er. Caridad hatte zuerst die Stirn gerunzelt (stand ihr irgendwie gut, fand Robert), dann lachte sie auf dass ihre weißen Zähne im dunklen Gesicht blitzten.
„Sie singen: ‚Feuer! Feuer! Caridad steht in Flammen! Wird der neue Bombero ihr Feuer löschen?’ Ganz schön frech, was?“
15. Februar 2118
Eine Stadt im Osten der InselDer Bürgermeister war ein gebildeter Mann von natürlicher Autorität. Sein Englisch war sogar noch besser als das Caridads. Geschickt fragte er Robert aus, suchte nach Widersprüchen. Als er sah wie erschöpft der Fremde war, brach er das Verhör ab und wies ihm ein Feldbett in einem Nebenraum an. Caridad bezog davor Wache. Robert fiel in einen langen Schlaf. Er träumte viel und wild, konnte sich aber am Morgen an keine Einzelheiten erinnern.
Man gewährte ihm ein einfaches Frühstück, dann nahm der Bürgermeister die Befragung wieder auf. Zur Mittagszeit klappte er sein Notizbuch zu, zog sich mit Caridad zu einer Beratung zurück. Derweil brachte man Robert ein Mittagessen das vornehmlich aus einer Art Reis und schwarzen Bohnen bestand, dazu ein wenig Schweinefleisch. Robert hörte den Bürgermeister und Caridad lange sprechen, verstand aber von ihrem Spanisch kein Wort. Schließlich hörte er den Bürgermeister telefonieren. Offenbar erstattete er irgendeiner höheren Stelle Bericht und empfing Anweisungen.
Robert war in Grübeln versunken als der Bürgermeister und Caridad zurückkamen. Der Bürgermeister teilte ihm mit knappen Worten das Ergebnis mit:
„Der Maximo Lider in der Hauptstadt will selbst deine Aussagen hören und prüfen. Morgen werdet ihr abreisen. Es sind 800 km bis zur Hauptstadt. Man wird euch regelmäßig neue Fahrradrikschas mit frischen Fahrern zur Verfügung stellen. Ihr werdet in 9 Tagen in der Hauptstadt sein.
Ah – eh ich es vergesse: Caridad wird deine Begleiterin sein. Schließlich hat sie dich aufgelesen!“Caridad runzelte erst wieder die Stirn, aber dann grinste sie und sagte etwas auf Spanisch, dass der Bürgermeister sich vor Lachen schüttelte. Robert lachte etwas hilflos mit.
16.Februar 2118
Auf der StraßeAm nächsten Tag brachen sie auf. Die Fahrradrikscha erwies sich als durchaus angenehmes Verkehrsmittel. Wenigstens für die Passagiere - der Fahrer hatte ganz schön zu arbeiten, sein muskulöser Oberkörper im dünnen Hemd glänzte bald von Schweiß. Die Straße war in keinem guten Zustand, eigentlich war es zunächst mehr eine Piste, doch mündete sie in eine alte befestigte Straße die aus dem Meer aufzutauchen schien und sich in die Hügel wand.
„Die alte Küstenstraße – sie lag zu tief, musste aufgegeben werden.“ erklärte Caridad. „Jetzt sind wir auf einer Hauptstraße.“
Es gab aber immer wieder schlechte Wegstrecken, die Rikscha schaukelte heftig, Robert und Caridad wurden einmal in der einen, einmal in die anderen Ecke zusammengeschüttelt. Offenbar machte es beiden Spaß: sie machten ein Spiel daraus. Drei Tage später brauchten sie keine schlechte Wegstrecke mehr um sich eng aneinander zu drängen.
Die Vegetation war feucht-tropisch. Palmen beherrschten das Bild. Caridad erläuterte was auf den Plantagen wuchs: Bananen, Kokosnüsse, Yamswurzeln, Süßkartoffeln, eine besondere Art von Reis. Kakao? – ja, auch, aber Kakao das war Luxus, exportieren konnte man ihn ja nicht. Gummibaumplantagen waren wichtig. Weiter im Osten würde es vor allem Zuckerrohr geben, viel Zuckerohr, und ganz im Osten auch noch Tabak – die gleiche Geschichte wie mit dem Kakao: Tabak war ein streng limitiertes Luxusgut.
Auf den Gipfeln der Hügel erhoben sich Windkraftanlagen. Sehr groß waren sie nicht, aber zahlreich. Man musste immer an die regelmäßig auftretenden Hurrikane denken. In früheren Jahrhunderten, zur Zeit des legendären Zyklons Flora, waren es nur wenige in der Saison gewesen, heute ein mehrfaches. Robert konnte die Angaben bestätigen.
Um die Mittagszeit machten sie eine Pause, dann wechselte auch der Rikschafahrer. Nach einer Stunde ging es wieder auf die Straße. Manchmal kamen sie durch kleine schmucklose Städtchen. Das bestgepflegte Gebäude war immer die Schule. Caridad erklärte welch große Bedeutung man hier einer guten Schulbildung zumaß.
Das häufigste Verkehrsmittel auf den Straßen waren Fahrräder und Fahrradrikschas, aber es gab auch Ochsenkarren, Pferdewagen, oder man ritt zu Pferde. Kraftfahrzeuge sah man selten. Sie waren – so lernte Robert – den Ambulanzen, der Polizei, den Revolutionsstreitkräften und dem Transport von Schwerlasten vorbehalten – man musste sparsam mit dem Treibstoff umgehen. Woher bekam man den Treibstoff? Caridad wusste das auch nicht so genau. Hin und wieder sah man in einem Vorgarten oder am Straßenrand blitzblank gepflegte große Autos wie Robert sie aus historischen Filmen kannte, sie mussten bald 200 Jahre alt sein! Einmal hatte er in der Hautstadt so etwas in einem Museum gesehen – wie hießen die Dinger noch? - Straßenkreuzer! Als wenn es Schiffe wären! Waren die hier noch fahrfähig? Ja, lautete Caridads Antwort, dreimal im Jahr durfte man sie fahren, darüber hinaus aber brauchte man eine Sondergenehmigung des Bürgermeisters.
Große Schilder an den Straßen fielen Robert auf. Sie mussten sehr alt sein, waren offenbar immer wieder aufgefrischt worden.
„Bei uns ist auf diesen Tafeln Reklame für irgendwelche Drogen, oder für eine Embryonenstation, oder für ein Gentechniklabor. Was bedeuten die Schilder denn hier? Ich sehe immer wieder den gleichen Männerkopf – was verkauft er?“
„Nichts – er macht uns Mut! Ich erklär’s dir gleich, aber erst bist du dran! Was ist eine Embryonenstation?“
Caridad konnte sich kaum beruhigen über Roberts Erklärung dass dort die Nachkommenschaft der Eliten unter optimalen Bedingungen ausgereift wurde.
„Und was macht ein Gentechniklabor?“
„Es stellt sicher dass das Genom des Embryos für die Entstehung eines optimal an die physischen und psychischen Lebensbedingungen des modernen Menschen angepassten Individuums geeignet ist.“
„Und ist das bei dir gelungen?! Bist du ein optimales Individuum?“ Caridad sah ihn von der Seite an, kniff ein Auge zu.
Robert lachte: „Offenbar nicht! Wäre ich sonst hier?“
Caridad erzählte von einem Problem im eigenen Land: Weil man alle unnötigen Reisen vermied, kam es in kleinen Weilern zu Inzucht. „Wir könnten etwas frisches Blut gebrauchen“ meinte sie und beobachtete Robert aus den Augenwinkeln. Der ging prompt auf das Stichwort ein: „Da könnte ich mich ja nützlich machen!“
Robert kam auf die seltsamen großen Schilder zurück. Was bedeuteten sie?
Caridad erläuterte die häufigsten:
„ ‚Hasta la victoria siempre’ - das heißt ‚Immer weiter bis zum Sieg’. Der Mann dessen Gesicht du siehst war einer der Anführer in der Revolution die uns befreite, der militärische Kopf. Wir werden durch eine kleine Stadt namens Santa Clara kommen, da werde ich dir mehr von ihm erzählen .....
Und hier das Schild ‚Un mundo mejor es posible - Fidel’, es bedeutet: ‚Eine bessere Welt ist wirklich möglich’! Fidel hieß unser erster Maximo Lider, er führte die Revolution an die uns die Freiheit brachte. Sein Wort gibt uns noch heute Mut.“
Robert nickte nachdenklich:
„Eine bessere Welt – ja, die wollten wir alle immer schaffen. Aber haben wir Erfolg gehabt? Ist die Welt von heute wirklich besser?“
„Unsere kleine Welt hier ist besser!“ Caridad sagte es mit Stolz.
Wenn es dunkel wurde (und es wurde früh dunkel) kehrten sie in einer der zahlreichen Rikschastationen ein. Die Häuser waren klein und hatten wenige Zimmer. Aber es gab ordentliches Essen, und gewöhnlich tauchte eine Musikergruppe auf und unterhielt die Gäste.
„Unser Land ist schön – aber das Schönste daran sind die Musik und die Liebe!“ stellte Caridad fest.
Am vierten Abend mussten Robert und Caridad sich ein Zimmer teilen. Aber es machte ihnen wirklich nichts aus. Fortan ließen sie sich immer nur ein Zimmer geben.
25. Februar 2118
In der HauptstadtAm neunten Tag erreichten sie die Hauptstadt; schon am nächsten Morgen wurden sie zum Maximo Lider gerufen.
Er war ein hochgewachsener, grauhaariger, tiefschwarzer Mann von großer Würde und scharfem Verstand. Von Caridad ließ er sich die Umstände von Roberts Ankunft bestätigen, dann wandte er sich ihm selber zu. Klar und präzise stellte er seine Fragen an ihn und offenbarte dabei eine umfassende Grundkenntnis der Verhältnisse in der ganzen Welt, die man eigentlich bei einem isoliert lebenden Volk nicht vermuten durfte. Robert war tief beeindruckt.
Der Maximo Lider nahm sich einen ganzen Vormittag Zeit für die Befragung. Er schloss sie ab mit der Bemerkung:
„Ich glaube dir, du scheinst ein ehrlicher Mann zu sein. Ich glaube dir sogar dass du in unserem Lande heimisch werden willst. Du kannst uns helfen indem du meinen Fachleuten alle Fragen nach bestem Wissen beantwortest. Was wir lernen, das werden wir zum Nutzen unseres eigenen Landes verwenden, nicht zum Schaden deines alten Vaterlandes – du musst dich nicht als Verräter führen. Rubén wird dich betreuen und durch die Befragungen führen. Dann mag er mir einen Vorschlag zu deiner Zukunft machen. Für eine Woche sollst du mein Gast sein - und die Kämpferin, die Dich hierher gebracht, ebenfalls.“
Rubén Lopez Lopez war ein alter, ein sehr alter Mann mit tief zerfurchtem schmalem Gesicht. Er war als Chef der Behörde für Informationssammlung und -auswertung vorgestellt worden, hatte der Besprechung bislang schweigend beigewohnt. Jetzt übernahm er die Regie.
Mehrere Tage lang fragten seine Experten Robert aus, und der konnte mit Informationen aufwarten die zu besitzen ihm selbst nicht bewusst gewesen war. Als man ihm erlaubte auch seinerseits Fragen zu stellen, da wollte er von seinen Befragern vor allem wissen woher sie und der Maximo Lider denn ihre gute Weltkenntnis bezogen. Kamen denn regelmäßig Leute aus der anderen Welt auf die Insel, so wie er?
Man zögerte, blickte auf Rubén. Der alte Mann dachte kurz nach, gab dann zur Antwort:
„Nein, nach vielen Jahren bist du der erste. Wir haben einen Weg gefunden wie wir in euer Internet schauen können, das werten wir aus.“
„Aber der Datenverkehr geht doch über Glasfaserkabel, da kann man doch nichts abhören?!“
„Wir haben gute Wissenschaftler – wie es geht kann Dir ich nicht sagen , es ist eines unserer bestgehüteten Geheimnisse. Ich kenne selbst nur einen Teil davon.“
Am Abend saßen Mitarbeiter des Rubén Lopez Lopez zwanglos mit Robert und Caridad zusammen, es wurde über familiäre Dinge geschwatzt und über Alltagsfragen. So erfuhr Robert nebenbei eine Menge über das Leben auf der Insel. Es gab immer wieder Versorgungsprobleme, das Stromnetz war unzuverlässig. Einer von Rubéns Leuten spielte gut Gitarre und sang dazu alte Volkslieder. Caridad versuchte unter allgemeinem Johlen Robert das Tanzen beizubringen, sein Hüftschwung ließ noch viel zu wünschen übrig!
Überhaupt die Musik! Wenn Caridad und Robert sich verabschiedeten und in der Dunkelheit noch einen kleinen Spaziergang unternahmen, dann erklang bestimmt hier und dort Musik.
Am fünften Tag nahm der alte Rubén Lopez Lopez sich die Zeit, Robert und Caridad durch die Hauptstadt zu führen. Caridad war noch nie hier gewesen, auch für sie war es ein besonderes Erlebnis.
Der Meeresspiegel war innerhalb eines Jahrhunderts so weit gestiegen dass die tiefliegende Altstadt überflutet war. Deiche oder Schutzmauern ? – dafür war das Land zu arm! Man konnte damit leben – andere arme Länder waren einfach untergegangen, das wusste man. Flachgehende Schilfboote verkehrten in der Stadt, und ein solches Boot war es auch mit dem ein Gondoliere sie durch das Straßenlabyrinth lotste.
„Die Altstadt vom Kapitol bis zur Kathedrale versuchen wir zu erhalten – eines Tages werden wir sie vielleicht renovieren. Aber die Neustadt benutzen wir als Steinbruch....“
Ein hohes Gebäude mit einer Kuppel war mit einer Flutmauer gesichert.
„Das Revolutionsmuseum!“ erklärte Rubén Lopez Lopez. „Einst war es der Palast des letzten Diktators, bevor die Revolution siegte.“
“Und das Boot da in dem Glaskasten?“
„Das ist Granma ....“
„Wie - Großmutter?!“
„Das Schiff mit dem die Revolutionäre auf die Insel kamen um uns zu befreien. Es hieß zufällig Granma.“
„Granma heißt auch unsere Zeitung, und Granma heißt auch eine Provinz!“ ergänzte Caridad.
„Ja, das Schiff ist ein Symbol für unsere Freiheit.“
„Ich wüsste gerne mehr über die Geschichte der Insel!“ bat Robert.
„Schiffer, bring uns hinüber auf die andere Seite! - Von dem Hügel, dort oben, bei der großen Figur, da hat man einen schönen Blick auf die Stadt, das ist der richtige Ort um über Geschichte zu sprechen!“
1. März 2118
Hoch über dem HafenSie ließen sich am Fuß der verwitterten Jesus-Statue nieder. Der Blick über die große alte Stadt war wirklich wunderbar.
Ein leises ironisches Lächeln vertiefte die Falten im nussbraunen Gesicht des alten Mannes der noch so große Verantwortung trug. Durfte er dem Mann aus der anderen Welt trauen, was durfte er ihm erzählen? Bisher war immer nur Böses aus dem großen Land im Norden gekommen.
„Was soll ich Dir erzählen? Es scheint Du weißt schon so vieles.“
„Ja, ich habe dies und jenes gehört. Caridad hat mich einiges gelehrt. Und Du selber hast heute schon viel erwähnt. Aber ... erzähle doch die Geschichte deines Landes im Zusammenhang!“
Der alte Mann holte tief Atem und begann seine Erzählung.
„Dies ist eine von der Natur reichlich gesegnete Insel, das habt ihr auf eurem Wege von Ost nach West ja gesehen. Das Klima könnte nicht besser sein, die Vegetation ist üppig, es gibt bis heute keine gefährlichen Tiere, keine Parasiten und kein Tropenfieber. Natürlich lebten schon Menschen hier bevor die Spanier unser Land entdeckten. Es war übrigens der große Cristóbal Colón selber der auf seiner ersten Fahrt in der Bucht von Baracoa an Land ging – ziemlich genau dort wo auch du gelandet bist. Aber die hier lebenden Menschen - Indios nannte man sie, weil Colón glaubte Indien entdeckt zu haben - die waren nicht bereit für die Eroberer zu schuften. Da erschlug man sie, rottete sie einfach aus – man hat das in dem großen Land im Norden ja auch fast geschafft. An ihrer Stelle kaufte man im fernen Afrika Sklaven – viele von uns sind ihre Nachkommen, man sieht es an der Hautfarbe wie zum Beispiel bei Caridad, ich bin auch kein reinrassiger Nachkomme der Spanier. Erst vor 250 Jahren wurde die Sklaverei aufgehoben. Seitdem fühlen wir uns alle als gleichwertige Bewohner dieser schönen Insel, und wir sind alle stolz auf sie.....
„Jahrhunderte lang waren wir abhängig vom fernen Spanien. Erst am Beginn des vorvorigen Jahrhunderts gewann unser Land nach blutigen Kämpfen seine Unabhängigkeit. Freiheitskämpfer wie Cespedes oder Maceo werden heute noch verehrt. Das Denkmal des Jose Marti unweit des Kapitols habe ich euch gezeigt. Wir glaubten damals dass unser Volk klug genug sei sich weise und gute Präsidenten wählen zu können, aber da täuschten wir uns: Weise Männer drängen nicht zur Macht, und Macht verdirbt den Charakter. Sobald diese Männer, die wir wählten, an der Macht waren, wurden sie zum Verräter. Sie plünderten unser Land zu ihrem eigenen Vorteil aus, und mit ihrer Duldung schaffte es der Nachbar im Norden....“
- wieder vermied der alte Mann taktvoll die Formulierung „Dein Land“ -
„...... uns unseren Besitz wegzunehmen – wieder arbeiteten wir wie Sklaven für den Reichtum anderer. Dann, in der Mitte des letzten Jahrhunderts, erstanden uns kühne Führer, sie hießen Fidel und Che und Raul, sie kamen mit Granma, ihnen gelang eine Revolution, sie vertrieben unsere Unterdrücker. Jetzt sollten alle Menschen gleich sein. Das gelang auch weitgehend. Kein Einzelner Mensch, kein privates Unternehmen durfte mehr große Länderein oder Zuckerfabriken oder Rumbrennereien besitzen. Aber weil der große Nachbar im Norden seine Verluste nicht hinnehmen wollte, sann man dort auf Rache. Diese .... sie behaupteten Gottes eigenes Land zu sein ... aber .....“
- der alte Mann spuckte aus -
„...... sie trieben vor der Revolution geflüchtete ehemalige Bürger unseres Landes dazu ihr Vaterland anzugreifen, doch wir konnten den Angriff abwehren. Sie versuchten unseren Maximo Lider zu ermorden, aber es misslang. Sie schnürten unser Land vom Rest der Welt ab, so dass wir unsere Waren nicht verkaufen konnten, daher verarmten wir immer mehr. Wir waren alle gleich – gleich arm. Aber wir hatten gute Schulen und gute Wissenschaftler und kluge Führer denen wir vertrauten.
Als jene Führer starben denen die Revolution gelungen war, da begann eine besonders schwierige Zeit, denn viele von unserem Volk wollten die Lebensweise des Nachbarn im Norden übernehmen. Aber als wir beobachten konnten wie die Menschen des großen Nachbarn ihre Freiheit verloren ..... wie einige wenige dort reich und reicher wurden und die allermeisten arm und ärmer ..... als wir ihr unwürdiges Leben sahen .... da besannen wir uns und gingen unseren eigenen Weg weiter. Einfach war es nicht für unser so kleines Land. Auf vieles mussten wir verzichten und müssen es immer noch, denn wir richteten unsere ganze Anstrengung darauf unabhängig vom Rest der Welt zu sein. Wir besaßen kein Erdöl und kein Erdgas wie es der große Nachbar aus aller Welt zusammenholte; so mussten wir besonders sparsam mit der Energie umgehen – wir nannten es die Revolucion Energetica. Wir können es uns immer noch nicht leisten unsere Straßen zu beleuchten! Wir mussten unsere Energie aus dem Wind und dem Sonnenschein gewinnen und aus den Pflanzen unseres Landes. Wir mussten mit den wenigen Rohstoffen unseres Landes auskommen, aber unsere Wissenschaftler schafften es aus dem Saft des Zuckerrohrs viele neue Stoffe aufzubauen. ...“
„Zucker – Alkohol - Kohlenwasserstoffe – die ganze organische Chemie ...“ murmelte Robert leise.
„ Was wir unbedingt an Metallen brauchten, und nicht aus dem sorgfältig gesammeltem Altmaterial holen konnten, das lernten wir aus dem Meerwasser zu gewinnen.
Die Übergangszeit war schlimm: wir mussten unsere besten Ärzte in fremde Länder schicken im Tausch gegen Rohstoffe und wichtige Dinge die wir noch nicht selbst herstellen konnten....
Heute können wir sagen: Wir haben es geschafft. Wir sind stolz darauf. ....
Lange Zeit haben wir den Neid des großen Nachbarn gefürchtet. Aber vielleicht wissen sie dass sie uns alle töten müssten um unser Land zu bekommen ..... Seit vielen Jahren haben wir nichts mehr von ihnen gehört und gesehen. Sie haben die Erinnerung an uns aus ihren Landkarten getilgt. Sie tilgen uns aus den Satellitenaufnahmen. Ja, sie scheinen uns vergessen zu wollen ... wie wir fast vergessen haben dass es eine Erde außerhalb unserer Insel gibt ... mit andern Menschen .... wenn es denn wirklich noch Menschen sind .
Und nur manchmal, unter einem klaren Nachthimmel vielleicht, denken wir daran: Um die Erde herum gibt es ein Universum mit unzähligen Sternen, auf deren Planeten vielleicht auch Menschen leben, wie immer sie aussehen mögen - Brüder, die wir nie werden umarmen können denn der Flug zu den Sternen wird immer über die Kraft unserer kleinen Insel gehen.... aber vielleicht kommen sie ja zu uns .....“
Der alte Mann verstummte, legte seine faltigen Hände ineinander wie zu einem Gebet.
Caridad und Robert schmiegten sich aneinander, auch sie schwiegen. Sie schauten hinüber auf die alte Stadt mit der großen Kuppel des Kapitols. Eine Reihe von beladenen Booten wurde durch die Straßen gestakt. Ein Frachtensegler hatte die Waren von Baracoa gebracht. Jetzt lief er bereits wieder aus, geschüttelt von den Böen des Nordostwindes der um die alte Festung wirbelte; das Schiff würde eine harte Heimreise haben.
Die Sonne ging unter. Es wurde schon kühler. Irgendwo aus der Nähe war Musik zu hören: ein trauriges Liebeslied zunächst: „Dos gardenias para ti“, aber dann setzte sich der heitere Rhythmus eines „Son“ durch: „Aye candela, candela, candela me quemo aé....“
„Was heißt das?“ fragte Robert, und Caridad flüsterte „Feuer! Feuer! Ich brenne ..... von Liebe .....!“
Aus der untergehenden Sonne löste sich ein schwarzer Punkt, ward zu einem Pfeil, zog über die Stadt hinweg, schoss in die Höhe, und erblühte hoch über Cristobal de la Habana zur tödlichen Blume einer höchst fortschrittlichen Mark-15-Neutronenbombe.