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Unter dem Eis
1  Meteor

Am Dienstag, den 9. Dezember 1997  um 05:21 Ortszeit leuchtete ein Meteorit am Nachthimmel über Grönland auf und stürzte von Nordwest nach Südost. Einige Sekunden lang erhellte er den Himmel. Er wurde in einem Bereich von mehreren Hundert  Kilometern gesichtet, in dieser Zone machte er die Nacht zum Tag.
Zahlreiche Augenzeugen meldeten sich zu Wort. Im Wesentlichen stimmten ihre Beschreibungen des Ereignisses überein.
Einige Zeugen berichten noch in entfernt gelegenen Siedlungen von „Orkanböen“, die offenbar durch eine gewaltige Druckwelle bei der Explosion des Meteoriten hervorgerufen worden waren.  Dass er explodiert war galt als wahrscheinlich, denn
Erdbebenwarten registrieren zu diesem Zeitpunkt Erschütterungen noch in Norwegen und Finnland.
In Erinnerung an den Aninghito-Meteoriten, den Robert Peary 1897 gefunden und nach New York geschafft hatte,  suchte man nach Bruchstücken des Meteoriten; er musste viele Tonnen gewogen haben.  Die Suche nach den Überresten des Meteoriten blieb aber erfolglos; ebenso fand man auch keinerlei Spur seines Eindringens in das Eis.
In einer kleinen Siedlung hoch im Norden der Westküste beobachtete der Jäger Tungutaq den Vorgang. Er war einer der letzten seiner Zunft; er sah noch in der Jagd seinen eigentlichen Beruf und übte sie nach alter Tradition mit den alten Waffen aus. Freilich musste auch er, um überleben zu können, sich eine Zusatzeinnahme erschließen: er schnitzte sehr geschickt Tupilaks,  Souvenire für die wenigen Touristen die bisweilen an Bord eines russischen Eisbrechers ins Land kamen. Tungutaq hatte schon viele Meteoriten gesehen, aber dieser war etwas wirklich außergewöhnliches.
 

2   Landung

Das Forschungsraumschiff der galaktischen Union, Oktant 3, landete mit kaum wahrnehmbarem Stoß auf der Oberfläche des riesigen Eisfeldes und begann sogleich den Prozess des Einschmelzens. Langsam  sank es in die Tiefe, über im fror das Eis schnell wieder zusammen.  Noch nahe der Oberfläche stieß es Beobachtungs- und Kommunikationseinheiten aus, die sich sternförmig um den Eintrittskanal herum in das Eis bohrten.  In regelmäßigen Abständen wurden Relaisstationen entlassen. Der ganze Vorgang ging problemlos vonstatten - die auf dem Eisplaneten 33-4-3 entwickelte Technologie bewährte sich bestens.

Wenige hundert Meter über dem felsigen Untergrund – fast 2000 Meter unter der Oberfläche des Eises - wurde das Absinken gestoppt. Die Besatzung begann mit der Errichtung der permanenten Basis.
 

3 Forschung

An Bord befanden sich drei Personen, alle in ihrer männlichen Entwicklungsphase synchronisiert. Der Auftrag der regionalen Koordinationsstelle für die Erforschung der Galaxis an sie lautete: 1. Möglichst viele Informationen über den Planeten und seine Lebensformen sammeln; 2. den Verlust des ersten Forschungsraumschiffes aufzuklären; 3. die Möglichkeit der vollständigen Vereisung des Planeten zu überprüfen; 4. sich dabei keinesfalls den endemischen Lebensformen des Planeten zu offenbaren.

Aus Punkt 4 folgte dass man Informationen nicht aktiv sammeln, sondern passiv durch Überwachung der Kommunikationsvorgänge auf dem Planeten absorbieren sollte. Das erwies sich als erstaunlich einfach. Die höchstentwickelte endemische Lebensform des Planeten kommunizierte, leicht überwachbar, auf elektronischem Wege; sie besaß offenbar ein überwältigendes Kommunikationsbedürfnis. Dazu hatten sie sich ein Kommunikationsnetz geschaffen das sie selbst Internet nannten. Obwohl die höherstehenden Lebensformen des Planeten regelmäßig in eine Art Koma verfielen (in ihrer eigenen Diktion „Schlaf“), flossen im Internet unablässig gigantische Informationsströme; praktisch jede gewünschte Information konnte man dort abrufen.

Die drei Forscher kamen schneller als erwartet mit dem ersten Punkt ihres Auftrages voran – gigantische Informationsmengen, durch die KI-Station auf überflüssige Redundanz gesichtet und komprimiert, gingen auf die lange Reise zur heimatlichen Zentrale im Oktant 3. Auftrag 2 konnte in kurzer Zeit gelöst werden: Offenbar hatte das erste Raumschiff durch einen Navigationsfehler den großen Eisschild verfehlt und musste sich, um jede Möglichkeit der Entdeckung auszuschließen,  vor dem Aufschlag selbst zerlegen. Der Vorgang erregte als „Tunguska-Ereignis“ großes Aufsehen und war immer noch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen wie auch wilder Spekulationen.

Um die Vereisungsmöglichkeiten zu überprüfen, genügte keine globale Betrachtung, vielmehr musste dazu erforscht werden, welche Eigenschaften das Wasser-Eis dieses Planeten unter natürlichen Bedingungen annahm. Besonders wichtig war es die Auflösungserscheinungen am Rande des großen Eisschildes zu verstehen. Das ganze Eisfeld befand sich in einem Fließgleichgewicht. Es bildete sich an der Oberfläche des Zentralbereiches ständig neu und strömte zu einzelnen Senken an seinem Rande ab,  ein Prozess der Jahrtausende in Anspruch nahm.   In den Randbereichen ging das Eis in die flüssige Phase über und floss in dieser Form sowohl an der Oberfläche als auch unter dem Eis, an der Grenze zum gewachsenen Felsen, zum Rande hin  ab.

Die Erforschung des Eisrandes erwies sich als unerwartet gefährlich. Bei einer Exkursion zur Klärung dieser Vorgänge wurde einer der drei Forscher von einem Wasserstrom erfasst der viele hundert Meter von der Oberfläche auf den Grund des Eisfeldes stürzte. Seine Hilferufe waren noch stundenlang zu empfangen, doch war ein Rettungsversuch erkennbar aussichtslos. Das Unglück wurde an die heimatliche Zentrale gemeldet.

4   Endemische Lebensform

Im Verlaufe der Forschungsexkursionen wurde eine verlassene Station entdeckt. Ihr technischer Stand konnte nur als „primitiv“ bezeichnet werden – ganz offensichtlich besaß die höchstentwickelte Lebensform auf diesem Planeten keine ausgereifte Eistechnologie. Das war eine günstige Voraussetzung  für eine eventuelle Besiedlung. Da die Station sich in nicht allzu großer Entfernung von einer mit den Informationen aus dem Internet  als „Thule Airbase“ identifizierbaren militärischen Anlage befand, beschlossen die beiden Forscher diese Objekt in Augenschein zu nehmen; der große Eisschild hatte seinen Rand in Sichtweite der Anlage.

Die Eistechnik der Endemiten des Planeten  mochte erbärmlich sein, ihre Geländeüberwachung war es offenbar nicht. Als einer der Forscher das Eisfeld verließ um sich gut getarnt (wie er glaubte) der Anlage zu nähern, schoß ein Hubschrauber auf ihn zu; ein Feuerstoß aus der Bordkanone zerfetzte seinen Unterleib. Sein überlebender Kamerad zog sich in das Eis zurück.

5    Hangar 18!

„Verdammt, was ist das denn?“  Der Standortkommandant traute seinen Augen nicht. Was da in einer Lake grün aufschäumenden Blutes lag, das war doch ....
„Ein Alien!“ knurrte sein Adjutant.

„Es war richtig mich zu holen!“ stellte der Standortkommandant fest. „Diese Sache bleibt streng geheim. Niemand außer uns darf hier auf der Base etwas erfahren. Haben Sie verstanden?“
Er warf dem schweigend dabeistehenden Hubschrauberpiloten einen scharfen Blick zu.
„Und Sie John, besorgen Sie eine passende Blechkiste, packen Sie das da hinein“
- der Adjutant zog eine angeekelte Grimasse –
„bringen Sie es ins Kühlhaus ... nein, lassen Sie es lieber im Freien.   Stellen Sie eine Wache davor. Niemand darf an die Kiste. Und ich werde selbst ... na Sie wissen schon wen.... informieren.“
„Hangar 18?“ grinste der Adjutant.
„Klar, dies hier ist jetzt Roswell Base ...“

Eine Kommission aus den USA  übernahm die Nachforschungen. Um eine groß angelegte Suche zu begründen wärmte man die alte Geschichte mit den Atombomben wieder auf die 1962 ein B52-Bomber verloren hatte; das Gerücht eine der vier Bomben sei nicht gefunden worden, lebte immer noch. Die Suche führte aber zu nichts.

6 Begegnung

Tungutaq beschloss alleine am Rande des Festlandeises zu jagen. Seit seine Kinder erwachsen waren und seine Frau Kikka tot, war er mehr und mehr zu einem Einzelgänger geworden. Am Rande des großen Eises, mit dem Hundeschlitten keine zwei Nachtlager von der Siedlung entfernt, gab es ein Gebiet wo immer wieder einmal Rentiere auftauchten. Rentiere – das war gutes Fleisch – aber ein edles Wild war es nicht. Das konnte man mit dem Gewehr schießen. Aber wenn sich dort ein Eisbär herumtrieb .... Tungutaq nahm auch seine Harpune mit.

Nein, das Eis war nicht gut. Die anderen sagten das Klima änderte sich, sie hatten wohl recht. Sogar im Fernseher hatten sie davon gesprochen. Ein amerikanischer Politiker, der fast einmal Präsident geworden wäre, hatte einen Film darüber gemacht. Tungutaq hatte ihn bei einem Nachbarn im Fernsehen gesehen.

Auf den Hügeln am Rande des großen Eises  - all das Geröll welches  das Eis auf seinem Rückzug liegengelassen hatte – wuchs noch keine Flechte (zu kalt – da war noch Eis darunter!);  das wusste Tungutaq von einem Jagdausflug im Sommer.  Umso mehr war er erstaunt als er hier Spuren fand die er nicht recht zu deuten wusste. Ein Bär? Es schien als sei er ständig auf den Hinterbeinen gegangen  - das gab es doch nicht!  Tungutaqs Jägerinstinkt war geweckt. Er schlug ein provisorisches Lager auf, sicherte die Hunde. Dann nahm er die Spur auf.

Eine kurze Strecke liefen die Stapfen auf dem Kamm der Moräne, dann hinunter zur Grenze des großen Eises, wo auch jetzt im Winter noch Wasser aus dem Eistor floss – mit seinen feinen Ohre hörte Tungutaq es unter dem Eis murmeln. Die Spur schien aus dem Eistor zu kommen. Vorsichtig näherte Tungutaq  sich der dunklen Öffnung. Die Harpune hatte er bereit zum Wurf in Schulterhöhe. Wenn es ein Bär war ....

Aus dem Dunkel des Eistors kam etwas hervor. Ein Wesen wie Tungutaq es noch nie gesehen hatte. Groß war der andere, groß wie ein Bär – aber ganz schwarz – riesige Augen hatte er, und ein Maul fletschender Zähne.... er ging auf den Hinterbeinen ...

Ein Bär? Nein!
Ein Mensch? Nein!
Ein Geist? Ein Geist!

Der andere kam auf Tungutaq zu. Hoch aufgerichtet. Und jetzt hob er langsam die linke Vorderpfote.

Tungutaq wusste nur zu gut was das bedeutet: Ein Eisbär schlägt immer mit der linken Tatze zu.

Bär – Mensch – Geist -  Tungutaq handelte instinktiv: er hob die Harpune hoch über seinen Kopf und schleuderte sie auf den anderen. Aus dessen linker Hand fuhr ein Lichtstrahl, ließ das Eis zwischen den beiden aufzischen. Doch die Harpune traf ihn bevor er die Laserwaffe auf Tungutaq  richten konnte.

Die schwarze Gestalt wurde von der Wucht der Harpune hintenüber gerissen. Sie blieb regungslos liegen. Um den leblosen Körper  herum bildete sich ein kleiner Teich aus einer grünen schäumenden Flüssigkeit.

Tungutaq starrte einen Augenblick mit weit aufgerissenen Augen. Dann drehte er sich um und rannte, rannte, rannte. Erreichte sein provisorisches Lager. Keuchend, dem Zusammenbruch nahe, spannte er die Hunde vor den Schlitten und jagte los.
 

7  Schicksal eines Jägers

Tungutaq fiel nach seiner Rückkehr in ein hitziges Fieber; die Krankenschwester der Siedlung war hilflos. Tungutaqs  Söhne ließen den uralten Schamanen, den Angakok,  kommen. Der lauschte den Fieberfantasien des Kranken, schüttelte bedenklich den Kopf. Er eilte in seine Behausung,  rüstete sich mit allen verfügbaren Amuletten und seiner Trommel, und kehrte an das Krankenbett zurück. Zum Klang der Trommel beschwor er mit monotonem Gesang seine Toornat und seinen persönlichen Schutzgeist, seinen Toornarsuk, bat um Hilfe. Bald fiel er in Trance. Man ließ ihn mit dem Kranken allein. Als man nach Stunden leises Sprechen aus dem Krankenzimmer hörte und nachschaute, fand man Tungutaq aufgerichtet auf seinem Lager. Der Schamane saß neben ihm,  drehte sich nach den Eindringlingen um und wies sie mit herrischer Gebärde zurück: „Ich muss alleine mit eurem Vater sprechen!“

Der Schamane erklärte  Tungutaq: „ Du hast einen Geist getötet – er muss sich jetzt ein neues Leben suchen. Wenn es ihm gelingt .....  er wird dich mit Hass verfolgen. Nimm dich in acht! Ich weiß nicht in welcher Gestalt er sich dir nähern wird .... vielleicht nimmt er sogar seine alte Form an .... ja, schnitze eine Figur wie du ihn gesehen hast ... ein Bild seines Gegners zu besitzen gibt Macht .... Aber vielleicht wird der Geist auch eine ganz andere Gestalt annehmen ... vielleicht erscheint er als Tier? .... Und noch etwas: Sprich mit niemandem über Dein Abenteuer. Wenn du damit prahlst wird der Geist nur noch rachsüchtiger.“

Der bald wieder ganz genesene Tungutaq tat wie ihm empfohlen und schnitzte aus einem Walrosszahn eine kleine Figur des Geistes – er musste nur die Augen schließen, dann sah er die Gestalt wieder vor sich. Dass die Figur etwas Besonderes war sagte er nicht; die Söhne sahen darin einen Tupilak wie viele andere die ihr Vater schnitzte.

Nach ein paar Wochen fühlte er sich stark genug wieder im Kajak auf die Jagd zu gehen. Seine Beute – mehrere Ringelrobben binnen weniger Tage - konnte sich sehen lassen.

Eines Nachmittags, schon wollte er zum Dorf zurückfahren, bemerkte er auf einer Eisscholle ein Walross, einen kapitalen Bullen. Geschickt manövrierte er sein Kajak in Schussweite – der Bulle schien ihn nicht zu bemerken. Mit aller Kraft schleuderte Tungutaq die Harpune. Das Geschoss traf, tief drang die Spitze ein, der Bulle setzte sich in Bewegung, die Widerhaken hielten, die Harpunenleine kam steif, Tungutaq ließ nicht los, und mit einem gewaltigen Ruck an der Leine brach der Walrossbulle Tungutaq das Rückgrat.

Das Kajak mit dem toten Tungutaq wurde ans Ufer getrieben. Die Harpunenleine war endlich wohl doch gerissen.

8 Nachspiel

Tungutaq hinterließ drei erwachsene Kinder.

Sein erster Sohn schlug sich mehr schlecht als recht als Fischer durch; die viel zu kurz gewordene Zeit für das Eisfischen machte ihm zu schaffen bis er endlich ein gebrauchtes Boot mit starkem Außenbordmotor übernehmen  konnte. Wenige Wochen später ertrank er als ein Eisberg sich überraschend drehte und die Flutwelle sein Boot kentern ließ.

Die Tochter – das zweite Kind - ist in Upernavik verheiratet woher einst ihre Mutter gekommen war. Sie hat selbst drei Kinder von einem Mann der alkoholkrank ist. Wenn sie im Chor von Upernavik singt, trägt sie die von Mutter  Kikka geerbte wunderschöne bunte Festtracht.

 Der jüngere Sohn hat die Begabung seines Vaters für das Schnitzen geerbt. Geschickt fertigt er vielfältige Tupilaks, die ihm der Betreiber des „nördlichsten Souvenirladens der Welt“ gerne abkauft. Als er das Erbe seines Vaters sichtete, fiel ihm unter anderen Schnitzereien jene besondere Figur aus Walrosszahn in die Hände; von den Hintergründen ihrer Entstehung wusste er nichts. Er gab ihn an den „nördlichsten Souvenirladen der Welt“ zum Verkauf. Dort sah ihn ein Tourist aus Deutschland dessen  Expeditionsschiff auf Reede lag. Der kaufte die kleine Schnitzerei  als besonders originellen Tupilak und stellte ihn zu vielen anderen Kuriositäten aus aller Welt. Natürlich hatte er nicht die mindeste Ahnung um was es sich wirklich handelte; immerhin schien das Ding eine gewisse geheimnisvolle Faszination auf ihn auszuüben, denn er erfand eine Science Fiction –Geschichte dazu.


Anmerkung 1:
Die allgemeine Beschreibung in Abschnitt1 orientiert sich an der zeitnahen Seite http://www.wetterbild.de/wetterrevue/blitzlic/chrono.html

Anmerkung 2:
Der abgebildete, in Qaannaaq gekaufte Tupilak ist aus Rentiergeweih gefertigt.
 

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